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Johanna Bröse, Stefan Faas u.a. (Hrsg.): Flucht. Herausforderungen für soziale Arbeit

Cover Johanna Bröse, Stefan Faas, Barbara Stauber (Hrsg.): Flucht. Herausforderungen für soziale Arbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-658-17091-2. 29,99 EUR.
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Thema

Menschen auf der Flucht, nach Deutschland Geflüchtete, Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung, Fluchtmigration: Die Soziale Arbeit als Praxis, Lehre und Wissenschaft steht vor einer neuen Herausforderung, die nur bedingt mit dem Rückgriff auf die Arbeitsmigration zu beantworten ist. Man denke nur an die Traumatisierung vor, während und nach der Flucht, an die Verfahrensregeln des Asylrechts, an die große Zahl von minderjährigen und unbegleiteten Jugendlichen.

Auch die Erziehungswissenschaft ist gefordert, geht es doch um die Förderung, Bildung, Ausbildung in Institutionen des Bildungswesens, nicht nur um die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Herausgeber/innen

  • Dr. Barbara Stauber ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen,
  • Johanna Bröse wissenschaftliche Mitarbeiterin dort.
  • Dr. Stefan Faas ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd.

Autoren und Autorinnen

Die Autorinnen und Autoren haben (oder hatten) Professuren oder Mitarbeiterstellen in der Erziehungswissenschaft oder Sozialpädagogik inne, so an der Universität Frankfurt/M., an der Alice-Salomon.Hochschule Berlin, an der Universität Wuppertal, der PH Freiburg, der HAW Hamburg und der Universität Tübingen, einige auch an unabhängigen Instituten oder Freien Trägern.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung geht auf einen „Sozialpädagogiktag“ im November 2015 zurück, dessen Beiträge aktualisiert und um einige Artikel erweitert wurden.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer 25seitigen „Hinführung“, die Einschätzungen zur aktuellen Asylpolitik und die Vorstellung der 16 Autorinnen und Autoren und ihrer Beiträge mit einschließt. Danach sind die insgesamt 13 Beiträge in zwei Teile geteilt:

  1. „Theoretische Einordnungen und kritische Perspektiven“ (sechs Beiträge).
  2. „Praxisfragen Sozialer Arbeit“ (sieben Beiträge).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu den Beiträgen des ersten Teils

Die Beiträge des ersten Teils arbeiten vor allem zwei Punkte heraus:

  1. Soziale Arbeit mit Flüchtlingen muss sich des postkolonialen Hintergrunds bewusst sein, also der Unterjochung des globalen Südens und des diesen rechtfertigenden Rassismus.„We are here because you where there“ (Kobena Mercer). Mitleid,Hilfsbereitschaft oder die Erwartung von Dankbarkeit einerseits, das System von Verwahrung und Entmündigung andererseits, dürfen nicht die Viktimisierung fördern oder Hilfsbedürftigkeit erzeugen. Ein Beitrag besteht daher aus einem Interview, das den Lebensweg eines Mannes nachzeichnet, der 1997 dem Bürgerkrieg in Liberia entkommen ist und nun das Fachabitur in Hamburg bestanden hat. Unermüdlich hat er die Unsicherheit seines Status als Herausforderung angenommen und Bildung als das Kapital erworben, das ihm niemand nehmen kann.
  2. Soziale Arbeit ist wie Sozialpolitik an Territorialstaaten gebunden, baut auf Solidarität und verfolgt Interessen der Gesellschaft, die übrigens auch von den Sozialwissenschaften in den Grenzen des Nationalstaates gedacht wird. Traditionell wird der Sozialstaat daher erst dann für Flüchtlinge „zuständig“, wenn sie dessen Grenzen überschritten haben – dies ist auch der Kern der Genfer Flüchtlingskonvention. Die Menschenrechte gehen indes weit darüber hinaus, auch über die „Bekämpfung der Fluchtursachen“, die ja mehr den Eigeninteressen als der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet ist. Für die Soziale Arbeit, die sich als „Menschenrechtsprofession“ (Staub-Bernasconi) versteht, ist der Bezug auf die Menschenrechte brauchbar, ja unverzichtbar, aber nicht formal, sondern nur politisch zu entwickeln bzw. einzufordern.

Zu den Beiträgen des zweiten Teils

Der zweite Teil beginnt mit einem Blick auf Kindertageseinrichtungen, die Kinder mit Fluchterfahrung aufnehmen. Erzieherinnen berichten davon, dass deren Eltern „so schnell wie möglich wieder gehen möchten“, also für die bislang dort üblichen Eingewöhnungsrituale nichts übrig haben. Da müssen die Fachkräfte ihre Konzepte wohl überdenken und die Lebenswelten dieser Familien gelten lassen.

Zur Lebenslage von Kindern und Jugendlichen, ob nun unbegleitet oder mit Eltern geflüchtet, gehört der unsichere Status, oft über Jahre hinweg. Das Kinder- und Jugendhilferecht garantiert jungen Menschen das Recht auf Erziehung, Bildung und Entwicklung ganz unabhängig vom Status der Eltern. Dazu gehört auch, dass Kindertagesstätten und Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit auch praktisch erreichbar sind. Sofern die Minderjährigen unbegleitet sind, haben sie das Recht auf einen Vormund. Die Praxis, dass das Jugendamt selbst eine Amtsvormundschaft ausübt, ist problematisch, da sie ja auch gegenüber dem Jugendamt bestehen soll.

Die traumatischen Fluchterfahrungen sind auch für den Schulalltag von Bedeutung. Es ist wichtig, dass diese Kinder Schule als einen sicheren, reizarmen und ruhigen Ort erfahren. Die Lehrkräfte sollten das Selbstwertgefühl dieser Kinder stärken, ggfs. Leistungsschwierigkeiten berücksichtigen. Es geht immer darum, Ressourcen zu aktivieren, aber niemand zu überfordern. In therapeutischen Kontakten ist zu beachten, dass sich Kinder aus unterschiedlichen Milieus nicht alle in gleicher Weise krank fühlen, sondern psychische Probleme sich unterschiedlich körperlich ausdrücken können. Metaphern und Geschichten kommen da und dort therapeutisch oft besser an.

In der Tübinger Diakonie ist im Sommer 2013 mit TALK ein Angebot für Jugendliche geschaffen worden, die über ihre Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung miteinander sprechen und in Rap umsetzen können. Gerade die kreative Zusammenarbeit in der Gruppe stärkt die Jugendlichen, bringt Selbstermächtigung.

Das klassische sozialpädagogische Handlungsfeld, die Unterstützung von Jugendlichen im Übergang zu Ausbildung und Arbeitswelt, wird auf lange Sicht seine Bedeutung noch steigern, wenn es nämlich um die Berufsausbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Fluchterfahrungen geht. Solange diese unqualifiziert im Niedriglohnsektor gefangen sind, bleibt es bei der „rassistischen Arbeitsteilung“ (Bräse). Soziale Arbeit muss die „systematische Reproduktion von Ungleichheit“ skandalisieren.

Die Humanitären Organisationen, die Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten, stehen vor dem Dilemma, dass sie die geretteten Personen den zuständigen Behörden übergeben und damit keine Kontrolle mehr darüber haben, was mit ihnen weiters geschieht. Absurd ist der Vorwurf, ein Teil des Schlepper-Geschäftsmodells zu sein, weil sie deren „Erfolgsquote“ steigern.

Diskussion

In den aktuellen Kontroversen zur Flüchtlingspolitik, über Grenzen und Zahlen geht die Begründung durch die Menschenrechte leicht verloren. Hier setzt der vorliegende Band Maßstäbe, allerdings m.E. noch zu zaghaft. Es könnte noch sehr viel deutlicher die Dynamik herausgestellt werden, die lange Zeit auch die Vorbehalte der Bundesregierung gegenüber der Kinderrechtskonvention erklärte: Kinder und Jugendliche haben danach alle Rechte, ganz unabhängig vom Status ihrer Eltern, insbesondere auch dann, wenn sie unbegleitet angekommen sind: das Recht auf Gesundheit, Familie (!), Bildung, durchaus auch Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Noch sehr viel mehr in Rechtfertigungsdruck und Handlungsbedarf kommen die Territorialstaaten jedoch, wenn sie sich an den Internationalen Pakten von 1966 über die wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Rechte messen lassen müssen: Alle Freiheits- und Teilhaberechte,u.a. das Recht auf Arbeit (d.h. seinen/ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen) und auf einen angemessenen Lebensstandard (Ernährung, Unterbringung usf.) gelten für „jede“ und „Jedermann“!

Wie der zweite Teil des Buchtitels heraushebt, geht es um die „Herausforderungen für die Soziale Arbeit“. Dass sich ausgewiesene Vertreterinnen und Vertreter der Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft so vehement und grundlegend auf das Thema „Flucht“ einlassen, ist sehr zu begrüßen. Dennoch hätte man sich mehr Beiträge gewünscht, die in die pädagogische Praxis, ob schulische oder außerschulische, führten.

Wie bei Tagungsbänden öfter vorkommt, hatten die Herausgebenden offensichtlich einige Mühe, die Mitwirkenden dazu zubringen, ihre Beiträge zu aktualisieren.

Fazit

Menschen mit Fluchterfahrungen: Wer sich einen Überblick über die Herausforderungen, die Möglichkeiten und Grenzen verschaffen will, die auf die Soziale Arbeit zugekommen sind und weiterhin zu gestalten sein werden, ist mit dem vorliegenden Band gut beraten,


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 20.06.2018 zu: Johanna Bröse, Stefan Faas, Barbara Stauber (Hrsg.): Flucht. Herausforderungen für soziale Arbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-17091-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24407.php, Datum des Zugriffs 26.09.2018.


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