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Jan Üblacker: Gentrifizierungs­forschung in Deutschland

Cover Jan Üblacker: Gentrifizierungsforschung in Deutschland. Eine systematische Forschungssynthese der empirischen Befunde zur Aufwertung von Wohngebieten. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 230 Seiten. ISBN 978-3-86388-783-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Die als Gentrifizierung bezeichnete Aufwertung von Wohngebieten, die durch Sanierungen und Investitionen ausgelöst wird und eine Veränderung der Bevölkerungs- und der gewerblichen Struktur zur Folge hat, ist Thema zahlreicher Qualifikationsarbeiten und Publikationen. Ziel des Autors ist, die vorliegenden empirischen Befunde zu sichten und zusammenzufassen.

Autor

Jan Üblacker hat Soziologie, Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert und zum Thema Gentrifizierung promoviert. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Integrierende Stadtentwicklung am Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung in Düsseldorf. Das vorliegende Buch ist seine 2017 vorgelegte Dissertation.

Aufbau

Das Buch umfasst sechs inhaltliche Kapitel.

  1. Im einleitenden Kapitel wird die Fragestellung erläutert,
  2. im zweiten Kapitel schildert der Autor seine Vorgehensweise bei der Recherche und Selektion der analysierten Arbeiten,
  3. das dritte Kapitel enthält einen Exkurs über den Mehrwert von Qualifikationsarbeiten in der Stadtforschung,
  4. das vierte und
  5. fünfte Kapitel bilden den Kern des Buches. Hier werden die Arbeiten zur Gentrifizierungsforschung in Deutschland referiert.
  6. Im sechsten Kapitel wird dann ein Fazit gezogen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalte

In der Einleitung weist Üblacker darauf hin, dass Komplexität, historische und räumliche Spezifität, Mehrdimensionalität und konkurrierende Erklärungsansätze die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Gentrifizierung prägen, das als typische Erscheinung postmoderner Stadtentwicklung gilt. Immobilienwirtschaftlich gesehen ist es eine Aufwertung von Baustrukturen, die zu einer Wertsteigerung von Grundstücken und Gebäuden führt, sozialräumlich handelt es um Segregation. Die deutsche Forschung zur Gentrifizierung besteht aus vielen zumeist deskriptiven und zum Teil unveröffentlichten Einzelfallstudien, die relativ unverbunden nebeneinander stehen. Das ist der Ansatz für den Autor, die im Zeitraum 1980 bis 2014 entstandenen unpublizierten Qualifikationsarbeiten und die in der Fachliteratur publizierten Arbeiten zu sichten und in einer Forschungssynthese zusammen zu fügen. Er differenziert zwischen der sozialen, der baulichen, der gewerblichen und der symbolischen Dimension der Gentrifizierung.

Im zweiten Kapitel wird das methodische Vorgehen geschildert. Von den 327 erfassten Qualifikationsarbeiten hat der Autor 98 als „zentral“ kategorisiert, davon hat er 70 Arbeiten einer detaillierten Auswertung unterzogen.

Das dritte Kapitel besteht aus einem weniger als eineinhalb Seiten langen Exkurs über den Mehrwert von Qualifikationsarbeiten in der Stadtforschung. Deren Vorteil und Nutzen seien das Erproben können neuer methodischer Ansätze und die Gelegenheit, Teilfragestellungen im Rahmen größerer Forschungsvorhaben zu bearbeiten.

Das vierte Kapitel liefert einen Überblick über die seit 1980 an deutschen Hochschulen zum Thema Gentrifizierung erstellten Qualifikationsarbeiten. Ein großer Teil wurde im Zeitraum ab 2010 insbesondere in den Großstädten Berlin, Hamburg, München und Köln angefertigt. Viele Arbeiten befassen sich mit den Akteuren, den Pionieren und Gentrifiern. Der Kategorie soziale Dimension wurden 63 von den 70 Arbeiten zugeordnet, in denen die Altersverteilung, Haushaltsform, Migrationshintergrund, Einkommen, Bildung, Tätigkeit und Lebensstil usw. betrachtet wurden. Die baulich-physische Dimension ist Thema in 57 Arbeiten, in denen Mieten, Sanierungsgrad, neugebaute Eigentumswohnungen, Wohnqualitätsmerkmale, Bodenrichtwerte, Verbesserungen des Wohnumfelds usw. analysiert wurden. Die Veränderung der Gewerbestruktur wurde in 49 Arbeiten untersucht. Die symbolische Dimension wurde in 41 Arbeiten betrachtet. Aus den Eindrücken ergibt sich ein bestimmtes Image wie z.B. „sozialer Brennpunkt“, „Drogenszene“ oder „Touristen-Viertel“. In 35 Arbeiten wurde das Thema soziale und gewerbliche Verdrängung thematisiert; in 18 Arbeiten wurden Proteste, die sich gegen Investoren, Gewerbetreibende oder die Kommunalpolitik richten, untersucht; 55 Arbeiten widmeten sich den Möglichkeiten der Gegensteuerung z.B. durch Erhaltungssatzungen oder Teilnahme an dem städtebaulichen Programm „Soziale Stadt“. Das Fazit zum umfangreichen vierten Kapitels lautet, dass es den Qualifikationsarbeiten an einer theoretischen Fundierung mangelt und dass „der etablierte Kanon aus Pionieren und Gentrifiern in Zukunft nicht mehr ausreichen könnte, um den sozialen Wandel eines Gebiets empirisch fassbar zu machen“ (S. 124). Auch andere Gruppen würden die neue Attraktivität der Innenstädte entdecken.

Im fünften Kapitel erfolgt eine Gesamtschau, indem jetzt auch die publizierten Forschungsarbeiten in den Blickpunkt rücken. Was die soziale Dimension der Gentrifizierung betrifft, wird in beiden Kategorien von einem einheitlichen Muster ausgegangen: der Verjüngung der Altersstruktur und der Verkleinerung der Haushalte. Pioniere sind jünger, besser ausgebildet und meisten kinderlos. Ihr Einkommen liegt unter demjenigen der Gentrifier. Auslöser von Gentrifizierung sind Investitionen und Sanierungen, was eine Änderung des Wohnraumangebots bewirkt. Zwei Theorien werden erwähnt: die Rent Gap Theorie, die steigende Mieten im Gentrifizierungsgebiet voraussagt, und die Value Gap Theorie, nach der Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen stattfinden, wenn der Verkaufserlös der Wohnung die zu erwartenden Mieteinnahmen übersteigt. Als weiteren theoretischen Ansatz stellt Üblacker einen idealtypischen Verlauf einer gewerblichen Aufwertung eines Gebiet vor. Er konstatiert, dass die symbolische Dimension in der publizierten Literatur nur selten untersucht worden ist, sodass die Wirkungszusammenhänge zwischen symbolischem Wandel und der sozialen, baulichen und gewerblichen Aufwertung noch nicht ausreichend geklärt sind.

Im sechsten Kapitel liefert der Autor ein Fazit zur Gentrifizierungs-Forschung in Deutschland. Ein Manko sei, dass es sich hauptsächlich um Fallstudien handelt, die nur zu einem Zeitpunkt durchgeführt wurden. Längsschnittuntersuchungen mit einer höheren Aussagekraft gibt es kaum. Die deutsche Gentrifizierungs-Forschung ist weitgehend deskriptiv, und sie nimmt zu wenig auf die aktuelle internationale Forschung Bezug. Sie beschränkt sich nach wie vor auf Pioniere und Gentrifier als zentrale Akteure, was den Blick auf andere wichtige Gruppen verstellt. Doch obwohl die Gentrifizierungs-Forschung in Deutschland überwiegend aus deskriptiven Fallstudien besteht, so seien diese doch ohne Zweifel eine wertvolle Ressource bei der Erforschung dieses komplexen Phänomens.

Diskussion

Üblacker beschränkt sich in seiner Metaanalyse auf die Forschungsarbeiten in Deutschland, wobei er darauf hinweist, dass Gentrifizierung ein weltweit zu beobachtendes Phänomen ist. Die Qualifikationsarbeiten zu diesem Thema sind zumeist Fallstudien, was eine Synthese nahe legt. Als ordnendes Raster verwendet der Autor vier Dimensionen: die sozialräumliche, die bauliche, die gewerbliche und die symbolische Gentrifizierung. Bei den betrachteten 70 Arbeiten handelt es sich zumeist um Fallstudien, die zwar den vier Dimensionen zugerechnet, aber darüber hinaus nicht in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Doch der Autor selbst kann sich oft schlecht von der Ebene der Fallstudien lösen, indem er auch in den generalisierenden Textpassagen immer wieder auf die Fallbeispiele zu sprechen kommt wie z.B. das Sanierungsgebiet Travelplatz-Ostkreuz oder das Kölner Friesenviertel, die den meisten Lesern ohnehin unbekannt sind. Dadurch wird entgegen dem Ziel der Synthese zuviel individualisiert und zu wenig generalisiert. Wie der Autor feststellt, fehlt den Arbeiten eine theoretische Grundlage, die Generalisierungen ermöglicht. Abgesehen davon, dass er einen idealtypischen Verlauf einer gewerblichen Aufwertung eines Gebiet vorstellt und zwischen vier Dimensionen der Gentrifizierung differenziert, trägt seine Arbeit kaum dazu bei, das Theoriedefizit zu beseitigen. Günstig wäre im Übrigen auch ein Theorie-Kapitel nach der Einleitung gewesen, in dem die Rent Gap und die Value Gap Theorie vorgestellt werden.

Der Autor beschreibt im zweiten Kapitel sehr genau, wie er in seiner Metaanalyse vorgegangen ist, doch es fehlt ein tabellarischer Überblick über die Methoden und erhobenen Daten in den 70 ausgewerteten Fallstudien. Das sehr kurz gehaltene dritte Kapitel, ein Exkurs über den Mehrwert von Qualifikationsarbeiten, hätte sich problemlos in das vorangegangene Methoden-Kapitel einfügen lassen. Günstig wäre ein Beispiel gewesen, wie aus einem größeren Forschungsvorhaben Teilfragestellungen heraus geschnitten wurden, zu denen dann Qualifikationsarbeiten produziert werden, und wie deren Ergebnisse wieder in das Forschungsprojekt einfließen. Es wäre ein Vorbild für eine Forschungssynthese im kleineren Rahmen – bezogen auf ein umfassendes Projekt – gewesen.

Es wird zwar auf den Wert der Qualifikationsarbeiten hingewiesen, die Informationen zu vielen einzelnen Fällen von Gentrifizierung beisteuern, doch wie dies zu archivieren und zusammen zu fügen ist und inwieweit die Dimensionen sozialräumlich, baulich, gewerblich und symbolisch dafür eine tragfähige und ausreichende Basis sind, bleibt offen. Damit ist auch der angestrebten Erkenntnisgewinn fraglich. Der kumulative Erkenntnisfortschritt, den man sich von einer Forschungssynthese erhofft, besteht in diesem Fall vor allem darin, dass klar wird, wie ortsspezifisch, komplex und mehrdimensional das Phänomen der Gentrifizierung ist, sodass man weder mit einzelnen Fallstudien noch mit theoretischen Ansätzen, die sich nur mit einer Dimension allein befassen, den komplexen Wirkungszusammenhängen gerecht werden kann. In diesem Zusammenhang ist die Einbeziehung von Qualifikationsarbeiten in die Analyse des Phänomens höchst verdienstvoll.

Fazit

Der Autor widmet sich dem aktuellen Thema der Gentrifizierung in Deutschland mit dem Anspruch, die empirischen Ergebnisse, die in Qualifikationsarbeiten gewonnen und in der Fachliteratur publiziert wurden, zu einer Forschungssynthese zusammen zu fügen. Die Forschung zu diesem Thema ist weitgefächert, was sich in dem Buch direkt widerspiegelt. Das Buch liefert eine Fülle an Informationen zu einer relevanten gesellschaftlichen Frage der Stadtentwicklung. Wer keine fertigen Lösungsansätze und Rundum -Erklärungen erwartet, dem sei das Buch empfohlen, weil es einen Einblick in die aktuelle Gentrifizierungsforschung in Deutschland vermittelt.

Summary

The author is dedicated to the current topic of gentrification in Germany with the claim to combine the empirical results obtained in unpublished student research projects and published scientific literature into a research synthesis. The research on this topic is wide-ranging, which is reflected in the book. The book delivers a wealth of information on a relevant social and political issue of urban development. If you do not expect ready-made solutions and all-round explanations, the book is recommended, because it provides an insight into current gentrification research in Germany.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 21.08.2018 zu: Jan Üblacker: Gentrifizierungsforschung in Deutschland. Eine systematische Forschungssynthese der empirischen Befunde zur Aufwertung von Wohngebieten. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-86388-783-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24421.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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