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Hans-Ulrich Grunder (Hrsg.): Strafe und Disziplin in Familie und Schule

Cover Hans-Ulrich Grunder (Hrsg.): Strafe und Disziplin in Familie und Schule. Theoretische Hintergründe, bildungshistorische Perspektiven, aktuelle Sachverhalte : fünfundzwanzig Recherchen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 217 Seiten. ISBN 978-3-8340-1772-7. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

„Wenn schon der Mensch, eh er was wird, zuweilen strauchelt oder irrt…“ Mit dieser Wilhelm Busch’schen Voraussicht in seiner Bildergeschichte „Der heilige Antonius von Padua“ (1864/1870) wird auf die pädagogische Erkenntnis verwiesen, dass Bildung und Erziehung des Menschen grundlegende, aufgegebene und notwendige Voraussetzungen für ein humanes Menschsein sind. Diese Anforderung ist freilich im Diskurs über Educator und Edukandus immer wieder neu und kontrovers gedacht, geordnet und festgelegt worden.

In der Geschichte der Pädagogik ziehen sich die Auffassungen über Erziehung von der antiken „paideia“ als Formung der zukünftigen Bürger eines Staates, über hierarchisch- und autoritärbehaftete Vorstellungen (Bueb, u.a.), bis hin zum emanzipatorischen, demokratisch-freiheitlichen Bewusstsein und den Forderungen, Anpassung und Widerstand als notwendige und selbstbewusste Eigenschaften lernend und bildend zu erwerben. Einstellungen, Verhaltensweisen, Mentalitäten und Modalitäten entstehen durch kulturelle Implikationen und Transformationen. Die daraus sich entwickelnden Bewusstseins- und Erfahrungsprägungen orientieren sich an den historisch und aktuell bildenden und sich verändernden, gesellschaftlichen Werte- und Normenvorgaben. In der pädagogischen Individual-, Gesellschafts- und Kulturkritik wird darauf hingewiesen, dass der moderne Mensch in seinen Jetzt-, Sofort- und Alles-Machbarkeitsempfindungen zu vergessen droht, dass der anthrôpos ein mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes, zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähiges, verantwortungsbewusstes Natur- und Kulturwesen ist.

In der Dialektik zwischen Naturverbundenheit und Gestaltungsmacht zeigt sich schließlich auch, wie Erziehungsauffassungen, -einstellungen und -verhaltensweisen im ethno- und transkulturellen Denken entstehen und praktiziert werden (Ahmet Toprak, „Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen“ Elterliche Gewaltanwendung in türkischen Migrantenfamilien und Konsequenzen für die Elternarbeit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1624.php). Die Auseinandersetzung mit pädagogischen Strafen braucht also zum einen ein Werte- und Normenbewusstsein, das bestimmt ist von den Veränderungsprozessen im menschlichen Dasein, und es benötigt die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel (Sophia Richter, Pädagogische Strafen. Verhandlungen und Transformationen, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24155.php).

Herausgeber

Disziplin ist Grundlage für erfolgreichen Unterricht, nicht dessen Ziel oder Selbstzweck! Diese unumstrittene Erkenntnis ist selbstverständlich – und wird doch oft missverstanden! Es ist deshalb immer wieder notwendig, sich im pädagogischen, didaktischen und methodischen Diskurs mit den individuellen und kollektiven Einstellungen, den überkommenen und sich neu entwickelnden Aspekten zur Bildung und Erziehung auseinanderzusetzen. Der Erziehungswissenschaftler und Direktor des Instituts für Bildungswissenschaften an der Universität Basel, Hans-Ulrich Grunder, stellt sich dieser pädagogischen Aufgabe, indem er die Begriffe „Disziplin“ und „Strafe“ auf den disziplinären und interdisziplinären Prüfstand stellt, ein Defilee der erziehungswissenschaftlichen Zugänge und Diskurse an der Universität Basel vollzieht, Studierende des Studiengangs Master of Arts in Educational Sciences zu Wort kommen lässt und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auffordert, Position zu beziehen. Es sind 25 Theorie- und Praxisberichte von 42 Autorinnen und Autoren, die damit gewissermaßen eine Bestandsaufnahme der Lehre und Forschung zum theoretischen und praktischen Themenkomplex „Strafe“ und „Disziplin“ aus familialer und schulischer Sicht vorlegen.

Aufbau und Inhalte

Die Berichte werden neben dem Vorwort des Herausgebers in acht Kapitel gegliedert:

  1. Systematische Aspekte
  2. Historischer Aufschluss
  3. Die Strafe im Erziehungsratgeber
  4. Disziplin und Strafe im Spiegel der Medien
  5. Disziplinierung und Strafe im Bild
  6. Disziplinierung und Strafpraxen heute
  7. Rechtliche Situation, Prävention
  8. Strafpraxen erforschen.

Die Ausarbeitung der historischen Entwicklungen vom anthropologischen Beginn des Ordnungs- und Regelbewusstseins beim menschlichen Zusammenleben wird in der pädagogischen Literatur in vielfältiger Weise vollzogen. Es ist deshalb richtig, dass sich die Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen auf die Prozesse konzentrieren, wie sie in den vergangenen sechs Jahrzehnten in der Schweiz und darüber hinaus als öffentliche und lehrerprofessionsbezogene Diskussion stattfanden und bis heute als relevant darstellen.

Die Studierenden Helena Follmer Zellmeyer, Florence Itin und Annika Schubert zeigen mit ihrem Beitrag „Wenn Schule zur Disziplinaranstalt wird“ Fälle auf, wie sie sich in Zürich und Basel um 1900 ereigneten. Sie verweisen damit auf den gesellschaftlichen Anspruch, Schule in den Dienst der staatlichen Strafrechtspflege zu stellen: „Die Schulbehörde bestraft das fehlbare Kind mit Verweis oder mit Schularrest“.

Selin Oeksuez und Beatrice Patscharapon Blättler entdecken „Alice Miller als eine Hauptfigur der ‚antipädagogischen‘ Strömung“, indem sie deren Ideen und Programmatiken zum respektvollen und toleranten Umgang zwischen Erziehungsberechtigten und zu Erziehenden verdeutlichen und an zwei Fallbeispielen – Adolf Hitler und Daniel Paul Schreber – die verheerenden Folgen der „Schwarzen Pädagogik“ aufzeigen.

Maria Stikhina setzt sich mit dem Beitrag „Die veränderte Wahrnehmung des Begriffs ‚Normalität‘ im Kontext von Schulstrafen in den letzten sechzig Jahren in der Schweiz“ mit der Situation auseinander, dass die vorfindbaren Veränderungen, wie sie sich bei der Betrachtung, Handhabung und Bewertung von „normalen“ Situationen über die Jahrzehnte hinweg vollziehen, zwar in der Form von Strafen, jedoch nicht in der Intention und Funktion unterscheiden. Diese These ummauert die Autorin anhand von drei narrativen Interviews, in denen die Veränderungsprozesse in den Zeiträumen zwischen 1953 und 1964, zwischen 1969 – 1972 und zwischen 2004 und 2013 deutlich werden.

Ulrich Grunder diskutiert „Enkulturation durch Disziplinierung“, indem er die Erziehungsauffassungen beim Fall „Kaspar Hauser“ thematisiert, die Auswirkungen von Anpassung und Widerstand konterkariert und die moralisierenden Tugend- und Normendiktate hinterfragt. Er kommt zu der interessanten Feststellung, „dass das rigorose Programm der Tugenden heute oft nach wie vor wirksam ist… Es geht nicht mehr um das Beherrschen, sondern um das Leiten, nicht mehr um brutale Härte, sondern um die psychologisch verfeinerte Kunst der Disziplinierung“.

Die Erziehungswissenschaftlerin Simone Herzog nimmt sich das traditionelle Bild und die veränderten Rollenbilder zur „‚bösen‘ Stiefmutter“ vor. Sie analysiert die tradierte, traditional(istische) und klischeehafte Entstehungsgeschichte, wie sie in Märchen zum Ausdruck kommt und verweist auf die veränderten Einstellungen bei den nachfamilialen Prozessen. „Für Stiefmütter kann es … wichtig sein, die mütterliche und die Frauen- und die Mutterrolle auseinanderzuhalten“.

Das erste Kapitel schließt Hans-Ulrich Grunder mit dem Essai „Disziplin im Schulzimmer gestern und heute“ ab. Er betrachtet dabei die unterschiedlichen theoretischen und praktischen Anforderungen und Auffassungen in der „alten“ (vor 1968) und der „neuen“ Schule (nach 1980). Er differenziert die didaktischen Maßnahmen und Methoden der Unterrichtsführung in „traditionelle“ und „liberale“. Er verweist darauf, dass das eher überichgeschädigte, ödipal- und autoritätsfixierte Bewusstsein der früheren Jahrzehnte heute eher narzisstischen Einstellungen gewichen ist und die identitätsbewussten Erkenntnisse schmälern, etwas falsch gemacht zu haben.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter und Promovend Daniel Deplazes informiert mit dem Beitrag „Strafen in der Schule“ über drei Fälle von körperlicher Züchtigung in Bündner Schulen um 1900. Er nimmt die im ausgehenden 19. Jahrhundert angeordnete und ausgeübte Praxis, dass Lehrer bei missliebigem Verhalten von Schülern und Praktikanten Körperstrafen ausüben durften (und sollten) zum Anlass, um die körperliche Züchtigung als „normale“ Reaktion auf Verhaltens- und Unterrichtsstörungen auszuweisen und schulaufsichtliches Eingreifen gegen allzu „aktive Schläger“ im Schulalltag eher vordergründig als Maßnahmen gegen unliebige und unbequeme Lehrkräfte zu verwenden.

Aline Tolusso und Isabel Luginbühl analysieren Aspekte von „Strafen in der ‚Schwarzen Pädagogik‘“. Am Beispiel der Bild- und Reimgeschichten von „Struwwelpeter“ zeigen die Autorinnen die ursprüngliche Bedeutung der Geschichten als Warnsignale, gleichzeitig aber auch als Faszinosum von Wunschvorstellungen, etwas Unartiges und Verbotenes zu tun und „aus der Reihe zu tanzen“. Im aktuellen pädagogischen Diskurs gelten die Struwwelpeter-Geschichten zum einen als „Anti-Bilder“ von vergangenen und überholten Erziehungsauffassungen; zum anderen als unterhaltsame, unrealistische und nicht bedrohliche Erzählungen: „Das Kinderbuch Struwwelpeter ist zum Symbol für die Pädagogik einer vergangenen Zeit geworden“.

Urs Isenring, Ursula Gassmann und Andrea Häfliger informieren über „Schulausschluss zwischen 1900 und 1930 im Kanton Luzern“. Mit vier Fallbeispielen zeigt das Autorenteam unterschiedliche Anlässe und Gründe auf, die im genannten Zeitraum zum Schulausschluss geführt haben: Unsittlichkeit – träges, ungehorsames und unsittliches Verhalten – Tragen von Schusswaffen – Schulrenitenz, und die Überweisung in „Beobachtungsstationen“ und „Erziehungsanstalten“.

Sally Schütze nimmt mit dem Beitrag „Strafen in Erziehungsanstalten“ die vorher genannten Konsequenzen bei Schulausschlüssen auf, indem sie über einige Maßnahmen und Organisationsstrukturen aus dem „Knaben Institut Marini“ im Freiburg aus den Jahren von 1887 bis 1979 berichtet: „Es gilt, dass in ‚totalen Institutionen‘ das Befolgen von Regeln belohnt und der Verstoß gegen Regeln sanktioniert wird“.

Jan Weiper unternimmt ein Quellenstudium, indem er über „Carl Albert Loosli und seine Berichte zu Strafen in Erziehungsanstalten“ informiert. Der Anstaltskritiker und Verfechter von Kinderrechten (1877 – 1959) hat mit seiner Veröffentlichung „Anstaltsleben“ (1924 / 2006) das öffentliche Bewusstsein über die Erziehungsmaßnahmen in den Erziehungsanstalten geweckt: „Seine Schriften gaben jenen eine Stimme, die keine Stimme hatten“.

Jonas Borer und Isabelle Krummenacher setzen sich mit der Frage „Wie sagt man Nein zu Gott?“ mit Strafen und sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen in kirchlich geführten Kinderheimen auseinander. Als Grundlage dient ihnen die Studie der Pastoraltheologin Stephanie Klein, in der sie die „missbrauchten Heimkinder selbst zur Sprache kommen lässt“. Das Autorenteam wählt dabei die Aspekte aus, wie sie sich in der Beschreibung des Elternhauses, des Alltagslebens, der (geforderten) Religiosität und der Sexualerziehung in der (katholischen) Heimerziehung darstell(t)en. Es sind die verschiedenen Strafformen, die in der Analyse und Aufarbeitung als bedeutsam, identitätsstörend und -verhindernd bewusst gemacht werden müssen: Alltägliche Strafen, Strafen für Bettnässen, Einsperren, „Wasserstrafen“, Widerstand und Strafen als Ritual.

Nina Uebelhart und Yanick Forcella beginnen das dritte Kapitel mit dem Thema „Strafe im Erziehungsratgeber“. Sie setzen sich auseinander mit der Biographie und den Arbeiten der Lungenfachärztin und Ratgeberautorin Johanna Harrer (1900 – 1988), die insbesondere im Nationalsozialismus ihre nationalistischen und rassistischen Einstellungen unters Volk brachte und aufforderte, „der deutschen Rasse Kinder zu schenken“. Harrers Erziehungsratgeber wurden bis Ende der 1980er Jahre immer wieder neu aufgelegt, und sie sind im Bewusstsein von nicht wenigen Menschen bis heute präsent. Das Autorenteam führt diese erstaunliche Wirkung auf mehrere Faktoren zurück: Der Status der Autorin als Ärztin – ihre einfachen, allgemein verständlichen und ‚logischen‘ Anweisungen – ihr suggestives Wir-Bewusstsein – ihre verdeckte und versteckte Destruktivität – die „bereinigte“, nationalsozialistische Fassung danach.

Leticia Venâncio und Sarah Scheuzger informieren über „Erziehungstipps zu Disziplin und Strafe in Internet-Elternratgebern“. Es wird ein überwiegend positives Bild des Kindes vermittelt; den Erziehungsberechtigten wird empfohlen, sich den Kindern zärtlich, verständnisvoll und ermutigend zu nähern; gleichzeitig wird vor zu viel Zärtlichkeit und Nachgiebigkeit gewarnt. Als Reaktionen auf Fehlverhalten von Kindern werden „logische Konsequenzen“ anempfohlen.

Die Erziehungswissenschaftlerin Marion Zinniker nimmt mit ihrem Beitrag „Tiger Mom – oder: ‚Die Mutter des Erfolgs‘ und die Strafe“ den Bestseller der chinesisch-stämmigen Mutter, Autorin und Wissenschaftlerin Amy Chua zum Anlass und fragt, warum das Buch (1994 / 2012) weltweit so viel mediale Aufmerksamkeit fand. Mit der Kritik am westlichen, freien Erziehungsstil und der Hervorhebung von streng getakteten, überwachten und auf ökomimischem Erfolg ausgerichteten Erziehungs- und Bildungszielen werden Selbstfindungs- und selbstidentitätsstiftende Entwicklungen der Kinder negiert und autoritäres und Gehorsamsdenken gefördert. Marion Zinniker zieht dafür wissenschaftliche und kritische Antworten auf „Tiger Mom“ heran.

Nicole Helfenstein, Dominique Sigrist und Sonja Zuberbühler beginnen den vierten Teil des Sammelbandes mit der Sichtung der medialen, exemplarischen Berichterstattung: „Strafe und Disziplin im Schweizer Schulkonzept“. Sie untersuchen „wie oft zwischen 2002 und 2016 und in welchem Zusammenhang …in der Aargauer Zeitung über das Thema Disziplin und Strafe im schulischen Kontext berichtet wird“. Dabei stellen sie fest, dass der überwiegende Teil der Print-Berichterstattung zu den Themenbereichen dem gesellschaftspolitischen Diskurs zugeordnet werden können: „Die Meinungen … präsentieren sich differenziert. Sie basieren auf subjektiven Standpunkten“, und sie lassen sich in den wenigsten Fällen theoretisch begründen.

Cornelia Schiegg und Larissa Reber analysieren die Berichterstattung über „Strafe und Disziplin in der Neuen Zürcher Zeitung“. Sie betrachten die Zeitungsberichte über Schule, Schuldisziplin und Schulstrafen im Zeitraum von 1939 bis 1945. Das Frageinteresse: „Hat in den Augen der Öffentlichkeit die Disziplin in der Schule unter den kriegsbedingten Umständen gelitten?“. Die öffentlichen Erwartungshaltungen, „die Lehrer müssten sich der Erziehungsforderung einer ‚Erziehung zur Härte‘“ bewusst sein, um eine „Verweichlichung der Jugend zu verhindern“, zielte nicht auf Kasernen- und militärischen Drill, sondern auf eine Erziehung zur „sittliche(n) Kraft“.

Sarah-Mee Filep, Simone Moser und Lea Klüwer thematisieren „Disziplin- und Strafdiskurse in der Schweiz“ anhand der Ausführungen im Ratgeber-Magazin für Eltern und Lehrkräfte „Fritz + Fränzi“. Die monatlichen Hefte werden seit 2001 von der gemeinnützigen Stiftung „Elternsein“ in einer Auflage von 105.000 Exemplaren herausgegeben. Die Recherche zeigt, dass die Auseinandersetzung mit disziplin- und strafrelevanten Themen in der Zeitschrift nicht dominant ist: „Es zeigt sich jedoch ein breiter Konsens darüber, Kindern und Jugendlichen Grenzen zu setzen… und dass auf einen Grenzübertritt ‚Konsequenzen‘ als eine Form der Bestrafung folgen müssen“.

Zum Thema „Disziplinierung und Strafe im Bild“ steuern Simone Zemp und Nadine Gautschi ihre Untersuchung „Schulstrafen im Bild – von der Antike bis ins 21. Jahrhundert“ bei. Es sind Darstellungen wie „Schlagen mit der Hand, der Rute, dem Stock oder dem Kochlöffel, Bewerfen mit Gegenständen, an den Haaren und / oder den Ohren ziehen, Verabreichen von ‚Tatzen‘, Anketten und Knien auf einem Holzscheit oder auf Erbsen, sowie das Tragen eines Eselhuts und der Schandtafel“, und viele weitere körperliche Züchtigungen und verbale Demütigungen. Sie zielen alle auf eine erzieherische und abschreckende Wirkung, und sie fordern Folgsamkeit, An- und Einpassung in die vorgegebenen, gesellschaftlichen und sittlichen Normen.

Im sechsten Kapitel werden Disziplinierungs- und Strafpraxen heute thematisiert. Elisa Sidler und Fulvio Santimaria bringen dazu ihre Studie „Strafe – Lehrer – heute“ ein. Sie stützen sich dabei auf das Merkblatt der Bildungsdirektion des Kantons Zürich „Disziplinarmaßnahmen und Elternpflichten“ und auf die im Schweizer Bildungswesen gültigen Schulgesetze und Lehrpläne. Das Autorenteam legte acht Lehrkräften aus der Primar- und Sekundarstufe einen schriftlichen Fragebogen vor. Die unterschiedlichen Antworten ergeben, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer bewusst sind, dass Disziplinarmaßnahmen pädagogisch und ethisch begründet sein sollten und „der Ruf nach Disziplin in Unterricht und Schule eher einer Einladung gleichen möge“.

Suman Maheswaran und Oliver Fischer untersuchen das „Strafverhalten von Erziehungsberechtigten in der Schweiz 1990 und 2004“. Sie analysieren die Ergebnisse von zwei wissenschaftlichen Studien: Repräsentativstudie zum Bestrafungsverhalten von Erziehungsberechtigten in der Schweiz, von Perrez, M. / Ewert, U. / Moggi, F. (1991), und die vergleichende Analyse des Bestrafungsverhaltens von Erziehungsberechtigten 1990 und 2004, von Perrez, M. und Schöbi, D. (2004). Die These des Autorenteams: „2004 haben Erziehungsberechtigte weniger oft die Körperstrafe angewandt als 1990. Die Zahl der psychischen Strafen ist gestiegen“, wird bestätigt.

Sejla Habota und Christopher Keller informieren mit ihrem Beitrag „Psychische Gesundheit der Basler Jugendlichen“ über die Ergebnisse der vom Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt und dem Kinder- und Jugendgesundheitsdienst in den Jahren 2005/06, 2007/08, 2008 – 2012, 2013/14 und 2006 – 2014.

Silvan Flückinger und Klara Somorjai setzen sich mit dem traditionellen St. Nikolaus – Einkehrbrauch auseinander und stellen „St. Nikolaus und seine düsteren Begleiter“ vor. Sie schauen in Sachbüchern, Gedichtbänden, in Holzschnitten, Skulpturen und im Internet nach, wie das Tandem Nikolaus und Knecht Ruprecht sich ergänzt in Loben und Strafen, in Ermutigen und Drohungen.

Im siebten Kapitel werden die rechtlichen Situationen und Präventionsmaßnahmen thematisiert. Muhamet Ilazi und Peter Kaufmann diskutieren mit der Tugendforderung „Du sollst nicht spucken“ Schulstrafen aus juristischer Sicht. Anhand einer Verfehlung eines Schülers beim Sportunterricht erhält der eine Schulstrafe, die der als „Behördenschreck“ allseits bekannte und verrufene Vater nicht anerkennt. Das Ahnden des unangemessenen Verhaltens des Schülers durch den Lehrer erfordert die Sichtung und Kenntnis der Rechtsquellen und der Reflexion über die entsprechenden pädagogischen Maßnahmen.

Den Sammelband schließt Hans-Ulrich Grunder mit einem „Vorschlag zur Erforschung eines Tabuthemas“ ab. Mit der Frage, wie das Thema „Disziplin und Strafe in der Schule“ erziehungswissenschaftlich-empirisch behandelt werden kann, verweist er auf ausgewählte empirische Forschungsergebnisse der letzten vierzig Jahre. Unter Bezugnahme auf die Foucaultsche „Internalisierung von Disziplinaranforderungen“ entwickelt er einen Forschungsplan, formuliert Ziele, bildet Hypothesen und stellt ein Forschungsdesign vor, in denen die historischen, mentalitäts- und zeitgeschichtlichen, ethisch-moralischen und pädagogischen Aspekte ihre Berücksichtigung finden.

Fazit

Die aus der Basler erziehungswissenschaftlichen Werkstatt entstandenen Analysen, Adaptionen, Adoptionen, Affektivitäten, Agenzien, Akkomotationen, Akkulturationen, Ambiguitäten, Anarchismen und Antinomien über Disziplin und Strafe in Familie und Schule stellen nicht nur für den Schweizer pädagogischen Diskurs Fundgrube und Zeigefinger dar, sondern sind auch für die grenzüberschreitende, ethisch-moralische und menschenwürdige, wissenschaftliche Auseinandersetzung bedeutsam.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.05.2018 zu: Hans-Ulrich Grunder (Hrsg.): Strafe und Disziplin in Familie und Schule. Theoretische Hintergründe, bildungshistorische Perspektiven, aktuelle Sachverhalte : fünfundzwanzig Recherchen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1772-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24362.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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