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Gerhard Drees, Kira Nierobisch (Hrsg.): Bildung und gesellschaftliche Transformation

Cover Gerhard Drees, Kira Nierobisch (Hrsg.): Bildung und gesellschaftliche Transformation. Analysen - Perspektiven - Aktion. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 206 Seiten. ISBN 978-3-8340-1756-7. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Reihe: Transfer - Band 14. Ludwigsburger Hochschulschriften.
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Thema

Aus unterschiedlichen Perspektiven wird im vorliegenden Buch der Zusammenhang von gesellschaftlicher Transformation und Bildung thematisiert. Transformation wird dabei als Prozess und Ergebnis der Veränderungen von Gesellschaften verstanden. Die in diesem Buch versammelten Artikel gehen vorwiegend zurück, die im Rahmen einer Ringvorlesung „Bildung und gesellschaftliche Transformation – Analysen. Perspektiven. Aktion“ an der Päd. Hochschule Ludwigsburg veranstaltet wurde. Die Intention dieser Vorlesungen war: Auf der Grundlage einer kritischen Analyse der Bildungsrealität nach den Möglichkeiten von Bildung zu fragen und somit zu einer demokratischen Transformation der Gesellschaft beizutragen. Den beteiligten Studierenden wurde damit die Möglichkeit geboten ihre bildungstheoretische und bildungspolitische Standpunkte weiterzuentwickeln und gleichzeitig Erfahrungen mit Veranstaltung im erwachsenenpädagogischen Bereich zu reflektieren und zu bilden.

AutorInnen und HerausgeberInnen

Zu den AutorInnen bzw. HerausgeberInnen hier nur kurz deren Standpunkte zur Bildungspolitik

  • Wolfgang Fritz Haug lotet die Konsequenzen aus, die der „Hightech-Kapitalismus“ vorantreibt und welche wie bewusste Menschen Bildung diesen Widerspruch aufgreift.
  • Ludwig Pongratz umreißt mit seinem Text den gesellschaftlichen Transformation Prozess und thematisiert Konsequenzen für den Bildungsbereich.
  • Erich Ribolits steht dafür, dass organisiertes Lernen sich an der Gestaltung einer humanen Gesellschaft beteiligen muss
  • Eva Borst analysiert den Begriff des Lebenslangen Lernens. Dabei steht im Zentrum ihrer Analyse die kybernetische Steuerung der Menschen
  • Armin Bernhard thematisiert das Verhältnis von Bildung und Gesellschaft aus Sicht einer kritischen Theorie der Bildung und wie diese als Werkzeug der Macht genutzt wird.
  • Gerhard Drees fragt nach den Wirkungsmöglichkeiten von Bildung, die Emanzipation als Ergebnis erzwungener gesellschaftlicher Veränderungen im Blick behält.
  • Ingeborg Schüßler legt mit dem Konzept „Lernkultur der Achtsamkeit“ vor, das eine praktische Umsetzung im Kontext des Studiums erwünscht ist.
  • Kira Nierobisch knüpft an aktuelle Identitätskonzepte der Späten Moderne an und verweist auf die humanen Grundvoraussetzungen.

Auf den Seiten 203–204 werden die Autoren entsprechend mit Ihrem beruflichen Hintergrund vorgestellt.

Entstehungshintergrund

Das Kolloquium Erwachsenenbildung an der PH Ludwigsburg, das seit 2005 besteht, versteht sich als ein Forum für die intensive Auseinandersetzung mit speziellen Themen aus der Erwachsenenbildung, wobei der Theoriendiskurs und die Bildungspolitik im Mittelpunkt stehen. Mit Veranstaltungsprojekten, worunter auch Ringvorlesungen zu verstehen sind, wenden sich die Mitglieder des Kolloquiums an die Öffentlichkeit.

Aufbau

Obwohl jeder Vortrag für sich steht, kann der Leser einen Aufbau der acht Vorträge feststellen. Eingestiegen wird mit der Menschen Bildung in Zeiten des „Internets der Dinge“ und es wird sich im weiteren Verlauf mit der Frage auseinandergesetzt, warum Bildung bei der Überwindung der Machtverhältnisse nicht hilft. Der Schluss des Vorträge widmet sich den Herausforderungen der Erwachsenbildung und fragt nach der Entbindung von Solidarität.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden sollen exemplarisch drei Beiträge näher inhaltlich dargestellt werden:

Begonnen wird mit dem Vortrag „Menschenbildung in Zeiten des ‚Internets der Dinge‘“ von Wolfgang Fritz Haug, der über die Historie der Menschenbildung zur Bildungsmacht der Kybernetik vordringt, wobei der abschließend die Frage offenlässt, ob die digitale Kommunikation zu einer „Schwarmdummheit“ oder zur „Schwarmintelligenz“ führt. Handlungsfähigkeit ist die Schlüsselfrage der Bildung und bedeutet das Pädagogik wirken muss und auch Widerstand leisten sollte, um bald über die vernetzten Dinge der Menschen, Einhalt zu gebieten. Konkret wird von der Pädagogik des Widerstands gesprochen.

In dem Beitrag von Eva Borst mit dem Titel „Lebenslanges Lernen als Herrschaftstechnologie – Zum Wert einer kritischen Bildung“, wird mit dem Titel als Provokation begonnen. Borst begründet dies damit, dass die Deutungshoheit über das was Lernen sein soll, in den Händen der Wirtschaft liegt und von der OECD und der Europäischen Kommission durchgesetzt wird. Dabei ist Bildung und lernen nicht differenziert, sondern ein und dasselbe. Dabei wird seit den 1990er Jahren das informelle lernen in den Blick genommen und auf Verwertung herabgewürdigt.

Dabei wird deutlich das lebenslanges Lernen versucht die psychosoziale Entwicklung des Menschen zu kontrollieren und ihn entsprechend den Anforderungen der Wirtschaft zu modellieren.

Zwei Thesen werden aufgezeigt, die für das Verständnis dieses Diskurses wichtig sind:

  • Geschichtsvergessenheit: Der Bildungskanon wird aus dem Gedächtnis getilgt, so das der Lehrgegenstand weder historisch-gesellschaftlich eingeordnet noch nach seinem Bildungsgehalt beurteilt werden kann.
  • Geschichtslosigkeit: Wir münden in ein Zeitalter ein, das dem flüchtigen Effekt der Gegenwart verfallen ist (siehe Seite 72)

Diese Instrumentalisierung von Bildung im Bildungssystem degradiert das Individuum zur Humanressource. Wenn Bildung darauf reduziert wird nur noch nach ökonomischen Erfolg einer Volkswirtschaft Geltung zu erhalten, dann verändern sich zugleich die Grundlagen der sozialen und gesellschaftlichen Praxis, sowie die sich darin ausdrückende Wertehaltung.

Ingeborg Schüßler geht in ihrem Beitrag mit dem Thema „Lernkulturen der Achtsamkeit – Herausforderungen an die Erwachsenenbildung/Weiterbildung“ auf die Steuerungsmechanismen – und Faktoren differenzierter ein.

Die verschiedenen Beschlüsse von Staats- und Regierungschefs z.B. Bologna-Reform zeigen, dass diese Entwicklung ein politisches Fundament bekommen hat. Dabei ist die Richtung klar: Wachstum und Innovation. Dadurch entsteht eine Veränderungsdynamik, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Der Druck auf den Einzelnen wächst durch die Vermischung von Arbeiten, lernen und Freizeit, dabei geht es nicht mehr um die Work-Life-Balance, da es keinen Rückzugsort, Erschöpfung wird in diesem Modell zum Gradmesser der eigenen Produktivität.

Die Achtsamkeit als pädagogische Kompetenz dient auch der Stressprophylaxe. Im weiteren Kapitel stellt Schüßler ein von Jon Kabat-Zinn Ender der 1970er Jahre entwickeltes Programm MBSR (Mindfulness Based Stress Reduktion) vor, das Veränderungen bei den Probanden aufzeigt, die diesen Kurs belegt haben. Dabei entwickelt sich wieder die positive Grundeinstellung zum Leben:

  • Dem Gefühl der Verstehbarkeit
  • Dem Gefühl von Handhabbarkeit und
  • Dem Gefühl von Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit.

Im Sinne einer emanzipatorischen Erwachsenenbildung bleibt immer noch die Frage offen, ob diese nachhaltig wirkt und wie Herausforderungen gemeistert werden können. Die Achtsamkeitspraxis ist damit ein Einüben von zutiefst demokratienährende Arbeit. Notwendig ist aber, dass sich Bildungsverantwortliche für eine „Lernkultur der Achtsamkeit“ sensibilisieren lassen um Möglichkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung und zum sozialen Austausch zu eröffnen.

Diskussion

Damit wird dargestellt, das die Aufgabe der Bildungstheorie und die Bildungsinstitutionen sich einer Kritik von Bildung und Lernen stellen müssen. Es gilt nach pädagogischen Wegen zu suchen, die in der Lage sind den Widerspruch zwischen der Bildung als Instrument und dem selbstbestimmten Leben zu suchen. Allerdings kann Bildung nicht das alleinige Instrument sein ein Gesellschaftsmodell kritisch zu hinterfragen. Die notwendige Konsequenz der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Realitäten muss also in absehbarer Zeit geführt werden, um nicht an die Undenkbarkeit von Veränderungen festzuhalten. Die Machbarkeit von Veränderungen als Effekt belebt Bildung und gibt dem Menschen Möglichkeiten über seine verhängten grenzen weiter zu denken. Damit wird Zukunft als offen und die menschlichen Geschicke als gestaltbar erlebt.

Diese Fragestellungen, die noch bei wenigen im Bildungsprozess tätigen Personen gedacht werden, führen letztendlich darauf zu, dass die strengen Lehrpläne und Kompetenzorientierungen die Menschen wieder in die Freiheit und in den Diskurs führen müssen. Sicherlich wird die Wirtschaft ihre Vormachtstellung in das lebenslange Lernen nicht einfach wieder aufgebe können, allerdings benötigt eine Gesellschaft Arbeitnehmer, die nicht durch Burnout und ähnliche Stressanzeichen lange aus dem Arbeitsprozess aussteigen müssen.

Fazit

Die verschiedenen Texte in der Veröffentlichung „Bildung und gesellschaftliche Transformation“, die kritisch eine Perspektive von Bildung und Ökonomie und deren Auswirkungen auf Menschen verdeutlichen, die schon im Kindergarten beginnen zeigt auf, dass mit der Auseinandersetzung mit diesem Thema sich eine innerliche Haltungsveränderung in der Erwachsenenbildung sich auswirken kann. Institutionalisierte Bildung als Ergebnis der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung muss darauf bedacht sein die Nutzung der menschlichen Bildungsfähigkeit auf eine demokratische Bildung zu lenken.

So lesen sich die Texte in der Zusammenschau oder einzeln als eine kritische Analyse der Bildungsrealität und den Möglichkeiten der demokratischen Transformation der Gesellschaft.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Evelin Steinke-Leitz
M.A. Erwachsenenbildnerin, Erzieherin
Dozentin an einer Fachschule für Sozialpädagogik und Fachschule für Organisation und Führung, Bruchsal
Honorardozentin an der Hochschule St. Gallen, Schweiz
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Zitiervorschlag
Evelin Steinke-Leitz. Rezension vom 15.08.2018 zu: Gerhard Drees, Kira Nierobisch (Hrsg.): Bildung und gesellschaftliche Transformation. Analysen - Perspektiven - Aktion. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1756-7. Reihe: Transfer - Band 14. Ludwigsburger Hochschulschriften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24378.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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