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Bedia Akbaş: Von Sprachdefiziten und anderen Mythen

Cover Bedia Akbaş: Von Sprachdefiziten und anderen Mythen. Eine Studie zum Nicht-Verbleib von Elementarpädagoginnen und -pädagogen mit Migrationshintergrund. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 423 Seiten. ISBN 978-3-658-19717-9. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Thema

Das Thema der Migration ist kein neues Thema, aber durch die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre sehr in den Fokus der Bevölkerung gerückt. Dabei wird oft vergessen, dass Migration keine neue Thematik ist, sondern dass Personen mit Migrationshintergrund häufig in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen sind. Dies müsste auch für den Beruf der Erzieherinnen und Erzieher zutreffen. Sozialstatistische Auswertungen zeigen aber, dass Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in den Kindertagesstätten deutlich unterrepräsentiert sind. Diese Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage nach den möglichen Ursachen.

Autorin

Dr. Bedia Akbas ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pädagogik der Universität Oldenburg in den Arbeitsbereichen „Pädagogik und Didaktik des Elementar- und Primarbereichs“ sowie „Diversitätsbewusste Pädagogik“. Mit der vorliegenden Dissertationsstudie erfolgte 2017 die Promotion.

Entstehungshintergrund

Das Arbeitsfeld der Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern ist in den letzten Jahren immer mehr in den gesellschaftlichen Fokus geraten. Daneben treten seit einigen Jahren ebenfalls der Umgang und die Bedeutung der Personen mit Migrationshintergrund in unserer Gesellschaft in den Fokus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Diese Dissertationsschrift verbindet beide gesellschaftlichen Diskussionen, indem sie die Situation der Erzieherinnen und Erzieher mit Migrationshintergrund betrachtet.

Aufbauend auf ihre Erhebung im Rahmen des Forschungsprojektes „Pädagogische Fachkräfte mit Migrationshintergrund in Kindertagesstätten: Ressourcen – Potentiale – Bedarfe“ geht Bedia Akbas in dieser Dissertationsarbeit der Frage nach warum die Verbleibquote von Fachpersonal mit und ohne Migrationshintergrund sich so sehr unterscheidet. Durch eine forschungsmethodische Triangulation verschiedener quantitativer und qualitativer Erhebungsverfahren erwirbt die Autorin wichtige Erkenntnisse auf der Ebene der Verbleibanalysen von Erzieherinnen und Erziehern mit Migrationshintergrund.

Aufbau

Die Dissertation umfasst sechs Kapiteln sowie ein Literaturverzeichnis und ein Anhang auf insgesamt 423 Seiten und folgt dem Aufbau einer quantitativen und einer qualitativen Studie. Den Kapiteln vorweg ist ein Geleitwort von Prof. Dr. Rudolf Leiprecht gestellt.

  1. Im ersten Kapitel wird eine Einleitung in die Thematik durch die Beschreibung des Forschungsinteresses gegeben. Es schließen sich ein kurzer Überblick über den Aufbau der Arbeit, ein Publikationsnachweis zum verwendeten empirischen Material und ein kurzer Exkurs zum Begriff Migrationshintergrund an.
  2. Im zweiten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand und dem Zugang zum Forschungsfeld.
  3. Das dritte Kapitel beinhaltet die Beschreibung der verwendeten Forschungsmethoden (Quantitative Befragung, Leitfadeninterviews und Gruppendiskussionen) und die Darstellung des Forschungsdesigns.
  4. Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse der quantitativen Befragung der Kindertageseinrichtungen und der ausbildenden Fachschulen und Berufsfachschulen dargestellt.
  5. Im Anschluss präsentiert die Autorin im fünften Kapitel die Ergebnisse der qualitativen Erhebung.
  6. Im letzten Kapitel erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse und eine Diskussion über die Ergebnisse und deren Auswirkungen.

Es schließt sich noch ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Anhang an, indem sich die Fragebögen der Kindertageseinrichtungen und der ausbildenden Schulen befinden.

Inhalte

Das erste Kapitel, welches auch als Einleitung in das Buch dient, besteht aus vier Unterkapiteln. Es startet mit der Darstellung des Forschungsinteresses und dem Forschungsziel. Es werden von der Autorin verschiedene Fragestellungen dargestellt, die insgesamt in die Fragen nach den Gründen für den Nichtverbleib von Fachkräften mit Migrationshintergrund im frühpädagogischen Berufsfeld münden. Das zweite Unterkapitel beschreibt den Aufbau der Dissertation. Es schließt sich im dritten Unterkapitel ein Publikationsnachweis zum verwendeten empirischen Material an. Den Abschluss des ersten Kapitels bildet ein Exkurs zum Begriff Migrationshintergrund, welcher die Problematik des Begriffes herausstellt.

Das zweite Kapitel der Studie setzt sich in vier Unterkapiteln mit dem Forschungsstand und dem Forschungsfeld auseinander. Das erste Unterkapitel stellt kurz den gesellschaftspolitischen Forschungskontext dar. Es werden Hintergründe des steigenden frühpädagogischen Fachkräftebedarfs unter anderem durch den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatzes erläutert. Das zweite Unterkapitel befasst sich mit der Veränderung der pädagogischen Ansätze der Ausländerpädagogik hin zur Migrationspädagogik. Das folgende Unterkapitel stellt die Rolle und Aufgabe der Kindertagesstätten in der Migrationsgesellschaft heraus. In diesem Abschnitt werden Daten zu den Kindern mit Migrationshintergrund und zu den Mitarbeitern mit Migrationshintergrund aufgeführt. Im letzten Unterkapitel folgt eine Auseinandersetzung mit den Begriffen „Diskriminierung“ und „Rassismus“ und ihre Bedeutung in unserer Gesellschaft. Unter anderem setzt sich die Autorin hier auch mit Alltagsrassismus, unbewussten Rassismus und institutioneller Diskriminierung auseinander

Im ersten Teil des dritten Kapitels stellt die Autorin kurz eine Übersicht über die genutzten Einzelmethoden der Befragungen mit der Zielgruppe dar. Das zweite Unterkapitel beschreibt die Planung und Durchführung der quantitativen Befragung der Einrichtungsleitungen und der Schul- und Ausbildungsstätten mittels eines teilstandardisierten Fragebogens. Darauf folgt im dritten Teil des Kapitels die Beschreibung der Planung und Durchführung der Leitfadeninterviews mit den Fachkräften mit Migrationshintergrund. Das Kapitel schließt ab mit der Beschreibung der zweiten qualitativen Forschungsmethode, der Gruppendiskussion und der verwendeten Auswertungsmethode dieser Diskussionen.

Das vierte Kapitel befasst sich in drei Unterkapiteln mit den Ergebnissen der Befragung mit dem Fragebogeninstrument. Im ersten Unterkapiteln werden die Ergebnisse der quantitativen Befragung der Leitungen der Kindertageseinrichtungen dargestellt. Es werden an dieser Stelle detaillierte Angaben über die Repräsentanz der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund und zu der Beschäftigungssituation dieser Mitarbeiter gemacht. Es erfolgt auch schon eine Auseinandersetzung mit den Gründen für diese Ergebnisse. Daran schließt sich im zweiten Unterkapitel die Präsentation der Ergebnisse der befragten ausbildenden Schulen an. Hierbei werden Ergebnisse zu den Schülern aber auch zu den Lehrkräften mit Migrationshintergrund aufgeführt. Es folgt im letzten Teil des Kapitels ein erster Blick auf die Ergebnisse dieser beiden Befragungen.

Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse des qualitativen Forschungsteils aufgeführt. In vier Unterkapitel werden jeweils Schwerpunkte der Einzelinterviews und der Gruppendiskussion dargestellt. Im ersten Teil des Kapitels wird die Typenbildung aus den Einzelinterviews beschrieben. In Netzwerkdiagrammen werden grafisch die Ergebnisse anhand von acht Kategorien dargestellt. Diese acht Kategorien bestehen aus:

  • Umgang mit Othering-Erfahrungen,
  • Ausmaß dieser Erfahrungen,
  • Bildungsverlauf,
  • Gründe für den Verbleib,
  • Kulturmodell,
  • Zugangsbarrieren,
  • Sprachdefizite und
  • muslimische Religionszugehörigkeit.

Durch die Netzwerkdiagramme unterteilt die Autorin in Prototypen und Einzelfälle. Im zweiten Unterkapitel werden die Ergebnisse zu den Othering- und Diskriminierungserfahrungen in Schule, Ausbildung aber auch in der beruflichen Praxis intensiver betrachtet. Im dritten Unterkapitel stehen die Ergebnisse zu den Gründen der Unterrepräsentation und der schlechteren Beschäftigungssituation der Fachkräfte mit Migrationshintergrund im Fokus. Hier werden unter anderem der Mythos der Sprachdefizite und die Beschäftigungssituation bei kirchlichen Trägern genauer betrachtet. Den Abschluss des fünften Kapitels bildet eine Auswahl von Ergebnissen und Interpretationen anhand von ausgewählten Passagen der Gruppendiskussionen.

Die Autorin stellt im sechsten Kapitel bei der Zusammenfassung der Ergebnisse heraus, dass ihre Untersuchung die Ergebnisse anderer Studien zur Unterrepräsentation von Fachkräften mit Migrationshintergrund in frühkindlichen Bildungseinrichtungen bestätigt hat. Darüber hinaus beschreibt sie, wie sie einige Gründe für diese Unterrepräsentation identifizieren konnte. Diese zeigen auf, dass diese Fachkräfte stereotypische Zuschreibungen und Diskriminierung in der Ausbildung und der beruflichen Praxis erleben. Diesbezüglich sieht die Autorin wichtige Aufgaben für eine kulturkritische Weiterentwicklung der beruflichen Ausbildung und der Praxis.

Diskussion

Dieses Buch beruht auf den Grundlagen qualitativer und quantitativer Studien im Rahmen einer Dissertationsschrift. Entsprechend ist der Aufbau des Buches gestaltet. Die Kapitel über die Darstellung des Forschungstandes, der Forschungsmethoden und des Forschungsdesign geben einen guten Einblick in die Forschungsarbeit, sind aber für Personen, die bisher mit Sozialforschung noch nicht in Berührung gekommen sind, schwerer nachzuvollziehen. Gut gelungen sind die Darstellung der Forschungsergebnisse in den Kapiteln vier und fünf. Durch die zahlreichen Ausschnitte aus den Einzelinterviews und den Gruppendiskussionen im fünften Kapitel und den ausführlichen Darstellungen der quantitativen Erhebungen können die Ergebnisse gut nachvollzogen werden. Mir persönlich war beim Lesen nur die Schriftgröße bei den Einschüben im zweiten und dritten Kapitel ein wenig zu klein.

Fazit

Durch das Buch „Von Sprachdefiziten und anderen Mythen“ gelingt der Autorin ein wichtiger Diskussionsbeitrag zum Thema Integration von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund in den Einrichtungen der Kindertagesbetreuung. Für mich wurde deutlich, dass noch eine Menge Arbeit auf allen Seiten vor uns liegt. So ist es nicht nur ein individuelles Thema für jeden Mitarbeiter, ob nun mit oder ohne eigenen Migrationshintergrund, sondern für die ausbildenden Schulen und den Teams und Trägern der Kindertageseinrichtung. Kulturelle Vielfalt will eben praktisch gelebt werden.


Rezensent
Diplom-Pädagoge Volker Raupach
Lehrtätigkeit an einer Fachschule
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Zitiervorschlag
Volker Raupach. Rezension vom 22.05.2019 zu: Bedia Akbaş: Von Sprachdefiziten und anderen Mythen. Eine Studie zum Nicht-Verbleib von Elementarpädagoginnen und -pädagogen mit Migrationshintergrund. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19717-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24420.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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