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İlhan Kızılhan (Hrsg.): Psychische Störungen

Cover İlhan Kızılhan (Hrsg.): Psychische Störungen. Lehrbuch für die Soziale Arbeit. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. 293 Seiten. ISBN 978-3-95853-326-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Das Buch bezeichnet sich im Rückentext als „kompaktes und inhaltreiches Lehrbuch der Sozialen Arbeit“ (sic!), gemeint ist wohl „für die Soziale Arbeit“, mit dem Anspruch, zu Erscheinungsform, Behandlung und sozialpädagogischen Interventionsmöglichkeiten psychischer Erkrankungen einen „umfassenden Überblick“ zu liefern.

Herausgeber und Autoren

Bis auf den Herausgeber und Coautor eines Kapitels Jan Ilhan Kizilhan, einen Psychologen und Soziologen, der insbesondere als Autor von Publikationen zu kultursensibler Psychotherapie, die Menschen mit muslimischem, vor allem türkischem und arabischem Hintergrund adressiert, bekannt ist, werden die Autoren in keiner Weise fachlich und institutionell eingeordnet. Auch mit Online-Recherchen sind nur wenige Autoren zumindest mit Wahrscheinlichkeit identifizierbar (so hat das Kapitel über Sucht wahrscheinlich ein Allgemeinmediziner im Ruhestand, das über Schizophrenie der Leiter einer psychotherapeutischen Privatklinik verfasst. Es wäre Aufgabe des Verlages gewesen, die Autorenschaften transparent zu machen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt ohne Einleitung, Vor- oder Nachwort und gliedert sich in elf inhaltlich voneinander unabhängige Kapitel, von denen sich acht mit Störungsbildern, zwei mit übergreifenden Aspekten (Rehabilitation, Transkulturelle Aspekte) und eines mit Psychopharmakotherapie befassen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die Kapitel beziehen sich nicht aufeinander; die einzige inhaltliche „Klammer“ stellt der Rückentext dar, der die unbestrittene Tatsache feststellt, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit in Studium und Beruf mit psychisch erkrankten Menschen konfrontiert werden können.

Jedes der Kapitel enthält am Ende ein eigenes Literaturverzeichnis und eine „Take Home Message“, wobei letztere wie die jeweils vorangestellten „Lernziele“ in der Regel auf allgemeinbildendem Niveau verfasst ist und dem Anspruch eines „Lehrbuchs“ nur eingeschränkt gerecht wird.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass viele störungsbezogene Kapitel, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau, korrekte Informationen enthalten. Dies sollte selbstverständlich sein, verdient aber bei Werken, die sich an die Soziale Arbeit richten, sich aber mit außerhalb der Sozialen Arbeit liegenden, insbesondere empirisch-naturwissenschaftlichen, psychologischen und medizinischen Fragestellungen beschäftigen durchaus, explizit hervorgehoben zu werden.

Dies sei damit vorausgeschickt und soll in der Besprechung der Einzelkapitel nicht wiederholt werden; die Besprechung richtet sich damit auf jeweilige Besonderheiten, Stärken, aber auch Schwächen dieser Kapitel.

Das Kapitel 1, „Sucht und Suchterkrankungen“ befasst sich mit legalen wie illegalen, klassischen wie nicht-stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen und enthält wesentliche epidemiologische und substanzbezogene Informationen. Es stützt sich vor allem auf die Publikationen der DHGS und ist in diesen Passagen korrekt und aktuell.

Die Darstellung der historischen Entwicklung des Alkoholkonsums wirkt allerdings geradezu abenteuerlich (Die Industrialisierung erhöht Getreideüberschüsse, deswegen wird Schnaps gebrannt, die Arbeiter verelenden und werden zu Alkoholikern, wogegen die SPD und die Gewerkschaften Plakatkampagnen veranlassen…).

Im Abschnitt zu Cannabis werden teils nicht vergleichbare, teils einander widersprechende Daten zur Konsumhäufigkeit unkommentiert nebeneinandergestellt („4,6 % der Allgemeinbevölkerung konsumiert mindestens einmal jährlich Cannabis“, „Lebenszeitprävalenz für 18–25 Jährige beträgt 35 %“, „nahezu 50 % aller jungen Erwachsenen haben bereits Cannabis konsumiert“ S. 12/ S. 21); die Aussagen zur Frage der Entkriminalisierung des Eigenbesitzes sind wenig schlüssig („Legalisierung des Handels mindert den Reiz zum Konsum“).

Etliche Aussagen sind irreführend, teils gefährlichen Fehlschlüssen Vorschub leistend formuliert: eine „Niedrigdosisabhängigkeit“ wird nicht, wie der Autor impliziert, durch eine niedrige Zahl von Tabletten pro Tag, sondern durch die jeweils konsumierte Wirkstoffmenge definiert. Gamma-Butyrolacton als Prodrug/Vorläufersubstanz von Gamma-Hydroxybuttersäure ist nicht in gängigen Haushaltsreinigern, sondern in Lösungsmitteln enthalten.

Antabus (Disulfiram) ist keine medizinisch im allgemeinen unproblematische Anti-Craving-Substanz, sondern ein Aversivum mit dem Risiko erheblicher körperlicher Komplikationen. Wenn Antabus, wie vom Autor vorgeschlagen, zur „Trinkmengenreduktion“ eingesetzt würde, wären etliche Krankenhausnotaufnahmen vorprogrammiert.

Woher die Zahl stammt, dass 75 % der Betroffenen im Bereich illegaler Drogen vom deutschen Hilfesystem erreicht werden, bleibt offen.

Erfreulich ist, dass der Autor das wichtige Phänomen des persönlichkeitsstrukturellen „Herausreifens“ aus dem Konsum als wohl wichtigsten Grund langfristiger und stabiler Abstinenz überhaupt erwähnt; dieser Sachverhalt wird von professionellen Suchthilfeanbietern, da für das eigene Geschäftsmodell gefährlich, ja oftmals in toto verschwiegen. Ärgerlich dabei ist es allerdings, wenn der Autor prosoziale und positive individuelle Reifungsprozesse markierende Phänomene wie Interessen jenseits der Sucht und regelmäßige Erwerbstätigkeit als „Ersatzabhängigkeit“ brandmarkt.

Verzichtbar sind inhaltsarme Formulierungen wie „Suchtbehandlung ist durchaus erfolgreich, die Erreichungsquote bei Drogenabhängigen hoch, bei Alkoholabhängigen ausbaufähig“: Eine „Erreichung“ markiert keinen Nutzen (auch ein während der Behandlung verstorbener Tumorkranker wurde „erreicht“), jede „Erreichungsquote“ unter 100 % ist „ausbaufähig“.

Das Kapitel 2 widmet sich der Schizophrenie. Bedauerlicherweise enthält es neben vielen korrekten Wiedergaben z.B. diagnostischer Kriterien etliche Klischees, die in aktuellen Lehrbüchern keinen Platz mehr finden sollten. Es wird etwa behauptet, dass ein akut psychotisch erkrankter Mensch „in keiner rationalen oder organisierten Form denken“ könne; damit wird dem stigmatisierenden Mythos des „gefährlichen, unberechenbaren Irren“ Vorschub geleistet.

Schon zwei Sätze später formuliert der Autor dann aber mit einem Zitat von Bäuml, dass in der Erkrankung neben durch die Schizophrenie beeinflussten Aspekten eben auch „die gleiche Wahrnehmung von der Umgebung wie andere Menschen“ koexistiert.

Diese beiden inkompatiblen Aussagen finden sich bereits in der Einleitung, die erfahrungsgemäß als erste Orientierung zu einer Fachfrage dienen sollte, hier aber beim gewissenhaften Leser Desorientierung nach sich ziehen muss.

Mehr Verwirrung als Klarheit stiften auch Aussagen wie „Eine eindeutige Erklärung oder Ursache des Krankheitsbildes der Schizophrenie gibt es nicht, da sich hinter dem Störungsbild mehrere Krankheiten verbergen“ (S. 47). Welche sollen das sein? Zutreffend ist, dass individuell sehr unterschiedliche Symptome, Verläufe, Kausalketten vorliegen können. Das gilt für fast alle Erkrankungen vom grippalen Infekt bis zur Alzheimer-Demenz: dennoch verbergen sich dahinter nicht „mehrere Krankheiten“. Der Autor legt hier eine falsche Fährte, die er übrigens an keiner Stelle mehr aufnimmt.

Die vom Autor genannte „Virushypothese“ zur Verursachung der Schizophrenie ist nicht belegt; der gesamte Abschnitt 4.3., der mit der inhaltslosen Formel endet, dass „latente Infektionen mit atypischen Erregern nicht ausgeschlossen werden können“ (wenn die Infektionen latent sind, werden sie eben nicht entdeckt, wenn die Erreger atypisch sind, kennt man sie nicht oder sucht nicht nach ihnen) ist daher verzichtbar. Mit derselben Berechtigung könnte man auch formulieren „Die Verursachung der Schizophrenie als göttliche Strafe für begangene Sünden kann nicht ausgeschlossen werden“; die Nichtexistenz eines Phänomens zu beweisen, ist in der empirischen Wissenschaft kaum möglich.

Aussagelogisch sind auch Formulierungen wie „Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, weisen eine erhöhte Vulnerabilität auf“ im Abschnitt, in dem dargelegt werden soll, dass Vulnerabilität psychische Erkrankungen begünstigt, wenig weiterführend.

Die Ausführungen zur Psychopathologie referieren/paraphrasieren die ICD-Kriterien, auch hier wie an anderen Stellen des Buches bedauerlicherweise nicht erkennbar lektoriert und mit unvollständigen Satzfragmenten und syntaktischen Fehlern, die wohl beim „Copy and Paste“ übersehen worden sind (Vgl. S. 53: „Nach ICD 10 müssen die nachfolgenden Negativsymptomatik (sic! Richtig wäre „Negativsymptome“)… vorhanden sein:“ (es folgen Aufzählungen von Symptomen in Nominalphrasen nach Spiegelstrichen) „– Vernachlässigung der Körperpflege, – Verminderung der sozialen Leistungsfähigkeit vor. (sic! Hier wurde wohl aus einem anderen Text mit ganzen Sätzen kopiert), – Verminderung der nicht-verbale Kommunikationen…“ (sic! auch hier wieder Verletzung der Kongruenzregel)).

Die sozialmedizinisch, arbeitsrehabilitativ, langzeitprognostisch und damit aus Sicht von Fachkräften der Sozialen Arbeit besonders bedeutsame Negativsymptomatik wird zwar kursorisch zitiert, aber nicht im Zusammenhang dargestellt.

Im Anschnitt „Psychopharmakotherapie“ finden sich wieder schwere sinnentstellende, am ehesten auf ungenaues „Copy and Paste“ zurückzuführende Fehler: „Die der Neuroleptika sind im besten Fall zum einen die Minderung oder Beseitigung der psychotischen Symptome“ (sic!); es fehlt der entscheidende Begriff „therapeutische Funktion“ oder „erwünschte Wirkung“.

Kaum nachvollziehbar für ein an die Soziale Arbeit gerichtetes Werk ist das völlige Ignorieren/Verschweigen der Leistungsform „Soziotherapie“ nach § 37 SGB V, einer Leistungsform, die zwar von den gesetzlichen Krankenkassen durch restriktive Honorierung erheblich erschwert wird, in Modellversuchen aber eine Verbesserung der Lebensqualität und eine Senkung der Rehospitalisierungsrate erreichen konnte und die vor allem von Fachkräften der Sozialen Arbeit erbracht wird. Unter dem Begriff „Soziotherapie“ findet sich stattdessen eine heterogene Aufzählung von Behandlungsformen wie Ergo- und Arbeitstherapie, psychotherapeutischem Basisverhalten wie Hilfen bei der Tagesstrukturierung, diverser Arbeitsfördermöglichkeiten und Rehamassnahmen nach SGB IX, während die für schizophrene Menschen bedeutsamen Eingliederungshilfeleistungen nach SGB VIII und XII nicht erwähnt werden, aus diesen, nicht aus SGB-IX-Leistungen, werden Wohnheime, Tagesstätten, ambulante Hilfen finanziert.

Das Kapitel 3 befasst sich mit Depressionen. Es stützt sich in den Darstellungen zu Krankheitsbild im Wesentlichen auf das Standardwerk von Berger, wobei unklar ist, warum der Autor in dem ja 2018 erschienenen Buch eine „Berger“-Altauflage von 2012 zitiert bzw. paraphrasiert, statt sich auf die aktuelle Auflage zu beziehen. Die Darstellungen zu den Diagnosekriterien paraphrasieren die ICD-10.

Der Autor beklagt zwar zu Recht die Begriffsverwirrung um die „Nichtdiagnose“ Burn-Out, einem Phänomen, hinter dem sich tatsächlich gelegentlich eine Depression verbirgt, und stellt zu Recht auf S. 69 fest, dass „Burnout… keine seelische Erkrankung“ ist, bezeichnet Burnout aber schon auf der Folgeseite gleichberechtigt mit Depression als „psychische Erkrankung“ und löst diesen Widerspruch nicht auf.

Bei der Darstellung der Psychopharmakotherapie fehlen die Mittel zur Rückfallvorbeugung/ Phasenprophylaktika völlig; diese sind aber individualtherapeutisch und sozialmedizinisch von hoher Bedeutung. Stattdessen werden Benzodiazepine erwähnt: diese spielen allerdings keine Rolle in der spezifischen Pharmakotherapie der Depression.

Die innere Kapitelgliederung ist verwirrend und unlogisch: Psychopharmakotherapie ist eine Somatotherapie (biologische Behandlung), wird in dem Abschnitt 8.4 zur Somatotherapie aber nicht erwähnt, sondern hat einen eigenen Abschnitt 8.3, im Kapitel „Somatotherapie“ dagegen werden unter 8.4.5 definitiv nicht-somatotherapeutische Interventionsformen wie Sport, Entspannungsverfahren, Kunst- und Musiktherapie erwähnt.

Insgesamt stiftet das Kapitel trotz vieler einzelner korrekter Informationen wegen erheblicher Auslassungen und logischer Fehler mehr Verwirrung als Klarheit, es kann eigentlich nur von ausgebildeten Psychiatern ohne Schaden gelesen werden.

Das Kapitel 4 zu „Angststörungen“ benennt gleichberechtigt psychodynamische und lernpsychologische Theorien zu Angsterkrankungen, obwohl empirisch vor allem letztere belegt sind, und enthält einen langen Exkurs zum Phänomen „Stress“, der, wie die Autorin am Abschnittsende zu Recht feststellt, aber spezifisch mit Angst nichts zu tun hat. Dies gilt analog für den kürzeren Abschnitt zur Resilienz. Die Funktion des Exkurses bleibt daher schleierhaft; beide Abschnitte hätten in ein Kapitel zu allgemeinen Konzepten psychischer Erkrankungen gehört, das dem Buch allerdings fehlt.

Im Therapiekapitel fehlt die Darstellung des Wissensstands zu wirksamen Verfahren; die Karikatur der Verhaltenstherapie als bloßer „Symptomreduktion“, der gegenüber die psychodynamische Therapie eine „tiefergehende, grundlegende Behandlung“ der Problematik darstellt, kann bei Studierenden und Fachkräften der Sozialen Arbeit, die über keine ergänzenden psychologischen und psychotherapeutischen Fachkenntnisse verfügen, zu erheblichen Fehleinschätzungen und damit z.B. auch zu schwerwiegenden Fehlberatungen von Klienten führen.

Dies gilt auch für den am Ende des Abschnittes 8.6 „Pharmakotherapie“ konstruierten Pseudo-Gegensatz zwischen Pharmako- und Psychotherapie.

Kapitel 5 behandelt die posttraumatischen Belastungsstörungen, ist erfreulich klar, kompakt und fachlich korrekt formuliert. Es hebt sich positiv von den anderen Kapiteln ab, denen dieselbe Qualität zu wünschen gewesen wäre.

Kapitel 6 befasst sich mit somatoformen Störungen; auch dieses Kapitel stellt den aktuellen Wissensstand korrekt dar. Es kann mit seinen zutreffenden Empfehlungen zum Umgang mit Patienten, die an somatoformen Störungen leiden, aber eher für die Sensibilisierung von Hausärzten und anderen medizinischen Primärversorgern dienen; der Bezug zu den meisten sozialarbeiterischen Rollen und Tätigkeitsbereichen wird nicht ganz klar. Dennoch ist die Lektüre z.B. für Fachkräfte in der allgemeinen Sozialberatung, in der Kliniksozialarbeit und Arbeitsrehabilitation gewinnbringend.

Kapitel 7 widmet sich den Essstörungen Anorexie, Bulimie und Binge-Eating-Disorder. Auch dieses Kapitel ist präzise formuliert und aktuell; was allerdings fehlt, ist der Hinweis auf die Rolle von problematischen Internetforen wie Pro-Ana und ähnlichen, die eine zunehmende Rolle bei der Selbstaufwertung, der positiven Umbewertung und der Störungsaufrechterhaltung bei Menschen mit Anorexie einnehmen; da dort auch Techniken zur Manipulation von Gewichtsmanagementprogrammen, zum Täuschen von Therapeuten und zu hochriskanten „Mutproben“ im Wettlauf um den niedrigsten Body-Mass-Index ausgetauscht und verbreitet werden, sollten Fachkräfte der Sozialen Arbeit hiervon wissen. Dies gilt insbesondere darum, weil nach der derzeitigen Fassung des Psychotherapeutengesetzes Absolventen der Sozialen Arbeit ggfs. nach einem Masterstudium die Approbationsausbildung zu Kinder- und Jugendlichentherapeuten anschließen können und in dem Altersbereich bis zum 21. Lebensjahr ja die meisten Essstörungen beginnen und behandelt werden.

Kapitel 8 beschreibt die „Borderline-Persönlichkeitsstörung“; ein Lehrbuch sollte allerdings eher den korrekten Begriff der „emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ“ verwenden.

Der Autor stützt sich fast ausschließlich auf psychoanalytische Konstrukte und Theorien zur Entstehung der BPS, argumentiert im Wesentlichen mit Kernberg. Das ist zwar theoretisch interessant, blendet aber sämtliche lernpsychologischen Erkenntnisse aus. Hingegen stellt das Therapiekapitel zutreffend die Wirksamkeit neuerer, vor allem kognitiv-lernpsychologisch begründeter Behandlungsformen wie der dialektisch-behaviouralen Therapie, der Mentalisierungsbasierten Therapie und der Schematherapie dar.

Was fehlt, ist eine Beziehungssetzung zu den anderen, verwandten Persönlichkeitsstörungen des „Cluster B“, nämlich den histrionischen, narzisstischen und dissozialen; Menschen mit diesen Persönlichkeitsstörungen weisen ja phasenweise sehr ähnliche Problemverhaltens-weisen auf und sollten Fachkräften der Sozialen Arbeit ebenso bekannt sein.

Kapitel 9 ist mit „Rehabilitation bei Psychischen Störungen“ betitelt und liefert einen kompakten Überblick über Konzepte, rechtliche Regelungen und Institutionen in Deutschland. Es greift hier bezogen auf psychische Erkrankungen fachliche Kernbestände der Sozialen Arbeit auf; hervorzuheben ist der Verweis auf das Case Management.

Kapitel 10, das der Herausgeber mit einer Coautorin verfaßt hat, widmet sich „transkulturellen Aspekten von psychischen Erkrankungen und Psychotherapie“. Die Ausführungen sind, wie bei der unzweifelhaften Expertise des Herausgebers in diesem Gebiet nicht anders zu erwarten, aktuell und auch sprachlich gelungen.

Allerdings beschränkt sich das „Transkulturelle“ nahezu ausschließlich auf traditionell muslimische, vor allem arabische oder türkische Populationen, die von den Autoren zutreffend als „patriarchalisch-religiös“ bezeichnet werden; die soziologischen Ausführungen beziehen sich auf die klassische, vor allem türkische Historie der ehemaligen „Gastarbeiter“ und deren Folgegenerationen. Diese Gruppen stellen zweifellos quantitativ im Versorgungssystem der Bundesrepublik die bedeutsamsten Populationen dar; Kenntnisse sind daher unverzichtbar. Transkulturalität hat aber noch wesentlich mehr Facetten: eine hochgebildete säkular orientierte iranische Migrantin, die gerade vor dem traditionalistisch-religiösen Regime der Mullahs in den liberalen Westen geflohen ist und mit ihrem Leistungsideal an deutscher Berufsanerkennungsbürokratie scheitert, wird sich hier ebensowenig wiederfinden wie Migranten aus Westafrika oder Ostasien.

Die von den Autoren genannten „kulturspezifischen Syndrome“ wirken beliebig, beziehen sich ebenfalls auf den arabisch-türkischen Raum, allenfalls noch auf den Balkan, wären aber z.B. für Menschen aus Ostasien ebenfalls nicht zutreffend.

Die Ausführungen zur medizinischen Behandlung sind ähnlich wie die im Kapitel über somatoforme Störungen eher so gestaltet, dass sie von Hausärzten gelesen werden sollten.

Das letzte Kapitel „Psychopharmaka“ ist sehr kompakt gefasst, gut ist der Hinweis auf Angehörigen- und Patientenliteratur. Hier werden auch die im Depressionskapitel unterschlagenen Rezidivprophylaktika erwähnt. Der Vollständigkeit halber hätten allerdings auch noch Demenzmedikamente und Mittel zur Dämpfung des Sexualtriebs, vor allem aber Stimulantien und andere Substanzen zur Behandlung von ADHS erwähnt werden müssen.

Formale Aspekte

Das Buch trägt den Charakter einer Sammlung von Seminarskripten; eine inhaltliche Klammer ist nicht erkennbar. Bedauerlicherweise wurden die Kapitel nicht einmal nummeriert, dagegen aber jeweils kapitelintern tief gegliedert, was die praktische Arbeit und das gezielte Auffinden von Passagen erschwert.

Die Kapitel bestehen aus teils von einem einleitenden „Grundlagentext“ eingeleiteten, oftmals unverbundenen Absätzen zu Einzelaspekten der besprochenen Krankheitsbilder.

Sprachlicher Duktus und fachliches Niveau unterscheiden sich von Kapitel zu Kapitel massiv; ein gemeinsames Lektorat ist nicht erkennbar.

Dies mag auch den teilweise sehr sperrigen, zudem beliebig wirkenden Umgangsweisen mit dem grammatischen Genus zur Kennzeichnung des biologischen Sexus (umgangssprachlich „Gendern“) zugrunde liegen: einmal sprechen die Autoren von Sozialarbeiterinnen/Sozialarbeitern, dann wieder synonym von „Tätigen im sozialen Beruf“ (wobei man vielen Professionen jenseits der Hochschulabsolventen mit Fachrichtung „Sozialarbeit“ den Charakter eines „sozialen Berufs“ zuschreiben kann; eine Monopolisierung wäre grob unangemessen), dann von „Sozialarbeitenden“ etc.. Während Fachkräfte der Sozialen Arbeit wie auch „Klientinnen und Klienten“ aus Sicht der Autoren wohl zumindest in zwei biologischen Geschlechtern existieren (oder auf was wollen sie damit hinweisen?), tauchen „Psychiater“ ausschließlich im männlichen Genus auf. Wenn die Autoren mit dem wenn auch unsystematischen „Gendern“ biologischen Sexus und grammatisches Genus assoziieren wollen, ist die Frage, was sie dann mit der kompletten Vernachlässigung weiblicher Fachärzte für Psychiatrie ausdrücken wollen.

Zudem weist das Buch eine vielleicht gerade noch für informelle Vorlesungsskripten, aber keinesfalls für ein Fachbuch akzeptable Zahl von sprachlichen Fehlern aller Art auf. Insbesondere sind Syntax und Interpunktion betroffen, auch Trennung und Setzen von Klammern, An- und Abführungszeichen sind oft fehlerhaft. Zitiert sei hier exemplarisch eine Passage auf S. 59: „Hierzu zählen Maßnahmen, wie: – Psychoedukation: die Betroffenen zu „Expertinnen und Experten ihrer Erkrankung“ machen, d.h. sie über das Krankheitsbild und die Behandlung informieren; dies geschieht meist anhand mehrerer Gruppentherapiesitzungen; Den Ergebnissen einer Übersichtsarbeit von Pekkala und Merinder (2002) zufolge, verringert Psychoedukation die Rückfallrate und die Häufigkeit der Wiederaufnahme in der Klinik“ (sic!)

Alleine in dieser Passage finden sich drei Interpunktionsfehler, eine falsche Großschreibung, ein fehlender Punkt am Satzende und eine höchst fragwürdige, nicht einmal im Gesprochenen vertretbare Syntax.

Auch das Layout erscheint streckenweise unkorrigiert. Es fallen etliche nicht indizierte Umbrüche auf, die Abstände zwischen gleichgeordneten Absätzen sind unterschiedlich groß.

Fazit

Das Buch enthält eine Fülle kompakter, weit überwiegend Elemente des aktuellen Wissensstands wiedergebender Darstellungen zu einigen häufigen psychiatrischen Krankheitsbildern. Die jeweiligen Kapitel unterscheiden sich allerdings sehr in Qualität, Ausdruck, Darstellung und Durchdringungstiefe.

Die Auswahl und Reihung der besprochenen Krankheitsbilder erscheint beliebig; die Demenz als bevölkerungsmedizinisch wichtige psychische Erkrankung fehlt vollkommen. Aber auch AD(H)S, Zwangs- und tiefgreifende Entwicklungsstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen jenseits von „Borderline“ hätten berücksichtigt werden sollen. Die Kapitel zu Sucht, Schizophrenie und Depression fallen deutlich ab, in geringerem Maße auch das zur Angst, das Kapitel zur Psychopharmakotherapie ist unvollständig, das an sich spannende Kapitel zu transkulturellen Aspekten widmet sich fast ausschließlich einer einzigen, wenn auch quantitativ in Deutschland äußerst bedeutsamen Herkunftskultur.

Inhaltlich sind vor allem in den Kapitel Sucht, Schizophrenie und Depression etliche unlogische, einander widersprechende Aussagen zu bemängeln, dazu kommt eine Fülle von fachlichen Einzelfehlern, die nur mit vertieften Kenntnissen, die für Leser eines Einführungswerks gerade nicht vorausgesetzt werden können, als solche erkannt werden können. Sie bergen in einem Buch für Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit erhebliche Risiken für Missverständnisse, die Verfestigung von populärpsychologischen Stereotypen und letztlich auch der Fehlberatung von Klienten.

Zudem sollte ein „Lehrbuch“ im deutschen Sprachraum auch zumindest eine kurze psychiatriehistorische Darstellung mit den Stichworten Wechsel vom religiösen zum medizinisch-wissenschaftlichen Paradigma, Sozialpsychiatrie, Missbrauch der Psychiatrie im Nationalsozialismus und anderen totalitären Systemen, Psychiatrie-Enquete und Dezentralisierung der Versorgung enthalten.

Die enthaltenen Materialien vermitteln den Eindruck, aus einem Vorlesungsskript zusammengestellt worden zu sein; für den Charakter eines „Lehrbuchs“ fehlen formal unter anderem eine die Abschnitte verbindende „Klammer“, ein gemeinsames Verständnis und Verweise auf die jeweils anderen Kapitel.

Einer Neuauflage wären daher eine thematische Komplettierung, eine Harmonisierung der Kapitel weg von separaten Vorlesungsskripten hin zu einem abgestimmten Lehrbuchkonzept und vor allem ein fachliches wie formales Lektorat zu empfehlen; hier ist der Verlag bedauerlicherweise seiner Verantwortung für sprachliche Richtigkeit und redaktionelle Qualität, der Herausgeber der für inhaltliche Stimmigkeit nur unzureichend nachgekommen.


Rezensent
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
Politikwissenschaftler (M.A.) und Mediziner (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Öffentliches Gesundheitswesen, Umweltmedizin), Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft und Sozialmedizin, Leiter des Masterstudiengangs Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework) - Psychosoziale Hilfen für gesundheitlich gefährdete, erkrankte und behinderte Menschen, Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Münster.
Mitglied der „Drafting Group for the elaboration of the Additional Protocol on the protection of human rights and dignity of persons with mental disorders with regard to involuntary placement and treatment“ des Europarats zur Ovideo-Konvention.
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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 08.08.2018 zu: İlhan Kızılhan (Hrsg.): Psychische Störungen. Lehrbuch für die Soziale Arbeit. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. ISBN 978-3-95853-326-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24375.php, Datum des Zugriffs 17.08.2018.


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