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Günther Hoegg: Vandalismus in der Schule

Cover Günther Hoegg: Vandalismus in der Schule. Verstehen und eindämmen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 152 Seiten. ISBN 978-3-407-63037-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Zerstörung, Gewalt, Vandalismus sind alltägliche Erscheinungen in fast allen Schulen. Wie angemessen damit umgegangen werden kann und wie eine erzieherisch adäquate Reaktion aussehen soll, damit befasst sich Günther Hoegg in seinem Buch. Er ordnet das Thema in breiter Sichtweise ein, fasst es in einen rechtlichen und pädagogischen Rahmen und macht weitreichende Vorschläge und konkrete Empfehlungen.

Autor

Dr. jur. Günther Hoegg absolvierte sowohl ein Lehramtsstudium als auch ein Jurastudium und promovierte über das Thema Schulrecht und Ordnungsmaßnahmen. Zu diesem Bereich machte er zahlreiche Veröffentlichungen, führte und führt auch aktuell Seminare und Veranstaltungen durch. Er arbeitete mehrere Jahre als Lehrer und war Lehrbeauftragter.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte mit den Überschriften

  1. Formen des Vandalismus
  2. Analyse der Motive
  3. Juristische Würdigung
  4. Gegenmaßnahmen

Angefügt sind zwei Fragebogen zum Vandalismus, einmal für Schüler, einmal für Lehrkräfte. Hoegg versteht sein Buch als ein Angebot für „Woller“ und „Hingucker“, also für Menschen mit der bewussten Wahrnehmung von Vandalismus sowie dem Wunsch, Gegenmaßnahmen einzuleiten und sich aktiv für Veränderung einzusetzen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In seinem ersten Abschnitt des Buches breitet er eine Entwicklungsgeschichte des Vandalismus aus, die mit der falschen Ursprungszuordnung auf die Vandalen beginnt und die er dann ausdifferenziert in kulturhistorischen Vandalismus, politischen Vandalismus, persönlichen Vandalismus, scheinbar wahllosen Vandalismus sowie Vandalismus in der Schule. Hoegg führt zu all diesen Bereichen Beispiele an, die er jeweils mit einem hervorgehobenen Merksatz thesenartig zuspitzt. Hierbei gelingen ihm interessante Verknüpfungen und Ableitungen, z.B. dass in Preußen um 1800 nachts heimlich Alleebäume abgesägt wurden, die einfach liegen gelassen wurden. Es ging nach Hoegg aber nicht um Brennholz, sondern um einen Protest gegen die von den Herrschern vorgegebenen geraden Wege für die Untertanen.

Mit ähnlichen Beispielen illustriert er die jeweiligen Kapitel und bezieht sich unter anderem auf Beispiele aus Preußen, Paris und New York. Damit leitet er das allgemeine Auftreten von Vandalismus im Bezug zum jeweiligen politischen Kontext her. Den persönlich geprägten Vandalismus (z.B. das „scratching“ englischer Lords an den Pyramiden) charakterisiert er im Gegensatz zum politischen Vandalismus als eher von Einzelnen ausgeübt und leitet über zum scheinbar sinnlosen Vandalismus, wie z.B. dem Aufschlitzen von Sitzpolstern in öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch hier unternimmt Hoegg einen historischen Rückblick um zu zeigen, dass diese Phänomene nicht neu sind. Über diesen Weg gelangt er dann zum Vandalismus in der Schule, der natürlich auch keine neue Erscheinung ist.

Vandalistisches Handeln in der Schule ordnet er schwerpunktmäßig männlichen Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren zu, denen er eine gewisse Grundaggression unterstellt. Die Auswirkungen von Vandalismus beziehen sich nach Hoegg einerseits auf Kosten (z.B. zerstörte Fensterscheibe), andererseits aber auch auf immaterielle Auswirkungen. Diese gewichtet er höher, da sich Vandalismus direkt auf das Wohlbefinden in der Schule und damit auf Schulatmosphäre und Schulbesuch auswirkt. Hoegg nimmt Bezug auf die Broken-Window-Theorie und leitet daraus eine zero tolerance ab, die große Wirkung bezüglich der Eindämmung von Vandalismus zeigt. Er hat Stoßzeiten für Vandalismus identifiziert, z.B. montags und freitags, den Tagen kurz vor den Ferien sowie nach Zeugniskonferenzen und immer dann, wenn kein richtiger Regelunterricht stattfindet.

Ab Seite 32 analysiert Hoegg die Motive für Vandalismus in der Schule und nennt sowohl Scherze, Freude am Regelverstoß, Vermüllung aus Bequemlichkeit, den Wunsch, Spuren zu hinterlassen oder Reviermarkierung als motivierend für Vandalismus in der Schule. Er differenziert diese möglichen Motive weiter und ordnet sie in sinnvolles Handeln für den Verursacher ein, jedes Handeln hat für den Täter einen Sinn.

Im Kapitel 3 wird es auch für viele Lehrerinnen und Lehrer neu und interessant, denn es folgt die juristische Würdigung und Einordnung der vorher beschriebenen Handlungen (S. 75-84). So setzt die zivilrechtliche Verantwortung ab dem 7. Geburtstag ein, d.h. ab dann sind Kinder für den von ihnen angerichteten Schaden verantwortlich. Eine Ausnahme betrifft z.B. den Straßenverkehr, in solchen komplexen Szenarien gibt es eine erneute Altersgrenze, die bei zehn Jahren gezogen wird (§ 828 II BGB). Verursacht ein Schüler unter vierzehn Jahren in der Schule vorsätzlich einen Schaden, ist er zivilrechtlich voll haftbar und Schadensersatz kann eingefordert werden. Mit Vollendung des vierzehnten Lebensjahres kann ein Schüler zusätzlich auch noch strafrechtlich angeklagt werden, da dann die Strafmündigkeit einsetzt.

Hoegg bezeichnet das Zivilrecht als juristischen Joker um schulischen Vandalismus einzudämmen, da hier tatsächlich der Schaden in vollem Umfang ersetzt werden muss. Hoegg differenziert dann weiter zwischen OwiG (Gesetz über Ordnungswidrigkeiten) und StGB (Strafgesetzbuch). Er stellt auch klar heraus, was eine „Strafe“ ist und wie diese über den Ersatz eines Schadens hinausgeht. Dabei warnt er jedoch davor, im Rahmen des schulischen Kontextes den Begriff „Strafe“ als juristische Kategorie zu verwenden.

Im 4. Kapitel (S. 87-139) geht es um Gegenmaßnahmen gegen Vandalismus in der Schule. Hoegg weist hier zu Beginn darauf hin, dass Vandalismus, der sich über mehrere Jahre etabliert hat, nicht mit einem Schlag endgültig beseitigt werden kann (S. 87). Er plädiert für Prävention, da präventive Maßnahmen den Schülern helfen, sich korrekt zu verhalten (S. 89). Ordnung und Sauberkeit sollten als Ziel etabliert werden, es sollten dafür durchaus auch juristische Belehrungen erfolgen. So könne es helfen, Lehrkräften feste Räume zuzuweisen, für deren Reinhaltung sie auch verantwortlich seien. Eine Reinigung solle jeweils am Stundenende erfolgen. Auch architektonische Maßnahmen schlägt er vor.

Hoegg plädiert auch für „zoning“, das beginnt bereits am freien Zugang zu Schulgebäude und Gelände. Er kritisiert den überwiegend freien Zugang, den er als „Tag der offenen Tür“ bezeichnet. Eingezäunte bzw. begrenzte Räume böten mehr Sicherheit und hätten mit der damit verbundenen Kontrolle direkt Auswirkung auf das Sozialverhalten. Unterschiedliche Bereiche in der Schule könnten auch durch Farbgebung geschaffen werden. Wenn z.B. die Toiletten, ähnlich wie auf Flughäfen oder bei McDonalds gestaltet werden, entstehen dadurch persönliche Bereiche. Er verweist darauf, dass z.B.bei den Toiletten von McDonalds kein Vandalismusproblem herrsche, da diese aufwendig gestaltet und immer sauber und kontrolliert seien, ähnlich wie Flughafentoiletten.Diese „personalisierte“ Wirkung verhindere Vandalismus.

Hoegg plädiert dafür, auch in Schulen eine gehobene Atmosphäre zu schaffen. Als Wirkungsbeispiel verweist er auf Touristen, die extra ins Berliner Adlon gingen, um eine gehobene Atmosphäre genießen zu können. Auch für Eingangsbereiche, Fluren und Treppenhäuser sei dieser Wunsch nach guter Ausstattung von Bedeutung. Nicht zuletzt schlägt Hoegg Maßnahmen der Videoüberwachung vor (S. 103), deren notwendige rechtliche Rahmung er benennt. Möglich sei dies z.B.problemlos nach dem Unterrichtsende, auch könnten für Schüler gesperrte Bereiche sogar dauerüberwacht werden. Für die Schultoiletten könnten z.B. einzelne Bezahltoiletten eingeführt werden, die dann gepflegter und sauberer seien als die frei zugänglichen. Schülertoiletten können auch während der Unterrichtszeit verschlossen sein, sie sollen hell und freundlich sein, Papierspender sollen durch elektronische Handtrockengeräte ersetzt werden. Hoegg vertritt die Ansicht, dass es weniger ratsam sei, z.B. die Toiletten mit Edelstahl auszustatten (abgesehen von den Kosten). Er verweist hier auf französische Autobahntoiletten, die Sanitärporzellan verwenden, hellere Räume haben und aber vor allem häufiger kontrolliert werden. Eine freundliche, helle Ausstattung und mehr Kontrolle (also Personalaufwand) sind unumgänglich für Verbesserungen.

Ein weiterer Aspekt sind vermehrte Schüleraktivitäten. Darunter versteht Hoegg die Möglichkeit zu aktiver Betätigung durch Bereitstellen von Sportgeräten aber auch, Schüler für kleine Reparaturdienste heranzuziehen. Aber auch fortgesetzte sportliche Schülerwettkämpfe können dazu beitragen. Hoegg erwähnt im Rahmen der Förderung der Identifikation mit der Schule auch die Wirkung von Schuluniformen. Die Identifikation mit der Schule soll gestärkt werden durch das Schaffen echter Erfolgserlebnisse. Das bedeutet auch, das Vermeiden „unechten“ Lobes, also vorschnelles und dauerhaftes Lob für alle positiven Ansätze zu vergeben, seine sie auch noch so klein. Ebenso wichtig sei auch die Unterstützung der Korrekten, Braven, Fleißigen (S. 121), fordert Hoegg. Auch der Elternkontakt ist wichtig, wie erleben und erfahren Eltern die Schule bei einem Kontakt. An Tagen der offenen Tür z.B. ist es wichtig, eine ordentliche und saubere Schule zu präsentieren.

Neben der Arbeit an den Einstellungen der Schüler sollen auch die Einstellungen der Kollegen geändert werden. Auch diese sollen zu aufmerksamem und ordentlichem Verhalten angehalten werden, da sie eine große Vorbildfunktion haben und die Schüler sich am gesehenen orientieren. Ein weiterer Ansatz kann die Benennung eines Vandalismus-Beauftragten sein, dieser ist aber nicht für die Reinigung zuständig. Und letztlich hat die Schulleitung eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung des Vandalismus.

Mit dem Kapitel „Reaktion“ (ab Seite 128) konkretisiert Hoegg eine Umsetzung für die Schule, hier verweist er auch auf die Fragebögen am Ende des Buches, die für eine Bestandsaufnahme eingesetzt werden können. Dann sollte am Schuljahresende eine Aktionswoche folgen, damit die Schüler und Kollegen zu Beginn des neuen Schuljahres eine saubere Schule vorfinden. Weitere Grundsätze seien schnelles Reparieren, verstärkte Kontrolle und zusätzliches Personal. Als Schlusspunkt verweist Hoegg auf das Singapur-System. Dort seien im öffentlichen Raum viele Dinge bzw. Tätigkeiten verboten oder stark eingeschränkt. Es gebe sehr harte Strafen für Verstöße, die auch konsequent durchgesetzt würden, sodass eine Überhöhung des Risikos von Verstößen gegeben sei. So verweist er auch konsequent auf die Möglichkeit der Verhängung von Bußgeldern seitens des Schulträgers bei Verstößen und nicht nur auf das Verlangen von Schadensersatz.

Diskussion

Günther Hoegg legt hier ein komprimiertes Buch zum Vandalismus in der Schule vor. Er ordnet sowohl Entstehung als auch Bedeutung ein und beschreibt erfolgreiche Strategien im Umgang damit. Seine juristische Ausrichtung und Würdigung dominiert dabei eindeutig. Dies mag verwirrend sein, eröffnet aber einen neuen Zugang. Immer wieder droht die inhaltliche Behandlung des Themas zu sehr in die juristische Würdigung auszuschlagen, jedoch macht es dadurch auch neugierig auf das Weiterlesen. Kurz, knapp, treffend werden die gängigen Vandalismusprobleme in der Schule thematisiert, darüber hinaus aber bietet Hoegg immer konkrete Hilfsrichtungen für den Umgang damit und damit auch für eine Verbesserung des Schul- und Lernklimas – einerseits- dann aber stellt sich andererseits die Frage der permanenten Verrechtlichung und der Überprüfung dieser Angebote. Auch wenn es wirksam ist, will man das? Insofern ist das Buch sicher anregend.

Fazit

Günther Hoegg widmet sich mit „Vandalismus in der Schule“ einem für Schulen ebenso alltäglichen wie spannenden Thema. Er analysiert die Entstehungs- und Gelingensbedingungen von Vandalismus nicht nur aus einer pädagogischen sondern überwiegend aus einer strafrechtlichen Perspektive. Er verdeutlicht juristische Zusammenhänge und konkretisiert diese mit den jeweiligen gesetzlichen Bestimmungen. Der sehr enge Praxisbezug resultiert sicher aus seiner Tätigkeit als Lehrer. Viele Ansätze aber mögen für „Pädagogen“ verwirrend sein, weil neu. Denn die Orientierung und angemessene Zuordnung von Ereignissen auch in juristischer Sicht ist ein sehr unsicheres Terrain und in der Schule nicht weit verbreitet. Das Buch bietet viele kurzweilige Anreize und Hinweise zu einem anderen Verständnis und Umgang mit der Herausforderung des Vandalismus an Schulen.


Rezensent
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
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Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 15.11.2018 zu: Günther Hoegg: Vandalismus in der Schule. Verstehen und eindämmen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-63037-7. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24387.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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