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Hans-Werner Franz, Christoph Kaletka (Hrsg.): Soziale Innovationen lokal gestalten

Cover Hans-Werner Franz, Christoph Kaletka (Hrsg.): Soziale Innovationen lokal gestalten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 397 Seiten. ISBN 978-3-658-18531-2. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Dieser Sammelband ist die Fortsetzung der ehemaligen Zeitschrift „Sozialwissenschaften und Berufspraxis“ des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen. Dieses Buch beruht im wesentlichen auf Beiträgen der XIX. Tagung für Angewandte Sozialwissenschaften, die vom 09.-11.07.2017 in Dortmund stattfand.

Herausgeber

Dr. Hans-Werner Franz ist Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes des BDS (Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen) und Permanent Advisor of ESSI (European School of Social Innovation) mit Sitz in Wien.

Dr. Christoph Kaletka istSenior Researcher und Mitglied der Geschäftsführung der Sozialforschungsstelle, zentrale wissenschaftliche Einrichtung der TU Dortmund.

Aufbau und Einleitung

Das Buch umfasst insgesamt 21 Beiträge (inkl. Einleitung, die hier unbedingt als eigener Beitrag gesehen werden muss) und ist in zwei Teile gegliedert:

  1. Diffusionsprozesse beobachten und begleiten
  2. Ökosysteme sozialer Innovationen entdecken und entwickeln

Die Zuordnung der Beiträge zu den beiden Teilen ist ungleich, im letzten Teil sind nur fünf Beiträge subsumiert. Es lassen sich drei verschiedene Typen von Beiträgen charakterisieren:

  1. Hauptbeiträge
  2. Forschungsberichte
  3. Praxis- bzw. Projektberichte

Die sehr ausführliche und umfangreiche Einleitung (19 S.) führt nicht nur in das Thema ein, sondern skizziert gut die folgenden 20 Beiträge, sodass sich jede(r) Leser/in einen guten Überblick verschaffen kann. Die Einleitung ist aber deshalb als eigener Beitrag zu sehen, weil hier auch diskutiert wird, was ist überhaupt soziale Innovation? Ohne hier die Diskussion führen zu wollen, ist es auf jeden Fall ein Zusammenwirken von Wissenschaft, Wirtschaft, staatlichen Akteuren und Zivilgesellschaft. Das passiert nicht von selbst, sondern muss initiiert werden, was im Wesentlichen ein lernender Prozess ist (vgl. S. 16/17). „Das Ziel von Lernen ist die Verbesserung der eigenen Fähigkeit zur Lebensbewältigung. Und es sind die Lernenden, die darüber entscheiden, was und wieviel sie lernen. Soziale Innovation ist immer auch das Ergebnis eines Lernprozesses und muss daher auch als solcher untersucht werden“ (S. 17). Es hat sich gezeigt: „Sozialwissenschaften, die sich sozialen Innovationen zuwenden, müssen hierzu lernen, Wissen sozial zu schaffen, will sagen, unter Beteiligung der Menschen, die ihre Lebensumstände verbessern wollen. Gesellschaftswissenschaften, die sich nicht auch als Wissenschaften für die Gesellschaft verstehen, braucht kein Mensch“ (S. 18).

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden stützt sich der Rezensent auf die wirklich sehr guten Angaben der Herausgeber zu den einzelnen Beiträgen, allerdings stark verkürzt.

Den Auftakt macht ein Beitrag, der einen ordnenden Überblick verschafft über die weltweite Landschaft sozialer Innovationen und zugleich den Grundstein legt für die beiden folgenden Teile des Bandes. Antonius Schröder von der Sozialforschungsstelle Dortmund leitet das EU-Projekt SI-DRIVE, das u.a. versprochen hat, ein weltweites Mapping von sozialinnovativen Projekten und Initiativen zu leisten. In seiner Zusammenfassung legt er Wert auf die Feststellung, dass der soziale Wandel gestaltet werden müsse und dazu „die Beteiligung von Nutzern und Begünstigten…ein zusätzliches zentrales Element“ sei. „Um das Innovationspotenzial der gesamten Gesellschaft zu aktivieren, zu fördern und zu nutzen,“ sei „es notwendig, soziale Innovationen als Teil eines neuen Innovationsparadigmas zu verstehen und ihre Rahmenbedingungen entsprechend zu verbessern. Dies beinhaltet ein (sozial) innovationsfreundliches politisches Umfeld ebenso wie die Weiterentwicklung problem- und lösungsbezogener Ökosysteme sozialer Innnovationen.“ Er schließt mit einer Aufforderung an die (Sozial-) Wissenschaften, sich in diesem Feld verstärkt zu engagieren, die man jedoch auch lesen kann als Forderung an die Politik auf allen Ebenen, entsprechende Bedingungen hierfür zu schaffen.

Stephanie Funk und Dieter Zisenis stellen ein Instrumentarium zur Evaluation und Selbstevaluation alterns- und altengerechter Quartiersentwicklung vor, das sich vor allem „einer auf Professionalität (der Quartiersentwickler/innen, die Hg.) bezogenen Wirkungsorientierung verpflichtet“ fühlt und sich absetzt von Konzepten sozialer Innovationen als Reparatur- und Kompensationsbetrieb, bei denen „Wirkungsorientierung und Messbarkeit der Effekt von sozialen Dienstleistungen … insbesondere vor dem Hintergrund rückläufiger Ressourcen eingefordert“ werden. Konkret geht es darum, „neue Unterstützungs-, Pflege- und Sorgestrukturen insbesondere für Hochaltrige und Pflegebedürftige zu entwerfen und zu etablieren.“ Im Fokus stehen dabei die Wünsche älterer Menschen, auch bei eintretenden Beeinträchtigungen solange wie möglich in ihrem vertrauten Wohnumfeld leben zu können.

Der Beitrag von Mathias Cuypers, Jens Maylandt und Bastian Pelka untersucht – durchaus selbstkritisch- die Reichweite und Intensität des Impacts der von ihnen selbst entwickelten und betriebenen europäischen Online-Plattform I-Linc zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Förderung von Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen. Hier wird mit dem Anschluss an die Diffusionstheorie von Rogers (2003) und die Vielfachhelix von Carayannis und Campbell (2012) eine empirische Wirkungsanalyse vorgelegt, die sich theoretisch zudem am Fünfeck sozialer Innovation (Social Innovation Pentagon) von Howaldt et al. (2014) orientiert.

Selbstvaluation und ihre Tauglichkeit für lokale Verbrauchsinitiativen ist ein Fokus im Beitrag von Jonas Grauel, Johannes Gorges, Myriam Stenger und Arno Becker. Sie untersuchen die Bedingungen, unter denen Selbstevaluation eher von Vorteil oder eher schwierig einzusetzen ist. Als eher vorteilhaft erweist sie sich für „außengerichtete“ Initiativen, als eher schwierig und selbstlernorientiert für „innengerichtete“. Für diese Unterscheidung von innen- und außengerichtete bedienen sie sich als weiterem Fokus der grundlegenden soziologischen Unterscheidungen von Gesellschaft und Gemeinschaft und zeigen auf, wie diese für die Betrachtung von lokalen Verbraucherinitiativen relevant ist und analytisch fruchtbar gemacht werden kann.

Eine soziale Marktanalyse legen Georg Sunderer, Konrad Götz und Wiebke Zimmer für die rasch wachsende Carsharing-Branche vor. Sie untersuchen die Nutzungsbreite und -tiefe sowie die Nutzenüberlegungen im Hinblick auf zwei Carsharing-Varianten, des stationsbasierten Carsharings einerseits und des stationsunabhängigen oder flexiblen Carsharings andererseits. Zudem fragen sie danach, ob Elektroautos besser oder schlechter bei den Nutzern ankommen als Verbrennungsautomobile.

Geteiltes Nutzen von Gebrauchsgegenständen (Werkzeugen, Haushaltsgeräte oder Reisezubehör) ist auch bei dem Beitrag von Alexandra Jaik Gegenstand der Untersuchung. Die soziale Innovation besteht dabei eher im geteilten Nutzen als in der spezifischen Form der Leihläden oder Leilas, Bibliotheken der Dinge oder Sharing Depot, die quer durch Europa aufgesucht und typisiert wurden.

Stefanie Wiloth und Johannes Eurich untersuchen sehr kritisch die Potenziale ebenso wie die Probleme für die soziale Situation, die durch innovative technische Unterstützungssysteme als Bestandteil einer alterns- und demenzfreundlichen Versorgungsstruktur entstehen. Konkret geht es „um die (sozialen) Nutzungsformen vor allem von computergestützten Applikationen, insbesondere von Tablet-PCs“ für Menschen.

Im Beitrag von Claudia Obermeier geht es um das soziale Verhältnis zwischen Mensch und Roboter, um Kooperation. Sie analysiert am Beispiel von Pflegerobotern, wie technische Innovationen in eine bestimmte soziale Situation, die von Vereinsamung bedrohter alter Menschen, hineingeplant werden und deren soziale Situation verändern, wobei Sozialität hier sowohl das Verhältnis von alten Menschen, Pflegediensten und Pflegerobotern meint.

Laura Tahnee Rademacher beschreibt den „Weg zur Institutionalisierung sich neuformierender gesellschaftlicher Prozesse“, womit sie vor allem die Gleichstellung von Männern meint. Sie setzt daran an, dass Gleichstellung zwar beide Geschlechter meint, jedoch lange Zeit vor allem als Gleichstellung von Frauen verstanden und praktiziert wurde, während Männer eher als „Problemgruppe“ gesehen wurden: „als Straftäter, Bildungsverlierer, als Risikofaktoren für sich und andere.“ Mit Institutionalisierung wird hier der Prozess (vorwiegend am Beispiel von Münster) beschrieben, wie sich differenzierte und ausgewogene Gleichstellungsvorstellungen und Politikansätze im Zusammenspiel von zivilgesellschaftlichen Initiativen und kommunalen Akteure durchsetzen und in welcher Weise sich dabei sozialwissenschaftliche Interpretations- und auch Handlungsmuster als hilfreich erwiesen.

Christoph Schubert untersucht „Soziale Innovation im ländlichen Raum“ und geht der Frage nach, wie „Zivilgesellschaft und kommunale Verwaltungsstruktur als begünstigende und hemmende Faktoren“ wirken können.

Der Beitrag von Peter Biniok und Stefan Selke stellt Ergebnisse und Erfahrungen aus zwei Projekten vor, bei denen die Autoren ihren eigenen Zugang zu sozialinnovativen Aktivitäten im Südschwarzwald schildern. Sie bezeichnen ihn als „Soziale Bricolage vor dem Hintergrund regionaler Disparitäten und lokaler Engagementkulturen“, wobei sie „transformative Wissenschaft und Praxisforschung als Orientierungsrahmen“ darlegen und sich selbst dabei „als aktive Gestalter im Reallabor“ sehen.

Robert Jende propagiert seine „Performative Soziologie als öffentliche Aktionsforschung“, womit er eine „Ästhetik des Sozialen“ andeuten möchte. „Das Erkenntnisinteresse liegt darin, soziale Transformationen im Vollzug und die Bedingungen und das Entstehen sozialer Innovationen zu verstehen. Ziel ist es, für eine öffentliche Aktionsforschung neue Räume demokratischen Experimentierens zu erschließen, Öffentlichkeit aktiv herzustellen und den Forschenden Mittel und Wege für transformierende Interventionen an die Hand zu geben. Öffentlichkeit soll dabei nicht als Sprachraum, etwa als eine kommunikative Sphäre der Konsensbildung, verstanden werden, sondern als Versammlung der Leiber an einem Ort.“

Toya Engel, Katharina Klindworth und Jörg Knieling untersuchen die „Einflüsse von Pionieren auf gesellschaftliche Transformationsprozesse“, und zwar in Hamburg und im Handlungsfeld Energie. Auch hier wird die Massierung der nachhaltigen Nutzung von Energie als öffentliche Angelegenheit betrieben, das Systemverständnis der Transition Theory mit der Schlüsselrolle von Individuen und Gruppen, die als Innovation auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse wirken können. Im Mittelpunkt stehen dabei die persönlichen Eigenschaften dieser Individuen.

Dietmar J. Wetzel und Sanna Frischknecht gehen einer Renaissance des in der Schweiz verbreiteten Genossenschaftswesens nach, indem sie gemeinschaftlich-kooperative Wohnformen in der Deutschschweiz als soziale Innovationen deuten. Als Interpretationsrahmen haben sie eine praxeologische Konzeption von Innovation und Diffusion gewählt, die ausführlich vorgetragen wird. Diese argumentative Aufbereitung der Innovationsdebatte begründet u.a., warum im empirisch-analytischen Teil der „Blick nicht isoliert auf die konkreten Praktiken, die Wohnformen, Ideen und Modelle des Zusammenlebens“ gerichtet wird. Vielmehr fragen sie danach, „wie die konkreten Praktiken in Narrativen integriert werden und dadurch diskursiv zum Tragen kommen“.

Jan Üblacker und Carolin Schreiber steigen ebenfalls auf der Quartiers- und Nachbarschaftsebene ein. Ein Spezifikum des Beitrags besteht darin, dass er das Ergebnis eines „Folkwang LAB, einem experimentellen Lehrformat der Folkwang Universität der Künste in Essen“, ist, wobei sozialwissenschaftliche als auch gestalterische Herangehensweisen und Methoden zusammengebracht werden. In einem segregierten, von Gentrifizierungsprozessen bedrohten Stadtteil Essens soll die Nachbarschaft mit ihren neuen und alteingesessenen Bewohnern durch das Eingreifen der studentischen Projektbeteiligten für die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Viertel sensibilisiert werden. „Um diese Gruppen miteinander in Verbindung zu bringen und dadurch das soziale Miteinander in der Nachbarschaft zu fördern, schuf das partizipative Projekt ‚Wir sind Nachbarn‘ einen Rahmen, innerhalb dessen sich Nachbarn und Studierende über Ideen zum sozialen Miteinander in der Nachbarschaft verständigten und diese dann gemeinsam umsetzten.“ Neben der Projektbeschreibung mit detaillierten Angaben zur Methodik enthält der Beitrag auch Reflexionen über „Chancen der Zusammenarbeit von Soziologie und Gestaltung“.

Hans-Werner Franz knüpft an die im Bereich der sozialen Innovation verbreitete Situation an, dass Forschende zu Akteuren und Akteure zu Forschenden werden. In diesem Prozess erhalten die forschenden SozialwissenschaftlerInnen eine neue Rolle. Sie werden zu Verantwortlichen eines zielgerichteten sozialen Prozesses, in dem sie nicht mehr nur Fragen stellen und Antworten oder Diskussionsprozesse beobachten, dokumentieren und analysieren, sondern nicht selten selbst die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Beteiligten vom Reden zum Entscheiden und zur Vorbereitung von Handlungen kommen. „Der Prozess der Hinführung und Vorbereitung auf eine neue Praxis, der für die Beteiligten der Projektkulisse im Vordergrund steht, wird für die WissenschaftlerInnen zum Kontext der Gewinnung von Daten, Informationen und Wissen. Damit ihr wissenschaftliches Projekt realisiert werden kann, sind sie häufig in der Rolle, dafür zu sorgen, dass sich das Beteiligungsprojekt weiter entfaltet. Dafür benötigen die involvierten ForscherInnen Kompetenzen, die sie in der Regel weder während des Studiums noch in einem traditionellen Forschungskontext erwerben können.“

Dmitri Domanski und Christoph Kaletka sind mit ihrem Beitrag auf der Suche nach einem Konzept für Ökosysteme sozialer Innovation, mehr noch: Sie wollen „lokale Ökosysteme sozialer Innovation verstehen und gestalten“. Deshalb stehen sie am Anfang des zweiten Buchteils über die Entdeckung und Entwicklung von regionalen sozialen Innovationssystemen. Sie sprechen von Ökosysteme sozialer Innovation, weil analog zum biologischen Begriff des Ökosystems „nicht nur individuelle und organisierte Akteure, sondern auch die förderlichen und hemmenden Rahmbedingungen, unter denen sie handeln“, in den Blick genommen werden. Die Autoren haben die vielen verschiedenen Ansätze zur Erklärung der Erfolgs- und Misserfolgsbedingungen sozialer Innovationen zusammengetragen und kritisch gesichtet und ein vorläufiges Konzept formuliert, das die gezieltere Skalierung, d.h. die Förderung von Wachstum und Verbreitung sozialinnovativer Ansätze leichter planbar macht.

Matthias Wörlen und Tobias Hallensleben setzen beim Verhältnis zwischen individuellen und kollektiven Kompetenzen einerseits und institutionellen Rahmenbedingungen anderseits an. Um beide wirksam handelnd miteinander zu verbinden, nehmen sie das Konstrukt der „Institutionellen Reflexivität“ zu Hilfe (Moldaschl 2005,2006) und entwickeln es nun „mit Blick auf die Verarbeitung urbaner Entwicklungsherausforderungen“ weiter. „Im Wesentlichen geht es dabei um Reflexivität als Kompetenz bzw. als Vermögen, etwas zu tun – als generatives Potenzial, wirksam zu handeln.“ Dabei halten sie die „Konzepte der ‚institutionellen Reflexivität‘, der ‚Reflexivität als subjektive Kompetenz‘ und der ‚Ko-Evolution subjektiver und institutioneller Reflexivität‘ auf sozial-räumliche Konfigurationen“ für anwendbar, „solange die Elemente dieser Konfigurationen ein gewisses Maß wechselseitiger Bezüglichkeit – … Systemhaftigkeit … aufweisen“.

Der Beitrag von Janina Evers und Ralf Kleinfeld reflektiert, wie man in einer Region das komplexe Geflecht unterschiedlicher Akteure in einer Art regionaler Innovationsgovernance einbinden kann. Der Beitrag diskutiert zunächst „Regionalmanagement“ selbst als soziale Innovation und gibt darauf aufbauend einen Überblick über „die Verknüpfung von Regional Governance und Transition Management als Grundlage für die Etablierung neuer Akteursbeziehungen in Regionen als soziale Innovation auf der Metaebene.“ Governance wird hier in Verbindung mit Innovation folgerichtig als strategisches Konzept mit Zielorientierung verstanden. „Ziel ist es, gemeinsam erkannte Probleme zu bearbeiten oder gemeinsam definierte Ziele zu erreichen. Somit stellt sich Governance als ein Mix aus Wettbewerbs- und Kooperationslogik dar, der nicht den Repräsentations- und Legitimationsverpflichtungen demokratisch verantwortlicher, territorial definierter Gebietskörperschaften unterliegt.“ „Regional Governance-Netzwerke“, deren Teilnehmer sich aus Politik, Verwaltung, Unternehmen, Verbänden und anderen zivilgesellschaftlichen Vertretern rekrutieren, kennen nicht nur Interessengegensätze, sondern auch Mentalitätsunterschiede.

Der Beitrag von Frank Schulz über ein „Community Center als Antwort auf soziale Probleme in benachteiligten Stadtteilen“ ist vordergründig stark auf die Projektmethodik und den Projektverlauf ausgelegt. Bei genauerer Lektüre sagt er viel über Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren von „sozialer Innovation im Quartier“ – so seine Hauptüberschrift – aus, analysiert die Akteurskonstellation und gibt so einen sehr konkreten Einblick in die komplexen Prozesses der Beeinflussung und Entwicklung eines Problemquartiers und die damit verbundenen Lernprozesse bei allen Beteiligten.

Christoph Schubert ist der Meinung, dass die zunehmend defizitäre Situation auf dem Land eine Situation erzeuge, „die das Entstehen sozialer Innovationen begünstigt“. Denn die Lebensbedingungen auf dem Land abseits der Metropolregionen haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark verändert. „Abgesehen von wenigen wachsenden Regionen sind sie meist und insbesondere in den neuen Bundesländern von Abwanderung, Alterung und damit verbundenen Konsequenzen, wie einer ständig bedrohten Infrastrukturausstattung, gekennzeichnet.“ Wer dort weiter gut leben will, muss sich also etwas einfallen lassen. Grund genug für Christoph Schubert, „Zivilgesellschaft und kommunale Verwaltungsstruktur als begünstigende und hemmende Faktoren“ sozialer Innovationen im ländlichen Raum zu untersuchen. Er weist zunächst auf ein weitverbreitetes Dilemma hin. Viele Bürger erwarten von den staatlichen Strukturen, dass sie selbst bei extremen „Peripherisierungsprozessen“ noch für eine ausreichende Infrastruktur sorgen, beschweren sich jedoch, dass sie dafür weitere Wege zu Schulen und Krankenhäusern in Kauf nehmen müssen. Von staatlicher und politischer Seite wiederum wird oft „mehr bürgerschaftliches Engagement“ verlangt. „Dazu gehört oft auch die Übernahme von Verantwortung in ländlichen Räumen. Diese Verantwortungszuschreibung wird von vielen EinwohnerInnen ländlicher Räume als Zumutung gewertet, denn Aufgaben, die in dichter besiedelten Regionen der Staat übernimmt, sollen im ländlichen Raum teilweise auf die BürgerInnen übertragen werden.“ Tatsächlich lässt sich jedoch auch eine Tendenz der EinwohnerInnen ländlicher Gemeinden zur „Selbstresponsibilisierung“ oder „Selbstaktivierung“ beobachten. Anhand von drei Fällen in verschiedenen Teilen Deutschlands (Sachsen-Anhalt, Bayern, Rheinland-Pfalz) untersucht Schubert, welche fördernden und hemmenden Faktoren Akteure auf der staatlichen Seite (Bürgermeister, Verwaltung) und auf der zivilgesellschaftlichen Seite (Individuen, Vereine, Initiativen) in Bewegung bringen bzw. sie davon abhalten, sich zu bewegen.

Diskussion und Fazit

Dieser Band ist auch der Versuch, die (Sozial-) Wissenschaft viel stärker in Initiativen und Prozesse der sozialen Innovation einzubinden, was bisher eher selten der Fall ist. Im Vergleich zu technischen Innovationen, die ohne Wissenschaftsexpertise bzw. -begleitung nie stattfinden würden, gibt es seitens der Initiatoren zu solchen Prozessen kaum Nachfrage nach wissenschaftlicher Rezeption und Expertise. Aus subjektiver Sicht des Rezensenten, der hauptberuflich bei einem Wohlfahrtsverband tätig ist, ist das nur zu bestätigen: Es hat fast den Anschein, als ob bei Ausschreibungen und Projekten der Ausschluss von Theorie und Wissenschaft eher Förderkriterium ist als umgekehrt. Das ist sicherlich auch darin begründet, dass in den Vergabegremien von Ministerien und Agenturen kaum Sozialwissenschaftler sitzen, sondern eher Verwaltungsfachleute, Juristen, Betriebswirte etc..

Zurück zum Buch: Es ist sehr erfreulich, dass die Beiträge ein umfangreiches Themenspektrum abdecken. Aus Sicht des Rezensenten fällt aber auf, dass die derzeit gesellschaftlich relevanten Themen (z.B. Bildung, Kinder- und Jugenderziehung, gesellschaftliches Miteinander) hier keinen Platz gefunden haben. Das mag mit den Bewerbungen der Beiträge für die Tagung zu tun haben, sollte aber zukünftig bei weiteren Sammelbänden berücksichtigt werden. Wenn der (berechtigte) Anspruch der fachlichen Partnerschaft gegenüber staatlichen Akteuren und Agenturen aufrecht erhalten werden soll, dann muss auch etwas adäquates angeboten werden („An diesen Orten performativer Utopien können Menschen die leibliche Erfahrung machen, dass eine andere Form des Zusammenlebens nur einen kleinen Schritt weit entfernt liegt“, so Robert Jende in diesem Buch, S. 210).

Der Aufbau der jeweiligen Beiträge ist im Wesentlichen gleich: eine kurze Einleitung gibt zugleich Übersicht über die Inhalte des Beitrages, dann folgt der jeweilige Hauptteil und am Schluss gibt es jeweils ein Fazit. Das ist in allen Beiträgen gut gelungen und daran haben die Herausgeber sicherlich (gut gelingend) mitgewirkt. So ist jeder Beitrag für sich abgeschlossen und kann einzeln gelesen werden. Das Niveau der Beiträge ist durchgängig gleich (hoch), sicher auch den Herausgebern geschuldet.

Die Unterteilung der Beiträge in Hauptbeitrag, Forschungsberichte und Projektberichte macht Sinn, allerdings spielt das im Buch keine Rolle mehr (im Sinne der Differenzierung), sondern da stehen die Beiträge nebeneinander in Zuordnung der beiden Themenbereiche. Hier wäre es hilfreich, wenn zumindest die Hauptbeiträge als solche erkennbar wären (z.B. anderes Layout), denn sie bilden einen wesentlichen theoretischen Kontext ab, gleichwohl wird sie mancher Praktiker überblättern wollen. Ob und wie es mit diesem Buch gelingen kann, sich (als Gesellschafts- und Sozialwissenschaften) stärker als Experte für soziale Fragen und soziale Innovationen auf der Entscheidungsebene ins Spiel zu bringen, bleibt fraglich. Dazu ist das Buch viel zu sehr sozialwissenschaftlich akzentuiert: von den Theorien her, von der Sprache und letztendlich damit auch von der Denkweise, die eher selten mit den häufigen Entscheidungsträgern (s.o.) kongruent ist. Den Herausgebern ist die Konzeption dieses Buch gut gelungen und die Autorinnen und Autoren zeigen durch ihre vielfältigen Beiträge, dass soziale (gesellschaftliche) Innovationen möglich sind und Gesellschaft sich dadurch (positiv) ändert. Die (sowohl von Geldgebern als auch Projektmitarbeitenden) immer wieder aufgeworfene Frage der Reichweite und des andauernden Bestehens steht auch hier im Raum. Das könnte ja auf der Grundlage der hier skizzierten Theorien und Projekte ein Schwerpunktthema im nächsten Sammelband sein. Schon diesem Band ist eine breite Leserschaft zu wünschen, denn soziale Innovationen tragen erheblich zu gesellschaftlich (notwendigen) Veränderungsprozessen bei bzw. initiieren oder strukturieren sie. Dazu bedarf es aber auch Anregungen zur Vernetzung der verschiedenen Akteure und guter Beispiele, wie sie hier beschrieben sind.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 21.08.2018 zu: Hans-Werner Franz, Christoph Kaletka (Hrsg.): Soziale Innovationen lokal gestalten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-18531-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24425.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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ISSN 2190-9245

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