socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Eva Wonneberger: Neues Wohnen auf dem Land

Cover Eva Wonneberger: Neues Wohnen auf dem Land. Demografischer Wandel und gemeinschaftliche Wohnformen im ländlichen Raum. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 75 Seiten. ISBN 978-3-658-21362-6. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Ländliche Räume sind durch demografischen Wandel, Betriebsschließungen und den Trend zum Wegzug in Ballungszentren von tiefgreifenden Veränderungs- und Umstrukturierungsprozessen betroffen. Verbleibende Bewohner*innen kleiner Städte und Gemeinden finden nicht mehr selbstverständlich verwandtschaftliche, soziale und ökonomische Netzwerke zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse vor. Zudem wird die infrastrukturelle Versorgung immer mehr abgebaut. Es verschwinden Läden, Gaststätten, medizinische und therapeutische Praxen, schulische und betreuende Angebote und der öffentliche Personennahverkehr. In den Ortszentren stehen immer häufiger Gemeindehäuser, Schulen, Bahnhöfe und Gaststätten leer.

Angesichts solch düsterer Perspektiven sind kreative Konzepte und Lösungen auf den verschiedensten Ebenen gefragt. So könnte in ländlichen Räumen mit der bewussten Schaffung und Gestaltung neuer gemeinschaftlicher Wohn- und Lebensformen der zunehmenden Verödung, Vereinsamung und Abwanderung begegnet werden.

Autorin und Anliegen

An diesem Aspekt setzt Eva Wonneberger, promovierte Soziologin und Autorin dieses Bandes, an: Mit ihren Aufzeichnungen über initiierte neue gemeinschaftliche Wohnformen in ländlichen Räumen möchte sie zu weiteren Projekten ermutigen. Die von ihr in dem Band vorgestellten unterschiedlichen Initiativen sollen auch anderenorts zur Gründung neuer Wohnformen anregen.

Die Autorin lebt selbst in einer kleinen Stadt im ländlichen Raum Süddeutschlands. Sie forscht seit vielen Jahren insbesondere aus der Betroffenen- und Genderperspektive zu Themen, die Verbesserungen des Lebens, Wohnens und Arbeitens in ländlichen Räumen zum Inhalt haben. Diesmal machte sie sich auf engagierte Weise zum persönlichen Anliegen, Wohnprojekte in kleinen Städten und Gemeinden aufzusuchen und die dort eingeschlagenen Wege zur Realisierung der jeweiligen Vorhaben für diese Veröffentlichung über Feldforschung zu dokumentieren. Den Aufzeichnungen ging eine mehrjährige Untersuchung von neuen Wohnformen voraus.

Aufbau

Den Ausführungen vorangestellt ist ein kurzes Geleitwort von Matthias Gütschow, Architekt, selbst engagiert in der Förderung und Begleitung gemeinschaftlicher Wohn- und Bauprojekte und in der Beratung von Kommunen.

  • Eva Wonneberger beginnt den Band mit einer Einführung in die Besonderheit der Thematik und ihr Vorgehen bei den Erhebungen (Seiten 1 bis 12).
  • Dann stellt sie insgesamt acht gemeinschaftliche Wohnprojekte in ihrer jeweiligen lokalen Verortung, ihrer Entstehungsgeschichte und ihren unterschiedlichen Rahmenbedingungen einzeln vor: Den Falldarstellungen von vier bereits bestehenden und erfolgreich laufenden Projekten folgen Darstellungen von vier Projekten, welche sich noch im Prozess der Planung befinden (Seiten 13 bis 57).
  • Ein zusammenfassender Überblick über die vorgefundenen Organisationsformen, Finanzierungsmodelle, Adressen für interessierte Leser*innen (Seiten 59 bis 63) und ein räumlicher Überblick mit abschließenden Thesen / Bemerkungen der Autorin rundet den Band ab (Seiten 65 bis 69).

Insgesamt 22 über den Band verteilte Abbildungen (statistische Grafiken und Übersichten, Kartierungen, Bauskizzen, Fotos zu den Wohnprojekten) dienen der Veranschaulichung.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Mitte der 1990er Jahre entstand in süddeutschen Universitätsstädten über bürgerschaftliches Engagement eine Bewegung gemeinschaftlicher Bau- und Wohnprojekte, an deren Erfolgen heute immer mehr städtische Kommunen mit fördernden Programmen zur Stadt- und Wohnraumentwicklung ansetzen. Steigende Immobilienpreise und Mieten, fehlende Barrierefreiheit städtischer Wohnungen, fehlende soziale Bindungen und Netze im Wohnumfeld führ(t)en zu einem zunehmenden Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen.

Wonneberger konstatiert insbesondere bei zwei sozialen Gruppen, „älteren Menschen“ und „jungen Familien“, einen Bedarf an neuen gemeinschaftlichen Wohnformen. Beide Gruppen seien auf der Suche nach „anderen sozialen Bindungen“, „verbindlicher Gemeinschaft ohne Blutsverwandtschaft“ oder einfach nach guten Hausgemeinschaften mit verlässlicher Nachbarschaftshilfe. Praktizierte Formen von Mehrgenerationen-Wohnprojekten bestehen dabei meist aus Geschossbauten mit abgeschlossenen individuell gestalteten Wohnungen und zusätzlichen Gemeinschafts- und Begegnungsräumen für alle. Verwaltet werden die Hausgemeinschaften in gemeinsamer Organisation.

Die heute in Großstädten / Ballungszentren sich etabliert habende – und zunehmend selbstverständlich mit kommunalen Mitteln unterstützte – Wohnprojekt-Bewegung wächst nun allmählich auch in strukturschwächeren, ländlichen Räumen heran. Nach Wonneberger sei „Gemeinschaft“ und verbindliche Nachbarschaft dabei das besondere Angebot, mit welchem ländliche Räume schon immer „punkten“ konnten. Allerdings haben – so ihre Beobachtung – Initiativen in kleinen Gemeinden oft auch mit spezifischen und manchmal verdeckt bleibenden Schwierigkeiten zu kämpfen.

Die von Wonneberger einzeln porträtierten acht Wohnprojekte sind verortet in folgenden Gemeinden aus Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz:

  • Eichstetten am Kaiserstuhl (realisiert in Verantwortung der Gemeinde / Miete und Eigentum),
  • Burgrieden in der Nähe von Laupheim (realisiert als GmbH aus Bürgerstiftung und Gemeinde / Miete und Eigentum),
  • Windach in der Nähe des Ammersees (realisiert mit Wohngenossenschaft und nutzender Gruppe / Mietwohnungen),
  • Enzklösterle im Nordschwarzwald (realisiert in Verantwortung der Nutzer*innen / Eigentumswohnungen),
  • Bad Dürrheim im Baarkreis / Schwarzwald (in Planung / Mietwohnungen),
  • Edenkoben an der südlichen Weinstrasse (in Planung, Wohnungen in Eigentum und Miete),
  • Wangen im Allgäu (in Planung, eigene Genossenschaft gegründet / Mietwohnungen) und
  • Ursensollen in der Oberpfalz (in Planung, Realisierung mit Wohnbau-Genossenschaft / Mietwohnungen).

Deutlich wird beim Vergleich der acht Wohn-Porträts die Vielfalt eingeschlagener Wege, lokaler Bedingungen und geschaffener Strukturen, um solche Wohnprojekte zu realisieren: Manche der Wohnprojekte wurden / werden von ihren späteren Nutzer*innen ganz eigenständig entwickelt und selbst organisiert, ohne jegliche Unterstützung von den für die Dorfentwicklung eigentlich zuständigen politisch und professionell Verantwortlichen der Gemeinden / Landkreise. Beispielsweise entstand so in einer Gemeinde ein Wohnprojekt, indem eine Gruppe Interessierter ein aufgegebenes Hotel zu barrierearmen Wohnungen umbaute. In dem Wohnkomplex gibt es heute Gemeinschaftsräume und einen Zier- und Nutzgarten für die Gemeinschaft. Die Gemeinde unterstützte das Projekt nicht finanziell und die Gruppe nutzte keine öffentlichen Fördermittel. Die Mitglieder der Gruppe leben in den selbst geschaffenen Eigentumswohnungen.

Ein anderes, noch in Planung sich befindendes Wohnprojekt wurde von einem gemeinnützigen Verein, einem Generationentreff, initiiert. Der Gemeinderat begegnete dem Projekt mit Skepsis und folglich engagiert sich die Gemeinde nicht für das Vorhaben. Aber die Initiative ließ sich nicht von ihrem Wohnvorhaben abbringen, sie nutzt Fördermittel der Landes- und Bundesregierung für die Moderation, Beratung und Begleitung ihres eingeschlagenen Gründungsprozesses durch sachkundige Professionelle.

Es gibt Initiativen, die für ihre gemeinschaftlichen Wohnvorhaben Kontakte zu bestehenden sozialen Netzwerken und Vereinsstrukturen in den Gemeinden nutzen. Diese Praxis der Anknüpfung an traditionelle Strukturen unentgeltlicher gegenseitiger Hilfeleistung beurteilt Wonneberger als „Stärke“, die sich in kleinen Gemeinden findet. An diese sollten Initiativgruppen unbedingt anknüpfen, um mit ihren Vorhaben akzeptiert zu werden und breitere, verlässliche Unterstützung zu finden.

Noch immer viel zu selten gehe die Initiative, neue Wohnformen zu schaffen, hingegen von den für die Dorfentwicklung Zuständigen in den Gemeinden / Landkreisen aus. Deshalb beginnt Wonneberger ihre Porträt-Reihe mit der Vorstellung eines Wohnprojekts, das von einem Bürgermeister initiiert wurde und das heute als Vorzeigeprojekt bestaunt werden kann: Über das Engagement dieses Bürgermeisters entstand in der Gemeinde ein Mehrgenerationenhaus. Ein leerstehender Gasthof in Ortsmitte wurde für Bürger*innen der Gemeinde zu einem Wohnkomplex umgebaut, welcher heute alten Menschen und jungen Familien barrierefreies Wohnen ermöglicht. Dort lebende pflegebedürftige alte Bürger*innen können ambulante Hilfen in Anspruch nehmen, müssen also nicht mehr – wie vorher üblich – im Alter ihren Lebensort verlassen. Das Gebäude wurde zum neuen Mittelpunkt der Gemeinde, da dort auch Begegnungsräume und Läden eingerichtet wurden, die Winzereigenossenschaft sich ebenfalls dort verortete. Realisiert wurde das Projekt in Verantwortung der Gemeinde. Sie kann deshalb über die Kriterien für die Wohnungsvergabe verfügen und für bezahlbare Miethöhen sorgen.

Für initiative Gruppen stellen Rechtsfragen und Fragen zur finanziellen Organisation / Umsetzung der Wohnprojekte eine hohe Hemmschwelle dar. Deshalb gibt Wonneberger abschließend praktische Hinweise, wie Planungen angegangen werden können und welche Förderprogramme und Kontaktstellen es in den Bundesländern gibt. Eine Vielfalt an Planungs- und Rechtsformen steht zur Wahl. Bewährt haben sich Gründungen von Genossenschaften. In Wonnebergers Dokumentation finden sich folgende von kleinen Projekten in peripheren Lagen gewählten Formen, welche in ihrer jeweiligen Besonderheit von ihr umrissen werden: die Kommanditgesellschaft, die Wohnungs Eigentümer Gemeinschaft, der Verein, die Genossenschaft und verschiedene Kombinationen mit GmbHs.

Diskussion

Die von Wonneberger vorgestellten neuen Wohnformen in ländlichen Räumen machen anschaulich, dass über eine Realisierung mehr entstehen kann als die bloße Schaffung von barrierearmen bzw. -freien und preiswerten Wohnmöglichkeiten: Viele dieser initiierten Wohnprojekte haben das Potenzial, sich zu neuen sozialen Mittelpunkten in den Dörfern / Gemeinden zu entwickeln, da hier neue Formen der Begegnung, Beteiligung und Selbsthilfe aktiv und mit Begeisterung erprobt werden.

Wonneberger verweist mehrfach auf die besondere Rolle der für die Dorf- / Gemeindeentwicklung zuständigen politisch Verantwortlichen: Sie sind es, die gute Rahmenbedingungen für die Realisierung der Wohnvorhaben schaffen müss(t)en. Da es – wie stellenweise anklingt – durch „unaufgeschlossene“ politische Verantwortungsträger so manche spezifische Schwierigkeit und zusätzliche Hemmschwellen für Projekte geben kann, wäre eigentlich diesbezüglich explizit ein besonderes aufdeckendes Augenmerk in der Feldforschung wünschenswert gewesen, ebenso klarere Handlungsempfehlungen zum Umgang mit solchen spezifischen Hemmnissen.

Initiativen bedürfen der Beratung, Begleitung und Moderation, um erfolgreich ihre Wohnprojekte umsetzen zu können. Das wird von Wonneberger an vielen Stellen des Bandes angesprochen. Bei der Auslotung von Interessen, gruppendynamischen Prozessen, dem Umgang mit Fragen von Finanzierbarkeit und Organisation, der Lösung von Problemen ist eine länger angelegte Begleitung hilfreich. Ob dies stets von außenstehenden, sachkundigen Professionellen zu leisten ist oder auch in Selbsthilfe der Initiativen geschehen könnte, stellt sich der Rezensentin hier als Frage.

Bedarf an neuen gemeinschaftlichen Wohnformen gibt es ganz sicher auch bei anderen sozialen Gruppen und nicht nur bei „älteren Menschen“ und „jungen Familien“. Beispielsweise könnten Alleinlebende, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung und daraus resultierenden spezifischen Kompetenzen und viele andere soziale Gruppen für eine Beteiligung an solchen Wohnprojekten gewonnen werden. Offenheit, „eine Symmetrie des Gebens und Nehmens“ und vor allem „ein generationenübergreifendes Miteinander“ sind Empfehlungen von Wonneberger.

Fazit

Wie dem Klappentext zu entnehmen ist, richtet sich der Band insbesondere an Dozierende und Studierende der Regional- und Landschaftsplanung, an Initiierende von Wohnprojekten und an Verantwortliche für Planungs- und Entwicklungsprozesse in ländlichen Räumen. Wünschenswert wäre darüber hinaus unbedingt die Gewinnung von Leser*innen aus Sozialberufen und der Sozialplanung, denn die Lektüre eröffnet Einblicke in neue sozialräumliche Bedürfnisse, Wünsche nach selbstbestimmten Lebens- und Wohnformen und vorhandenen Potenzialen zur Selbstorganisation – auch und gerade in ländlichen Räumen.


Rezensentin
Dr. Elke Schön
Sozialwissenschaftlerin
E-Mail Mailformular


Alle 14 Rezensionen von Elke Schön anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Elke Schön. Rezension vom 25.10.2018 zu: Eva Wonneberger: Neues Wohnen auf dem Land. Demografischer Wandel und gemeinschaftliche Wohnformen im ländlichen Raum. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-21362-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24410.php, Datum des Zugriffs 17.01.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Leiter (w/m/d) der Schulkindbetreuung, Freiburg

Mitarbeiter (m/w/d) in Vollzeit, Regensburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung