socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sebastian Kessler: Die Verwaltung sozialer Benachteiligung

Cover Sebastian Kessler: Die Verwaltung sozialer Benachteiligung. Zur Konstruktion sozialer Ungleichheit in der Gesundheit in Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 335 Seiten. ISBN 978-3-658-16443-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.

Reihe: Theorie und Praxis der Diskursforschung.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Auf insgesamt 335 Seiten und zwölf Kapitel erstreckt sich diese Publikation zum Thema der sozialen Ungleichheit in Deutschland. Es geht von der These aus, dass das historische gewachsene Wissen um soziale Ungleichheit in der Gesundheit sich aufgrund des Mühens, die Kosten im Gesundheitswesen nicht explodieren zu lassen, zu einem Mittel der Verwaltung der Ungleichheit geworden ist. Im Grunde bestehe das Anliegen darin, diese soziale Ungleichheit als Status quo bestehen zu lassen. Als zentrale Fragestellung liegt dieser Arbeit zugrunde, wie das historisch gewachsene Wissen um soziale Ungleichheit in der Gesundheit den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Ungleichheit in Wissenschaft, Politikberatung und Politik beeinflusst.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Methodisch wird die Frage mit Hilfe der von der wissenssoziologischen Diskursanalyse inspirierten Vokabularanalyse untersucht. D.h., im Fokus steht die Untersuchung der sprachlichen Vermittlung von Wirklichkeit im Kontext der gestellten Thematik (Kapitel 2).

Die für die Analyse gefundenen und zugrunde gelegten Quellen werden in Kapitel 3 dargestellt.

In Kapitel 4 wird sehr kurz die Entwicklung des Gesundheitswesens mit den implizierten Auswirkungen auf die soziale Ungleichheit in der Gesundheit skizziert.

In Kapitel 5 werden unter anderem die unterschiedlichen Deutungsmuster des Konstruktes soziale und gesundheitliche Ungleichheit diskutiert. Dabei wird u.a. durchaus kritisch reflektiert, dass gesundheitliche Ungleichheit strikt auf den positivistischen Kriterien der medizinischen Wissenschaft aufbaut. Eingebettet wird diese Diskussion in Reflexionen zur Chancen- und Bedarfsgerechtigkeit.

Es schließt sich in Kapitel 6 eine kritische Analyse der Entwicklung des Ungleichheitsvokabulars im politikberatenden Teildiskurs an. Interessanterweise werden dafür die Gutachten des Sachverständigenrates herangezogen. Eine Schlussfolgerung ist bspw., dass soziale Ungleichheit in der Gesundheit in den Wissenschaften ein heuristisches Konzept darstellt.

In der logischen Konsequenz fügt sich in Kapitel 7 eine Erörterung der Ungleichheit im politischen Teildiskurs an. Mit diesem Kapitel wird verdeutlicht, dass Ungleichheit in der politischen Debatte auch unabhängig von Gesundheit benutzt wird und unterschiedlichen Deutungsmustern folgt.

In Kapitel 8 wird die Verantwortung für Ungleichheit reflektiert. In diesem kommt der Autor auf die Schlussfolgerung, dass die hybride Subjektformation ein drittes stabiles Muster zur Entwicklung von sozialer Ungleichheit in der Gesundheit darstellt. Damit wird angenommen, dass Gesundheit und Krankheit sowohl auf das Verhalten von Individuen als auch auf den Einfluss kollektiver Subjekte zurückzuführen ist.

In Kapitel 9 werden die vorgeschlagenen und diskutierten Lösungen zur Behebung der sozialen Ungleichheit in der Gesundheit erläutert. Es finden sich darin Lösungen der Verhaltens- wie Verhältnisprävention, wie bspw. Nivellierung der gesellschaftlichen Strukturen oder Adjustierung gesellschaftlicher Strukturen, Entwicklung und Umsetzung settingbezogener Ansätze, Maßnahmen zur Kontrolle von Versicherten durch Selbstbeteiligung u.w.m.

Das vorletzte Kapitel 10 beinhaltet das Fazit der Studie. Die diversen in der Publikation entwickelten Deutungsmuster werden zusammengefasst in die historische Entwicklung der letzten Jahrzehnte gebracht.

In Kapitel 11 wird das Thema des Buches „Die Verwaltung sozialer Ungleichheit“ diskutiert. Der Autor postuliert bspw., dass in Deutschland überwiegend die Sozialisierung von Ungleichheit zur Anwendung gekommen ist. Eine weitere Strategie ist die Medikalisierung des Gesundheitswesens und die Individualisierung, d.h., Stärkung und Betonung der Eigenverantwortung für Gesundheit. Der Autor schließt mit der Analyse ab, dass die Geschichte des Wissens um soziale Ungleichheit in Gesundheit, die Notwendigkeit der Sozialisierung von Ungleichheit und eine ergänzende Umverteilung und gleichstellender Bildung von großer Bedeutung seien, da ansonsten eine soziale Ungleichheit in der Gesundheit zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft führt. Er konstatiert, dass seine Analyse vier wesentliche Punkte aufzeigt:

  1. im Verständnis von sozialer Ungleichheit in Gesundheit ist es zu einem sprachhistorischen Wandel hinsichtlich der Deutungsmuster gekommen,
  2. dieser hat wiederum einen Einfluss auf den wissenschaftlichen, politikberatenden und politischen Teildiskurs,
  3. eine rückwirkende Beeinflussung auf die wissenschaftliche Konstruktion von sozialer Ungleichheit in Gesundheit findet statt und
  4. in diesem Kontext erfolgt eine Verwaltung der sozialen Ungleichheit in Gesundheit.

Diskussion und Fazit

In der vorliegenden Publikation wird eine umfassende Diskussion zur Begrifflichkeit der sozialen Ungleichheit in der Gesundheit in Deutschland vorgelegt. Die Untersuchung der Fragestellung und der Thematik liegt eine umfangreiche Analyse zahlreicher diverser Quellen zugrunde. Insgesamt folgt diese Publikation dem Aufbau und dem Duktus einer wissenschaftlichen Dissertation, sodass sie einem schnellen Leser oder einer schnellen Leserin, die sich über soziale Ungleichheit in der Gesundheit informieren möchte, nicht zu empfehlen ist.

Die Arbeit geht sehr eindrücklich auf die Wirkgeschichte und Deutungsmuster in den diversen gesellschaftlichen und politischen Ebenen ein, sodass aus historischer und gesundheitswissenschaftlicher Perspektive diese Veröffentlichung sehr empfehlenswert ist. Es wird deutlich, dass soziale Ungleichheit in der Gesundheit ein heuristisches Konzept darstellt, das immer wieder unterschiedlichen Entwicklungen abhängig von politischer und gesellschaftlicher Lesart und ökonomischen sowie rechtlichen Bedingungen unterliegt. Es wurde nie eine operationalisierbare Definition von sozialer Ungleichheit in Gesundheit entwickelt, die bspw. für die diversen Sachverständigengutachten und anderen wissenschaftlichen Erörterungen und Analysen zugrunde gelegt worden wäre. Dabei scheint das Konstrukt „Gerechtigkeit“ und der „Eigenverantwortung“ ein ständiger impliziter Begleiter der sozialen Ungleichheit in der Gesundheit zu sein, ohne dass die Interdependenzen herausgearbeitet werden.


Rezensentin
Prof. Dr. rer.medic. Martina Hasseler
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/pws/hasseler/index.html
E-Mail Mailformular


Alle 25 Rezensionen von Martina Hasseler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martina Hasseler. Rezension vom 13.08.2018 zu: Sebastian Kessler: Die Verwaltung sozialer Benachteiligung. Zur Konstruktion sozialer Ungleichheit in der Gesundheit in Deutschland. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-16443-0. Reihe: Theorie und Praxis der Diskursforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24372.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung