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Karl-Heinz Renner, Helmut Lück (Hrsg.): Psychologie in Selbstdarstellungen

Cover Karl-Heinz Renner, Helmut Lück (Hrsg.): Psychologie in Selbstdarstellungen, Bd. 5. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. 272 Seiten. ISBN 978-3-95853-247-2. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

Die großen Persönlichkeiten, die Einzelnen in der Geschichte, vermögen seit jeher durch den Mythos des Helden zu faszinieren und der Markt für Autobiografien verdankt seinen Bedarf der Begeisterung für den einzigartigen Lebensweg. Allein die Psychologie, deren Beiträge in der Gegenwart in der Regel durch Forschungsgruppen veröffentlicht werden, scheint auf den ersten Blick dafür keinen fruchtbaren Boden zu bieten. Der zeitgenössische Eindruck mag vielmehr sein, dass es sich um eine Disziplin handele, in der das Rational der Methodenwahl die Kreativität der einzelnen Forscherinnen und Forscher überdeckt. Renner und Lück widersprechen diesem Eindruck, indem sie die Protagonisten einer psychologischen Forschergeneration zum Vorschein kommen lassen. Mit 18 Selbstdarstellungen geben sie einer heterogenen Gruppe deutschsprachiger Psychologen und einer Psychologin die Gelegenheit, auf ihr Leben und dessen Beitrag zum Stand der Disziplin zurückzublicken.

Herausgeber

Karl-Heinz Renner studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie in Bamberg und wurde dort mit einer Arbeit zu „Selbstinterpretation und Self-Modeling bei Redeängstlichkeit“ im Jahr 2000 promoviert, bevor er 2006 habilitierte. 2013 folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Differentielle und Diagnostische Psychologie an der Universität der Bundeswehr in München. Seine Forschung konzentriert sich auf die Themenbereiche Stressbewältigung und Angst, differentiell-psychologische und diagnostische Aspekte der Internetnutzung sowie Selbstdarstellung und Persönlichkeit.

Helmut Lück studierte in Köln Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, woraufhin er dort 1969 zum Thema der Sozialen Aktivierung promoviert wurde. Bereits 1973 wurde er auf eine Professur in Duisburg berufen, wechselte jedoch 1978 an die Fernuniversität Hagen, wo er mit der Einrichtung des Faches Psychologie betraut wurde. Nach dreißigjähriger Lehre der Sozialpsychologie in Hagen wurde er im Jahr 2007 emeritiert. Neben der ausführlichen Auseinandersetzung mit der Sozialpsychologie Kurt Lewins publizierte Lück zeitlebens zur allgemeinen Geschichte des Faches, zuletzt etwa mit einer Revue der Klassiker der Psychologiehistorie (www.socialnet.de/rezensionen/20753.php).

Entstehungshintergrund

Die zunächst in den Jahren 1972 und 1979 von Pongratz, Traxel und Wehner und 1992 von Wehner bei Huber, dann seit 2004 von Lück und jetzt von Renner und Lück bei Pabst herausgegebene Reihe ist mitnichten die erste Anthologie von Wissenschaftsbiografien. Bereits Anfang der 1920er Jahr veröffentlichte Schmidt einige Bände über „Die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen“. In der Psychologie weist die US-amerikanische Reihe „History of Psychology in Autobiography“, deren erster Band 1930 von Murchison und Boring publiziert wurde, eine Kontinuität von bald 100 Jahren der Sammlung autobiografischer Bericht von wissenschaftlichen Zeitzeugen vor, zu denen, wie etwa 2009 Carl Friedrich Graumann, auch deutsche Psychologen gehörten.

Aufbau

Nebst einer psychologischen Reflexion auf das Thema der Selbstdarstellung zur Einleitung umfasst das Werk 18 kurze Autobiografien deutschsprachiger Forscherpersönlichkeiten, deren Geburtsjahrgänge zwischen 1931 und 1939 liegen:

  1. Manfred Amelang
  2. Jürgen Bredenkamp
  3. Mario von Cranach
  4. Dietrich Dörner
  5. Jochen Fahrenberg
  6. Klaus Grossmann
  7. Winfried Hacker
  8. Kurt A. Heller
  9. Gerd Jüttemann
  10. Heinz-Walter Krohne
  11. Gerd Lüer
  12. Leo Montada
  13. Petra Netter
  14. Kurt Pawlik
  15. Klaus Schneewind
  16. Wolfgang Schönpflug
  17. Herbert Selg
  18. Werner Tack

Die Beiträge umfassen beständig stets zehn bis 20 Seiten und haben in der Regel einen vergleichbaren formellen Aufbau durch eine Gliederung des Fließtextes (abgesehen von einigen stichpunkthaften Anführungen) in Unterkapitel. Das Werk schließt mit einem Personenregister.

Inhalt

Für kurze biografische Darstellungen erübrigen sich inhaltsangebende Einzeldarstellungen. Von größerem Interesse ist der strukturelle Zusammenhang der Arbeit. Strukturelle Ähnlichkeiten zeigen sich beispielsweise in der lebensgeschichtlichen Bedeutung des zweiten Weltkriegs, der auf das frühe Lebensalter sämtlicher Protagonisten einen Einfluss hatte. Ihr Studium begannen sie hingegen sämtlich erst in der Nachkriegszeit bzw. teilweise in den späten 1950ern und unter den entsprechenden Umständen. Eine weitere Parallelstellung ist, dass die Psychologengeneration der 1930er Jahre oftmals von der Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus, aber auch mit dem frühen Kognitivismus berichtet. Die Relevanz beider Strömungen lässt die Internationalisierung der deutschen Psychologie seit den 1950er Jahren erkennen, die von Métraux kritisch als die „Amerikanisierung der Psychologie in der Bundesrepublik 1950–1970“ (1985) bezeichnet wurde. Es sind die Protagonisten des vorliegenden Bandes, die als Akteure des von Métraux herausgestellten „Generationswechsel“ (ebd., 227) bezeichnet werden können. In diesem Sinne berichten sie von Studien- oder Forschungskontakten mit der Psychologie der Vereinigten Staaten, beispielsweise Grossmann (91), Pawlik (197) und Schönpflug (221). Gemeinsam ist den Autoren außerdem der regelmäßige Verweis auf einflussreiche Psychologinnen der vorherigen Generation, etwa Graumann (55, 112, 135), Holzkamp (131, 222), Rohracher (196) und Eysenck (35, 74, 196), insbesondere aber Hofstätter, der in der Hälfte der Berichte Erwähnung findet.

Die strukturellen Unterschiede zwischen den Lebensbeschreibungen betreffen hingegen neben der fachlichen Spezialisierung das Verhältnis der Psychologie zu anderen Disziplinen, etwa zur Medizin und Pharmakologie bei Netter (182ff) oder die Informatik bei Dörner (60ff). Zwar zeigt sich hierin einerseits die interdisziplinäre Öffnung der Disziplin in dieser Generation, doch auch die kritische Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Kerngebiet des Faches, das seit der sog. Krise der Psychologie (Bühler, 1927) zur Disposition stand. Eine für den deutschen Sprachraum im internationalen Vergleich einzigartige Konstellation ist hingegen, dass die im vorliegenden Band portraitierte Generation wissenschaftlicher Psychologen sowohl aus der BRD als auch aus der DDR stammen, wobei Hacker der einzige Ordinarius einer ostdeutschen Universität ist, dessen Selbstdarstellung in den vorliegenden Band aufgenommen wurde.

Diskussion

Renner und Lück bemühen in ihren einleitenden Bemerkungen zum vorliegenden Band den Vergleich mit Schmidt, dessen 1921 veröffentlichter erster Band der „deutschen Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen“ auch die Darstellungen „der Psychologie nahe stehende[n] Personen“ (7) beinhalte. Hiermit ist der Rahmen für eine vergleichende Diskussion gesetzt. So lässt sich fragen, in welchem Verhältnis die Texte der Psychologengeneration der 1930er Jahre zu den ein Jahrhundert zuvor publizierten stehen.

Ein Beispiel ist die Arbeit des Kölner Biologen und Philosophen Hans Driesch, dessen Werk sich auch der „Durcharbeitung der Psychologie“ (Driesch, 1921, 51) annimmt. Drieschs Selbstdarstellung konzentriert sich ausschließlich auf seine wissenschaftliche Position, deren Entwicklung er im ersten Abschnitt chronologisch beschreibt. An ihrem Anfang steht die zoologische Ausbildung bei Ernst Häckel, mit dem sich Driesch jedoch bereits einige Jahre nach der Promotion wegen seiner Tendenz zur Teleologie überworfen hat. Für die Jahre nach 1890 zeichnet er die kontinuierliche Zuwendung zum Vitalismus nach, wobei er erklärt, inwiefern seine Publikationen den Schritten der konzeptuellen Entwicklung entsprechen. Zwei Drittel des Aufsatzes nimmt allerdings eine detaillierte Darstellung seiner wissenschaftlichen und philosophischen Auffassungen ein. Der Bezug auf persönliche Lebensereignisse, politische Entwicklungen oder seine Kollegen bleibt unterdessen fast vollständig aus.

Es wäre zu holzschnittartig, zu behaupten, dass alle Selbstdarstellungen der 1920er Jahre Drieschs rigider Sachlichkeit entsprechen, doch es ist festzuhalten, dass dieser Art Texte seinerzeit zumindest möglich gewesen sind. Dass im vorliegenden Band keine Selbstdarstellung größere formelle Ähnlichkeit mit Drieschs Aufsatz vorweist, stellt einen wichtigen Kontrast dar. Dafür mag zwar ausschlaggebend gewesen sein, dass die Herausgeber ihren Autoren die Themenfelder „Personalia und Lebensweg; entscheidende Erlebnisse; Studiengang, akademische Lehrer und Weggefährten; Erinnerungen an Persönlichkeiten, Ereignisse, Institute und Organisationen; eigene Forschungsschwerpunkte; Verständnis der als Wissenschaft“ (7) vorgeschlagen haben, doch dabei handelte es sich explizit um „Anregungen“. Es ist deswegen plausibel, dass die „Psychologie in Selbstdarstellungen“ der 1930er Generation der Ausdruck einer historischen Transformation des Selbstbildes von Wissenschaft darstellt.

Wenn Renner und Lück aus der Perspektive der Selbstdarstellungsforschung und Persönlichkeitspsychologie diskutieren, inwiefern die autobiografischen Beschreibungen beispielsweise der „Identitätskonstruktion“ (13) dienen, also das narrative Selbst betreffen, zeigt sich am historischen Wandel der professoralen Selbstdarstellungen auch die Entwicklung der Rolle, die die Wissenschaft in der Öffentlichkeit einnimmt. Während Anfang des 20. Jahrhunderts der akademische Betrieb eine Minderheit der Bevölkerung Deutschlands betroffen hat, steht die Universität im 21. Jahrhundert im Zentrum der bildungsdemographischen Aufmerksamkeit. Ordinarien stehen also heutzutage näher an der gesellschaftlichen Mitte und ihre Biografien entsprechen einer sozialen Typizität, die kulturell betrachtet keine Sonderrolle mehr ist. Während Driesch also gewissermaßen einen gänzlich ungewöhnlichen Lebensweg eingeschlagen hat, hat sich die akademische Karriere der Gegenwart weitgehend normalisiert und es fällt leichter, die Etappen dieses Weges autobiografisch darzustellen.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass der Reihe „Psychologie in Selbstdarstellungen“ eine wichtige wissenschafts- und psychologiegeschichtliche Funktion zukommt. Um beispielsweise zu verstehen, wie sich Forschungsparadigmen etablieren, wie sich professorale „Selbstbilder“ (11) transformieren oder welche Priorität unterschiedliche Aspekte des akademischen Tätigkeitsspektrums haben, ist es unumgänglich, die Protagonisten unterschiedlicher Forschergenerationen um ihre Selbstdarstellung zu bitten. Die gewichtige Aufgabe der Herausgeber ist es dabei, eine angemessene Auswahl zu treffen. Dafür gibt es Repräsentativitäts-, aber auch Relevanzkriterien, die teilweise miteinander im Konflikt stehen. Für den vorliegenden Band lässt sich allerdings resümieren, dass es Renner und Lück gelungen ist, dem Kollektiv der deutschen Psychologieordinarien aus der Generation der 1930er Jahre eine würdige und lehrreiche Zusammenschau zu widmen.

Fazit

Manchem Psychologen mag die Biografie der Forscherpersönlichkeit als empirisch unzureichende Quelle erscheinen, da es sich um eine Sammlung schlecht vergleichbarer Einzelfälle handelt. Tatsächlich entsteht jedoch beim Blick auf die Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten der 18 Selbstdarstellungen, die von Renner und Lück im vorliegenden Band herausgegeben wurden, ein lebendiges Bild der in den 1930er Jahren geborenen psychologischen Forschergeneration. Gerade weil auch aus den vorherigen Jahrzehnten vergleichbare Textsammlungen existieren, eröffnet sich die wissenschaftssoziologisch aufschlussreiche Perspektive einer vergleichenden Biografieforschung, wie sie bereits Georg Misch konzipierte. Der vorliegende Band leistet den rückblickenden Beitrag dieses Jahrzehnts, der den Herausgebern dank einer sachgemäßen Auswahl der Repräsentanten jener Generation gut gelungen ist.

Literatur

  • Bühler, K. (1927). Die Krise der Psychologie. Jena: Gustav Fischer.
  • Driesch, H. (1921). Mein System und sein Werdegang. In: Schmidt, R. (Hrsg.). Die deutsche Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Leipzig: Felix Meiner.
  • Métraux A. (1985) Der Methodenstreit und die Amerikanisierung der Psychologie in der Bundesrepublik 1950–1970. In: Ash, M.G. & Geuter, U. (Hrsg.). Geschichte der deutschen Psychologie im 20. Jahrhundert. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Rezensent
Alexander N. Wendt
M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 17.10.2019 zu: Karl-Heinz Renner, Helmut Lück (Hrsg.): Psychologie in Selbstdarstellungen, Bd. 5. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2017. ISBN 978-3-95853-247-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24412.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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