socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Daniel Burghardt, Markus Dederich u.a. (Hrsg.): Vulnerabilität. Pädagogische Herausforderungen

Cover Daniel Burghardt, Markus Dederich, Jörg Zirfas (Hrsg.): Vulnerabilität. Pädagogische Herausforderungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 184 Seiten. ISBN 978-3-17-030175-7. 29,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Der erziehungswissenschaftliche Diskurs wird von einem Menschenbild dominiert, das vor allem die Stärken, die Resilienz und die Kompetenzen hervorhebt. In dem vorliegenden Werk wird eine gegenläufige Perspektive verfolgt: die der Vulnerabilität und Fragilität menschlichen Lebens. Für pädagogische Sachverhalte ist Vulnerabilität bislang nicht systematisch durchdacht, es liegen keine systematischen Versuche vor, die Vulnerabilität als grundlegende pädagogische Kategorie auszuweisen.

Das Buch verfolgt das Ziel Vulnerabilität als anthropologische Kategorie, die auch für die Pädagogik Geltung besitzt und für die pädagogische Theorie und Praxis erschlossen werden kann, zu sehen. Aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive soll die Kategorie systematisch rekonstruiert und analysiert und ein „Bedeutungskern“ fokussiert werden.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus unterschiedlichen disziplinären Gebieten der Erziehungswissenschaft, aus der Allgemeinen Pädagogik und aus der Heil- und Sonderpädagogik. Sie forschen und lehren im Department für Heilpädagogik und Rehabilitation sowie in der Fachgruppe Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist kein Sammelband, sondern – äußerst ungewöhnlich – eine gemeinsame Monographie der Mitglieder einer Arbeitsgruppe. Obwohl alle Autorinnen und Autoren für jeweils ein Kapitel verantwortlich sind, findet ein gegenseitiger (über mehrere Semester) Abstimmungs-, Korrektur- und Ergänzungsprozess, statt. Dadurch ist das Werk, was die AutorInnen in der Einleitung besonders betonen, „wirklich zu einem gemeinsamen Projekt, … zu einem gemeinsam verfassten Text“ (18) geworden.

Aufbau

Das Erschließen der Vulnerabilität für die Pädagogik erfolgt in zwei Schritten:

  1. In einem ersten, systematisch-historischen Überblick sollen wichtige Grundbegrifflichkeiten einer pädagogischen Theorie der Vulnerabilität zunächst durch die für den pädagogischen Diskurs wichtigen Disziplinen gewonnen werden. Die leitende Frage dabei ist: Gibt es in den verschiedenen Disziplinen einen Bedeutungskern, und was bedeutet er für die Erziehungswissenschaft? Daher werden in einem ’zweiten Schritt zentrale anthropologische Kategorien wie Leiblichkeit, Sozialität, Kulturalität und Liminalität daraufhin befragt, ob und wie sie für ein pädagogisches Verständnis von Vulnerabilität bedeutsam sind und fruchtbar gemacht werden können. Als anthropologische These lässt sich festhalten, dass Menschen vulnerable Wesen sind, weil sie leiblich, sozial, kulturell und reflexiv verfasste Lebewesen sind. Als solche entwerfen sie Ordnungssysteme, die die Vulnerabilität in unterschiedlichster Art und Weise thematisieren und bearbeitbar machen. Historisch kann nachgezeichnet werden, dass etwa die ideelle, philosophische Kulturgeschichte des Menschen als eine Geschichte der Denk- und Ordnungssysteme potentieller Verletzungen und deren Bewältigung gelesen werden kann. Das den systematisch-historischen Teil abschließende dritte Kapitel verfolgt diese Perspektive.
  2. Der zweite Teil des Buchs rekonstruiert bedeutsame pädagogische Praxisfelder mit Blick auf Vulnerabilität. Die jeweils unterschiedlich gelagerten Forschungen in den Bereichen der Familien- und Schulpädagogik, der Sonder- und Sozialpädagogik sowie der interkulturellen Pädagogik verlangen für eine pädagogische Theorie der Vulnerabilität ebenso eine differenzierende wie eine integrierende Lesart.

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch wird im Folgenden etwas ausführlicher die geschlechtsspezifische Sozialpädagogik referiert. Impulse der Frauenbewegung bewirkten, dass die Kategorie Geschlecht in die Praxis Sozialer Arbeit einbezogen wurde. Die damit einhergehende grundlegende Hinterfragung des Geschlechterverhältnisses legte dessen hierarchische, diskriminierende und gewaltförmige Auswirkungen zu Lasten von Frauen offen. Geschlecht als soziale Ordnungskategorie reguliert soziale Chancen, Status und Macht, wie sich beispielsweise am geschlechtersegregierten Arbeitsmarkt und an der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zeigen lässt. Die feministisch orientierte Sozialpädagogik wirkte diesem Verständnis in ihrer macht- und normalisierungskritischen Ausrichtung entgegen und insofern emanzipatorisch. Die sozialpädagogische Landschaft wurde grundlegend und nachhaltig bereichert durch Frauenhäuser und -notrufe sowie Frauenberatungsstellen und -gesundheitszentren, die Schutzräume sowie Handlungs- und Entwicklungsperspektiven – jenseits patriarchaler Unterdrückungsverhältnisse zu ermöglichen versuchten.

Ein entsprechendes Pendant zur feministischen Sozialen Arbeit gab und gibt es von Seiten einer emanzipatorisch ausgerichteten „Männerbewegung“ nicht. Hinsichtlich Vulnerabilität bzw. der vulneranten Seite des Geschlechterverhältnisses wurden zwar entsprechende Forderungen von Feministinnen nach der Auseinandersetzung mit (potentieller) Täterschaft laut. Perspektiven auf die Verletzbarkeit von Jungen und Männern waren in der Öffentlichkeit jedoch so gut wie kaum wahrnehmbar. Aktuell wird eine „Männerbewegung“ konstatiert, die vorwiegend antifeministisch ausgerichtet sei und Männer zu Opfern ferministischer Herrschaftsstrategien stilisiere. Die verfolgte Perspektive auf die gegen Jungen und Männer gerichtete Gewalt (Lenz 2007, 2012) und deren Ausblendung als »kulturelle Verleugnung der männlichen Verletzbarkeit« wird knapp erwähnt. Lenz' Forschungen seien eingebettet in ein herrschaftskritisches Grundverständnis von Gesellschaft. »Männlichkeit ist komplizenhaft verstrickt in die Herrschaftsstruktur damit auch in die männlichen Dominanzverhältnisse, deren Ausdruck die (auch) gegen Männer gerichtete Gewalt ist« (Lenz 2012, S. 318).

Diskussion

Abschließend eine ausführlichere Anmerkung zur „Vulnerabilität in geschlechtsspezifischer Perspektive“: Im vorliegenden Text bleiben die Vulnerabilität von Männern und die männliche Schutzwürdigkeit – was gesellschaftlich als „normal“ gilt – weitgehend verborgen, selbst wenn sie für einen Moment sichtbar wird. Warum? Nach Bourdieu, ist im männlichen Habitus die Haltung eingeschrieben, sich vor der eigenen Verletzbarkeit zu schützen. Er konstatiert einen „leidenschaftlichen Kampf gegen das Gefühl der Verletzbarkeit“ (2005) und sieht Männer als „Gefangene und auf versteckte Weise Opfer der herrschenden Verhältnisse“. Dieses uneingestandene Muster findet sich als Subtext im vorliegenden Werk.

Ein geschlechtsvergessener Blick auf Theorien und Modelle der Vulnerabilität dominiert, allenfalls der Kontext von Gewalt gegen Frauen und ihrer Schutzwürdigkeit ist im Hintergrund bewusstseinsmäßig präsent. Da sich Wahrnehmungen und Erfahrungen von Vulnerabiltät für Männer und Frauen deutlich unterscheiden, müsste diese Perspektive im Sinne einer Geschlechtergleichstellung tiefergehend zum Tragen kommen. Eine von den AutorInnen eingeforderte allgemeine Sensibilisierung für die Vulnerabilität müsste den „verletzten Mann“ als Denkfigur explizit miteinbeziehen und seine Unverletzlichkeit nicht länger unhinterfragt voraussetzen. Dies würde zu weiterführenden Fragen führen: Wie lässt sich Gewalt gegen Männer aufgreifen und männliche Verletzungsoffenheit nachhaltig ernst nehmen, ohne die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu stärken? Wie lässt sich in die Errungenschaft der Geschlechtergleichstellung die Schutzwürdigkeit von Männern aufnehmen? Was geschieht in der herrschenden Geschlechterordnung mit der Verletzbarkeit von Jungen und Männern und was mit ihrer Schutzwürdigkeit? Wieviel männliche Verletzbarkeit und Schutzwürdigkeit kann / will sich unsere Gesellschaft leisten? Warum bleibt beides kulturell und geschlechterpolitisch weitgehend (noch) verdeckt? Welche (unbewussten/bewussten) Interessenlagen wirken dabei?

Auch die Sozialpädagogik verdrängt die soziale Problemstellung der männlichen Verletzungsoffenheit und unterliegt dem Muster der kulturellen Nicht-Wahrnehmung. Stattdessen fokussiert sie konzeptionell primär auf die Folgen dissozialen Verhaltens (u.a. soziale Auffälligkeiten, Drogen, Gewalttaten, …). Verletzte Jungen / Männer erhalten erst dann Aufmerksamkeit, wenn sie sich als Täter darstellen. Je „verhaltenskreativer“ der Klient, umso eher und mehr psycho-soziale Resonanz kann er durch die Helfer erhoffen. Ansonsten werden Betroffene überwiegend in ihrer Not nicht wahrgenommen und bleiben auf sich selbst zurückgeworfen.

Fazit

Das vorliegende Werk ist ein Produkt eines intensiven Verständigungsprozesses von Vertretern verschiedener erziehungswissenschaftlicher Disziplinen. Es stellt einen ersten Versuch dar, den Begriff Vulnerabilität für die Pädagogik systematisch fruchtbar zu machen. Weitere Ausarbeitungen zu diesem Begriff stehen aus. Denn die Diskussionen um Vulnerabilität in der Pädagogik befinden sich noch am Anfang, insbesondere auch die Klärung der Bedeutung der Verleugnung der männlichen Verletzbarkeit im bisherigen pädagogischen Diskurs. „Der verletzte Mann“ und die „verletzte Frau“ gehören zum Bedeutungskern der kategorialen Klärungen von Vulnerabilität. Es wäre ein emanzipatorischer Akt, dieser Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen.


Rezensent
Hans-Joachim Lenz
Sozialwissenschaftler, Geschlechterforscher, Dozent
Homepage www.geschlechterforschung.net
E-Mail Mailformular


Alle 6 Rezensionen von Hans-Joachim Lenz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Joachim Lenz. Rezension vom 11.09.2019 zu: Daniel Burghardt, Markus Dederich, Jörg Zirfas (Hrsg.): Vulnerabilität. Pädagogische Herausforderungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-030175-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24388.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung