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Birgit Theresa Koch (Hrsg.): Junge Flüchtlinge auf Heimatsuche

Cover Birgit Theresa Koch (Hrsg.): Junge Flüchtlinge auf Heimatsuche. Psychosoziales und pädagogisches Handeln in einem sensiblen Kontext. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 282 Seiten. ISBN 978-3-8497-0209-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit.
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Thema

Die Autorin greift das Thema minderjähriger und junger volljähriger Flüchtlinge auf, die als Unbegleitete aus Krisen- und Kriegsregionen kamen. Es ist mindestens seit 2015 eine brisante Angelegenheit, das Jugendämter und betreuende Einrichtungen vor ganz neue Herausforderungen stellt.

Herausgeberin

Herausgeber des Bandes ist Birgit Theresa Koch, Diplom Psychologin und Lehrtrainerin für Systemische Beratung und Therapie in Zell (Mosel).

Aufbau, Geleitwort und Einführung

Das Buch ist neben einem Geleitwort von Kurt Ludewig und einer kritischen Einführung in sechs Teile mit Kapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im „Geleitwort“ wird betont, dass Thema nur systemisch bearbeitet werden könne, denn es handele sich um ein kompliziertes Zusammentreffen inhomogener Systeme und zwar insofern – eine alles andere als homogene Gruppe der angekommenen Fremden trifft auf eine ebenso inhomogene Gruppe der Einheimischen. Zwei „black boxes“ versuchen, möglichst gut miteinander zu leben (S. 11).

Migration und Integration – Eine kritische Einführung“ ist das auf die folgenden Ausführungen vorbereitendes Kapitel von der Herausgeberin Birgit Theresa Koch. Es beginnt mit einem kurzen historischen Überblick der Migrationsbewegungen und es wird in die folgenden Kapitel eingeführt.

Zu Teil 1

Teil I „Systemisches Wissen und Handeln – Chancen psychosozialer Beratung und traumsensibler Arbeit mit jungen Geflüchteten“ beginnt mit einem Kapitel von Esther Kleefeldt „Wissen vom eigenen Nichtwissen – Herangehensweisen, Handlungsmöglichkeiten und Hürden in Beratung und Therapie junger Flüchtlinge“. Dieser Beitrag beschreibt die Arbeit insbesondere mit unbegleiteten Minderjährigen und verdeutlicht, wie differenziert die Angebote wirken und angenommen werden (. 34 ff). Einige systemische Herangehensweisen und Methoden hätten sich besonders bewährt – eine wertschätzende Haltung einnehmen, das Reframing und zirkuläres Fragen.

Das zweite Kapitel von Alexander Korittko verfasst „Flucht, Trauma und Chancen der Genesung“ setzt sich mit traumatischen Ereignissen von Geflüchteten auseinander. Als Folge von Gewalterfahrungen erlebten wir vor allem zwei Zustände: emotionale Übererregung oder emotionale Erstarrung (S. 53). Traumatisierte benötigten positiv bewertete Erlebnisse, körperliche Aktivitäten, ein sicheres Umfeld und stützende Beziehungsangebote.

Zu Teil II

Teil II „Zusammenleben – Schutzraum Jugendhilfe und Familie“ wird mit einem Kapitel von Benjamin Bulgay „Mit Herz und Hirn – Systemische Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern (UMAs) im Rheingau – Taunus – Kreis“ eingeleitet. Der Autor zieht nach sechs Monaten Zusammenarbeit mit UMAs nach dem Konzept des systemisch – interkulturellen Ansatzes eine Zwischenbilanz. Er arbeitet heraus, UMAs seien in der Regel männlich, sind oft die einzigen Überlebenden ihrer Kernfamilie oder sie wurden von ihrer Familie auf die Flucht geschickt, weil den anderen Familienmitgliedern das Geld zum Verlassen fehle. Ihre traumatischen Erlebnisse, die von Einsamkeit, Verlassensein, Hunger, Gewalt bis zum Mord reichen, müssten sie in einem fremden Land allein verarbeiten.

Das vierte Kapitel ebenfalls von Benjamin Bulgay verfasst, beschäftigt sich mit der „Systemisch- interkulturellen Arbeit mit Flüchtlingsfamilien“. Letztere würden in einem „Schwebezustand“ leben, weil sie sich in einer fremden Umgebung mit einer eigenen Kultur befänden, deren Alltag von Angst geprägt sei (S. 81).

Peter Bünder, Annegret Sirringhaus- Bünder und Berhard Schumacher sind die Autoren von Kapitel fünf „Auf einem guten Weg – Integrationsmöglichkeiten für minderjährige Flüchtlinge durch engagierte Paten- und Pflegeeltern. Ein Erfahrungsbericht“. Sie verweisen auf die oft schwerfälligen Strukturen öffentlicher Jugendhilfeträger, die ungewollt eine gewisse Isolierung im Wohnheimkontext förderten, wogegen Paten in Form einer Familienunterbringung vielfältige Vorteile bieten würden.

Zu Teil III

Teil III „Kontexte – Interkulturelle soziale Arbeit und ihre Organisation“ beginnt mit Kapitel sechs „Interkulturelle soziale Arbeit braucht einen Rahmen – Die Gestaltung kultursensibler Dienste“. Die Autoren, Thomas Hegemann und Nicolas Grießmeier, berichten, wie inhomogen die Gruppe junger Geflüchteter ist (S. 110). Sie unterscheiden sich in ihren divergenten Lebenslagen (Schichtzugehörigkeit, Biografie, Ethnizität), durch ihre Migrationsgründe (Dauer der Flucht, diversen Traumen) und ihrer gegenwärtigen Lage im Zufluchtsland (Verwandte am Ort) sowie ob sie in einer Stadt oder im ländlichen Raum untergebracht sind. Letztlich käme es auf die Entwicklung kultursensibler Dienste an, wo sich unsere Werthaltungen und Ideen, wie ein gutes Leben aussähe, spalten.

In Kapitel sieben „Integration junger Geflüchteter und Zuwanderfamilien – Ein systemischer Blick auf eine gesamtstädtische Strategie“ werden von Birgit Averbeck uns Björn Enno Hermanns, die Herausforderungen mit Zuwanderung und Flucht, die auf eine Stadt zukommen, beschrieben. Es gehe hier insbesondere um integrierte Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen der Stadt und den Trägern. Vorhandene Strukturen müssten auf ihre Krisen Tauglichkeit und kurzfristige Änderung hin überprüft werden (S 137).

Auf die notwendige „Supervision von interkulturellen Teams in der Flüchtlingsarbeit“ wird im folgenden Kapitel von Dörte Foertsch verwiesen. Sie beschreibt ihre eigenen Erfahrungen, dass es notwendig sei in der Supervision, einen Kreislauf permanenter Getriebenheit zu durchbrechen. Supervision ermögliche, negative Konnotationen von Vorurteilen in eine Haltung der Neugier zu verändern.

Zu Teil IV

Im Teil IV „Engagement – Paten und andere Wegbegleiter“ folgen die Kapitel neun bis elf. Kapitel neun „Parcours Plus – Paten und Wegbegleiter für junge Geflüchtete“ von Anne -Katharine Hein und Maunira Ammar geschrieben, widmet sich ehrenamtlichen Mentoren, die junge Geflüchtete auf ihrem Weg in einem noch fremden Land begleiten. Auftretende Probleme sollten nicht als Defizite, sondern als Anlässe, Menschen zusammenzubringen, verstanden werden.

Johannes Holz verdeutlicht, was unter „Empowerment & Sharing – Begleitete Selbsthilfe unter geflüchteten Jugendlichen und Migranten“ zu verstehen ist (S. 170 ff). Hier geht es um die gemeinschaftliche Beratung und um Photovoice – zweier Methoden, die in interkulturellen Teams mit Erfolg angewendet werden.

Das letzte Kapitel dieses Teils von Corina Ahlers „Auf der Suche nach der gendervariablen Integration: Frauen- und Männerblicke auf den Prozess der Be-Heimatung zureisender Kulturen“ berichtet über eine Familie mit bikultureller Identität und deren Alltag im Zusammenleben mit zwei syrischen Gästen.

Zu Teil V

Im Teil V „Gemeinsames Lernen – Perspektiven für eine Zukunft in Europa“ beginnt mit einem Kapitel „Stiftung, Stadt und Land kooperieren: ‚angekommen in deiner Stadt‘ – Ein Modellprojekt für junge Geflüchtete und Zugewanderte“. Ulrike Naim beschreibt ein Projekt „Schulanaloger Unterricht für junge Flüchtlinge“ – ein Konzept eines durchlässigen Klassenstufensystems mit geringer Schülerzahl. Sie betont, dass wir uns es nicht leisten könnten, die Ressourcen der Neuankömmlinge ungenutzt zu lassen (S. 204).

Kapitel 13 „Tandem – Interkulturelles Lernen mit jungen Geflüchteten im universitären Kontext“ wurde von Elif Polat geschrieben. Sie arbeitet mit Studieninteressierten mit Fluchterfahrungen und Studierenden, die gemeinsam in dieser Lehrveranstaltung, ihre sprachlichen, persönlichen und interkulturellen Kenntnisse erweitern. Beide Gruppen würden aus einer anderen Perspektive das Leben in Deutschland kennen lernen.

Inge Missmahl und Sarah Ayoughi sind die Verfasserinnen des nächsten Kapitels „Psychosoziale Beratung von Geflüchteten für Geflüchtete – Ein Wissenstransfer von Afghanistan nach Deutschland“. Beide Autoren verweisen auf eine zwölfjährige Erfahrung psychosozialer Arbeit in Afghanistan und hatten das Anliegen, die Besonderheit ihres psychosozialen Beratungsansatzes zu analysieren, dessen zentrales Element die Wiederherstellung der Selbstwirksamkeit des Einzelnen sei. Anhand zwei Fallvignetten wird nach einer Anamnese der Ängste etc. die Hauptbeschwerde ermittelt, die drei Merkmale erfüllen sollte: Sie ist persönlich, ergibt Sinn und ist für den Klienten handhabbar und damit lösbar (S. 229 ff).

Zu Teil VI

Der letzte Teil VI ist mit dem Titel „Denkanstöße – Kritische Reflexionen und Empfehlungen“ überschrieben. Die beiden letzten Kapitel 15 und 16 wollen Denkanstöße für eine Weiterentwicklung der Migrationsforschung geben.

Norbert Frieters-Reermann ist der Autor von Kapitel 15 „Bildungs- und Sozialarbeit für/mit/von geflüchteten Menschen – Denkanstöße aus der Perspektive der kritischen Migrationsforschung“. Er resümiert, die Gesellschaften, die Pluralität und Diversität als Ressource und Potenzial und nicht als Risiko und Problem erkennen, scheinen in einer globalisierten Weltmigrationsgesellschaft am zukunftsfähigsten zu sein (S. 258).

Im letzten Kapitel „Mit ausländischer Hardware und deutscher Software“ ist Birgit Theresa Koch im Gespräch mit der Kabarettistin Idil Baydar. Geflüchtete und Zugewanderte wollen keine Abwertung ihrer Identität, sondern Anerkennung für das schon Bestehende, das Mitgebrachte bekommen. Der sehnlichste Wunsch aller Menschen auf der Welt sei, in Frieden miteinander zu leben, wir sollten lernen, die Unterschiede zwischen den Menschen nicht an ihren Werten zu messen.

Fazit

Es ist eine Publikation, die sich auf ein starkes Fundament verschiedenster Autoren in der Regel mit bikulturellem oder Migrationshintergrund gründet. Sie betrachten aus ihrer ganz spezifischen Sicht die Besonderheiten von Geflüchteten und Zugewanderten und versuchen, ihre Potenziale zu ergründen und neue Ansätze für die Arbeit mit ihnen zu entwickeln. Insofern gibt das Buch viele Anregungen, beschreibt differenziert und tiefgründig die Probleme, aber auch Ressourcen, die Fremde in Deutschland auf der Suche nach ihrer Identität und ihrer Selbstwirksamkeit vorfinden, und es erweitert den Blick für jeden Angekommenen und jeden, der hier lebt.


Rezensent
Diplom-Sozialpädagoge Stefan Thiele
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Zitiervorschlag
Stefan Thiele. Rezension vom 12.12.2018 zu: Birgit Theresa Koch (Hrsg.): Junge Flüchtlinge auf Heimatsuche. Psychosoziales und pädagogisches Handeln in einem sensiblen Kontext. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8497-0209-0. Reihe: Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24373.php, Datum des Zugriffs 20.04.2019.


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