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Wolfgang Müller-Commichau: Souveränität durch Anerkennung

Wolfgang Müller-Commichau: Souveränität durch Anerkennung. Überlegungen zu einer dekonstruktiven Erwachsenenpädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2018. 94 Seiten. ISBN 978-3-8340-1810-6. 13,00 EUR.
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Thema

Mit der hier vorgelegten Publikation erweitert Wolfgang Müller-Commichau seine beiden bisherig vorgelegten Arbeiten zu einer Anerkennungspädagogik, die Publikationen „Anerkennung in der Pädagogik“ (2014) und „Was soll das denn!? Zeitgenössische Kunst als Lernfeld“ (2015) mit seinen pädagogisch-philosophischen Überlegungen zu einer dekonstruktiven Erwachsenenpädagogik um ein drittes Werk. Der zentrale Referenzautor ist dabei der französische Poststrukturalist Jacques Derrida. Die Praxisfelder, auf die sich der Text bezieht, sind Allgemeinbildung und berufliche Bildung mit Erwachsenen, die berufliche und betriebliche Weiterbildung sowie die Hochschullehre. Für den Autor hat das Erleben von Anerkennung eine Selbstwahrnehmung zur Folge, die durch Souveränität gekennzeichnet ist.

Autor

Wolfgang Müller-Commichau ist Hochschullehrer und Erwachsenenbildner, Honorarprofessor an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden, Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und der Universität Bielefeld sowie Mentor für Erwachsenenbildung an der Universität Kaiserslautern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im ersten Kapitel, der Einführung, gibt der Autor einen Überblick über die für ihn zentralen Begriffe und Autoren. Er legt sein Verständnis von Anerkennung als eine „Haltung Dritten gegenüber (dar), die Respekt und Wertschätzung fokussiert“ (S. 10). Mit Bezug auf den Sozialphilosophen Axel Honneth werden drei Elemente der Anerkennung in pädagogischen Prozessen benannt:

  1. die Bejahung der Lernenden durch die Lehrenden,
  2. das Bemühen um Gleichbehandlung einer Gruppe von Lernenden und
  3. die wertschätzende Hervorhebung sozialer Kompetenzen.

Im Sinne der angestrebten Souveränität und einer Erhöhung der Selbstkompetenz im Lehr-Lern-Handeln wird dafür plädiert, „dass die Rollen von Lehrenden und Lernenden mittelfristig getauscht werden können“ (S. 11). Dies impliziert ein Handeln auf Augenhöhe im Lehr-Lern-Prozess. Dem Autor ist es wichtig, im pädagogischen Handeln eine „öffnende Vagheit“ und „zirkuläres Reflektieren“ (S. 15) zuzulassen. Dem innovativen Wahrnehmen soll durch die Berücksichtigung von Ästhetik in der Erwachsenenpädagogik mehr Raum gegeben werden. Mit dem Begriff der Erwachsenenpädagogik thematisiert der Autor das konkrete Lehrhandeln auf mikrodidaktischer Ebene.

Das zweite Kapitel ist ganz Derrida, dem Vordenker einer Dekonstruktion, auf den sich der Autor zentral bezieht, vorbehalten. Dieser wird dem Leser als Mensch und Philosoph näher gebracht. Dies geschieht in der Absicht, Derridas Konzepte auf ihre pädagogische Brauchbarkeit hin zu befragen, um schließlich an zwei praktischen Beispielen (Liebe und Transitzone) die Idee der Dekonstruktion zu erläutern.

Im dritten Kapitel geht es um die Lernenden und den erwachsenenpädagogischen Umgang mit ihnen. Der Autor geht von drei zentralen Motiven für die Teilnehme an Veranstaltungen der Erwachsenenbildung aus: Erstens dem Wunsch nach fachlichem Wissen, zweitens dem Wunsch nach Arbeit an der eigenen Identität und drittens dem Wunsch nach Anerkennung. Der zuletzt genannte Wunsch führt zu der zentralen These, dass den Pädagog*innen in Erwachsenenbildung und Hochschule zunehmend die Funktion zukomme, „andernorts nicht oder zu wenig erfahrene Anerkennung in einer glaubwürdigen Weise zu artikulieren und damit eine Substitutionsfunktion wahrzunehmen“ (S. 32). Das jeweils Besondere der Lernenden zu erkennen und dies in anerkennender Weise zur Sprache zu bringen, verstärke die Lernbereitschaft. Als Beispiel verweist der Autor hier auf die wachsende Bedeutung des Coachings als einer individualisierten Variante der Erwachsenenbildung.

Ausgehend von seinen zentralen Kritikpunkten aktueller Erwachsenenpädagogik, die er als zu ökonomisch, zu rational, latent systemstabilisierend und körperfern charakterisiert, entwickelt der Autor im vierten Kapitel sein dekonstruktives Lehr-Lernkonzept mit ästhetischer Signatur, das er deutlich von einer konstruktivistischen Perspektive abgrenzt. Seine drei zentralen Komponenten sind

  • Anerkennung,
  • Dekonstruktion und
  • Ästhetik.

Anerkennung bezeichnet in dem bereits ausgeführten Sinne eine Haltung und keine Technik. Zur Dekonstruktion gehört auch die „Vermittlung von Mut für Dekonstruktion“ und „Wachheit gegenüber allem vermeintlich Alternativlosen“ (S. 43). Die Fokussierung alltäglicher Wahrnehmungsprozesse auf das Ästhetische soll Wege aufzeigen, sich von dem „Zweckmäßigkeits-Fetischismus“ (S. 46) zu lösen. Eine auf den genannten Prinzipien basierende Erwachsenenbildung sei sich ihrer aufklärerischen Wurzeln bewusst, indem sie Menschen zu kritischem Befragen und Hinterfragen anrege und ihnen so die Chance eröffne, sich von unreflektiert übernommenen Deutungen zu emanzipieren. Gepaart mit einer Sensibilität für Interaktions- und Kommunikationsprozesse befördere dekonstruktive Erwachsenenpädagogik die Souveränität der Lehrenden und Lernenden. Die dekonstruktive Erwachsenenpädagogik wird vom Autor als Teil einer poststrukturalistischen Bildungstheorie verstanden.

Im abschließenden fünften Kapitel werden praktische Vorschläge für eine dekonstruktive Erwachsenenpädagogik als Lernbegleitung aufgezeigt. Am Anfang steht die Klärung von Begriffen. An dieser Stelle wird auch der Begriff der Souveränität wie folgt definiert: „Souveränität ist (…) die Fähigkeit des einzelnen, selbstbestimmt Biografie-relevante Entscheidungen zu fällen“ (S. 61). Konstitutiv für eine dekonstruktive Pädagogik sei, dass sie auch ihre Basis-Begriffe kritisch hinterfrage. Der zentrale Referenzbegriff für eine dekonstruktive Pädagogik lautet für den Autor nicht ‚Technik‘, sondern ‚Spiel‘: „Spiel als Arrangement, das eine Synthese aus Kreativität und gelebter Anerkennung darstellt“ (S. 72). Bildung könne so zu einer Gabe der Pädagog*innen werden, ohne eine Gegengabe zu beanspruchen. Eine Handlungsmaxime für Pädagog*innen – so die Argumentation – sollte deshalb, Heinz von Foerster zitierend, lauten: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird“. Weitere begriffliche Dekonstruktionen beschäftigen sich mit Lehrenden als Gastgebern, Atmosphären als Spuren, Lehr-Lernsettings als „nicht materialisierte Emotionssumme interagierender Personen“ (S. 73), Mit-Teilung, Vorbewusstem, Räumen, Schreiben und Pendeln. Gerade das Pendeln begünstige die Dynamik des Lehr-Lern-Prozesses, indem es ein Oszillieren zwischen Nähe und Distanz, Instruktion und Begleitung, Zulassen und Begrenzen sowie Lernzielorientierung und Lernzieloffenheit ermögliche. Den Abschluss bilden Überlegungen zur Erwachsenenbildung als sinnliche Resonanzfläche; Stichworte sind hier u.a. Körper, Tanz und Bewegung.

Diskussion

In der Einleitung schreibt der Autor, dass er in diesem Text den „Versuch unternehme, auch zirkulär zu reflektieren, also in mehr oder weniger kreisenden Bewegungen“ (S. 15). Dies ist ihm sicherlich gelungen. Die kritische Auseinandersetzung mit aktuell konstatierten Entwicklungen in der Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung führen ihn über die Dekonstruktion selbstverständlich verwendeter Begrifflichkeiten zu interessanten Einsichten und plausiblen Konsequenzen für das Handeln in Lehr-Lern-Prozessen.

Das Verdienst der Publikation sehe ich darin, ein überzeugendes Plädoyer für seine zentrale Botschaft „Souveränität durch Anerkennung“ zu liefern. Damit eröffnet er einen bislang vernachlässigten Diskurs, den es noch zu vertiefen gilt. Es ist allerdings zu fragen, ob die diesbezüglichen Einsichten zwingend nur durch den dekonstruktivistischen Ansatz gewonnen werden können.

Auch die Überlegungen der Humanontogenese, die Karl-Friedrich Wessel in seinem Aufsatz „Der Souveräne Mensch“ (2007) in der von ihm herausgegebenen Publikation „Die Zukunft der Bildung und die Bildung für die Zukunft“ veröffentlicht hat, liefert wichtige Hinweise. Souveränität wird hier als die Fähigkeit des Individuums verstanden, über die eigenen inneren Angelegenheiten zu verfügen und stets Änderungen in dieser Verfügung vornehmen zu können. Auf diese Weise kann Selbstvertrauen erworben werden, das nach Gandhi eine Voraussetzung und Bedingung für Fortschritt und Erfolg ist. Der Gedanke der Anerkennung findet sowohl in systemisch-lösungsorientierten Coachingansätzen, in denen es darum geht, die Stärken von Menschen zu stärken, als auch in Führungskräfteweiterbildungen, deren Ziel eine Wertschöpfung durch Wertschätzung ist und die auf Teilhabe statt Anreizsysteme setzen, zunehmend Beachtung.

Die Stärke des hier rezensierten Buches ist es, den theoretisch formulierten Anspruch hinsichtlich einer stärkeren Berücksichtigung der ästhetischen Dimension von Erwachsenenpädagogik praktisch in dem Buch eingelöst zu haben. Dies geschieht durch die künstlerischen Arbeiten des Autors, die das Buch illustrieren und einen zusätzlichen Resonanzraum für das Verständnis des Textes eröffnen. Am Lernen und der Selbstbildung ist nämlich der ganze Mensch, mit seinen emotionalen, kognitiven, sozialen und auch spirituellen Dimensionen beteiligt.

Ein Manko könnte es sein, dass gerade im letzten Kapitel die Stringenz der Gedankenführung zugunsten eines eher assoziativen Gedankenspiels aufgegeben wird; allerdings, so ließe sich auch argumentieren, folgt der Autor damit dem selbst formulierten zentralen Referenzbegriff des ‚Spiels‘. Diese Art des Schreibens lädt dazu ein, eigenen Spuren im Denken, Fühlen und Handeln nachzugehen und sich aus gewohnten Denkmustern zu befreien, um so zu neuen Ufern aufzubrechen.

Fazit

Das Buch „Souveränität durch Anerkennung. Überlegungen zu einer dekonstruktiven Erwachsenenpädagogik“ von Wolfgang Müller-Commichau liefert aus dekonstruktivistischer Perspektive eine überzeugende Argumentation für eine stärkere Anerkennungskultur im Lehr-Lern-Prozess, die den Bedürfnissen von Lernenden und Lehrenden als Teilnehmer*innen wie auch Teilhaber*innen ihres eigenen Lern- und Bildungsprozesses Rechnung trägt und damit einen Beitrag zu mehr Souveränität leistet.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Schäfer
Professor für Methoden der Erwachsenenbildung an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena
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Zitiervorschlag
Erich Schäfer. Rezension vom 09.11.2018 zu: Wolfgang Müller-Commichau: Souveränität durch Anerkennung. Überlegungen zu einer dekonstruktiven Erwachsenenpädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2018. ISBN 978-3-8340-1810-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24419.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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