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Horst Lehner, Denise Vervoort: Das Interventionsbuch (Mobbing an Schulen)

Cover Horst Lehner, Denise Vervoort: Das Interventionsbuch. Mobbing an Schulen stoppen. Praxisbuch mit Kopiervorlagen und Downloadmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 158 Seiten. ISBN 978-3-407-63048-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Seitdem der aus Deutschland ausgewanderte schwedischen Arzt und Psychologen Heinz Leymann mit seinem 1993 in Deutschland veröffentlichten Buch „Mobbing: Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann“ [1] den Grundstock für die Mobbingforschung im deutschsprachigen Raum legte, entwickelte sich Forschung und Anwendung der Erkenntnisse in den hierfür relevanten Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens rasant – die Flut an Literatur ist heute kaum überschaubar. Insbesondere Arbeitsplatz und Schule rückten in den Focus zahlreicher Forscher und Forschungen – letzteres initiiert vom Schweden Dan Olweus, dessen Methoden der Gewaltprävention von Rainer Hanewinkel und Reimer Knaack 1997 für Deutschland evaluiert und weiterentwickelt wurden [2].

Mobbing zu erkennen, Hilfen anzubieten und geeignete Anti-Mobbing-Interventionen anzuwenden sind die vorrangigen Themen des Buches. Der Autor Horst Lehner arbeitete 13 Jahre als verdeckter Ermittler eines Innenministeriums, wechselte 2005 in die Schulsozialarbeit und konzentrierte sich seit einem Suizid eines seiner Schüler auf die praktische Arbeit im Bereich Mobbing an Schulen.

Das Buch basiert auf einem von ihm entwickelten gewaltpräventiven Schulprojekt, das er in über 1000 Schulklassen erfolgreich anwendete; seine Botschaft darin: Achtsamkeit und Mitgefühl

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist gegliedert in:

  1. Basiswissen
  2. Anti-Mobbing-Intervention
  3. Praktische Informationen
  4. Anhang

Im ersten Teil wird stark praxisorientiert Basiswissen vermittelt, ohne sich lange mit Diskussionen bereits vorhandener Mobbingdefinitionen oder gar deren Zitierungen aufzuhalten. Ausgehend vom eigenständigen Versuch einer Definition des Begriffes „Mobbing“, der Unterscheidung zum gewöhnlichen Konflikt und zum Cybermobbing (Kapitel 1.1) werden in guter persönlichkeitspsychologischer Manier Mobbingmotive (Kapitel 1.5) und Mobbinghandlungen (Kapitel 1.2) beschrieben, der gruppendynamische Prozess des Mobbens im Kapitel 1.3 (Rollen im Mobbingprozess) und 1.4 (Phasen im Mobbingprozess) dargestellt.

Der Rezensent hätte sich hier den einen oder anderen Verweis/Zitierung auf Fachliteratur/Autoritäten wie auch eine an psychologischer Systematik orientierte Abfolge der Kapitel gewünscht. Das Behalten wird erleichtert durch kurze Zusammenfassungen am Ende von Blöcken – leicht zu erkennen an einem Pfeil am Textrand; das Verständnis des Geschriebenen wird gefördert durch Fallbeispiele – ebenfalls leicht zu erkennen an einer dort platzierten Sprechblase.

Anti-Mobbing-Intervention ist der zweite Teil überschrieben, der das „Herzstück“ des Buches enthält, einen nach Einschätzung des Autors „… wirkungsvolle(n) und umsetzbare(n) Interventionsleitfaden zur Beendigung von Mobbingprozessen“ (S. 56).

Nach einer allgemeinen Einführung in die Anti-Mobbing-Intervention als vorrangig in der Schule durchgeführte Maßnahmen („Intervention zur Beendigung eines Mobbingprozesses bedeutet in erster Linie schulische Intervention“ S. 57) werden im Kapitel 2.1 schulische Zuständigkeiten und deren Regelung beschrieben. Einen Schwerpunkt dieses Kapitels stellt eindeutig die Auflistung von Erkennungsmerkmalen für Mobbing im schulischen Umfeld dar – alle scheinbar vom Autor in langjähriger Arbeit eigenständig erkannt und klassifiziert. In den folgenden beiden Kapiteln wird die vom Autor entwickelte Anti-Mobbing-Intervention Schule vorgestellt, differenziert zwischen der nicht offenen Anti-Mobbing-Intervention (Kapitel 2.2) – diese umfasst alle schulischen Interventionen im Vorfeld der Gespräche mit Mobbern und der offenen Anti-Mobbing-Intervention (Kapitel 2.3) – die eigentlichen Gespräche mit den Mobbern. In einer Schritt-für-Schritt-Anleitung werden hier Lehrern Methoden und Regeln zur Beendigung von Mobbingprozessen vorgestellt.

Im Fall einer möglichen Erfolglosigkeit beider Methoden geht der Autor im Kapitel 2.4 auf schulische Konsequenzen wie bspw. Klassenwechsel oder Schulwechsel ein, die seitens des Lehrers/der Schulleitung eingeleitet werden können

Neben der Schule sind auch außerschulische Systeme in einen Mobbingprozess involviert wie Eltern und Peergroups. Die Modalität der Einbeziehung beider Systeme in eine Anti-Mobbing-Intervention wird in den Kapiteln 2.5 und 2.6 mit unterschiedlicher Wichtung beschrieben.

Nützliche Informationen, die außerhalb des Systems „Schule“ relevant sein können für eine erfolgreiche Anti-Mobbing-Intervention wie bspw. das erfolgreiche Löschen von diffamierenden Einträgen in elektronischen Medien oder rechtliche Implikationen werden im 3. Teil unter der Überschrift „Praktische Informationen“ geliefert.

Die konsequent an praktischen Erfordernissen orientierte inhaltliche und formale Gliederung setzt sich im Anhang fort. Eine eher exemplarische Auswahl von Literatur theoretische und allgemeine Aspekte des Begriffs „Mobbing“ betreffend wird ergänzt durch Literaturtipps für Lehrer und Literaturtipps für den Unterricht. Zudem listet der Autor Kontaktadressen von Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf, die im Bereich Mobbing-intervention arbeiten mit dem Ziel einer Verbesserung der Situation der Betroffenen. Kopiervorlagen von Arbeitsblättern, die die im Teil 2 dargestellten Maßnahmen unterstützen, runden diesen Teil des Buches konsequent praxisorientiert ab.

Fazit

Das Buch eignet sich für im Bereich Schule arbeitende Personen wie Lehrer, Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen. Der Lesenden benötigt keine ausgewiesenen Kenntnisse im Bereich Psychologie oder Soziologie, um das Buch entsprechend nutzen zu können. Der Grund hierfür liegt in einer umfangreichen, praxisnahen und leitfadenorientierten Schritt-für-Schritt-Anleitung geeigneter Anti-Mobbing-Interventionen. Dieser aus der eigenen Erfahrung des Autors resultierende Vorteil ist aus meiner Sicht auch sein Nachteil: das Buch setzt eine intensive Beschäftigung mit den darin ausführlich und umfangreich beschriebenen Schritten und Prozeduren incl. Praxiserprobung für die erfolgreiche Anwendung voraus, ist also für Lehrer mit Leidensdruck oder einem großen Zeitbudget gedacht – der Schritt vom Konkreten zum Allgemeinen fehlt

Eine Verallgemeinerung im Sinne von Erstellen eines Ausgangsabstraktums würde die Anwendbarkeit des Buches für den mitdenkenden Pädagogen vereinfachen und die Übertragbarkeit auf nicht im Buch beschriebene Situationen ermöglichen.


[1] H.Leymann, Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann, 1 Rowohlt Taschenbuch 993.

[2] Hanewinkel, Reiner; Knaack, Reimer: Mobbing: Eine Fragebogenstudie zum Ausmaß von Aggression und Gewalt an Schulen. In: Empirische Pädagogik, 11 (1997) 3, S. 403-422


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Ehrsam
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Zitiervorschlag
Matthias Ehrsam. Rezension vom 30.07.2019 zu: Horst Lehner, Denise Vervoort: Das Interventionsbuch. Mobbing an Schulen stoppen. Praxisbuch mit Kopiervorlagen und Downloadmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-63048-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24380.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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