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Heike Dierckx, Dominik Wagner u.a. (Hrsg.): Intersektionalität und Biografie

Cover Heike Dierckx, Dominik Wagner, Silke Jakob (Hrsg.): Intersektionalität und Biografie. Interdisziplinäre Zugänge zu Theorie, Methode und Forschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 177 Seiten. ISBN 978-3-8474-0516-0. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
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Thema

Die Publikation behandelt mittels Sammelband diverse Beiträge mit dem Ziel „fruchtbare Impulse für eine weitergehende Diskussion über mögliche methodologische und methodische Verbindungen zwischen Intersektionalitäts- und Biografieforschung“ (S. 14) anzubieten.

Entstehungshintergrund

Die Überlegungen zur Publikation entstanden im Rahmen der Graduiertenkonferenz „Intersektionalität und Biografie“ 2015 an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, die von der Sektion „Soziale Ungleichheit und Geschlecht“ des Gießender Graduiertenzentrums Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (GGS) ausgerichtet wurde.

Aufbau

Die Publikation enthält nach einer kurzen inhaltlichen Einleitung der drei Herausgeber*innen acht inhaltliche Beiträge, die unterschiedliche Aspekte der möglichen Verbindung der zwei Hauptzugänge – in Theorie, Methodik und Forschung – darstellen und somit einen „ausschnitthaften Einblick in die Vielfalt der sich bietenden Möglichkeiten intersektional ausgerichteten Forschungsprojekte geben“ (S. 14).

Inhalt

Es folgt eine Übersicht und jeweilige Inhaltsbeschreibung der einzelnen Beiträge.

Intersektionalität und Biografieforschung: Rekonstruktive Zugänge zu sozialer Ungleicheit (Heinke Dierckx). Die Autorin behandelt methodologische und methodische Verbindungen der Analyseperspektive Intersektionalität in Verbindung mit der rekonstruktiven Biografieforschung, beruhend auf narrativen Interviews, um abschließend eine ‚intersektionale Biografieforschung‘ zu skizzieren. Im einführenden historischen Rückblick werden die Wurzeln der Intersektionalität im US-amerikanischen Raum (Combahee River Collective, Crenshaw, bell hooks, etc.), als auch in Bezug auf den deutschsprachigen Raum u.a. in der Frauenbewegung (Rommelspacher, Ogunteoye/Aymin/Schultz) ausgeführt, zusammengefasst und kurz verglichen. Anschließend werden theoretische Fragestellungen, offene und widersprüchliche Aspekte der Intersektionalität als Forschungsperspektive nachgezeichnet und auf die methodologische Einteilung von McCall (2005) in anti-kategorialen, inter-kategorialen und den intra-kategorialen Ansatz verwiesen. Biografieforschung inklusive der Auswertung mittels biografischer Fallrekonstruktion nach Rosenthal wird vorgestellt und als wertvoll für intersektionale Ausrichtungen gesehen. Dies geschieht aufgrund des möglichen Einbezugs der Mikro-, Meso- und Makrobene, der Verweisung auf Sinnstrukturen und subjektive Deutungen, der Analyse dialektischer Beziehung zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung als auch der Bedeutung der Kategorisierungen im Lebenslauf und deren subjektiver Gewichtung (vgl. S. 33-35). Die schwierige Herausforderung gezielt nach intersektionalen Verwobenheiten zu suchen und gleichzeitig dem Prinzip der Offenheit treu zu bleiben wird thematisiert und mit einem Verweis auf die Möglichkeiten der theoriegeleiteten Fallrekonstruktion der Grounded Theory als ‚Scharnier‘ ergänzt. So könnte laut der Autorin „die rekonstruktive Biografieforschung einen Beitrag dazu leisten (kann), Forschungsdesiderata im Bereich der Intersektionalität zu verringern“ (S. 37).

Überlegungen zum Verhältnis von Biografieforschung und Intersektionalität aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive (Christine Demmer). In diesem Beitrag werden entlang zwei Beispielen aus einer Studie über Frauen mit Behinderungen und deren lebensgeschichtlichen Erzählungen wichtige Verbindungen und Anwendungsmöglichkeiten eines ‚intersektionalen Blicks‘ und der Biografieforschung exemplarisch aufgezeigt. Fokussierend auf Geschlecht und Behinderung wird anfänglich die Zweiteilung in Sex und Gender bzw. Impairment und Disability thematisiert und somit ein Aspekt der gesellschaftlichen Makroebene beschrieben. Die Subsumtion von Behinderung in der Kategorie Körper und außerhalb der klassischen Trias der Intersektionalität wird eingangs bereits kritisiert. In ihrer Analyse der Intersektionalität werden insbesondere die Fähigkeit zu irritieren bzw. kategorial und kategoriekritisch zugleich zu agieren als hilfreich skizziert. Die Verfasserin erläutert die Erkenntnisse, die aus beiden Perspektiven gewonnen werden können, sieht jedoch beide auch in ihrer Eigenständigkeit und zu begrüßender Unterschiedlichkeit. Sie folgert dementsprechend: „Beide Ansätze gehen nicht ineinander auf.“ (S. 60)

Erwerbsbiografien von Trans*Personen – eine intersektionale Betrachtung (Monika Götsch). Anhand des exemplarischen Einbezugs von 8 erwerbsbiografischen Interviews mit Trans*Personen und weiteren 4 Expert*inneninterviews zeigt der Beitrag die Wirkmächtigkeit nicht nur von Gender, sondern auch von Body, Race und Class und deren intersektionale Verwobenheit auf. Dies wird im Beitrag jeweils mit der Überschrift „Class/Gender/Body/Race – in Verschränkung“ strukturiert ausgewertet. Einführend wird Erwerbstätigkeit in Hinblick auf Geschlechtlichkeiten im neoliberalen Sozialstaat beleuchtet und beispielsweise auf das erhöhte Risiko von Arbeitslosigkeit, geringerer Karrierechancen und allgemein eine erschwerte gesellschaftliche Integration über Erwerbsarbeit hingewiesen (vgl. S. 66). Die Biografieforschung wird als passende Methode eingeschätzt um Machtverhältnisse zu analysieren und mittels intersektionaler Perspektive jeweils unterschiedliche gesellschaftliche Auf- oder Abwertungen hinsichtlich dem ‚unternehmerischen Selbst‘ aufzuzeigen.

Die Multidimensionalität intersektionaler Positionierungen am Beispiel von Alter, Geschlecht und ostdeutscher Herkunft (Anna Sarah Richter). Der Beitrag beruht auf Ergebnissen aus der 2016 eingereichten Dissertation der Verfasserin, in welcher biografische Interviews mit älteren, ostdeutschen Frauen in Hinblick auf die Multidimensionalität intersektionale Positionierungen am Beispiel von Alter, Geschlecht und ostdeutscher Herkunft aufgezeigt wurden. Diese Analyse folgt dem Versuch subjekttheoretische Fundierungen mit Bezug auf Judith Butler mit der Anerkennungstheorie nach Axel Honneth zu erweitern.

Zum Verhältnis von Biografie- und Intersektionalitätsforschung am Beispiel der sozialen Reproduktion von Armut in Familien im ALG II-Bezug (Dominik Wagner). Einsteigend werden die vereinfachten Erklärungspositionen zu Armut entweder als gesellschaftliches oder als individuelles soziales Problem skizziert und mit der Warnung um die notwendige wissenschaftliche Tiefe, die auf die Komplexität von Armut einzugehen vermag, geschlussfolgert. Darauf folgt die Positionierung, dass heute „Armut beinahe jede*n treffen kann“ (S. 106) und trotzdem manche Gruppen wie bspw. Alleinerziehende stärker betroffen sein können. Rekonstruktive Ansätze der Biografieforschung, mit der Intersektionalität in der Analyse verknüpft, werden positiv eingeschätzt, indem sie helfen können „einseitige Interpretationsmuster zu vermeiden“ (S. 106). Dies wird im Artikel zurückgehend auf eine Untersuchung mit dem Titel „Familientradition Hartz IV“ in Verbindung mit einer intersektionalen Perspektive konkretisiert. So sollen vereinfachende Erklärungen für den Verbleib in Armut hinterfragt und strukturbezogene Aspekte individuell beleuchtet werden.

Intersektionalität als soziokulturelle Grenzziehungsprozesse in der Biografieforschung (Eveline Ammann Dula). Der Beitrag will aufzeigen, dass „die Kombination der Biografieforschung mit dem analytischen Modell sozialer Grenzziehungsprozesse als Ansatz der Intersektionalitätsforschung besonders geeignet ist, weil durch die offene Vorgehensweise der Biografieforschung soziale Ungleichheiten und die damit verbundenen Kategorien wie Klasse, Geschlecht oder Ethnizität als Prozesse anhand der Empirie rekonstruiert werden können“ (S. 121). Dies geschieht indem auf Daten einer biografieanalytischen Studie zurückgegriffen wird.

Handlungsfähigkeit in weiblichen Biografien – Verflechtungen von Klasse und Geschlecht (Fiona Kalkstein). Der Artikel bezieht sich auf eine aktuelle Studie von Frauen aus unterschiedlichen Arbeiter_innenmilieus, in Bezug auf die Herstellung, Aufrechterhaltung und Erweiterung von Handlungsfähigkeit aus intersektionaler Perspektive. Die Daten wurden mittels Grounded Theory analysiert, die Erhebungen mit leitfadengestützten biografischen Interviews durchgeführt und in Verbindung mit der kritischen Handlungstheorie reflektiert. Die Autorin geht in diesem Beitrag im Wesentlichen auf die theoretischen und methodologischen Aspekte der Untersuchung ein und führt diese detailliert aus.

Die intersektionale Verschränkung des „weiblichen Alters“ in der spanischen Gedächtnisliteratur – „Alte Frauen“ als zuverlässige Erinnerungserzählerinnen? (Amanda Hinteregger). Im letzten Beitrag dieser Publikation skizziert die Autorin eine literaturwissenschaftliche Perspektive auf die Verbindung von Intersektionalität und Biografieforschung indem sie auf autobiografische Texte und einen Roman der spanischen Gedächtnisliteratur verweist und darin Prozesse des Alterns in Hinblick auf die Kategorie des Geschlechts analysiert und sie sich somit mit dem weiblichen Altern in diesen Werken beschäftigt. In diesem Hinblick wird die mögliche Konstruktion eines kollektiven Erinnerungswissen thematisiert und intersektional beleuchtet.

Diskussion

Die in diesem Sammelband enthaltenen Beiträge sind recht unterschiedlich. Sie fokussieren einerseits eher auf theoretische, methodische, methodologische Auseinandersetzung mit klarer Absicht Intersektionalität und Biografie zu verbinden bzw. abzugrenzen oder auch empirisch gemeinsam einsetzbar zu machen (bspw. Götsch, Kalkstein, etc.). Ein anderer Teil der Beiträge gehen auf Details einer spezifischen empirischen Studie ein und verbinden die Themen in der Analyse ihrer Ergebnisse mittels intersektionalen Blick auf das Datenmaterial (bspw. Richter, Wagner, etc.). So ist der Zugang sowohl zur Intersektionalitäts- als auch zur Biografieforschung jeweils unterschiedlich in der Herangehensweise als auch bei der Analyse.

Der Fokus in den meisten Beiträgen beruht jeweils eher auf der Biografieforschung und geht meist auch auf Forschungsdaten zurück, die im Rahmen einer biografischen Studie erhoben wurden. Diese werden in den einzelnen Beiträgen meist mit der Theorie der Intersektionalität verknüpft, wobei Besonderheiten, Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede jeweils neu skizziert werden. Dieser Blick der Intersektionalität erscheint somit teils als der schwächere, eher später hinzugefügte. Spannend wäre es eine grundlegende Studie einzubringen, die bereits mit der Perspektive entwickelt wurde, diese methodischen Bereiche gleichwertig und gemeinsam in den gesamten Forschungsprozess einzubringen.

Es kann als positiver Aspekt der Publikation hervorgehoben werden, dass sich der Großteil der Beiträge an dem Intersektionalitätsbegriff von Crenshaw oder Walgenbach orientieren und zudem stets auch eine kurze theoretische Erläuterung sowohl zum gewählten Intersektionalitätsansatz als auch zur Biografieforschung inkludiert wird. Dies hat zum Vorteil, dass die Beiträge sich inhaltlich gut ergänzen, wenig widersprechen und vor allem aber auch als Einzelbeiträge gut verständlich sind. Dies kann meiner Einschätzung nach einer breiteren Leser*innenschaft als Orientierung oder Inspiration für eigene Forschungsvorhaben führen. Ich empfehle diese Texte klar auch im Rahmen der Lehre in diversen Disziplinen einzusetzen.

Fazit

Insgesamt ist es den Herausgeber*innen mit dieser Publikation gelungen, mittels acht Beiträgen wichtige Aspekte der Gemeinsamkeiten, der Unterschiedlichkeit und somit notwendigen Abgrenzungsmöglichkeiten als auch der möglichen und reizvollen Verbindungen zwischen Intersektionalität und Biografie insbesondere in unterschiedlichen Forschungsbereichen aufzuzeigen. Dies ist zentral, angesichts der vielen unterschiedlichen Ansätzen der Biografieforschung als auch der immensen Heterogenität im Bereich der Intersektionalität. Auch wenn es zumal erscheint als wäre Intersektionalität derzeit ein angesagtes ‚Buzzword‘ im wissenschaftlichen Bereich, entstehen am Ende der Lektüre doch ernstzunehmende zusätzliche Erkenntnisse durch die Verbindung der beiden Ansätze im Vordergrund. Es kann gehofft werden, dass diese Veröffentlichung zu weiteren Projekten anregt und eine tiefergehende theoretische Analyse ermöglicht, der es insbesondere gelingt gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse und deren Auswirkungen zu thematisieren und somit auch veränderbar zu machen.

Summary

Overall the editors have succeeded in this publication, by means of eight contributions, to illustrate important aspects of similarities, differences and, as a consequence, the necessary points of differentiation as well as the attractive connections between intersectionality and biography with particular reference to differing research areas. This is of central importance given the many different approaches within biography research as well as the considerable heterogeneity in the field of intersectionality. Even if it seems as if intersectionality is a current ‚buzzword‘ in this scientific field, important additional insights occur at the end of the readings and this is achieved by keeping the connections between both approaches in the foreground. It is to be hoped that this publication inspires further projects whilst enabling a deeper theoretical analysis that is particularly successful in raising the issue of societal relationships with regard to the effects of power and dominance and, in doing so, demonstrating the possibilities for change.


Rezensentin
Prof. (FH) Doris Böhler
MA, Hochschullehrerin für Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Doris Böhler. Rezension vom 12.07.2018 zu: Heike Dierckx, Dominik Wagner, Silke Jakob (Hrsg.): Intersektionalität und Biografie. Interdisziplinäre Zugänge zu Theorie, Methode und Forschung. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-0516-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24408.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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