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Maren Lehmann, Marcel Tyrell (Hrsg.): Komplexe Freiheit

Cover Maren Lehmann, Marcel Tyrell (Hrsg.): Komplexe Freiheit. Wie ist Demokratie möglich? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 261 Seiten. ISBN 978-3-658-14968-0. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Komplexität und Kontingenz.
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Thema

Der Band untersucht die Verbindungen zwischen zwei der größten Leitideen der Moderne: Demokratie und Freiheit. Dabei tritt die Frage der gegenseitigen Bedingung von Freiheit und Demokratie in den Vordergrund. Die Autorinnen und Autoren behandeln dabei die aktuellen Herausforderungen an Demokratie und Freiheit ebenso wie den Einfluss von Machtfragen auf das politische Gefüge und öffentliche Bewusstsein.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeberin Maren Lehmann ist Professorin für soziologische Theorie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Der Herausgeber Marcel Tyrell ist Professor am Lehrstuhl für Banking und Finance, ebenfalls an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband erscheint als Teil der Reihe „Komplexität und Kontingenz“ der ZU Schriften der Friedrichshafener Zeppelin Universität. Diese Reihe widmet sich insbesondere der Untersuchung der Ausprägung von Komplexität und Kontingenz und fragt hiermit nach Risiken und Möglichkeiten der sich selbst organisierenden Gesellschaft.

Aufbau und Inhalt

Unter der den Band übertitelten Frage „Wie ist Demokratie möglich?“ untersuchen zwölf Autorinnen und Autoren in elf Beiträgen vor allem aktuelle Herausforderungen für die Demokratie. Dabei unterteilt der Band in drei Kapitel:

  1. Begriffsfragen,
  2. Verständigungsfragen und
  3. Machtfragen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Exemplarisch soll hier jeweils ein Beitrag aus jedem Kapitel vorgestellt werden. Im ersten Abschnitt widmet sich Helmut Willke unter dem Titel „Komplexe Freiheit. Dispositive der Freiheit unter Bedingungen globaler Komplexität und Kontingenz“ der Frage, wie Freiheit in einer globalisierten Welt unter den Wechselwirkungen sich mehrender Einflussmöglichkeiten garantieren lässt. Willke argumentiert hierbei, dass Freiheit vor allem im nationalstaatlichen Kontext gewährleistet wurde. Wo aber Big Data, Globalisierung und Digitalisierung wirken kommt es zu einer Vermehrung der Steuerungsprobleme bei weniger stark ansteigender Steuerungs- und Entscheidungsfähigkeit. Als Lösung wird hierfür eine „neue Grammatik der Freiheit“(35), bestehend aus Komplexität, Kontingenz und Resilienz des Freiheitsbegriffs, vorgeschlagen. Wo dieser vielschichtige Freiheitsbegriff Anwendung findet, zeigt sich dann seine Folge für die Gesellschaft: „Freiheit ist nur noch möglich als Zusammenspiel vieler verteilter Freiheiten“(41). Als Folge daraus ergebe sich schließlich eine Verflechtung von Demokratie und Freiheit, wobei sich beides gegenseitig bedinge. Nicht mehr das Individuum wird damit Subjekt der Freiheit, sondern sie wird bedingt durch eine zur trans- und intergesellschaftlichen Freiheit führende Entwicklung.

Im Kapitel der Verständnisfragen zeigen die Autoren Udo Göttlich und Martin R. Herbers am Fallbeispiel der Causa Jan Böhmermann die Komplexität des Wechselspiels von Öffentlichkeit und Unterhaltung. Sie argumentieren dabei auf der Basis der sprachpragmatischen Theorie von Jürgen Habermas, die die Autoren anschließend einer Neubewertung im Sinne einer „demokratietheoretisch relevanten Kommunikation“(74) unterziehen. Hierbei wird auch Unterhaltung(sfernsehen) als Form einer Öffentlichkeit, die über den Zustand der Demokratie Auskunft geben kann, aufgegriffen. In der Causa Böhmermann verweisen die Autoren besonders auf den notwendigen Kontext der Sendung, den es zu beachten gelte. Gerade die nicht lineare Sendungsstruktur der Sendung „Neo Magazin Royale“ mit ihren Inhalten im Internet habe zu einer missverständlichen Performanz geführt.Werden diese besonderen Rahmenbedingungen allerdings in die Analyse des Gedichtes und vor allem der Form seines Vortragens mit einbezogen, so handelt es sich beim „Schmähgedicht“ über Erdogan um „ein inszenierte[s] Lehrstück[…] über die Stellung satirischer Kommunikation in der digitalisierten Öffentlichkeit.“(84) Der Beitrag habe zwar nicht, im Sinne der habermas'schen Theorie, konsensfähig gewirkt, aber er sei verständigungsfähig gewesen. Den Rahmen dieser Verständigung steckt schließlich die Demokratie ab, in der auch der Beitrag von Böhmermann „Kontingenzen aufzeigt und bearbeitet.“(86)

Vermögen die Verbindungen zwischen Demokratie und Freiheit sowie zwischen Demokratie und Öffentlichkeit noch offensichtlich erscheinen, so widmet sich im dritten Teil, der übertitelt ist mit „Machtfragen“, Nico Stehr der Verbindung zwischen Klimawandel und Demokratie. Stehr erörtert die Frage, ob aufgrund der Besonderheit und Außergewöhnlichkeit des Klimawandels nicht eine Expertokratie – wie sie teilweise von der scientific community gewünscht wird – notwendig sei, um diesen Problem zu begegnen. Denn die Demokratie, so ihre Kritiker, sei zu behäbig, zu wenig zukunftsgewandt und schlichtweg nicht sensibilisiert. Stehrs Plädoyer ist allerdings klar davon abzugrenzen: „Die Herausforderung, die bleibt, ist der Ausbau, nicht der Abbau der Demokratie.“(231) Nur in dieser seien Mechanismen vorhanden, die die globale Herausforderung des Klimawandels auch nachhaltig verhandeln und verändern können. Die Büchse der Pandora zu öffnen und Demokratie für dieses Politikfeld zugunsten schnellen und „richtigen“ Handelns aufzugeben (wobei sich ja erst in einer Debatte richtiges Handeln zeigt), würde bedeuten soziales und politisches Leben auf Einzelfragen zu reduzieren. Wie der Band aber insgesamt eindrucksvoll vermittelt, sind einfache Antworten auf diesem komplexen Themenfeld (besonders ohne Kontingenz) längst nicht mehr möglich.

Diskussion

Der Band ist ein Beleg dafür, an welchen unterschiedlichen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Sphären Elemente und Wirkungen der Demokratie ausgehandelt werden. Sei es theoretischer oder praktischer Natur, immer wieder gilt es Formen der Demokratie neu zu begreifen, auszutarieren und anzupassen. Die Autorinnen und Autoren sehen in der zunehmenden Komplexität der Thematik zwar durchaus Herausforderungen, insbesondere wenn es um den Erhalt demokratischer Prozesse geht, insgesamt geht es ihnen damit aber auch um die Chancen und Stärken der Demokratie just diese Herausforderungen anzunehmen. Zentral behandelt er dabei die Frage, wie die Freiheit des Einzelnen in eben diesem Horizont ebenso gewährleistet werden kann, wie die Freiheit von politischen Gemeinschaften. Damit wird die Untrennbarkeit beider Begriffe bei gleichzeitiger Neujustierung ihres Verhältnisses zueinander vorgenommen.

Fazit

Eine theoretische wie praktische Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Gefahren für die Demokratie ist – ideengeschichtlich gesehen – vor allem dann geführt worden, wenn diese in Gefahr schien. Aktuelle Herausforderungen und ihre Erörterung, sei es nun Populismus oder der Klimawandel, selbst für „gefestigte Demokratien“ wie die USA, sind ein Beleg dafür, dass die Demokratie auch weiterhin verteidigt werden muss. Der Band untersucht unter einer Vielzahl von Punkten diese Herausforderungen und gibt verschiedenste Antworten. Er ist damit zugleich Beleg und Diskussionsschrift über die Komplexität der Demokratie und zeigt, dass auch die Ausgestaltung und Bewahrung der Demokratie nie statisch gedacht werden sollte.


Rezensent
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 09.08.2018 zu: Maren Lehmann, Marcel Tyrell (Hrsg.): Komplexe Freiheit. Wie ist Demokratie möglich? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14968-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24370.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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