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Claudia Nürnberg, Maria Schmidt: Der Erzieherinnenberuf auf dem Weg zur Profession

Cover Claudia Nürnberg, Maria Schmidt: Der Erzieherinnenberuf auf dem Weg zur Profession. Eine Rekonstruktion des beruflichen Selbstverständnisses im Kontext von Biographie und Gesellschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 727 Seiten. ISBN 978-3-8474-2057-6. D: 86,00 EUR, A: 88,50 EUR.

Reihe: Qualitative Fall- und Prozessanalysen.
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Thema

Die Professionalisierungsprozesse von Erzieherinnen, die in der ehemaligen DDR sozialisiert wurden, stehen im Fokus dieser Veröffentlichung. Basis der Erkenntnisse sind biographische Interviews sowie eine Transitionsstudie zum Übergang von der Kindertagesstätte zur Grundschule, die im Spiegel der Spezifika unterschiedlicher Bildungsverständnisse in der DDR und im heutigen Deutschland analysiert werden

Entstehungshintergrund

Die Studie ist eine „leicht überarbeitete“ Fassung der gemeinsamen Dissertation der Autorinnen. Da die Autorinnen zuvor an der vom BMBF geförderten Studie „Den Übergang von der Kita zur Grundschule gemeinsam gestalten – Eine Thüringer Bestandsaufnahme“ (Lutz/Rißmann u.a. 2013) mitgearbeitet haben, auf deren Inhalte sie in Kap. II. 2 zurückgreifen, ist davon auszugehen, dass daraus das Interesse an der Vertiefung der dort gewonnen Erkenntnisse durch eigene autobiographisch-narrative Interviews mit Erzieherinnen und eine Analyse der Daten beider Studien unter dem Fokus des beruflichen Selbstverständnisses erwuchs.

Aufbau und Inhalt

Die Studie ist grob in drei große Kapitel untergliedert

I. Außenansichten: Determinanten des Erzieherinnenberufes

Dieses Kapitel widmet sich historischen, theoretischen, strukturellen und politischen Rahmenbedingungen. Unter der Überschrift: Institutionskunde der Kindergartenpädagogik (1) werden zunächst die Anfänge der Kindergartenpädagogik in Deutschland (1.1) und dann im Besonderen in der DDR (1.2) untersucht, wobei zwischen staatlichen (1.2.1) und konfessionellen (1.2.2) Kindergärten differenziert wird. Die Kindergartenpädagogik im Umbruch (1.3) untersucht die Zeit nach der Wende mit dem Blick auf Die Kindergärtnerin im Transformationsprozess (1.3.1), Anpassungs- und Ausbildungsregelungen (…) (1.3.2), sowie auf Relevante Forschungsergebnisse zur Kindergärtnerin im Transformationsprozess (1.3.3). Es folgt der Abschnitt Kindergartenpädagogik im Aufbruch, der sich auf die Erzieherin (1.4.1), die Qualitätsdebatte (1.4.2), die Bildungsdebatte (1.4.3) und die Ausbildungsdebatte im vereinigten Deutschland und seine Auswirkungen auf die in der DDR sozialisierten Erzieherinnen bezieht. Hier werden insbesondere die Schwierigkeiten der ostdeutschen Fachkräfte bei der Erlangung der -nach westdeutschen Vorbild notwendigen- staatlichen Anerkennung als Erzieherin deutlich.

II. Innenansichten: Rekonstruktion der Entwicklung beruflicher Identität von Erzieherinnen in Ostdeutschland

Zunächst wird – auf der Basis der schon genannten Transitionsstudie zum Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule die Berufsidentität als Gegenstand der Analyse des institutionellen Übergangs von der Kindertagesstätte zur Grundschule (2) thematisiert. Vorgestellt werden die Anlage der Studie (2.1), die Analyse der Ausgangslage (2.2), die Quantitative Iststand-Analyse (2.3), die Feinanalyse -der Gestaltung des Übergangs- in zwei Fallstudien (2.4) sowie die Ergebnisdiskussion der quantitativen Iststand-Analyse und der qualitativen Fallstudien als Komponenten der Übergangsuntersuchung.

Im 3. Abschnitt des Kapitels präsentieren die Autorinnen unter dem Titel Berufsidentität als Gegenstand der Biographieforschung ihre qualitative Studie zu den Biographien von vier in der DDR aufgewachsenen Erzieherinnen. Zunächst wird der Theoretisch-methodische Ansatz entfaltet (3.1): Das Autobiographisch-narrative Interview (3.1.1), der Zugang zum Forschungsfeld (3.1.2), die Durchführung der (…) Interviews (…) (3.1.3), Auswertungsschritte (3.1.4) und Fallauswahl (3.1.5). Es folgen das Fallporträt Margot (3.2), die Fallvignetten Ingrid (3.3) und Luise (3.4) sowie das Fallporträt Elisabeth (3.5.). Die Fallporträts geben beide die Strukturelle Beschreibung des Interviews sowie eine Analytische Abstraktion wieder.

III. Theoretische Implikationen und Aspekte beruflicher Handlungswirklichkeit

Im Kapitel III werden die Ergebnisse der Interviews weitgehend abstrahiert und hinsichtlich der Fragestellung nach einem professionellen Selbstverständnis von Erzieherinnen ausgewertet. Dies geschieht mit Blick auf die Berufsidentifizierung im Erzieherinnenberuf aus biographieanalytischer Sicht (4), die nach Unterschiedlichen Konzeptionen vom Erzieherinnenberuf (4.1), der Motivation für den Beruf als Evidenzerlebnis (4.2, der Haltung der Erzieherinnen zur Ausbildung (4.3), der Entfaltung der biographischen Professionsidentität von Erzieherinnen (4.4), dem Weltanschaulichen Orientierungsrahmen und dem professionell biographischem Selbstverständnis unter diesem Sinnhimmel (4.5), der Verwendung von Kategorisierungen und damit verbundenen Folgen (4.6), der Diffusität der Erziehungsaufgabe zwischen der beruflichen Erzieherinnenrolle als „professionelle Mütterlichkeit“ und der familialen Mutterrolle als „mütterliche Professionalität (4.7), der Fähigkeit zur Gefühlsarbeit und der Gefährdung durch generalisierte Ansprüche der sozialen Umgebung insbesondere im Generationenvertrag (4.8), der Erfahrung der Anpassungsqualifikation und die Haltung dazu… (4-9), Degradationserfahrung und neue Chancen im Transformationsprozess (4.10).

Schließlich werden Aspekte beruflicher Handlungswirklichkeit aufgerollt (5) und unter folgenden Überschriften untersucht: Die Tektonik der Institutionen Kindertagesstätte und Grundschule und deren Auswirkung auf die Berufsidentität der Erzieherinnen (5.1) sowie Dimensionen der Arbeitsvollzüge im Erzieherinnenberuf (5.2).

Schließlich präsentieren die Autorinnen die zentralen Erkenntnisse und daraus folgende Überlegungen zum Erzieherinnenberuf in Zusammenfassung und Ausblick (6).

Ergebnisse

Zentrale Ergebnisse der Studie sind:

  • Eine hohe Identifikation der Befragten mit der Mutterrolle und der Vorstellung, diese im Beruf auszuüben. Dies hat zur Folge, dass die Erzieherinnenrolle unter die Mutterrolle subsumiert wird – Erzieherinnen- und Mutterrolle werden als identisch wahrgenommen.
  • Die Darstellung der Berufswahl als Evidenzerlebnis. Die Kompetenzen für den Beruf werden aufgrund eigener Erfahrungen als Kind im Kindergarten oder als Mutter als schon vorhanden wahrgenommen. Die Ausbildung zur Erzieherin wird entsprechend für eher unnötig gehalten.
  • Eigene im Beruf erforderliche Kompetenzen werden nicht als professionell erworbene, sondern als bereits „naturwüchsig“ vorhandene wahrgenommen. Ein professionelles Selbstverständnis und Selbstvertrauen kann sich so nicht entfalten.
  • Mangelnde sozialwissenschaftlich und psychologisch fundierte Handlungs- und Reflexionskompetenz.
  • Die lebensgeschichtliche und berufliche Einbettung des beruflichen Selbstverständnisses in den Sinnhorizont der DDR-Gesellschaft. Schwierigkeiten im Transformationsprozess zwischen den zwei Gesellschaftssystemen wurden nicht reflektiert. Die in der DDR wirksame latente Unterstellung einer prästabilisierten Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft wird in der Vorbereitung der Kindergartenkinder auf die Schule wirksam.
  • Der Kindergarten wird zu allererst als Vorbereitung auf die Schule verstanden.
  • Der Bildungsanspruch an den Kindergarten wird mit dem in der DDR vorherrschenden instruktiven Bildungsverständnis verknüpft.
  • Ein gleichzeitig vorhandenes ko-konstruktivistisches Bildungsverständnis, das auf ganzheitliches Lernen gerichtet ist, das den Erzieherinnen aber nicht bewusst ist. Die Diskrepanz zwischen instruktiver Wissensvermittlung und selbsttätigen Bildungs- und Entwicklungsprozessen der Kinder bleibt unreflektiert.
  • Selbstabwertung und Unterordnung der Erzieherinnen unter den Anforderungen der Schule sind die Folgen.

Die Autorinnen schlussfolgern, dass in der Elementarpädagogik ein Aus- und Weiterbildungsbedarf besteht, der insbesondere Biographiearbeit, Supervision, Einüben eines differenzierten Fallverstehens und Reflexion umfasst. Die entsprechende Sensibilität der Weiterbildnerinnen und die Erhöhung des Akademisierungsgrades von Erzieherinnen werden als weitere Faktoren zur Erlangung von Professionalität genannt.

Diskussion

Die Ergebnisse der Studie sind hinsichtlich der Frage nach der Entwicklung von Professionalität von Erzieherinnen ernüchternd. Größtes Hemmnis dafür ist die Verstrickung der Befragten mit eigenen biographischen Prägungen, die sich offenbar zeitgemäßen pädagogischen Diskursen der Elementarpädagogik und Bildungsverständnissen entziehen. Die Aus- und Weiterbildung der befragten Erzieherinnen hat diese Problematik nach der Wende offenbar nicht berücksichtigt. Dennoch lassen sich aus diesen Erkenntnissen keine für die Berufsgruppe von Erzieher*innen gültigen Schlussfolgerungen ziehen. Die Autorinnen weisen zurecht darauf hin, dass die vorliegende qualitative Studie keine statistisch repräsentativen Ergebnisse für ostdeutsche Erzieherinnen hervorbringen kann, „glauben“ aber, aufgrund ihres spezifischen Forschungssettings Aussagen von theoretischer Repräsentativität generiert zu haben. Dies mag für in der DDR sozialisierten Erzieherinnen zutreffen. Bei der Einordnung der Befunde muss allerdings beachtet werden, dass die Befragungen der Erzieherinnen im Zeitraum zwischen 2009 und 2011 stattfanden und damit die folgenden Innovationsprozesse innerhalb der Ausbildungs- und Studiengänge und deren Auswirkungen auf die Professionalisierung des Erzieher*innenberufs nicht einfließen konnten. Die Forderungen der Autorinnen nach einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung von Erzieher*innen, die insbesondere auch die eigene berufliche Identität einbezieht, erscheint im Licht aktueller Entwicklungen, die sich in Aus- und Weiterbildungen für diese Berufsgruppe niederschlagen, als überholt. Insbesondere die Aktivitäten zur Umsetzung eines Länderübergreifenden Lehrplans Erzieherinnen/​Erzieher an den Fachschulen für Sozialpädagogik (https://www.boefae.de/ 2012) flossen seither in die Lehrpläne der Bundesländer ein. So enthält der kompetenzorientierte Lehrplan für die Fachschule, Fachbereich: Sozialwesen, Fachrichtung: Sozialpädagogik, in Thüringen fundierte Aussagen zum „Erziehen als wissenschaftlich fundierte Tätigkeit (Thueringer Ministerium Für Bildung Wissenschaft und Kultur 2014, S. 43 ff.) sowie den Entwurf eines individuellen Modells der Professionalisierung (S. 107 ff). Verwiesen sei außerdem auf die beim Deutschen Jugendinstitut angesiedelte Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte, WiFF, die seit 2008 repräsentative Studien und Expertisen zur Aus-und Weiterbildung von Erzieher*innen vorlegt (www.weiterbildungsinitiative.de).

Fazit

Der besondere Erkenntniswert der Studie liegt darin, wie wirkmächtig früh sozialisierte Werte und Normen in der weiteren Lebensgeschichte bleiben und sich als Hemmnisse für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung erweisen können. Äußerst interessant sind außerdem die Einblicke in die Lebenswelten der Erzieherinnen und ihre DDR-Sozialisation. Das daraus entstandene Menschenbild mit entsprechenden Wirkungen in sozialpädagogischen Handlungsfeldern scheint immer noch zu existieren. Interessant wäre es zu untersuchen, inwieweit sich diese Haltungen auf die Zielgruppen der Erzieherinnen, Kinder und deren Eltern, auswirken. Kritisch anzumerken ist, dass die Arbeit mit mehr als 700 Seiten einen Umfang hat, der für die Lesenden schwer zu bewältigen ist. Äußerst detaillierte Darstellungen des gesamten Forschungsprozesses und die komplette Veröffentlichung sämtlicher Auswertungsschritte führen zu Redundanzen und einer Menge von für das Erkenntnisinteresse nicht relevanten und auch nicht weiter beachteten Details, die das Verständnis der Studie insgesamt erschweren. Eine Konzentration auf wesentliche Punkte und Ergebnisse wäre wünschenswert gewesen.


Rezension von
Prof. i. R. Dr. Margitta Kunert-Zier
Erziehungswissenschaftlerin, Frankfurt University of Applied Sciences Fachbereich 4 Soziale Arbeit, Frankfurt am Main
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Zitiervorschlag
Margitta Kunert-Zier. Rezension vom 11.09.2020 zu: Claudia Nürnberg, Maria Schmidt: Der Erzieherinnenberuf auf dem Weg zur Profession. Eine Rekonstruktion des beruflichen Selbstverständnisses im Kontext von Biographie und Gesellschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2057-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24418.php, Datum des Zugriffs 18.09.2020.


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