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Stephanie Staudner: Bildungsprozesse im Ganztag

Cover Stephanie Staudner: Bildungsprozesse im Ganztag. Wahrnehmung und Wertung erweiterter Bildungsgelegenheiten durch Kinder. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 246 Seiten. ISBN 978-3-658-19997-5. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Studie von Stephanie Staudtner wurde als Dissertation an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg vorgelegt. Im Mittelpunkt steht die ganztägige Bildung und Betreuung an Grundschulen aus der Perspektive der Kinder. Auf diesem Hintergrund wird auch nach dem Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg gefragt und untersucht, wie sich Gerechtigkeit fördernde Bildungsprozesse bei Kindern auswirken. Dazu dient die Erfassung kindlicher Aktivitäten innerhalb ihrer Bildungslandschaften.

Aufbau

Gegliedert ist die Studie in sieben Kapitel:

  1. Kindliches Lernen in Ganztagsschulen und Bildungslandschaften – Eine Einleitung.
  2. Ganztagsschule und Bildungslandschaften.
  3. Ganztagsschule im Focus der Forschung.
  4. Bildungsgerechtigkeit – gemeinsames Anliegen von Bildungslandschaft und Ganztagsschule.
  5. Interdisziplinäre Perspektiven – Ganztagsgrundschule als Berührungspunkt von Schul-, Unterrichts – und Kindheitsforschung.
  6. Aufbau und Methode der Studie – Gestufte Erhebung zur Sichtbarmachung unterschiedlicher Kontext- und Handlungsebenen.
  7. Resümee und Ausblick – Die Rolle des Ganztags in der Ausgestaltung kindlicher Bildungslandschaften.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

1. Kapitel. Die Einleitung dient dazu, Begriff und Bedeutung ganztägigen Lernens in der Bildungslandschaft zu erläutern. Die Fragestellung der Studie wird formuliert und der Aufbau der Studie skizziert: u.a. Bedeutung erweiterter Bildungsgelegenheiten, Auswirkungen auf die Bildungsgerechtigkeit, Wahrnehmung erweiterter Bildung durch Schülerinnen und Schüler.

2. Kapitel. Ganztagsschulen eröffnen die Möglichkeit, die Lern- und Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler neu zu konzipieren und auf einen deutlichen Unterschied zwischen Regelbeschulung in Halbtagsschulen und Ganztagsschulen hinzuweisen. Neue Rahmenbedingen sind die geänderte Zeit- und Raumstrukturen, Öffnung der Schule und der Bezug zum Sozialraum. Damit einher geht ein erweitertes Bildungsverständnis was neben formalen auch non-formale sowie informelle Lern- und Bildungsprozesse einbezieht. Notwendig ist eine Schulentwicklung in eigener Regie mit dem Ziel, die Ganztagsschule als Baustein in einer Bildungslandschaft zu etablieren. Dies erfordert eine wertschätzende Haltung der beteiligten Akteure untereinander und eine Kooperation der Akteure in kommunaler Verantwortung. Eine ganzheitliche Bildung als Zielvorstellung erfordert kooperative Verbindungen von der Schule zu außerschulischen Bildungsorten. Damit rücken auch andere Inhalte und anderes Personal in das Bildungsgeschehen.

3. Kapitel. Begonnen wird mit einer definitorischen Klärung des Begriffes Ganztagsschule sowie der diesbezügliche Diskurs skizziert (u.a. Konzepte, Organisation, offene und gebundene Ganztagsschule, Ganztagsbildung). Daran anschließend wird die Ganztagsschulforschung unter dem Aspekt der Wirkung und unter dem Aspekt der Bedingungen ganztägiger Beschulung gesichtet. Neben sechs ausgewählten Studien aus Deutschland werden auch Studien aus der Schweiz und den Vereinigten Staaten (USA) erörtert. Die Forschungen in den USA zeigen z.B. einen positiven Zusammenhang zwischen Ganztagsschule und Schulleistungen sowie der psychosozialen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Des Weiteren werden Schulleistungsstudien behandelt wie auch die vorfindliche Bildungsberichterstattung in Deutschland. Zu den Auswirkungen ganztägiger Beschulung gehören u.a. positiver Einfluss auf Familienleben und Freizeitverhalten, auf Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung. Die Auswirkungen auf Schulleistungen beschreibt die Autorin als sehr schwach positiv und teilweise als widersprüchlich. Diese Feststellung gilt auch für die Kopplung von Schulleistung und sozialer Herkunft, wobei gerade Kinder benachteiligter Familien Ganztagsschulangebot zu wenig in Anspruch nehmen. Deshalb, so Staudner, muss die Teilnahmeverbindlichkeit erhöht werden. Verbessert werden muss ebenso die Qualität der Angebote wie auch die Verzahnung von Unterricht und Nachmittagsangeboten. Auf dem Hintergrund nicht ganz eindeutiger Forschungsbefunde wird eine subjektorientierte Betrachtung mit entsprechenden Forschungsmethoden vorgenommen.

4. Kapitel. Da Bildungsgerechtigkeit ein zentraler Bezugspunkt der Studie ist, wird dieser Gerechtigkeit ein gesondertes Kapitel gewidmet. Erörtert werden zunächst die Bildungslandschaften als Hoffnungsträger für eine entsprechende Gerechtigkeit. Dazu wird festgestellt, dass eine räumlich-lokale Betrachtung nicht ausreichend ist. Der Einfluss der Herkunft und die Bedeutung der ungleiche Chancen verteilenden Schule (Selektion) müssen einbezogen werden. Dabei macht die Autorin darauf aufmerksam, dass z.B. die Selektion unabhängig vom Beschulungsmodus existiert und deshalb die Erwartungen begrenzt werden müssen. Gleichwohl, so weiter, ergeben sich aber Gerechtigkeit fördernde Möglichkeiten in der Ganztagsschule wie z.B. die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler. Diese Förderung wird unterstützt durch den Bezug zu neuen Erfahrungs- und Lernräumen wie auch durch die längere Verweildauer in der Ganztagsschule.

Vertieft werden diese Ausführungen durch den Bezug zur Anerkennungsgerechtigkeit, die in sozialen Beziehungen hergestellt werden kann; in der Schule eben von gelingenden pädagogischen Beziehungen. Die Berücksichtigung von Diversität und Differenz sowie weitreichenden Partizipationsformen wären ebenso anerkennungspraktische Aspekte in der Ganztagsschule.

5. Kapitel. Interdisziplinäre Perspektiven werden benötigt, um methodologische Grundlagen der Studie wie auch das Erhebungsdesign zu erarbeiten. Im Fokus steht das Kind als lernende Persönlichkeit. Dargestellt werden Bezüge zur Schul-, Unterrichts- und der Kindheitsforschung. In der Auseinandersetzung mit diesen Forschungsbereichen wird eine pädagogische Kindheitsforschung herausgearbeitet, die den schulischen und außerschulischen Alltag umfasst und zu einer Forschung aus der Perspektive der Kinder führt. Für Forschende besteht allerdings das Problem, tatsächlich die Perspektive des Kindes einzunehmen und eigene Sichtweisen und Interpretationen zurückzustellen. Daraus folgt „Kinder als Partner des Forschungsprozesse und als eigenständige Persönlichkeit ernst zu nehmen“ (S. 103). Eine solche Einsicht und Haltung wirkt sich auf das Erhebungsverfahren aus und in diesem Sinne muss z.B. Kindern die Möglichkeit gegeben werden, ihre eigenen Perspektiven unbeeinflusst darzustellen. Dies wiederum führt zu kindgerechten Forschungsmethoden, die von der Autorin kritisch analysiert werden. Ihr geht es um die Sichtbarmachung kindlicher Bildungsprozesse aus der subjektiven Wahrnehmung heraus. Ein angemessenes Forschungsdesign hat eine qualitative Dimensionierung welche auf das Subjekt ausgerichtet ist (Mayring).

6. Kapitel. Detailliert beschrieben wird der methodische Aufbau der Studie. Vorgeschaltet ist eine auf Qualitätsmerkmale (z.B. Konzept, Förderung, Zeit/Raum) ausgerichtete Befragung von Ganztagsgrundschulen in Oberbayern mit dem Ziel, eine (teil-)gebundene best-practice Ganztagsgrundschule zu finden. In drei Erhebungsstufen werden folgende Ziele verfolgt:

  1. Die Rahmenbedingungen der Untersuchungsschule und ihres Ganztagsangebotes.
  2. Schulische und außerschulische Aktivitäten von Kindern in Ganztags- und Halbtagsklassen einer Jahrgangsstufe.
  3. Subjektiv bedeutsame Lernerfahrungen der Schülerinnen und Schüler in Ganztag und Bildungslandschaft.

Diesen Erhebungsstufen wird jeweils ein Erhebungsinstrumentarium zugeordnet. Zur Erhebungsstufe 2 z.B. die Erstellung aktivitätsbezogener Fallbeschreibungen, teilstrukturierte Tagebücher, Schülerinnen und Schüler aus Ganztags- und Halbtagsklassen, um Kontraste zu erzeugen, Wahl der Jahrgangsstufe. Der Forschungsverlauf in den Erhebungsstufen wird dargestellt, so z.B. in der Erhebungsstufe 2 der Einsatz und die Bedeutung von Tagebüchern in der Kindheitsforschung. Die erhobenen Daten in dieser Stufe werden betrachtet unter den Aspekt der Ganztags- bzw. Halbtagsbeschulung. Die Zuordnung erfolgt dann zu formellen und informellen Bildungsprozessen sowie formalen und non-formalen Settings. Als Grundlage dienen hier die Ausführungen des 12. Kinder- und Jugendberichtes (2005) zum erweiterten Bildungsbegriff. Der gesamte Prozess wird sodann durch Text und entsprechende Graphiken dargestellt. In der dritten Erhebungsstufe sind elf individuelle Bildungslandschaften der ausgewählten Schülerinnen und Schüler dokumentiert, die nach den genannten Bildungsmerkmalen geordnet werden. Bei der Schülerin Olivia gehört z.B. „draußen spielen“ zu den informellen Bildungsprozessen, „etwas mit der Familie unternehmen“ gehört zum non-formalen Setting. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einer Methodenkritik.

7. Kapitel. Zu den Ergebnissen gehören u.a. folgende Erkenntnisse:

  • Halbtagskinder bewerten den Unterricht eher negativ.
  • Ganztagskinder sind in ihrer Sichtweise auf den Unterricht ausgeglichener, auch spielt bei ihnen die Notengebung eine deutlich geringere Rolle.
  • Neue Lernerfahrungen motivieren im Ganztag.
  • „Für Halbtagskinder ist wie der Unterricht auch das Lernen zu Haus eher negativ besetzt und mit wenig expliziten Lernerfahrungen verbunden“ (S. 213).
  • Die sich herausbildende positive Bewertung des Ganztags lässt ein „Potenzial für die Loslösung des Zusammenhanges von herkunfts- und bildungsbedingter familiärer Unterstützung“ (S. 214) erkennen.
  • Die ein- bis zwei Stunden ungebundener Freizeit im Ganztag werden geschätzt (Entspannung, Kontakt mit Klassenkameraden und weiteren Schülerinnen und Schülern).
  • Kulturelle Bildung im Ganztag kann kompensieren, wenn die Herkunftsfamilie eine diesbezügliche Distanz hat. Wahrnehmung des Lebensumfeldes ist bedeutsam.
  • Zusatzangebote im Ganztag regen eher nicht zur Nutzung außerschulischer Einrichtungen an.

„Ganztagsschule bietet Potenziale für Persönlichkeitsbildung und Bildungsgerechtigkeit, wenn sie in bewusster Weise die zur Verfügung stehenden Bildungsgelegenheiten wahrnimmt und den Schülerinnen und Schüler zugänglich macht“ (S. 226).

Diskussion

Die Veröffentlichung reflektiert zunächst den aktuellen Diskurs zu den Themen Schule, Ganztag, Bildung, Bildungsgerechtigkeit. Die dann folgende Erhebung in Form einer Einzelfallstudie erfasst den subjektiven Blick der Schulkinder und zeichnet sich durch ein detailliertes und innovatives Untersuchungsdesign aus. Die Ergebnisse vertiefen die Erkenntnisse der Ganztagsschulforschung hinsichtlich des subjektiven Blicks von Schülerinnen und Schülern. Bezogen auf vorhandene, auch quantitative, Befunde zum Thema ergeben sich allerdings keine markanten Überraschungen im Ergebnisspektrum. Zu den Ergebnissen gehört auch, weiterführende Forschungsbedarfe skizziert zu haben.

Fazit

Die Studie untersucht mit einem innovativen Forschungsdesign den subjektiven Blick von Schülerinnen und Schülern auf ihr eigenes Bildungserleben in Ganztagsgrundschulen. Damit erfährt der aktuelle Diskurs zum Ganztag und seiner Erforschung, der auch entsprechend dargestellt wir, eine wichtige Ergänzung. Positive Wirkungen auf Persönlichkeitsbildung und Bildungsgerechtigkeit werden u.a. herausgearbeitet. Eine Zielgruppe für diese Veröffentlichung stellen sicherlich die mit Grundschulpädagogik befassten Fachleute dar.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 28.09.2018 zu: Stephanie Staudner: Bildungsprozesse im Ganztag. Wahrnehmung und Wertung erweiterter Bildungsgelegenheiten durch Kinder. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19997-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24417.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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