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Reinhard Winter: Wie Jungen Schule schaffen

Cover Reinhard Winter: Wie Jungen Schule schaffen. Ein Ratgeber für Eltern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 303 Seiten. ISBN 978-3-407-86514-4. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Das Buch „Wie Jungen Schule schaffen. Ein Ratgeber für Eltern“ befasst sich mit der Rolle der Eltern, die sie für das Schulleben ihrer Jungen haben und wie die Eltern dadurch zum Schulerfolg ihrer Söhne beitragen können. Dabei geht es nicht um Unterstützung im Sinn von Hausaufgaben begleiten, kontrollieren oder gemeinsam Referate vorbereiten, sondern darum, die elterliche Haltung zu verändern oder weiterzuentwickeln, sodass sie zum Jungen und seiner jeweiligen Entwicklungsphase passt. Auch wenn es die eine Lösung oder die eine fruchtbare Methode, die, richtig eingesetzt, allen Jungen und ihren Eltern eine leichte Schulzeit garantiert, nicht gibt, führen viele kleine Einflüsse, Dialog, eine gewisse Gelassenheit und Zuversicht, stetiges Interesse und Fehlerfreundlichkeit zum Erfolg. Die Schulzeit wird als ein Lebensabschnitt verstanden, an dem beide – Eltern und Jungen – wachsen und sich entwickeln können und Schwierigkeiten und Probleme werden als Chancen beschrieben, die Eltern und Söhne enger verbinden können, die aber auch allen Beteiligten individuelle Möglichkeiten bieten, sich zu entwickeln.

Autor

Reinhard Winter ist der bekannteste Experte für Jungenthemen im deutschsprachigen Raum. Er führt Projekte in Schulen, in der Jugendarbeit und mit Eltern durch. Er berät Eltern und ist in der Jungenforschung aktiv. Er arbeitet als Fachreferent in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist in der Leitung des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen (SOWIT) und des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen (SIMG) tätig. Außerdem unterrichtet er als Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen und an Fachhochschulen in der Schweiz.

Aufbau

Das Buch will ein Ratgeber sein, und so ist es auch strukturiert: Ratsuchende Eltern können dank der übersichtlichen Gestaltung direkt erkennen, an welchen Stellen sie ganz praktische Tipps bekommen, wie der Schulalltag durch ihren Beitrag entspannter und erfolgreicher gestaltet werden kann. Diese Abschnitte sind durch rote Sternchen gekennzeichnet.

Ergänzt werden die theoretisch fachlichen Aspekte durch Aussagen betroffener Personen (Eltern, Lehrer, Schüler) oder Fallbeispiele, die in roten Blöcken gedruckt werden und sowohl zusammenfassend als auch erläuternd wirken.

Das Buch selbst gliedert sich in fünf Abschnitte.

  1. Jungen als Bildungsverlierer? Ein Blick hinter das Klischee
  2. Was Eltern zum Schulerfolg von Jungen beitragen können
  3. Besonderheiten von Jungen in Stärken verwandeln
  4. Elf Mal praktisch: Für eine Schule, die Jungen Freude macht
  5. Plädoyer für eine jungenfreundliche Schule

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu 1. Jungen als Bildungsverlierer? Ein Blick hinter das Klischee

Dieses Kapitel richtet zunächst den Blick darauf, dass die Mehrheit der Jungen die Schullaufbahn erfolgreich abschließt. Trotzdem schließen seit 1981 statistisch gesehen mehr Mädchen als Jungen die Schule erfolgreich mit dem Abitur ab, dafür verlassen jedoch mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss. Weitere in diesem Kapitel dargestellte statistische Daten belegen dieses Ungleichgewicht. Dennoch warnt der Autor vor Pauschalisierungen und Vorurteilen in Bezug auf Jungen als Bildungsversager. Diese Pauschalurteile lösen genau das aus, wovor sie warnen wollen. Das Kapitel stellt jedoch auch dar, dass Schule nicht ausreichend die Impulse und Bedürfnisse von Jungen aufgreife und nicht immer den nötigen Blick auf ihre Entwicklungsoptionen habe, wodurch Probleme verursacht würden. Stress entsteht aber nicht nur dadurch, sondern auch, weil noch immer das stereotype Rollenbild vom Mann als Haupternährer der Familie verankert ist und damit eine erfolgreiche Schullaufbahn die Voraussetzung ist, dieses Bild erfüllen zu können. Der Autor relativiert die Bedeutung von Noten und Schulerfolg: Berücksichtigt werden muss bei der verständlichen Sorge um eine erfolgreiche Schullaufbahn, dass Schulabschlüsse nur ein Element unter mehreren sind, das Jungen fit für die Zukunft macht.

Zu 2. Was Eltern zum Schulerfolg von Jungen beitragen können

Eltern selbst unterschätzen häufig die Bedeutung, die sie für den Erfolg ihrer Söhne in der Schule haben. Gemeint ist damit nicht die Unterstützung bei Hausaufgaben u.ä. sobald die Jungen in die Schule kommen, sondern auch und vor allem die Eltern-Sohn-Beziehung in den Jahren davor und während der Schulzeit. So ist eine tolerante und konstruktive Haltung der Eltern eine gute Voraussetzung, dass ihre Söhne sich in der Schule gut zurechtfinden können. Bei allen Unterstützungsformen durch Eltern ist es wesentlich, individuelle Lösungen zu finden, die dem Alter des Jungen, der familiären Situation und der Individualität des Jungen und seiner Eltern angemessen sind.

Eine Herausforderung ist die Frage der Präsenz der Eltern. Zu viel kann ebenso schädlich sein wie zu wenig. Die Berufstätigkeit beider Eltern schafft eine Grenze der Möglichkeiten, die durchaus auch belastend sein kann. Ebenso kann nicht erwartet werden, dass alle Eltern alles unterstützen können, wenn es um das Erarbeiten von Lernaufgaben in bestimmten Fächern geht. Wichtig ist, den Sohn für seine Arbeit zu loben oder Hilfestellung zu geben und gute Leistungen zwar zu loben, jedoch nicht als oberstes Ziel zu setzen. Unterstützung erfolgt am Besten nach dem Gedanken: So wenig Unterstützung wie möglich, so viel wie nötig. Das richtige Maß zu finden, kann nur durch Ausprobieren gelingen.

Direktes Eingreifen der Eltern ist in Fällen erforderlich, in denen die Jungen in der Schule schlechte Behandlungen erfahren oder es so erleben. Dann sollten Eltern den direkten Kontakt zur Schule suchen, jedoch ohne voreingenommen Partei für ihr Kind zu ergreifen. Es geht zunächst um Konfliktlösung und gegenseitiges Verstehen der Situation. Eltern vertreten natürlich die Interessen ihres Sohnes, müssen jedoch die Perspektive der schulischen Seite ebenso kennen. Lehrkräfte, mit denen die Jungen nicht zurecht kommen, können ein Problem darstellen und auch hier gilt, dass kooperative Lösungen gesucht werden. Manchmal ist das nicht möglich, dann hilft u.U. nur aussitzen – dabei müssen Eltern den Jungen begleiten und unterstützen.

Jungen kopieren (unbewusst) die Haltung oder Ängste ihrer Eltern gegenüber der Schule und gegenüber bestimmten Fächern, egal, ob Eltern diese offen äußern oder nicht. Die eigene elterliche Einstellung kritisch zu überprüfen ist daher ein wichtiger Baustein in der erfolgreichen Schullaufbahn von Jungen. Auch die Erwartungshaltung von Eltern an die Leistungen des Sohnes sind relevant: Zu hoch ist ebenso schädlich wie zu wenig. Eltern, die ihren Söhnen Orientierung geben, Konflikte aushalten und ihm helfen, Impulse zu kontrollieren, auch wenn das schlechte Laune und Widerstand des Jungen nach sich zieht, helfen ihm dadurch, auch in der Schule Regeln akzeptieren zu können. Auch eine gesunde Distanz zur Lebenswelt Schule ist nötig, damit der Junge den nötigen Freiraum hat, seine Bereiche selbst zu regeln. Übertriebener Stolz der Eltern ist hier ebenfalls ein zu berücksichtigender Faktor. Ein Augenmerk richtet das Kapitel auch auf die explizite Rolle der Mutter und die explizite Rolle des Vaters. Beide haben tragende, wenn auch unterschiedliche Rolle im Schulleben der Jungen. Ausschlaggebend ist auch hier die Haltung der Elternteile.

Die soziale Dynamik in der Klasse und in der Peergroup ist für Jungen mit zunehmendem Alter, spätestens ab der Pubertät extrem bedeutsam. Eltern treten dann in ihrer Bedeutung zurück. Schwierigkeiten entstehen dann, wenn die Peergroup sich negativ auf die Bewältigung der schulischen Aufgaben auswirkt. Dieser Teil des Kapitels erklärt, warum in dieser Phase Schulleistung zurücktritt und andere Entwicklungsthemen von Jungen in den Vordergrund treten. Beschrieben werden Stautsorientierung, Rollen- und Geschlechterdefinition, Gleichrangigkeit und Zugehörigkeit sowie Akzeptanz und Anerkennung von Gleichaltrigen.

In besonders schwierigen Situationen kann ein Schulwechsel helfen, die Konflikte zu bewältigen.

Zu 3. Besonderheiten von Jungen in Stärken verwandeln

Untersuchungen zeigen, dass überproportional viele Jungen sich in der Schule nicht wohlfühlen. Dass Jungen sich altersentsprechend mit ihren Interessen in der Schule wiedererkennen, ist eine wichtige Voraussetzung, dieses zu ändern. Themen der Jungen aufzugreifen und herauszufinden, warum gerade diese Themen so spannend sind, wäre ein erster Schritt in diese Richtung. Das können Eltern weniger beeinflussen, sie können jedoch unterstützen, indem sie mit ihrem Sohn über seine Gefühl in Bezug auf Schule sprechen und selbst signalisieren, dass es in Ordnung ist, wenn an manchen Tage Unlust besteht und dass Schule eine hohen Pflichtanteil beinhaltet. Die Gründe zu entdecken, warum das ein oder andere Fach, die ein oder andere Situation für den Jungen belastend ist, kann helfen, dieses Gefühl zu mindern, ebenso ein Gespräch mit der Lehrkraft darüber.

Eine Ursache für das Spannungsverhältnis zwischen Schule und Jungen liegt auch in der Denkweise: während viele Jungen funktional denken, fordert die Schule eher einen prädikativen Denkstil. Die Zeit der Pubertät verändert das Verhältnis der Jungen zu ihren Eltern, die oft befürchten, den Zugang zum Alltag ihrer Söhne zu verlieren. Oftmals wird die Schule als noch langweiliger empfunden als normal, da sie sehr einseitige Fähigkeiten abruft – Fähigkeiten, die aber gerade in der Pubertät weniger relevant für die Entwicklung der Persönlichkeit von Jungen sind. Eltern werden in Frage gestellt, werden aber trotzdem als Helfer und Unterstützer gebraucht. Jungen in dieser Zeit klare Strukturen zu geben ist eine wesentliche Aufgabe der Eltern. Dass Jungen männliche Rollenbilder in der Schule finden, ist ebenso wichtig, wie mit ihren Identitätsfragen Gehör zu finden. Bindung, Beziehung und Respekt zur Lehrkraft helfen Jungen – erzwingen lässt sich dies jedoch nicht und auch durch elterliche Intervention sind die Handlungsmöglichkeiten sehr begrenzt. Jungen ihre Interessen und Themen selbst suchen zu lassen und ihnen Möglichkeiten für Bewegung zu geben, hilft ihnen ebenfalls bei der erfolgreichen Bewältigung der Schule.

Grenzüberschreitendes und regelwidriges Verhalten von Jungen erfüllt für sie eine wichtige Funktion, wenn sie das Gefühl haben, zu wenig Beachtung zu erfahren. Außerdem haben sie die Möglichkeit, sich zu testen, ihre Fähigkeit, Kritik und Konsequenzen auszuhalten, Autoritätsbeziehungen zu definieren und Konflikte durchzustehen. Einen Weg für Stressabbau in Form von Spaßkämpfen zu öffnen, kann Jungen ebenfalls im Schulalltag helfen.

Zu 4. Elf Mal praktisch: Für eine Schule, die Jungen Freude macht

Dieses Kapitel beschreibt die elf wichtigsten Themen, bei denen Eltern ihre Söhne dabei unterstützen können, gut durch die Schule zu kommen:

  1. Basisfähigkeit Impulskontrolle
  2. Jungen sprechen anders
  3. Schlüsselkompetenz Lesen
  4. Leistung: nicht zu viel und nicht zu wenig
  5. Auf der Suche nach dem Turboantrieb
  6. Misserfolge und Scheitern ermöglichen und bewältigen
  7. Unordnung ohne darin unterzugehen
  8. Kampfplatz Hausaufgaben
  9. Eindruck machen: Impression-Management
  10. Medien nutzen, aber kontrolliert
  11. Raushalten und gelassen bleiben

Zu 5. Plädoyer für eine jungenfreundliche Schule

Der Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft hat alte Männlichkeitsbilder aufgeweicht und neben die traditionellen Ideale der Arbeitswelt neue Verhaltensmuster gestellt. Traditionelle Männlichkeitsvorstellungen sind zwar überholt, werden aber in den Medien und der allgemeinen Meinung nach wie vor vertreten und sogar zunehmend wieder propagiert. Was Eltern, Jungen und Lehrkräfte gemeinsam erreichen können, ist trotz allem sehr begrenzt, vieles liegt in der Aufgabe der Politik begründet. Der Autor appelliert daher an die politische Macht der Eltern und fordert Eltern auf, diese auch zu nutzen. Er fasst die gängigen Vorwürfe an das Schulsystem zusammen und wirbt dafür, Schule grundsätzlich zukunftsfähig zu machen, indem eine Ergänzung der bisher starken Betonung von Fachinhalten zu Gunsten von Entwicklungsthemen der jungen Menschen, die sie besuchen (müssen) vorgenommen wird.

Diskussion

Das Buch „Wie Jungen Schule schaffen. Ein Ratgeber für Eltern“ beschäftigt sich mit der Schulzeit als einem Entwicklungsabschnitt, in dem alle Beteiligten dazulernen.

Die praktischen Tipps zu einem unterstützenden und fördernden Verhalten der Eltern ihren Söhnen gegenüber sind leicht im Buch zu finden und unterstützen den Einsatz als Nachschlagewerk bei konkreten Fragestellungen.

Im ersten Kapitel sind leicht verständlich verschiedene Vorschläge dargestellt, wie Eltern bei Schwierigkeiten reagieren können, um die Situation zu verbessern. Kritisch ist hier anzumerken, dass ganz konkrete Formulierungsvorschläge angeboten werden, wie mit den Söhnen gesprochen werden kann. Diese Formulierungen widersprechen jedoch bisweilen Erkenntnissen aus anderen pädagogischen Bereichen, da sie allzu verallgemeinernd und suggestiv sind. „Am Ende wird es schon gutgehen.“ (S. 32) scheint mehr ein schwacher Trost und vage Hoffnung als ein starker Autosuggestivsatz. Aus einem schön geschriebenen Aufsatz abzuleiten, dass die Eltern glauben, ihr Kind hätte das Zeug zum Schriftsteller (S. 34) baut wiederum eine Erwartungshaltung auf, die den Sohn ebenso unter Druck setzen kann, wie die Schulsituation als solche. Derartige Sätze können bewusst und professionell eingesetzt durchaus sinnvoll sein. Als Tipps für pädagogische Laien sind sie kritisch zu betrachten, da hier die Sensibilität, die ausgebildete Pädagogen beim Einsatz solcher Mittel mitbringen, sicherlich nicht vorausgesetzt werden kann. Ihre Wirkung können die Sätze jedoch trotzdem entfalten, nur vielleicht nicht im Sinne der ursprünglichen Absicht.

Der Autor spricht viel über Maskulinität und „das Männliche“, ohne jedoch direkt darauf einzugehen, was oder welche Eigenschaften genau er darunter versteht. Er verweist aber darauf, dass es darum gehe, das Männliche sozialverträglich auszuagieren (S. 40), was genau das suggeriert, was der Autor eigentlich vermeiden möchte, nämlich, dass etwas Defizitäres in Maskulinität – wie auch immer definiert – liegt.

Das zweite Kapitel liest sich im ersten Drittel wie ein allgemeiner Schulratgeber, der viele Stammtischweisheiten in Bezug auf gute und schlechte Lehrkräfte zusammenfasst und letztlich nicht viele neue Handlungsideen für Eltern und Schüler an den Tag bringt. Es scheint fraglich, ob es hier spezifisch um besondere Themen von Jungen und Eltern von Jungen geht. Das letzte Drittel des zweiten Kapitels dagegen befasst sich mit dem Einfluss der Peergroup und erklärt sehr nachvollziehbar, warum sich viele Jungen ab der Pubertät so stark anderen Themen zuwenden (müssen), dass dadurch die Leistungen in der Schule gefährdet sind. Hier sind die Ratschläge für Eltern gut nachvollziehbar aufgeführt.

Das dritte Kapitel erklärt Eltern, warum Schule und ihre Söhne oft nicht gut zusammenpassen, entwickelt sich jedoch eher zu einem Apell an die Schule, wie sie sich verändern sollte und zeigt, dass Eltern hier eigentlich keinen Einfluss auf eine Veränderung der Situation haben. Ihre Leistung beschränkt sich darauf, ihre Jungen mental und psychisch zu unterstützen. Der Autor kehrt die Frage der Quotenfrauen um. So ist die Aufforderung zu lesen (S. 156), Eltern sollten fordern, dass mehr Männer in den Lehrberuf eingestellt werden. Offen bleibt, warum es an geeigneten männlichen Bewerbern mangelt und ob es Sinn macht, einen Lehrer nur wegen seinem Geschlecht und unabhängig seiner Qualifikation einzustellen. Wäre es nicht sinnvoller, Lehrkräfte egal welchen Geschlechts fortzubilden?

Das vierte Kapitel bringt im Wesentlichen bereits besprochene Themen in leicht veränderter Form erneut und stellt die Andersartigkeit von Jungen im Vergleich zu Mädchen dar. Leider greift er dabei nicht auf wissenschaftlich fundierte Theorien oder Ansätze zurück, sondern spricht so allgemein darüber, dass sich das Kapitel liest wie die Zusammenfassung genau der Stereotypisierungen, gegen die der Autor sich wenden möchte.

Positiv ist, dass Eltern anhand der Oberthemen gezielt nach einem Bereich suchen können, zu dem sie Handlungsideen erhalten wollen, jedoch könnten sie auf den größten Teil der ersten drei Kapitel verzichten, wenn es nur darum geht, das Buch in seiner Eigenschaft als Ratgeber zu nutzen. Die Tipps zu diesen Themen sind anschaulich und sicherlich hilfreich im vierten Teil weitgehend nochmals aufgegriffen und erweitert.

Im fünften Kapitel stellt der Autor dar, dass Jungen Antworten auf die Frage brauchen „Wie gelingt das Männliche in der Moderne?“(S. 286). Nochmals wird deutlich, dass der Autor ganz offensichtlich von einem scheinbar klar definierten Begriff für „das Männliche“ ausgeht. Gleichzeitig betont der Autor, dass „Schule (…) dem Geschlecht der Kinder, ihrem Mädchen- und Jungesein, die nötige Aufmerksamkeit zukommen (lässt) (…); gleichzeitig wird das Geschlecht nicht überbetont, damit Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen nicht verstärkt oder erst erzeugt werden; sie [die Schule, Anm. d. Verfasserin] fixiert Geschlechter nicht, sondern erweitert sie und betont die Vielfalt (…) auf diese Weise werden Stereotypen und Vorurteile abgebaut.“ (S. 291)

Fazit

„Wie Jungen Schule schaffen. Ein Ratgeber für Eltern“ ist in großen Teilen tatsächlich ein übersichtlich gestalteter Ratgeber, der Eltern auch ohne das gesamte Buch zu lesen zu bestimmten Fragestellungen Tipps und Erklärungen gibt, wie Situationen gelöst werden können oder warum sie sind wie sie sind.

Allerdings bleibt bis zum Schluss unklar, was nun genau die spezifischen Entwicklungsthemen von Jungen sind oder was evtl. der Unterschied ist, wie Jungen diese möglicherweise allgemeinen menschlichen Entwicklungsthemen im Gegensatz zu Mädchen lösen. Eine Erklärung dafür, was „das Männliche“ ist, fehlt, wodurch die eigentlichen Entwicklungsthemen von Jungen schwammig bleiben. Leider wird an keiner Stelle des Buches erklärt, was der Autor (oder ggf. die Fachwelt) als das Männliche definiert. Im gesamten Buch wird aber das Männliche gegen Mädchen abgegrenzt, wobei ebenso offen bleibt, was nun das Mädchenspezifische ist. Ebenso fehlen wissenschaftliche Belege und Darstellungen, dass es das Männliche bzw. das Mädchenspezifische überhaupt gibt.

An einigen Stellen (beispielsweise bei der Erklärung der Bedeutung der Peergroup) gelingt es dem Autor sehr gut herauszuarbeiten, welche Denk- und Handlungsmuster die Mehrheit von männlichen Jugendlichen antreibt, das dem Leser überaus verständlich darzustellen und daraus abzuleiten welche elterlichen Interventionen unterstützend sein können. Leider gelingt dies nicht durchgängig.

Viele Abschnitte geben sehr allgemeine Aussagen zu Schule und ebenso allgemeine Lösungsideen wider, sodass sich die Frage stellt, warum es hier um Jungen und nicht generell um Schülerinnen und Schüler geht und welche Fragen Eltern von Jungen anders lösen müssten als Eltern von Mädchen.

Es ist absolut begrüßenswert, Schule, Entwicklungsthemen und auch Unterschiede in Denk- und Verhaltensmustern von Jungen und Mädchen zu thematisieren und das Bewusstsein zu schärfen, dass individuelle Wege (in der Schule) gefunden werden müssen. Auch wenn das Buch für Eltern – und damit ausdrücklich nicht für ausgebildete Fachleute – geschrieben ist, bleibt es bei Allgemeinheiten verhaften, die nicht erklärt oder belegt werden und dadurch genau das verstärken, was eigentlich abgebaut werden soll: nämlich eine Vereinfachung oder Vorverurteilung, eine Stereotypisierung von Jungen, Männlichsein und Maskulinität.


Rezensentin
Dipl. Pädagogin Lorena Rautenberg
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Zitiervorschlag
Lorena Rautenberg. Rezension vom 05.12.2018 zu: Reinhard Winter: Wie Jungen Schule schaffen. Ein Ratgeber für Eltern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-407-86514-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24423.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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