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Erik Weckel, Meike Grams (Hrsg.): Schulverweigerung

Cover Erik Weckel, Meike Grams (Hrsg.): Schulverweigerung. Bildung, Arbeitskraft, Eigentum. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 326 Seiten. ISBN 978-3-7799-3465-3. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit Schulabsentismus als zentralen Gegenstand. Die Autor*innen betrachten Schulabsentismus aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Diese reichen von „Schulabsentismus als ein Symptom für die strukturelle Unfähigkeit unserer Gesellschaft, den Heranwachsenden eine human-emanzipative Grundlage ihrer Entwicklung und Sozialisation zur Verfügung zu stellen“ (S. 13) über die Analyse der unterschiedlichen Ursachen für Schulabsentismus, Aussagen was Schulsozialarbeit in diesen Bereich leisten müsste und kann bis zur Darstellung konkreter Projekte aus Niedersachsen für „schulmüde“ Kinder und Jugendliche.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Erik Weckel, Politikwissenschaftler, Pädagogischer Mitarbeiter der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (AEWB). Dort ist er zuständig für die Bereiche politische Bildung und Offene Hochschule Niedersachsen (OHN). Er hat langjährige Erfahrungen in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung und ist Lehrbeauftragte u.a. an der HAWK Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit zur Thematik „Schulabsentismus“ und „Geschichte, Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit“.
  • Meike Grams, Arzthelferin, Dipl.-Sozialpädagogin/ – arbeiterin, ist Schulsozialarbeiterin an der Geschwister-Scholl-Schule in Hildesheim. Sie ist aktiv in der GEW und im Arbeitskreis Schulsozialarbeit der Stadt und des Landkreises Hildesheim, Mitglied in der LAG Schulsozialarbeit Niedersachsen und lehrte an der Hochschule Hannover zum Thema Schulsozialarbeit.

Aufbau

Das Buch untergliedert sich in sieben Abschnitte. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im Vorwort stellt Armin Bernhard „Schulabsentismus“ in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und bezeichnet Schulabsentismus als „strukturell verankertes gesellschaftliches Problem“ (S. 13). Daran schließen sich die Ausführungen von Erik Weckel und Meike Grams als Herausgeberinnen an. Sie betonen, dass Schulverweigerung ein soziales Problem ist, stereotype Blicke auf schulverweigernde Kinder und Jugendliche nicht hilfreich sind und Schulverweigerung im Kontext des Menschenrechts auf Bildung bearbeitet werden muss.

Im zweiten Abschnitt stellt Michael Klundt die Entwicklung der Bildungsrechte näher dar. Florian Grams geht auf die geschichtliche Entwicklung von Schulverweigerung ein und beschreibt u.a., dass Schulverweigerung lange Zeit fast ausschließlich im Kontext der „sogenannten Verwahrlosung“ diskutiert wurde und sich im Umgang mit den schulverweigernden Kindern und Jugendlichen fast immer die sanktionierenden Ansätze durchsetzten. Er betont, dass es notwendig ist, dass auch die Ursachen von schulvermeidendem Verhalten auf den Ebenen der pädagogischen Prozesse, der Lehrinhalte und der Institutionen analysiert werden.

Unter der Überschrift „Was es hieß-dies zu sein“ – klärt Erik Weckel die verschiedenen Begriffe zur Schulverweigerung. Er schließt mit folgender Konkretisierung. „Zusammenfassend verstehen Meide Grams, Florian Grams und ich Schulverweigerung als einen gesellschaftlichen, widersprüchlichen und machtvollen Prozess der Interaktion zwischen Schule als Struktur in Person von Lehrenden oder Leitungen sowie der Schulverwaltung und den Schüler*innen mit ihren Lebensbedingungen, ihren Eltern oder Peers, Polizei, Justiz oder Anderen, der konfliktartig verläuft“ (S. 54).

Anschließend geht Erik Weckel auf vorhandene bzw. nicht vorhandene Daten zu Schulabsentismus ein, um dann im nächsten Abschnitt die Theorien zur Schulverweigerung näher darzustellen. Im abschließenden Beitrag des zweiten Abschnitts betont er die Wichtigkeit des sozialwissenschaftlichen Blicks auf den Zusammenhang von Bildung, Arbeitskraft und Eigentum als Perspektiven bei der Analyse von Schulverweigerung.

Der dritte Abschnitt bietet Einblicke in die Psychologie, Kriminologie, Kindeswohlgefährdung und in die gesellschaftlichen Folgen der Schulverweigerung.

  • Lorenz Huck geht unter Einbeziehung der von Klaus Holzkamp entwickelten Kritischen Psychologie anhand von Fallbeispielen auf die subjektiven Begründungsmuster von Kinder und Jugendlichen näher ein.
  • Es folgt die Darstellung des Forschungsstandes zu kriminologischen Aspekten der Schulverweigerung durch Dirk Baier. Barbara Gust klärt die Begriffe Kindeswohlgefährdung im Kontext von Schulverweigerung.
  • Erik Weckel schließt diesen Abschnitt mit der Frage nach den potentiellen Kosten angefangen von Klassenwiederholungen, Gesundheitskosten inklusive die Kosten für die Projekte zur Schulerfüllung. Er betont nochmals, dass Schulverweigerung u.a. auch eine Reaktion auf bestehende Konflikt- und Gewaltverhältnisse ist.

Der vierte Abschnitt zeigt subjektive Theorien, Beratungswege, soziometrische Möglichkeiten und Interventionsstrategien näher auf.

  • Imke Dunkake stellt den qualitativen Ansatz der Subjektiven Theorie in Verbindung mit der Methode der Struktur-Lege-Technik und deren Einsatz dar, um die Perspektiven der Betroffenen näher zu beleuchten. Ingrid Frank und Ulrike Oehme beschreiben aus der Perspektive einer Beratungseinrichtung die Chancen Eltern, Kinder und Jugendliche zu unterstützen „verengte Perspektiven aufzuweichen und erstarrte Beziehungszusammenhänge in Bewegungen zu bringen“ (S. 147). Die Methode der Bestimmung der soziometrischen Position im Klassenverband und ihr Ertrag zum Verständnis wird von Imke Dunkake näher dargestellt.
  • Ilka Hoffmann geht nach einer eher allgemeinen Annäherung auf schulorganisatorische und schulrechtliche Faktoren, die bei der Suche nach Problemlösungen mit zu beachten sind ein. Sie stellt präventive Maßnahmen gegen Schulabsentismus im Allgemeinen und auf der Ebene der einzelnen Schulen näher dar.
  • Thorsten Bührmann beschreibt abschließend Ansätze eines systemisch-konstruktivistischen Rahmen- und Handlungskonzeptes.

Der fünfte Abschnitt fokussiert die Institution Schule.

  • Peter Wachtel stellt die Schulpflicht aus der Perspektive des Landes Niedesachsen nochmals genauer dar.
  • Wolfgang Grams fragt in seinen Beitrag „Was macht die Schule, wenn sie verweigert wird?“ und bezieht dazu u.a. seine Erfahrungen als Leiter eines Zentrums für berufliche Schulen mit ein.
  • Daniela Rump geht u.a. auf die Notwendigkeit von Mitbestimmung in Schulen und am Unterrichtsgeschehen näher ein. Sie meint, dass Kinder- und Jugendliche zwar über demokratische Prozesse informiert werden, aber oft keine Möglichkeit haben diese zu erleben und/oder den Schulalltag und den Unterricht mitzugestalten und formuliert Thesen für einen besseren Umgang mit diesen Problemen.
  • Wolfgang Pabel greift die Thematik Schuldistanz, Schulverweigerung aus Elternsicht auf und betont, dass Schuldistanz immer noch ein Tabuthema ist.
  • Kerstin Dauer zeigt die Bedeutung des Themas Schulverweigerung in der zweiten Ausbildungsphase von Lehrer*innen auf. Sie stellt fest, dass alle Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst so gut wie keine Erfahrungen im Umgang mit Schulverweigerung haben und sehr selten über persönliche Berührungspunkte verfügen. Beispielhaft zeigt sie auf, wie unter der Thematik „Beratungssituationen des schulischen Alltags planen, gestalten, reflektieren“ Handlungsmöglichkeiten in diesem Bereich erprobt werden können.
  • Juliane Drabinski geht näher auf die Problematik der Schulverweigerung in der Grundschule – und deren möglichen Ursachen ein – ein und plädiert für „begleitete Übergänge“ sowohl von der Kita zur Grundschule als auch von der Grundschule an eine weiterführende Schule.
  • Meike Grams geht ausführlich auf die Möglichkeiten und Grenzen von Sozialer Arbeit in der Schule zum Thema der Schulverweigerung ein. Sie zeigt auf, dass Schulsozialarbeit an Grenzen bei der Bearbeitung des Problems stößt (Personalschlüssel, keine Verpflichtung zur Schaffung von Stellen, befristete Stellen etc.). Sie formuliert abschließend zentrale Merksätze aus der Perspektive von Schulsozialarbeit (S. 235ff).

Der sechste Abschnitt stellt verschiedene Projekte gegen Schulverweigerung vor.

  • Henning Grahlmann beschreibt das Präventionsprojekt des Kinderschutzbundes Göttingen gegen Schulunlust (Ziele, Ausgangslage, Umsetzung).
  • Jana Frikel stellt (PACE) Schulverweigerung im „Pro Aktiv Center“ genauer vor. Das Projekt agiert im Feld des Übergangssystems von der Schule in den Beruf und wurde vom Land Niedersachsen zur Förderung beeinträchtigter und sozialbenachteiligter junger Menschen installiert.
  • Daniela große Sextro beschreibt die Arbeitsweise der Koordinierungsstelle „Schulverweigerung – die 2. Chance“ in Braunschweig und plädiert aus ihrer Erfahrung heraus für die Schaffung einer Willkommenskultur in den Schulen.
  • Daniela Schilling und Stephanie Dettmer stellen das Projekt „SiJu – Schulpflichterfüllung in Jugendwerkstätten nach § 69 Abs. 4 NSchG“ genauer vor und betonen die Flexibilität des Projektes durch die neuen Lernorte (Schwerpunkt Praxis) und die mögliche individuelle Förderung.
  • Christian Wahl berichtet über das Projekt „Anstoß“ und die Schulpflichterfüllung in Betrieben, dass seit 2003 von der Stadt Hildesheim als Schulersatzleistungsprojekt gestartet wurde.

Im Abschlusskapitel fragen Erik Weckel und Meike Grams „zu welchen Ende..“ es gehen soll. Dazu fassen Sie nochmals die Hauptaussagen der einzelnen Autor*innen zusammen. Abschließend führen sie aus: „Prävention gegen Schulverweigerung ist im Zusammenhang mit einem neuen Konzept Schule zu denken und zu bearbeiten. Niedersachsen hat 2016 beschlossen, dass die Grundschulen entscheiden können, Noten erst in der vierten Klasse zu erteilen. Das Wahlrecht ist ein Weg in die richtige Richtung. Wer sich mit Schulverweigerung beschäftigt, hat das Konzept von Schule mitzudenken. In der Literatur zur Schulverweigerung finden diese Aspekte geringe bis gar keine Berücksichtigung. Die Schule ist neu zu denken (vgl. Hentig 1993)“ (S. 295).

Zielgruppen

Dieses Buch ist für alle Sozialarbeiter*innen / Sozialpädagog*innen und Lehrer*innen sehr interessant, die mit Kinder und Jugendlichen arbeiten – egal in welchem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit – zu tun haben, um sich genauer mit dem Phänomen Schulabsentismus, Schulmüdigkeit vertraut zu machen.

Fazit

Das Buch wird seinen Anspruch über Schulverweigerung näher zu informieren sehr gut gerecht. Die Spannbreite der Beiträge ist groß, da diese von einer grundsätzlichen Kritik z.B. der „strukturellen Unfähigkeit unserer Gesellschaft den Heranwachsenden einer human-emanzipative Grundlage ihrer Entwicklung und Sozialisation zur Verfügung zu stellen“ (S. 13) bis zur Darstellung einzelner Projekte zur Schulpflichterfüllung bzw. zu Beratungsangeboten sowohl für Eltern als auch für Kinder und Jugendlichen reichen. Als hinderlich erweist sich, dass die Beiträge der verschiedenen Autor*innen wenig aufeinander abgestimmt wurden d.h. in vielen Beiträgen wiederholen sich die Aufzählungen von Ursachen zum Schulabsentismus etc. Hier wäre eine redaktionelle Überarbeitung und Straffung sehr sinnvoll gewesen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christa Paulini
HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Christa Paulini. Rezension vom 27.02.2019 zu: Erik Weckel, Meike Grams (Hrsg.): Schulverweigerung. Bildung, Arbeitskraft, Eigentum. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3465-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24360.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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