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Thomas Geisen, Christine Riegel u.a. (Hrsg.): Migration, Stadt und Urbanität

Cover Thomas Geisen, Christine Riegel, Erol Yildiz (Hrsg.): Migration, Stadt und Urbanität. Perspektiven auf die Heterogenität migrantischer Lebenswelten. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 499 Seiten. ISBN 978-3-658-13778-6. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Städte waren schon immer Zentren migrantischer Dynamik. Die Dichte des Zusammenlebens und die Heterogenität der Bevölkerung waren immer schon Merkmale, die die Stadt vom Dorf oder ländlich geprägten Siedlungsformen unterschied. Und schließlich bildeten die kulturelle Heterogenität und die sozialstrukturelle Differenzierung der Stadtbevölkerung immer auch den Rahmen einer urbanen Dynamik und die Grundlage dessen, was wir mit einem urbanen Lebensstil verbinden. Migration ist somit kein neuer Prozess, der heute Städte herausfordert, sondern gehört von jeher zu den Wesensmerkmalen städtischen Lebens. Wie soziale Ungleichheit führte die soziokulturelle Differenzierung von jeher zu besonderen Spannungen, die die urbane Kerndynamik der Städte antrieb, führte auch zu Ambivalenzen, Widersprüchen und Kontingenzen, die Kern einer urbanen Lebensweise immer schon waren und heute sind.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Dr. Thomas Geisen ist Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.
  • Dr. Christine Riegel ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.
  • Dr. Erol Yildiz ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren sind Vertreterinnen und Vertreter der Disziplinen Soziale Arbeit, Migrations- und Stadtforschung, Architektur, Soziologie, Ethnologie, Erziehungswissenschaft; sie arbeiten zum allergrößten Teil im Wissenschaftsbetrieb und vereinzelt in anderen Bereichen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf große Kapitel, denen jeweils mehrere Beiträge zugeordnet sind:

  1. Einleitung
  2. Konzepte, Repräsentationen und (Integrations-)Politiken
  3. Leben im Stadtteil
  4. Arbeit und Bildung
  5. Kultur, Sprache und Erinnerung

Jeder der Beiträge schließt mit einer ausführlichen Literaturliste zum jeweiligen Thema.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu I. Einleitung

Zu: Unterschiedliche Perspektiven auf Migration, Stadt und Urbanität

In ihrer Einleitung entfaltet die Herausgebergruppe zunächst ihr Anliegen, das sie mit dem Buch verbindet Es geht ihr darum, Migration und Urbanität in städtischen Kontexten sichtbar zu machen und die damit verbundenen Prozesse sozialräumlicher Segregation und sozialer und soziokultureller Exklusion aufzuzeigen. Und weil Städte auch immer Orte des Wandels waren, geht es auch um die Frage, was sich an den Lebensrealitäten und Lebenspraktiken der Menschen verändert hat. Die Fragestellung ist vor dem Hintergrund der angestellten Überlegungen zur Stadt und ihrer je unterschiedlichen Migrationsgeschichte zu verstehen und diese Geschichte ist eingebettet in die gesellschaftliche Entwicklung der jeweiligen Zeit, wie die der Industrialisierung und der damit verbundenen Verstädterung auf Grund massenhafter Wanderungsbewegungen und Bevölkerungswachstum. Die Großstadtentwicklung und die damit zusammenhängende sozialräumliche Differenzierung der Bevölkerung im städtischen Raum, sowie Segregationsprozesse und die damit verbundenen Wirkungen sind dann noch ein weiterer Hintergrund, vor dem man Migrationsbewegungen in den Städten zu sehen hat.

Dies wird entfaltet, bevor dann auf die Gliederung des Buches eingegangen wird und die weiteren Beiträge kurz vorgestellt werden.

Zu II. Konzepte, Repräsentationen und (Integrations-)Politiken

Zu: Postmigrantische Perspektiven auf Migration, Stadt und Urbanität (Erol Yildiz)

„Es ist an der Zeit, das Verhältnis zwischen Migration, Stadt und Urbanität neu zu denken.“ Es geht darum, Migration zum Ausgangspunkt des Denkens zu machen. Migration – so ist es zu verstehen – ist kein Sonderfall der Stadtentwicklung, der zugleich zum Forschungsgegenstand gemacht wird und dadurch auch zum Sonderfall wird. Vielmehr ist Migration wie viele urbane Phänomene ja auch ein für die Stadt typischer Prozess, der die Urbanität einer Stadt ausmacht.

Yildiz nennt drei Aspekte eines postmigrantischen Ansatzes. Einmal geht es um die Bedeutung der Neuerzählung der „Gastarbeitergeschichte“, dann geht es in der Tat um den Versuch, Migrationsforschung als Gesellschaftsanalyse zu betreiben und sie so von ihrer Sonderrolle zu befreien und zum dritten geht es um den Versuch der Angehörigen der zweiten und dritten Migrationsgeneration, sich urban zu verorten.

Der Autor befragt kritisch die urbanen Mythen, die der Forschung zugrunde liegen, stellt Ungleichheiten in der Betrachtung einheimischer und migrantischer Mobilität fest. Weiter ist – so Yildiz - Vielfalt und Diversität auch in der Stadt besser, wenn sie die Vielfalt von Denken, Handeln und Ideen betrifft wie in der Wirtschaft; Vielfalt der Lebensstile fördert die Kreativität, aber – so die referierte Position – besser ist es ohne Roma, Muslime und Arme.

Der Autor entfaltet dann die Idee des Postmigrantischen, entwickelt eine andere Art des Sehens und der Öffnung der Orte zur Welt, beschreibt noch einmal die Stadt der Vielfalt und der Vielen, geht auf den konstitutiven Zusammenhang von Migration und Urbanität ein, der bislang nicht betrachtet wird und diskutiert dann schließlich die Situation der postmigrantischen Generationen im Kontext des Urbanen.

Zu: Urbanität und Alltagsleben. Zur Bedeutung ortsbezogener Analysekategorien in der Migrationsforschung (Thomas Geisen)

Wie verorten sich Menschen im Alltag in der Stadt? Auf welche ortsbezogenen Ressourcen und Chancen können sie zurückgreifen, um sich in ihrem Alltag vor Ort – in ihrem Wohngebiet oder Stadtteil – sozial zu verankern, sich sozioökonomisch abzusichern, kulturell sich zugehörig zu fühlen und sich sozialräumlich zu verorten?

Der Autor geht in seinem Beitrag diesen Fragen nach, wobei der Fokus seiner Analyse die Migranten sind. Geisen fragt nach der Bedeutung von Analysekategorien in der Migrationsforschung; er diskutiert die Bedeutung der Ortsbezogenheit von Ressourcen und Chancen für die soziale Verortung von Migranten. Es geht um lokales Wissen, um die Einbindung in lokale Lebenszusammenhänge, Kommunikationen und Teilhabechancen. Dabei wird der Ort als konstitutive Bedingung von sozialer Verortung gesehen, Integration auf lokaler Ebene wird in einer globalisierten Welt ohnehin immer wichtiger; Zugehörigkeit zum Ort, Vertrauen in die sozialräumlichen Bedingungen einer unmittelbaren Umwelt und das Gefühl für andere von Bedeutung zu sein, werden immer bedeutsamer.

Der neue soziale Ort ist auch fremd und Fremdheit und Kontingenz bestimmen zunächst die Migrationssituation. Diese Situation wird durch die Marginalisierung der Lebenszusammenhänge noch verstärkt. Dies wird ausführlich erörtert, bevor Geisen schließlich auf die Lebensstrategien und die Alltagsbewältigung im Kontext des Lokalen unter diesen Bedingungen eingeht.

Zu: Integration policies and practices: Intercultural urban trajectories of Latin American migrants in Europe (Fabiola Pardo)

In ihrem englischsprachigen Beitrag diskutiert die Autorin die urbanen interkulturellen Bedingungen und Grundzüge lateinamerikanischer Migranten in Amsterdam, London und Madrid seit den 1980er Jahren im Kontext der jeweiligen städtischen Migrationspolitik. Dazu analysiert sie auch das jeweilige Integrationsverständnis und die Integrationskonzepte europäischer Metropolen vor dem Hintergrund der Ausgestaltung von Lebensbedingungen und der sozialräumlichen Rahmenbedingungen des Arbeitens und Wohnens, der Bildung und der soziokulturellen Rahmenbedingungen des Lebens.

Amsterdam, London und Madrid wurden zu multikulturellen Stadtgesellschaften. Wie aber gehen diese Städte mit der kulturellen Diversität und Heterogenität um, welche politischen Strategien tragen diese Integration und welche Rahmenbedingungen der lokalen Vernetzung finden die Migranten in diesen Metropolen, um sich zu verorten? Es entwickeln sich neue Formen sozialer Dichte und Migranten nehmen an der Ausgestaltung ihrer Lebensbedingungen teil. Die Autorin beschreibt diese Prozesse als das neue Gesicht der Assimilation. Jenseits der politischen Strategien der Städte entwickeln sich neue Strukturen und Beziehungsgeflechte, die zum Teil auch die offiziellen Strategien unterlaufen. Dies macht die Autorin an den jeweiligen Städten fest und diskutiert dies ausführlich. Amsterdam wird als die Stadt der Flüchtlinge beschrieben; in London sind es Netzwerke und bürgerschaftliches Engagement, was die Migranten integriert, und Madrid als die Stadt mit der größten Bevölkerungsgruppe lateinamerikanischer Migranten bewegt sich zwischen Informalität und politischer Fluktuation.

Zu: Kommunale Integrationspolitik in Deutschland. Fakten, Entwicklungstrends, Widersprüche, Perspektiven (Michael Krummacher)

Die Kommune ist der Ort des alltäglichen Zusammenlebens, dort entscheidet sich, wie soziale Verortung gelingt, welches Vertrauen man in die sozialräumlichen Bedingungen des Lebens hat, entwickeln sich spezifische Kommunikationsmuster und Lebenszusammenhänge. Die gesetzliche Rahmung und die politische Orientierung der Integration auf nationalstaatlicher Ebene ist dazu eine wichtige, aber letztlich nicht entscheidende Grundlage.

Das ist eine von Krummachers Kernthesen. Eine weitere lautet, dass für eine aktive lokale Integrationspolitik Ressourcen und Potenziale zur Verfügung stehen, und zwar trotz einschränkender Rahmenbedingungen.

Die dritte Kernthese ist, dass in den letzten 15 Jahren eine kommunale Integrationspolitik von oben durch eine von unten ergänzt wird und es zu einer Aufwertung der lokalen Integrationspolitik gekommen ist.

Der Autor setzt sich mit dem Integrationsbegriff kurz auseinander, nennt Fakten und diskutiert Thesen zur multikulturellen Ausgangssituation. Des Weiteren erörtert er strukturelle Rahmenbedingungen wie die politisch-institutionellen Zuständigkeit, der Rahmen des Grundgesetzes und die Selbstverwaltungsgarantie des Art. 28 GG. Dann stellt er die Akteure in der Kommune vor, die an einer Integrationspolitik beteiligt sind wie die politischen Akteure, die Verwaltung und andere lokale Akteure. Dann beschreibt er Entwicklungsphasen der staatlichen Integrationspolitik wie die Gastarbeiterphase, die Konsolidierungsphase, die Abwehrphase, die Modernisierungsphase und die Aufwertung der kommunalen Integrationspolitik sowie die Institutionalisierungsphase. Danach geht Krummacher auf die Ressourcen ein und beschreibt Grenzen und Defizite. Zum Schluss diskutiert er exkursartig die Besonderheit interkultureller Arbeit in Kleinstädten und Landkreisen, wo ohnehin andere Rahmbedingungen sozialer Integration gegeben sind und die interkulturelle Arbeit andere Voraussetzungen findet als in den größeren Städten.

Zu: TEIL.HABEN. Voraussetzungen für inklusive Entwicklungen in den Städten (Bettina Gruber)

Ebenfalls auf die kommunale Ebene von Integration bezieht sich der Beitrag von B. Gruber. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit den politischen Akteuren auf nationaler Ebene geht die Autorin auf die den Bedeutungsgewinn kommunaler Integrationspolitik ein, wobei sie Integration als umfassende gesellschaftliche Teilhabe und als wechselseitige Auseinandersetzung von Zugewanderten und Einheimischen versteht und Integrationspolitik als Querschnittsaufgabe in einem integrierten Handlungskonzept begreift. Es geht um die Beförderung von Partizipationsmöglichkeiten und bürgerschaftlichem Engagement, wobei den Migrantenorganisationen eine hohe Bedeutung zukommt.

Sehr ausführlich und analytisch tiefgehend setzt sich Gruber mit dem Integrationsbegriff auseinander, geht auf entsprechende Literatur ein und nennt relevante nachhaltige Strukturen, wie die kommunale Bildungslandschaft.

Zum Schluss diskutiert Gruber einige Perspektiven einer kommunalen Integrationspolitik im Kontext einer neoliberalen Sozialpolitik des Bundes und der Bildungspolitik der Länder.

Zu: Geballtes Neukölln. Die mediale Konstruktion eines „Problembezirks“ (Sebastian Friedrich)

Mit zunächst methodologischen Überlegungen zum „Neukölln-Diskurs“ beginnt die kritische Auseinandersetzung des Wegs von einem „normalen“ Stadtquartier zu einem Problembezirk. In Anlehnung an Foucaults Diskurstheorie und seiner kritischen Diskursanalyse geht es nicht darum, warum etwas gesagt wurde, sondern um die Darstellung von Feldern, in denen etwas diskursiv erörtert wird. Auf dieser Basis stellt der Autor in einem ersten Überblick am Beispiel der Spiegel-Artikel die inhaltlichen Tendenzen des Neukölln-Diskurses dar. Danach geht es um die Entwicklung des Neukölln-Diskurses von 1990–2013 von einem gewöhnlichen Quartier über Neukölln als die Endstation, wo nichts mehr weiter geht, dann Neukölln als Parallelgesellschaft mit slumartigen Zuständen, das Schlachtfeld Neukölln, wo Integration versagt und dann auch Desintegration an der Tagesordnung ist bis zum Paradies Neukölln, das Szeneviertel für Künstler, Studenten und Alternative.

Der Autor beschreibt dann, wie Neukölln vom Rand in die Mitte rückt, wie auch der Diskurs von einem Problembezirk spricht, in dem bestimmte Probleme administrativ bearbeitet werden müssen – im Unterschied zum Problemviertel, in dem sich ein spezifisches Milieu entwickelt und eine soziale Entmischung auch im Unterschied zu gemischten Quartieren – problematische Phänomene, Verhaltensweisen und Denkmuster entfaltet, die nicht mehr institutionell kontrolliert werden.

Zu III. Leben im Stadtteil

Zu: Das Jugendzentrum Margareten. Migrantische Aneignung eines urbanen Raums? (Regina Wonisch)

Die Autorin setzt sich zunächst mit der Situation europäischer Metropolen Mitte des 19. Jahrhundert auseinander und macht am Beispiel von Wien fest, dass Migrationsbewegungen auch immer „Problembewegungen“ waren. Denn die nationalstaatliche Entwicklung nach 1918 hat in vielen Bevölkerungsschichten ein Bewusstsein geschaffen, das Zuwanderung von „Anderen“ problematisch empfunden hat, vor allem, wenn die Anderen auch fremd waren, fremd aussahen oder fremde Sprachen gesprochen haben. Einen weiteren Hintergrund, vor dem Wonisch das Jugendzentrum Margareten analysiert, stellt die Entwicklung der Jugendzentren im urbanen Kontext seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts dar. Die Geschichte des Jugendzentrums Margareten ist die Geschichte eines interkulturellen Begegnungsraums im 5. Wiener Gemeindebezirk, der durch überdurchschnittlich starke Zuwanderung geprägt ist. Dies wird ausführlich beschrieben, bevor die Autorin vor dem Hintergrund des demographischen Wandels die Veränderung des Jugendzentrums zu einem Stadtteilzentrum beschreibt.

Weiter diskutiert die Autorin ausführlich die Frage, inwieweit das Jugendzentrum als Heterotopie im Sinne Foucault verstanden werden kann, ob es also ein Ort ist, der sich von anderen Orten unterscheidet und klar abgegrenzt zu anderen Orten ist, oder ob es eine Beruhigungsinstitution ist, die migrantische Jugendliche aus öffentlichen Räumen fernhält.

Zu: „Ghetto im Kopf?“ Verortungspraxen Jugendlicher in marginalisierten Stadtteilen (Miriam Yildiz, Sonja Preissing)

Jugendliche mit einer Migrationsgeschichte werden zumal dann im Zusammenhang mit Bildungsmisserfolgen, Kriminalität und anderen abweichenden Verhaltensweisen gesehen, wenn sie außerdem noch aus segregierten und benachteiligten Wohngebieten kommen, die bereits als Problemviertel einen Ruf haben. Die Autorinnen analysieren die Alltagspraxen Jugendlicher und Heranwachsender vor allem der zweiten und dritten Generation. Dazu gehen sie zunächst auch auf die mediale, aber auch wissenschaftliche Konstruktion von Stadtteilen als Problemzonen ein, auf die Diskurse, die „erklären“, warum ein Stadtteil ein Problemstadtteil ist und warum deshalb auch seine Bewohnerschaft als problematisch stigmatisiert und diskreditiert wird. Dazu greifen sie auf die Kölner Stadtteile Chorweiler und Porz-Finkenberg zurück, stellen seine mediale Repräsentation von Porz-Finkenberg und seiner Jugend dar, schildern Erzählungen aus Chorweiler und stellen Fallbeispiele vor.

Zu: Marginalisierte Quartiere? Positionierungen und Deutungen von Bewohner_innen (Lalitha Chamakalayil, Gwendolyn Gilliéron, Sevda Can Günes, Miriam Hill, Elvisa Imsirovic)

Wie sehen die Bewohnerinnen und Bewohner marginalisierter Quartiere ihr Quartier? Ist es so, wie es von außen gesehen wird und handelt es sich um eine soziale Konstruktion, die vielleicht auch die Bewohnerschaft solcher Quartiere übernehmen?

Die Autorengruppe nimmt ein Forschungsprojekt zum Anlass, diesen Fragen nachzugehen, in dem in mittelgroßen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz jeweils zwei marginalisierte Quartiere untersucht wurden. Quartiere sind soziale Räume, in denen sich spezifische Verhaltens- und Kommunikationsmuster ausbilden, die milieuspezifische Eigenheiten beinhalten und die dadurch auch abgrenzbar sind zu anderen Quartieren. Quartiere sind nicht deckungsgleich mit Verwaltungseinheiten wie Stadtteile. Der Begriff wird ausführlich diskutiert und es werden Marginalisierungsprozesse und Positionierung ausgemacht, hegemoniale Diskurse über die Quartiere beschrieben, die in den Ländern unterschiedlich geprägt werden. Gemeinsam ist, dass die von außen herangetragenen hegemonialen Diskurse mit der Wahrnehmung der Bewohnerschaft der Quartiere nicht übereinstimmen. Dies wird an einer Reihe von Beispielen konkretisiert und analysiert.

Zu: Ränder und Zentren in Bewegung. Widersprüchliche In- und Exklusionsprozesse von Migranten und Migrantinnen in den Villas von Buenos Aires (Susanne Spindler)

Villas sind Notquartiere, Elendsviertel, informelle Siedlungen auf besetztem Land, die sich in der Stadt Buenos Aires ausgebreitet haben und die vor allem neu ankommende Migranten aufnehmen. Sie haben oft weder Wasser noch Elektrizität, ihre Bauweise ist chaotisch und sie kennen keine strukturierten öffentlichen Räume. Es sind Quartiere, die im Übrigen auf keinem Stadtplan zu finden sind und selbst bei Google Earth graue Flächen darstellen.

Die Autorin fragt, wie diese Villas trotz ihrer ökonomisch prekären Situation und ihrer sozialräumlich segregierenden Wirkung inkludierend wirken können, integrationssichernd und identitätsstiftend sein können. Dazu schildert sie zunächst auch die besondere Migrationsgeschichte Argentiniens, die auch bis heute Besonderheiten aufweist, wie z.B., dass Argentinien das Recht auf Migration in der Verfassung festgeschrieben hat. Danach geht die Autorin der wachsenden urbanen Informalität am Beispiel der Villas nach, die auch mit dem Wohnungsmarkt und seinen Zugangsvoraussetzungen zusammenhängt.

Spindler fragt auf methodologisch vielfältige Weise dann, was die Menschen in den Villas beschäftigt. Zunächst sind es die Arbeitsverhältnisse innerhalb und außerhalb der Villa. Dabei stellt sie vor dem Hintergrund anderer Analysen fest, dass es in solchen Quartieren zu einer Form der Reindustrialisierung kommt, wo sich eigentlich die gesamte hegemoniale Umwelt bereits in einem postindustriellen Zeitalter befindet.

Villas sind Stadtteile, die unsicher sind, und zwar nicht nur in Bezug auf Leib und Leben, sondern auch hinsichtlich sozialer Sicherheit. Die Villa wird als Ort ohne Staat gesehen und auch als Stigma. Aber Villas sind auch Orte der Ankunft, des Bleibens und der Aktivität und es sind transnationale Orte.

Zu: „Ostheim ist einfach, cok güzel ya (sehr schön). Manche sagen Ostheim ist asozial oder so, aber das alles ist Blöff“. Subjektive Sichtweisen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf marginalisierte Quartiere in Köln (Markus Ottersbach, Sabine Roeber, Lisa Rosen, Sultan Schulz, Miriam Yildiz)

Die Autorengruppe fragt nach den subjektiven Sichtweisen Jugendlicher auf ihr Quartier, die auch im Widerspruch zu medialen Darstellungen und stadtpolitischen Diskursen und Wahrnehmungen stehen. Solche Sichtweisen im Spannungsfeld von Urbanität, Mobilität, Jungsein und Marginalisierung sind bedeutend für die soziale Verortung Jugendlicher mit einer Migrationsgeschichte.

Zunächst werden am Beispiel zweier Kölner Quartiere Kennzeichen der Marginalität aufgezeigt, um dann auf die subjektiven Sichtweisen Jugendlicher aus diesen beiden Quartieren einzugehen. Nach einleitendenden methodologischen Erörterungen der Vorgehensweise werden einige zentrale Ergebnisse des Projekts ausführlich vorgestellt und erörtert. Dabei ist bemerkenswert, dass einerseits die Benennungspraxis der Quartiere als „Nicht-Orte“ die Verortungsprozesse und Möglichkeitsräume negativ beeinflussen; auf der anderen Seite entwickeln Jugendliche darauf hin auch Gegenstrategien, um „ihr“ Quartiere positiv zu besetzen.

Zu: Von Kreuzberg nach Tempelhof: Räumliche und soziale Mobilität bei Nachkommen von Eingewanderten aus der Türkei nach Berlin (Christine Lang, Jens Schneider)

Lang und Schneider beschreiben zunächst die Situation der Eingewanderten in zwei Berliner Stadtbezirken, die nicht sehr im Fokus der Migrationsforschung stehen. Sie verwahren sich zugleich gegen die stadtsoziologische These, dass sozialer Aufstieg nur im Zusammenhang mit sozialräumlicher Mobilität und Integration in Mehrheitsgesellschaft und durch Integration in andere „bessergestellte“ Wohnquartiere möglich ist, wie sie von Häußermann und Siebel vertreten wurde.

Die Autorin und der Autor belegen dies mit Hinweisen auf die räumliche und soziale Mobilität in der türkeistämmigen „zweiten Generation“ in Berlin. Daten erlauben die Feststellung, dass die Wohnortwahl dieser Gruppe und die Bezüge zum Quartier im sozialen Aufstieg eine bedeutende Rolle spielen. Der Auszug aus den „Einwanderungsquartieren“ in das Mittelschichtquartier ist allerdings mit Ambivalenzen verbunden. Das beschreiben Lang und Schneider auch ausführlich an Hand einer Reihe von Beispielen, bevor sie den Wandel der klassischen Einwanderungsquartiere untersuchen. Diese gewinnen an Attraktivität für eine aufgestiegene türkeistämmige Bevölkerungsgruppe, wenn diese Quartiere die Darstellung der eignen Herkunft und Identität ermöglichen und dies sich mit den verbesserten urbanen Strukturen des Einwanderungsquartiers verbinden lässt.

Natürlich erlaubt die Urbanität einer Lebensweise, sich von Wohnort als einzigem identitätsstiftenden Ort zu lösen – und dennoch bedarf es einer Verortung in lokale Lebenszusammenhänge im Wohngebiet, die dem Urbanen nicht widerspricht, sondern zu ihr gehört. Und da unterscheiden sich dann die Nachkommen der türkeistämmigen Eingewanderten, vielleicht doch nicht bei ihrer Wohnstandortwahl von allen anderen, die die Mehrheitsgesellschaft prägen.

Zu IV. Arbeit und Bildung

Zu: Sozialraumorientierte Schulentwicklung in der Migrationsgesellschaft Konzeptionelle Überlegungen und eine Fallstudie (Katrin Huxel, Sara Fürstenau)

Nach einer allgemeinen Problembeschreibung diskutieren die Autorinnen theoretische Grundlagen und relevante Forschungsergebnisse zum Raumbegriff und Raumverständnis, zu dem, was als Sozialraum verstanden wird und wie Räume konstruiert und wahrgenommen werden. Sozialraumorientierte Schulforschung geht davon aus – so die Autorinnen –, dass der Sozialraum handlungs- und strukturtheoretisch fundiert werden muss; das Verständnis von Schule hängt unmittelbar mit der Struktur des Sozialraums zusammen, in dem sie eingebettet ist und in dem Menschen sich sozial verorten und handeln. In ihrer Fallstudie zeigen sie auf, dass der Erfolg oder Misserfolg einer Schule nicht unabhängig von den sozialräumlichen Bedingungen des Lebens und von seinen strukturellen Möglichkeiten und Grenzen gesehen werden kann. Ihre Fallstudie bezieht sich auf eine Schule einer westdeutschen Mittelstadt, deren Struktur beschrieben wird. Außerdem berichten die Autorinnen von der Schulentwicklung aus der Sicht der Schulleiterin.

Zu: Soziale Exklusion und ihr Einfluss auf die Bildungsungleichheit im Kontext von Migration und Raum (Sven Oleschko, Zuzanna Lewandowska)

In ihrem Beitrag diskutieren die Autorin und der Autor Bildungsungleichheiten innerhalb und außerhalb der Bildungsinstitution in ihren Wechselbeziehungen. Sie nehmen an, dass mit der Theorie sozialer Exklusion diese Wechselbeziehungen erklärt werden können. Dazu gehen sie erst einmal ausführlich auf den theoretischen Rahmen ein, in dem der Begriff Exklusion gedacht wird und stellen den Zusammenhang von Bildungsungleichheit und Exklusion dar. Weiter erörtern sie, inwieweit Exklusion als Erklärung für den Zusammenhang von Bildung und Urbanität genutzt werden kann. Dabei werden eher allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von strukturellen und sozialräumlichen Bedingungen von Wohnquartieren darstellt, als dass die für die städtischen Räume typischen Strukturbedingungen genannt werden, die mit dem Begriff der Urbanität üblicherweise verbunden werden. Dies ist umso erstaunlicher, als dass später Ergebnisse der Sprachforschung vor dem Hintergrund sozialräumlicher Segregation städtischer Quartiere diskutiert werden, die einer spezifischen urbanen Logik folgt.

Zu: Einmal pro Woche kegeln im „Alle Neune“. Jugoslawische Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten in Graz in den 1960/70er Jahren (Verena Lorber)

Es geht um die Darstellung der Entstehung einer migrantischen Alltagskultur unter urbanen Bedingungen am Beispiel der Freizeitgestaltung jugoslawischer Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Graz. Nach einer allgemeinen Einschätzung des Zusammenhangs von Migration und Urbanität und der Darstellung der Grazer Stadtgeschichte als Migrationsgeschichte sowie der sozialstrukturellen Situation in Graz diskutiert die Autorin ausführlich die Freizeitgestaltung in einer Stadt unter den Bedingungen der Migration und geht auf die Grazer Situation insbesondere ein.

Zu: Aneignung des urbanen Raums. Existenzgründerinnen in der Nordstadt Hannovers (Ruth May)

Die Autorin diskutiert zunächst die für die Geschichte der europäischen Stadt typische Emanzipationsgeschichte eines städtischen Bürgertums aus feudalen Strukturen. Weiter verweist sie darauf, dass die Integration in der Stadt immer gleichzeitig von sozialräumlichen Segregationsprozessen begleitet war und heute noch ist.

Vor diesem Hintergrund interessiert die Autorin die Unternehmungsgründungen von Migrantinnen und die Gründe wachsender Gründungen von Unternehmen durch Migrantinnen. Am Beispiel eines innerstädtischen Stadtteils mit einem hohen Anteil von Migranten wurden migrantische Unternehmen vor allem der zweiten Generation untersucht. Der Stadtteil wird mit seinen Einrichtungen für Migrantinnen und Migranten ausführlich vorgestellt und an Hand von fünf Fallbeispielen werden Gründungen nachgezeichnet. Dabei wird auch die urbane Qualität der sozialen und kulturellen Infrastruktur diskutiert und die Handlungsfähigkeiten als zentrale Voraussetzungen erörtert, die die Migrantinnen bei der Gründung ihrer Unternehmen entfalten.

Zu V. Kultur, Sprache und Erinnerung

Zu: Konflikterinnerung und Erinnerungskonflikte in Performativität und Performance (Katrin Ackerl, Konstantin und Rosalie Koeining)

Ausgehend von Überlegungen, dass Städte von Menschen gemachte, veränderte und gestaltete Ort sind, dass Städte auch sich selbst verändern, weil Menschen sich verändern und dass menschliches Zusammenleben mit Konflikten, Geschichten, Erinnerungen und Widersprüchen verbunden ist, versuchen die beiden Autorinnen in ihrem Performance-Projekt schau.Räume einen künstlerischen Zugang zur Erinnerungs- und Biographiearbeit und zu Erinnerungskonflikten und Konflikterinnerung. Ist die Stadt eine Bühne auf der inszeniert und dargestellt wird und welche Rolle spielen künstlerisch tätige Akteure bei der Darstellung urbaner Räume?

Das Projekt wird zunächst auch dargestellt. Leerstehende Geschäftslokale in einem eher deprivierten Quartier wurden „besetzt“ und dort wurden Begegnungsräume geschaffen und Workshops zur Erinnerungsarbeit durchgeführt und es wurde eine gemeinsame Geschichte des Ortes rekonstruiert. Dabei ist Erinnerung eine wesentliche Quelle und die Frage ist, welche Rolle wahrgenommene Erinnerungskonflikte und die Erinnerung an Konflikte spielten. Brachen alte und verdrängte Konflikte auf und welche Themen wurden seinerzeit tabuisiert und verdrängt, die jetzt wieder auftauchen? Nach einer ausführlichen Erörterung dieser Fragen diskutieren die Autorinnen die Stadt als Bühne und partizipative Strategien von Kunstschaffenden im öffentlichen Raum.

Zu: Kunst für alle? Über Teilhabemöglichkeiten von unterrepräsentierten Gruppen im Kulturbetrieb (Ivana Pilic)

Warum erreicht die Kunst und Kultur nur die höheren Bildungsschichten und nicht die Bildungsbenachteiligten, zu der ein Großteil der migrantischen Bevölkerung gehört?

Diese Fragstellung ist der Ausgangspunkt der Autorin, die Kulturarbeiterin in einem Wiener Projekt ist. Das Projekt befindet sich im 16. Wiener Gemeindebezirk, ein traditionelles Arbeiterquartier; 43 % der Bevölkerung sind Menschen mit einer Migrationsgeschichte. Die Autorin beschreibt zunächst die migrationsbedingte kulturelle Diversität als ein typisches Charakteristikum der europäischen Stadt. Sie setzt sich dann mit dem Kulturbegriff auseinander und stellt fest, dass die Teilhabe an der Kultur mit dem sozioökonomischen Status steigt. Deshalb sind Menschen mit einer Migrationsgeschichte aufgrund ihres sozialen Status weitgehend von diesem Kulturbegriff ausgeschlossen. Selbst demokratische Bestrebungen im Kulturbetrieb der 1960/70er Jahre haben daran nichts Entscheidendes verändert. Wie kann also Kunst vermittelt werden? Die Autorin diskutiert Kunst vor Ort, um die lokalen Lebenszusammenhänge als überschaubare Verortungsmöglichkeiten und die Teilhabe an der Gestaltung des Kunstraums. Sie bringt diese Überlegungen in Verbindung zu den Migrationskategorien und versucht dann eine Transformation theoretischer Überlegungen in die Praxis.

Zu: Musikhochschulen und Migration. Tradierte Transformierung und transformative Tradierung am Beispiel der urbanen Region Basel (Ganga Jey Aratnam, Silke Schmid, Luca Preite)

Migration hat nicht nur wirtschaftliche und soziale Aspekte. Die Migration von Kulturschaffenden und Künstlern produziert eine eigene Dynamik und die Frage der Autorengruppe ist, wie sich diese Dynamik im künstlerisch urbanen Raum darstellt. Am Beispiel hochqualifizierter Musikstudenten an Schweizer Musikhochschulen wird dargestellt, wie Musik, Migration und Urbanität mit einander verwoben sind und – wie die Geschichte zeigt – auch immer schon waren. Als Konkretion dient die Musikhochschule Basel. In einer globalisierten Vernetzung wird der Kulturraum der Stadt zu einem multikulturellen Kontext, in dem hochqualifizierte Musikstudierende, ansässige Musiker und Lehrende der Hochschule agieren und vor allem interagieren.

Die Autorengruppe stellt dann quantitative Erkenntnisse vor und geht auf einige Überlegungen ein, die sich aus den Erkenntnissen ergeben.

Zu: Framing Migrants as City-dwellers: Identity, Space, and Photography (Ela Kacel)

In den 1960er Jahren begannen in Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern die sogenannten Gastarbeiter ihre eigene Identität als Bewohner der Stadt zu entwickeln, diese Identität in Photographien darzustellen und ihren Familien in den Herkunftsländern zu schicken. Diese Darstellung der Identität vor charakteristischen Bauten und öffentlichen Räumen signalisiert nicht nur den Wunsch nach identitätssichernder Verortung, sondern auch nach Zugehörigkeit zur Stadt mit allen damit verbundenen Ambivalenzen. Die Autorin zeigt auf, dass es sich um fremde Räume handelt, die zugleich auch mit dem Wunsch verbunden werden, diese sich anzueignen und daraufhin eine neue Identität als Migranten vor dem Hintergrund des Fremdseins zu entwickeln. Damit wird die gesamte Ambivalenz und Widersprüchlichkeit des Migrantenstatus sichtbar.

Dieser Prozess wird von der Autorin nicht nur gut beschrieben. Vielmehr drücken die Bilder diese Fremdheit im Raum aus, der zugleich aber auch nicht fremd sein soll, aber mit Ambivalenzen und Kontingenzen verbunden ist, die man nicht überschaut.

Zu: Migrationsgeschichte(n) in Hall in Tirol – ein Stadtspaziergang (Verena Sauermann)

Es geht um Migration in einer Kleinstadt. Migration in der Großstadt kennen wir ohnehin. Welche Besonderheiten ergeben sich aber aus der Dynamik kleinstädtischer Urbanität für die Migrationsforschung, in der sich dörfliche Kommunikations- und Integrationsformen mit einer kleinstädtisch geprägten Urbanität des Lebens vermischen?

Die Autorin nimmt sich eine industriell geprägte österreichische Kleinstadt vor, um an Hand von Migrationsgeschichten aufzuzeigen, dass die Kleinstadt Hall schon immer durch Arbeitsmigration geprägt war, deshalb auch keine neue Entwicklung ist und im Grunde zu einem integrierten Bestandteil der Stadtgeschichte wurde. Dazu hat sie zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Schülerinnen und Schülern eines Haller Gymnasiums solche Geschichten zusammengetragen und ausgewertet. In einem imaginären Spaziergang werden zentrale ausgewählte Orte aufgesucht, die diese Migrationsgeschichte verdeutlichen. Diese Orte werden ausführlich beschrieben Es sind zunächst Industriestandorte, eine Eisdiele und Wohnräume, also Orte der Arbeit, der Freizeit und des Lebens in einer Kleinstadt.

Zu: „Und in Wien bin ich einfach Wienerin“. Migrationsbewegungen autochthoner Minderheiten sprachlich betrachtet: Das Fallbeispiel der Kärntner Sloweninnen und Slowenen in Wien (Eva Wohlfarter)

E gibt in Österreich einige Bevölkerungsgruppen, die von jeher bestimmte Siedlungsgebiete besetzen, verfassungsrechtlich verankerte Rechte haben und ihr Siedlungsgebiet als ihre Heimat bezeichnen; dazu gehören auch die Kärntner Sloweninnen und Slowenen. Dieser Gruppe wird eine hohe Bodenständigkeit nachgesagt, obwohl Mitglieder dieser Gruppe oft auch das Gebiet verlassen und in anderen Teilen Österreichs, vor allen in den urbanen Zentren leben und arbeiten. Dies gilt vor allen für die Jungen. Die Autorin zeigt auch auf, dass das Verständnis einer Stadt-Land-Wanderung und Binnenwanderung in vielen Fällen nicht mehr der Realität entspricht. Auch das Verständnis von sozialer Verortung auf dem Land wird damit in Frage gestellt. Selbst wenn es in Kärnten eine unüberschaubare Zahl von slowenischen Vereinen gibt, die auf eine eher traditionelle und bodenständige Lebensstilführung hindeuten und in Wien so etwas nicht vorhanden ist, findet trotzdem diese Mobilität statt.

Die Autorin verweist dann auf sprachliche Erfahrungen von Kärntner Sloweninnen und Slowenen in ihrer Zweisprachigkeit, die aber nicht zu Ambivalenzen in der Identitätssicherung und -darstellung führen. In Wien ist man dann eben Wiener.

Zu: Transferelement. Amerikanische Siedlung Bonn Plittersdorf (Anne-Julchen Bernhardt, Anna Marijke Weber)

Architektur ist Ausdruck kollektiver Prozesse, in denen Wissen, Erinnerungen und Formen eines kollektiven Gedächtnisses zusammengetragen werden und sich in Bauten und Plätzen widerspiegeln. Die Geschichte der Architektur ist eine Geschichte dieses Transfers und Migration erzeugt Architektur; ohne Migration ist Architektur nicht denkbar.

Ausgehend von diesen Prämissen beschäftigen sich die Autorinnen mit den öffentlichen Räumen der amerikanischen Siedlung Bonn Plittersdorf, vor allem mit ihrem Straßenraums zwischen den Wohnbauten. Nach einer ausführlichen Begründung der zitierten Prämissen wird diese Siedlung vorgestellt und beschrieben, was mit einigen Fotos auch unterlegt wird. Dabei untersuchen sie die städtebauliche Gesamtanlage, das städtebauliche Raumprogramm (Kindergarten, Bildungs- und Sporteinrichtungen, Kirche und Freizeiteinrichtungen), die Beziehung der Wohnbauten zur Straße, Dachformen, Straßenbreite und -belag. Weiter gehen die Autorinnen auf unterschiedliche Typologien von Siedlungen ein, beschreiben den Gedanken der gegliederten und aufgelockerten Stadt als Typus und stellen fest, dass die amerikanische Architektur den Plan „mitgeschrieben“ hat.

Die Autorinnen gehen dann ausführlicher auf einzelne räumliche Prinzipien ein und diskutieren zum Schluss das Verhältnis zur Stadt.

Diskussion

Der Sammelband vereinigt eine breite Palette unterschiedlicher Aspekte des Verhältnisses von Migration, Stadt und Urbanität. Dabei wird in den einzelnen Beiträgen stärker als in anderen deutlich, inwieweit sich Urbanität und Migration wechselseitig bedingen. Manchmal wird nur deutlich, dass es Migration in der Stadt gibt und man geht eher selbstverständlich davon aus, dass Stadt mit Urbanität verbunden wird. Dass aber Urbanität durch die Pluralität von Lebensstilen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen geprägt ist, und diese Pluralität Ambivalenzen, Widersprüche und Spannungen erzeugt, wird manchmal nur rudimentär deutlich.

Dies ist umso bemerkenswerter, als doch gerade die migrantischen Milieus der Stadt einen wesentlichen Teil dieser Pluralität ausmachen und das Stadtleben mit prägen. Und dass Urbanität nur durch die strukturellen Bedingungen des Städtischen wie u.a. die städtebauliche Gestaltung öffentlicher Räume, die Bauweise, die Funktion bestimmter städtischer Räume und der Zugang zu ihnen, oder eine spezifische Verteilung der Bevölkerung im städtischen Raum möglich wird, kommt nur in einigen Beiträgen zu Geltung. Aber diese strukturellen Bedingungen sind es doch, die auch Migrationsmilieus betreffen, zumal die damit verbundene kulturelle, soziale und ökonomische Dynamik integriert und ausgrenzt.

Migration ist kein besonderer Prozess, der die Stadtentwicklung beschäftigt, sondern eher ein Prozess, der selbstverständlich zu Städtischen gehört. Das wird in den allermeisten Beiträgen zwar immer wieder formuliert, aber nicht analytisch durchdrungen. „Migration neue denken“ heißt dann auch, sie nicht mehr als einen besonderen Prozess zu denken und zu formulieren, sondern als ein Phänomen zu betrachten, das das Urbane ausmacht und es muss transformiert werden in die ökonomische, soziale und kulturelle Dynamik der Stadt und zum integralen Bestandteil dieser Dynamik werden.

Zu solchen Gedanken regen eine Reihe der Beiträge an und diese Gedanken könnten weiter entwickelt werden und in ein integriertes Konzept münden, in dem eine integrierte Stadtentwicklung Migration auf zwei Ebenen betrachtet:

  1. Auf der Ebene der strukturellen Herausforderungen, die mit der Frage verbunden ist, wie man in einer Stadt leben will, die eben Stadt ist und Urbanität herausbildet und
  2. auf der Handlungs- und Interaktionsebene, wo danach gefragt wird, wie Menschen sich verständigen, wie sie im öffentlichen Raum der Stadt mit einander interagieren und wie sie sich in ihren Quartieren und Wohngebieten auf lokaler Ebene gegenseitig verstehen und zu einander in Verbindung treten.

Fazit

Das Buch diskutiert die Vielfalt dessen, was städtisches Leben ermöglicht und ausmacht. Die mit dem Begriff der Urbanität verbundenen Aspekte kultureller Vielfalt und sozialer Differenziertheit machen den Kern dieser Urbanität aus und diese Aspekte sind Gegenstand einer Vielzahl der Beiträge – aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Summery

This book discusses the variety of an urban life under the special aspect of urban migration. Migration is no special case in the development of Cities. Cultural diversity and the variety of urban lifestyle as well social differentiation are characteristic and constitutive for urbanity. Insofar migration is also constitutive for the city development. These constitutive aspects of urbanity are objects of a lot of the articles – considered from different points of view.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 20.11.2018 zu: Thomas Geisen, Christine Riegel, Erol Yildiz (Hrsg.): Migration, Stadt und Urbanität. Perspektiven auf die Heterogenität migrantischer Lebenswelten. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-13778-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24369.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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