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Martin Daumiller: Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung

Cover Martin Daumiller: Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung. Struktur, Eigenschaften, Bedingungen und Auswirkungen selbstbezogener Ziele. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 545 Seiten. ISBN 978-3-658-21181-3. D: 69,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 72,00 sFr.
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Thema

Gegenstand dieser Rezension ist Dr. Martin Daumillers Band „Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung: Struktur, Eigenschaften, Bedingungen und Auswirkungen selbstbezogener Ziele“, der in der Reihe Springer Research erschienen ist. Darin widmet sich der Autor der Gruppe von Wissenschaftler(innen), über deren Motivation in Lehre und Forschung kaum etwas bekannt ist.

Zur Charakterisierung der Motivation dieser Zielgruppe stellt er das Konzept der selbstbezogenen Ziele (auch: Zielorientierungen, Achievement Goals) in den Mittelpunkt. Diese gelten in der Pädagogischen Psychologie als theoretisch und empirisch mächtiges Konzept zur Beschreibung und Erklärung motivationaler Prozesse in Lern- und Leistungskontexten, sind allerdings bis dato kaum für Wissenschaftler(innen) untersucht, obwohl diese, als zentrale Akteure in hochschulischen Kontexten, durch Forschung und Lehre sowohl qualitativ als auch quantitativ hohen Einfluss auf Studierende und auf unsere Gesellschaft haben (Dresel 2018, S. IX).

Um diesem Forschungsdesiderat zu begegnen, führte der Autor mehrere empirische Studien zur Struktur, den Bedingungen sowie lern- und leistungsbezogenen Effekten selbstbezogener Ziele durch, um sowohl Lösungsmöglichkeiten für grundlegende Fragen der Zielorientierungstheorie zu bieten als auch der evidenz-basierten Beschreibung, Erklärung und Unterstützung professioneller Kompetenz von Wissenschaftler(innen)n Vorschub zu leisten.

Autor

Der Autor, Dr. Martin Daumiller, ist derzeit akademischer Rat a. Z. am Lehrstuhl für Psychologie der Universität Augsburg. Zu seinen Arbeits- und Forschungsgebieten zählen u.a. Motivation und Motivationsförderung in Bildungskontexten, Zielorientierungen von Lehrenden und selbstreguliertes Lernen von Studierenden. Aktuell ist Daumiller Mitglied in zahlreichen (inter-)nationalen Forschungsgemeinschaften und kann eine Vielzahl an Publikationen und Konferenzbeiträge vorweisen (Universität Augsburg 2018, o. S.).

Aufbau

Die rezensierte Monographie, die die punktuell überarbeitete Dissertationsschrift von Daumiller darstellt, umfasst insgesamt 568 Seiten (inklusive 36 Abbildungen und 44 Tabellen) und ist in drei Teile und elf inhaltliche Hauptkapitel, gegliedert:

    I. Theoretische Grundlagen (Kapitel 1-5)

  1. Einleitung (Seiten 3-14)
  2. Selbstbezogene Ziele (S. 15-125)
  3. Lehre und Forschung von Wissenschaftler(inne)n (S. 127-170)
  4. Forschungsstand zur Motivation von Wissenschaftler(inne)n (S. 171-187)
  5. Untersuchungsanliegen der vorliegenden Arbeit (S. 189-202)

    II. Empirischer Teil (Kap. 6-10)

  6. Überblick über die durchgeführten Studien (S. 205-226)
  7. Studie I: Strukturbestätigung, Domänenprüfung und erste Zusammenhangsanalysen (S. 227-273)
  8. Studie II: Struktur- und Domänenreplikation, Messinstrumenteentwicklung und Mediationsanalysen (S. 275-346)
  9. Vertiefende Analyse der Performanzziele (S. 347-366)
  10. Studie III: Längsschnittstudie zu Stabilität, Bedingungen und Effekten selbstbezogener Ziele (S. 367-433)
  11. III. Gesamtdiskussion und Schlussfolgerungen (Kap. 11)

  12. Zusammenfassung und übergreifende Diskussion Seiten (S. 437-479)

Zu Teil I

Auf die Danksagung des Autors, ein Geleitwort von Prof. Dr. Markus Dresel, diverse Verzeichnisse und die Zusammenfassung der Arbeit folgt der erste Teil des Bandes. Dieser umfasst fünf Kapitel, in denen sich Daumiller den zentralen theoretischen Grundlagen widmet (I. Theorietische Grundlagen).

Mit der Einleitung (Kap. 1) führt der Autor die Leser(innen) in die zentralen Konzepte und Fragestellungen seiner Arbeit ein, liefert einen konzisen Problemaufriss und eine Verortung seines Themas. Daneben stellt er die Relevanz seiner Forschungsvorhaben heraus und benennt seine Untersuchungsanliegen.

Darauffolgend (Kap. 2), werden grundlagenorientiert Theorien, Modelle und Befunde zum Konzept der Zielorientierungen systematisch aufgearbeitet und differenziert diskutiert. Dabei thematisiert Daumiller sowohl die kontroversen (wissenschaftlichen) Debatten – beispielsweise zur Unterscheidung relevanter Klassen von Zielorientierungen – als auch die widersprüchlichen Befundlagen. Dabei wird der Begriff der selbstbezogenen Ziele definiert, von anderen Termini abgegrenzt und das Hexagon-Modell zur Beschreibung der Struktur selbstbezogener Ziele entwickelt und vorgestellt.

Die spezifischen Rahmenbedingungen und Anforderungen der in Lehre und Forschung an deutschen Universitäten Tätigen stehen im Mittelpunkt des nächsten Kapitels (Kap. 3). Daumiller stellt hier heraus, dass sich Wissenschaftler(inne)n in Lehre und Forschung, jeweils in Lern- und Leistungskontexten bewegen, in denen sie sich mit mannigfaltigen Anforderungen konfrontiert sehen und deshalb Prozesse der Zielsetzung von Relevanz sind.

Mit dem vorletzten Kapitel des Theorieteils (Kap. 4) liefert Daumiller eine konzise Übersicht über den Forschungsstand zur Motivation von Wissenschaftler(inne)n, wobei er auf die defizitäre Befundlage zu selbstbezogenen Zielen, insbesondere was die Beschreibung der Motivation von Wissenschaftler(inne)n durch Ziele angeht und auf die theoretischen Unklarheiten in der Zielorientierungsforschung, bspw. zur Struktur von Zielorientierungen hinweist. Die wenigen bereits vorliegenden Arbeiten, darunter auch eigene Forschungen des Autors, deuten auf die Bedeutsamkeit der Erforschung selbstgezogener Ziele von Wissenschaftler(inne)n.

Den Theorieteil abschließend (Kap. 5) werden ausgehend von der Darstellung zentraler Forschungsdesiderata, die Untersuchungsanliegen, Forschungsfragen und -hypothesen präzisiert und u.a. in Abbildungen und Tabellen verdichtet dargestellt. Das Ziel des Autors bestand darin „das Konzept der selbstbezogenen Ziele von Wissenschaftler(inne)n umfassend zu analysieren und dadurch evidenzbasiert für die Beschreibung, Erklärung und Optimierung professioneller Kompetenz von Wissenschaftler(inne)n nutzbar zu machen sowie damit einhergehend aktuell besonders relevante Fragen der Zielorientierungstheorie zu thematisieren“ (Daumiller 2018, S. XXIf.). Für seine Forschungen beschreibt er drei übergreifende Fragestellungen, die sich auf (1) die Struktur selbstbezogener Ziele, (2) deren zeitliche Stabilität und transsituationale Spezifität sowie deren (3) Determinanten und Konse-quenzen beziehen.

Zu Teil II

Der zweite Teil der Arbeit (II. Empirischer Teil) umfasst ebenfalls insgesamt fünf Kapitel. Den empirischen Teil einleitend gibt der Autor einen Überblick über Ziele, Design und Methoden der drei durchgeführten Hauptstudien und den, den Untersuchungen gemeinsamen, methodologischen und methodischen Grundlagen (Kap. 6). In den nachfolgenden Kapiteln (7-10) werden die einzelnen Studien ausführlich in ihren Fragestellungen, Methoden und Ergebnissen dargestellt und diskutiert.

Studie I (Kap. 7) zielte primär auf die Überprüfung der Struktur des Hexagon-Modells. Dazu wurde mit einem querschnittlichen Design eine Online-Erhebung mit (N = 1303) Wissenschaftler(inne)n aus den Disziplinen Geschichte, Physik und Psychologie durchgeführt. Die Ergebnisse bestätigen insgesamt die postulierte Struktur selbstbezogener Ziele.

In Studie II (Kap. 8) wurden die Ergebnisse aus der ersten Untersuchung mit einem ähnlichen Design und einer Stichprobe mit insgesamt 937 Proband(inn)en aus zehn Disziplinen repliziert und erweitert. Die ersten beiden Studien dienten zudem der Messinstrumentenentwicklung.

Eine explorative Zusatzstudie (Kap. 9) zur vertiefenden Analyse der Performanzziele von Wissenschaftler(inne)n, die mittels latenter Profilanalysen durchgeführt wurde, wird anschließend dargestellt und lässt fünf Profilklassen erkennen (Vermeider, Erscheiner, Annäherer, Performer, Slacker).

In Studie III (Kap. 10), einer Längsschnittstudie mit drei Messzeitpunkten und einer Stichprobe von insgesamt 465 Wissenschaftler(inne)n aus zwölf verschiedenen Disziplinen wird den Fragen nach der Stabilität selbstbezogener Ziele sowie deren Bedingungen und Effekten nachgegangen. Die Ergebnisse indizieren u.a. dass die selbstbezogenen Ziele der Befragten insgesamt eine mittlere zeitliche Stabilität aufweisen und daher durchaus veränderbar sind.

Zu Teil III

Im abschließenden, dritten Teil der Arbeit (III. Gesamtdiskussion und Schlussfolgerungen) liefert Daumiller im letzten Kapitel des Bandes (Kap. 11) eine Zusammenfassung der Arbeit sowie eine Gesamtdiskussion, in die er die Ergebnisse aus den Studien I – III integriert, unter Rückbezug auf seine Forschungshypothesen diskutiert und differenziert interpretiert. Daneben stellt der Autor die Stärken und Limitationen seiner Untersuchung studienübergreifend dar und leitet aus seinen Ergebnissen theoretische und praktische Implikationen ab.

Ein umfangreiches Verzeichnis der verwendeten Literatur schließt den Band ab.

Diskussion

Ein fünfeinhalb-seitiges Inhaltsverzeichnis, das häufig bis in die dritte Darstellungsebene untergliedert ist gibt Aufschluss über den enormen Umfang der Arbeit. Der Aufbau der ist nachvollziehbar, stringent und orientiert sich – insbesondere im empirischen Teil – an den disziplinspezifischen Konventionen.

Im theoretischen Teil gelingt es Daumiller ausgezeichnet die Bedeutsamkeit individueller Motivation von Wissenschaftler(inne)n für Lehre und Forschung (und letztlich für die Innovation in unserer Wissensgesellschaft) herauszuarbeiten und bisherige theoretische Ansätze weiterzuentwickeln und in einem eigenen Modell, dem Hexagon-Modell, zu integrieren, das eine Übersicht über theoretisch möglichen und relevanten Zielklassen bietet. Es kann als solide Grundlage für weitere Forschung in diesem Bereich herangezogen werden.

Positiv hervorzuheben ist auch die Einführung des Begriffs der selbstbezogenen Ziele als deutschsprachiges Pendant zum englischen Terminus Achievement Goals. Ersterer ist präziser als die bisher gebräuchliche Bezeichnung Zielorientierungen und grenzt klar selbstbezogene von fremdbezogenen Zielen (wie z.B. didaktische Lehr-Lernziele) ab.

Als herausragende Analyseleistungen sind auch die Herausstellung der Spezifika der konstitutiven Tätigkeiten von Wissenschaftler(inne)n an deutschen Universitäten als auch die Identifikation relevanter Forschungsdesiderata zu nennen.

Die Übertragung des Konzepts der Zielorientierungstheorie auf die Population der Wissenschaftler(innen) sowie deren systematische Beforschung mit umfangreichen empirischen Studien erfolgt erstmalig in der internationalen Motivationsforschung. Die durchgeführten Untersuchungen wurden, je nach Forschungszielen und -fragen, mit spezifischen jeweils gegenstandsadäquaten Forschungsdesigns sowie Erhebungs- und Auswertungsmethoden konzipiert und realisiert. Dabei bedient sich Daumiller einem breiten Arsenal an statistischen Methoden – auch komplexerer Natur, wie beispielsweise komplexer latenter Wachstumskurvenmodelle.

Die Kapitel und Unterkapitel des Bandes sind sinnvoll strukturiert und in einer elaborierten, jedoch in einem für Fachwissenschaftler(inn)en jederzeit verständlichen Sprachstil verfasst. Der Autor versteht es seine umfangreichen und zum Teil komplexen Forschungen äußerst nachvollziehbar und leserfreundlich zu beschreiben, ohne jedoch auf relevante Fachterminologie zu verzichten.

Die Ausführungen werden dabei durch zahlreiche anschauliche sorgfältig aufbereitete Abbildungen und Tabellen ergänzt. Positiv hervorzuheben sind diesbezüglich die separaten Verzeichnisse, die Visualisierungen übersichtlich auflisten und dadurch das Auffinden dieser im Buch erleichtern. Wünschenswert wäre (aus Sicht des Rezensenten) lediglich die Aufnahme eines (Sach-)Registers mit einschlägigen Stichworten.

Positiv hervorzuheben ist abschließend das äußerst beeindruckende Literaturverzeichnis des Bandes, in dem Daumiller auf ca. 60 Seiten über 1000 einschlägige Quellen bündelt.

Fazit

In summa überzeugt Daumillers Band „Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung: Struktur, Eigenschaften, Bedingungen und Auswirkungen selbst-bezogener Ziele“ in jeglicher Hinsicht.

In äußerst umfangreichen – jedoch stets gegenstandsadäquaten – und auf höchstem wissenschaftlichen Niveau durchgeführten Studien, liefert Daumiller fundierte Ergebnisse, die sowohl innovative Lösungsmöglichkeiten für grundlegende Fragen der Zielorientierungstheorie bieten als auch für die evidenzbasierte Beschreibung, Erklärung und Unterstützung professioneller Kompetenz von Wissenschaftler(innen) herangezogenen werden können. Damit gelingt es ihm die internationale Grundlagenforschung zu Zielorientierungen bedeutsam zu bereichern und zudem aus pädagogischer Sicht relevante Implikationen abzuleiten und darzustellen.

Der Band richtet sich insbesondere an Dozierende und Studierende in den Sozialwissenschaften und ist von besonderem Interesse für Wissenschaftler(inn)en sowie im Universitätssystem Tätige.

Literaturverweise

  • Daumiller, Martin (2018): Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung: Struktur, Eigenschaften, Bedingungen und Auswirkungen selbstbezogener Ziele. Wiesbaden: Springer.
  • Dresel, Markus (2018) Geleitwort. in: Daumiller, Martin (Hrsg.): Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung: Struktur, Eigenschaften, Bedingungen und Auswirkungen selbstbezogener Ziele. Wiesbaden: Springer, S. IX-X.
  • Universität Augsburg (2018): Martin Daumiller, abrufbar unter: www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle (07.05.2018)

Rezensent
Stefan Siegel
M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pädagogik (Prof. Dr. Eva Matthes) und Doktorand im Fach Pädagogik an der Universität Augsburg
Homepage www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/paedagogik/p ...
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Zitiervorschlag
Stefan Siegel. Rezension vom 24.05.2018 zu: Martin Daumiller: Motivation von Wissenschaftlern in Lehre und Forschung. Struktur, Eigenschaften, Bedingungen und Auswirkungen selbstbezogener Ziele. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-21181-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24415.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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