socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinrich Ricking, Imke Dunkake: Wenn Schüler die Schule schwänzen oder meiden

Cover Heinrich Ricking, Imke Dunkake: Wenn Schüler die Schule schwänzen oder meiden. Förderziele Anwesenheit und Lernen-Wollen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-8340-1761-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Reihe: Grundlagen der Schulpädagogik - Band 69.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Reihe Grundlagen der Schulpädagogik wird herausgegeben von Astrid Kaiser und Rainer Winkel und erscheint seit 1998 mit dem Ziel, neues Denken und Handeln zu benennen, aber auch aus alten Fundamenten stabile Grundlagen für eine neue Schularchitektur zu schaffen. Dabei soll Schule nicht nur generell neu gedacht werden, sondern konkret für die beteiligten Personen, die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler, die Eltern und die Schulaufsicht sollen neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten entworfen werden.

Im vorliegenden Band von Heinrich Ricking und Imke Dunkake geht es um die Problematik des unregelmäßigen Schulbesuchs. Im Untertitel „Förderziele Anwesenheit und Lernen-wollen“ wird die Beschreibung der Problematik also ergänzt durch das Einführen daraus abgeleiteter Förderziele.

Aufbau

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert.

  • Nach der Einführung beginnt in Kapitel 2 eine Präzisierung der Begriffe.
  • Formen und Motive des Fernbleibens, Lebensräume und Risiken werden in Kapitel 3 untergliedert in familiale Faktoren, den Einfluss der Peers, schulische Bedingungen, schultheoretische Aspekte und Passung als Leitziel.
  • Dem schließt sich in Kapitel 4 eine Darstellung empirischer Analysen an.
  • Im Kapitel 5 werden gute Bedingungen für hohe Anwesenheit und Partizipation in der Schule beschrieben. Das 6. Kapitel widmet sich schulischen Handlungskonzepten bei Schulversäumnissen.
  • Es schließen sich in Kapitel 7 kooperative Interventionen sowie in Kapitel 8 Prävention von schulischem Dropout an, wobei ein Präventionsprogramm für Jugendliche den Schwerpunkt bildet.
  • In Kapitel 9 ziehen die Verfasser ein Fazit.
  • Dem schließen sich ein Literaturverzeichnis sowie das Abbildungs- und Tabellenverzeichnis an.

Inhalt

Auf Seite 6 formulieren Ricking und Dunkake auf der Basis der Auswertung der Klassifikationen Schulschwänzen und Schulvermeidung folgende Definition: „Schulabsentismus umfasst diverse Verhaltensmuster illegitimer Schulversäumnisse multikausaler und langfristiger Genese mit Einflussfaktoren in der Familie, der Schule, der Peers, des Milieus und des Individuums, die einhergehen mit weiteren emotionalen und sozialen Entwicklungsrisiken, geringer Bildungspartizipation sowie einer erschwerten beruflichen und gesellschaftlichen Integration und die einer interdisziplinären Prävention und Intervention bedürfen.“(S. 6)

Ricking/Dunkake haben Begriffe aus 214 einschlägigen deutsch- oder englischsprachigen Veröffentlichungen zum Bereich Schulversäumnis ausgewertet, der Begriff Schulschwänzen bzw. die englischen Äquivalente dazu treten am häufigsten auf, gefolgt von Schulphobie und Schulabsentismus. Die sich offenbarende Vielfalt der Begriffe in unterschiedlichen Disziplinen erschwert eine eindeutige Zuordnung von Verhaltensbild und Terminus. In Kapitel 2.3 wird auf elternbedingte Schulversäumnisse durch Zurückhalten eingegangen, die in der Literatur zwar marginalisiert sind, denen die Verfasser aber eine größere Bedeutung zumessen. Beim Schulschwänzen (Kapitel 2.4) entstehen in der ersten Phase durch andauernde negative Erfahrungen Abwehrhandlungen gegenüber schulischem Handeln. Bei der angstbedingten Schulmeidung treten starke Angstgefühle bis hin zu panikartigem Koller auf. Gründe können sowohl im schulischen Bereich liegen, z.B. Angst vor Mobbing (bullying) oder auch leistungsbezogene Ursachen haben. Im Bereich der nicht schulisch verursachten Ängste steht die Trennungsangst im Mittelpunkt des fachlichen Diskurses. Mit der Tabelle S. 16 wird die Abgrenzung von Schulangst und Schulphobie veranschaulicht.

Kapitel 3 zeigt Ergebnisse der Studien zu Lebensräumen und Risiken und beginnt mit den familialen Faktoren und ihrer Bedeutung für den Schulabsentismus. Als strukturale familiale Risikofaktoren gelten z.B. ein

  • niedriger sozioökonomischer Status,
  • die Trennung der Eltern,
  • wohnen im einem deprivierten Wohnviertel
  • aber auch Migrationshintergrund.

Sowohl zu niedrigem sozioökonomischer Status als auch zu wohnen im einem deprivierten Wohnviertel ist die Forschungslage, auf die sich die Autoren beziehen, eindeutig. Umstrittener ist der Aspekt Migrationshintergrund, dieser Faktor relativiert sich gar bis hin zur Umkehr, wenn nach der Schulform kontrolliert wird (dabei gibt es die geringste Schwänzerquote in der Hauptschule). Der Einfluss der Peers ist durch Forschungsergebnisse gut abgebildet. Die schulischen Bedingungen zeigen sich nicht nur in systembedingten Aspekten sondern auch in der programmatischen Ausgestaltung einer jeden Schule, also dem spür- und erlebbaren Schulklima.

Diese Aspekte werden in Kapitel 3.4 (Schultheoretische Aspekte) vertieft und ausgeführt. Unter Bezugnahme auf z.B. John Dewey oder Hartmut von Hentig wird ein schultheoretischer Ansatz gezeigt, der Umgang mit Heterogenität und individuelle Förderbedürfnisse vereint zu einem Lebensort für Kinder und Jugendliche, an dem sie sich gerne aufhalten, Willkommen sein spüren und Förderung erfahren. Dazu sollte Schule ein Arbeitsort verschiedener Disziplinen sein, „die die Ganzheitlichkeit der der Förderung repräsentiert und auf die Lernbedürfnisse (z.B. Lehrkraft), die psychosozialen Bedarfe (z.B. Sozialarbeiter, Therapeut) und die Erfordernisse der körperlichen Gesundheit(-spflege) (z.B. Krankenschwester) einzugehen vermag.“ (S. 30).

Dies führt für die Autoren im Kapitel 3.5 hin zu Passung als Leitziel, das darin besteht, relevante Lerngegenstände didaktisch und methodisch so zuzuschneiden, dass sie möglichst von jedem einzelnen Lerner verarbeitet werden können. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren darauf, dass Fernbleiben vom Unterricht aus Sicht des Schülers auch als Form der Problemlösung zu verstehen ist, analog dem ‚aus dem Felde gehen‘ in der Jugendarbeit. Die umfänglichen möglichen Reaktionen des selbstregulatorischen Charakters jugendlichen Entwicklungsverhaltens werden auf S. 34 mit Schaubild und auf S. 35 in synoptischer Darstellung ausführlich erläutert. Im Schaubild unter dem Ausgangspunkt der „Disaffektion“ werden sowohl die von Schülern entwickelten Strategien, die entweder der Behebung, der Verhinderung oder der Vermeidung der negativen emotionalen Befindlichkeit dienen, dargestellt, bei der Synopse mit dem vier Kategorien des Reaction-Pattern-Research geht es um Annehmen/Aushalten, Beheben/Verändern, Verhindern und Vermeiden..

Im Kapitel 4 folgen ab S. 38 empirische Analysen über Prävalenz, Verteilung und Bedingungen von Absentismusformen, die sich mit ausführlichem Datenmaterial bis auf S. 98 erstrecken und einen Großteil des Buches einnehmen. Dieser ausführliche empirische Teil bildet somit einen deutlichen Schwerpunkt im vorliegenden Band, ist aber aufgrund der Fülle und Differenziertheit der dargestellten Erhebungen und Auswertungen hier nicht detailliert abzuhandeln. Er löst aber die Diskussion aus dem Nebel der „Meinung“ über Schulversäumnis heraus und fundiert die folgenden und weiteren Überlegungen in Kapitel 5 und 6.

Das Kapitel 5 ist überschrieben mit „Gute Bedingungen für hohe Anwesenheit und Partizipation in der Schule“. In den jeweiligen Absätzen werden diese Bedingungen einzeln präzisiert unter den Aspekten

  • Inklusive schulische Strukturen schaffen
  • Die Notwendigkeit des präventiven Handelns
  • Monitoring: Fehlzeiten wahrnehmen, registrieren und handeln
  • Unterstützendes Lehrerverhalten
  • Sicherheit in Klasse und Schule
  • Unterricht: Versagen verhindern/Lernen fördern
  • Kooperation mit Eltern

Auf S. 119 schließt sich das 6. Kapitel an: Schulische Handlungskonzepte bei Schulversäumnissen. Hier können Schulen acht Prinzipien für erfolgreiche Handlungskonzepte in präzisierender Form zur Überprüfung und Verbesserung der eigenen Handlungsprinzipien als Leitfaden nutzen. Der allgemeine Blick wird bundesrepublikanisch geweitet auf den Ansatz in Hamburg und Osnabrück, es folgen US-amerikanische Ansätze und das britische Konzept, die jeweils vorgestellt werden.

In Kapitel 7 runden Kooperative Interventionen mit Jugendhilfe, Therapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die alternative Beschulung für entkoppelte Schüler die Erörterungen ab.

Das letzte und achte Kapitel stellt ein schulbasiertes Präventionsprogramm für Jugendliche zur Prävention von schulischem Dropout (Hagen und Vierbuchen) vor, das ausführlich beschrieben wird.

Diskussion und Fazit

Überraschenderweise ist das Fazit nach 172 Seiten voller Daten, Auswertung und Studien auf knapp zwei Seiten zusammengefasst in sechs wesentlichen Punkten und dem Hinweis darauf, dass die Qualität der Erziehungs- und Bildungsarbeit an Schulen für die Lebenschancen von Heranwachsenden von entscheidender Bedeutung ist. „Schule sollten den Schülern ermöglichen, jene Selbst- und Sozial- und Fachkompetenz auszubilden, die sie für ein möglichst selbstbestimmtes Leben sowie eine aktive und partizipierende Daseinsentfaltung benötigen“ (S. 174)

Der vorliegende Band zeichnet sich durch eine fundierte datengestützte Analyse von Schulabsentismus aus, von der ausgehend zielgerichtete Interventionen und Handlungskonzepte zu dieser Problematik entwickelt werden können. Auch dafür bietet der Band eine gute Grundlage, da erfolgreiche Programme und deren genaue Umsetzung eine Orientierung erleichtern. Angesichts der Zunahme von schulabsenten Jugendlichen und der damit verbundenen gesellschaftlichen Aussonderung dieser Jugendlichen ist diese Thematik in allen Schulformen eine Herausforderung und erfordert handlungssichere Schulen, die sich den Schülern zuwenden und die durch diese Zuwendung wieder schulbegeistert werden können. Was der Band allerdings nicht transportieren kann, ist die dazu notwendige Haltung, die sich z.B. in dem Satz „Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann brauche ich es am meisten“ bündeln lässt und die dahinterliegende Haltung ist es, die den Schulalltag, das Schulerleben maßgeblich gestaltet. Diese gelebte Umsetzung findet sich nur in der direkten Begegnung, den Blicken, den Worten – und nicht in Programmen.

Das vorliegende Buch ist eine datenbasierte konkrete und gelungene Hilfestellung auf diesem Weg.


Rezensent
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Werner Glanzer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 20.03.2019 zu: Heinrich Ricking, Imke Dunkake: Wenn Schüler die Schule schwänzen oder meiden. Förderziele Anwesenheit und Lernen-Wollen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1761-1. Reihe: Grundlagen der Schulpädagogik - Band 69.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24363.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung