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Susanna Fassbind: Zeit für dich - Zeit für mich. Nachbarschaftshilfe für Jung und Alt

Cover Susanna Fassbind: Zeit für dich - Zeit für mich. Nachbarschaftshilfe für Jung und Alt. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2017. 199 Seiten. ISBN 978-3-906304-27-4. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 19,80 sFr.

Reihe: Von der Vision zur Wirklichkeit - Nr. 4.
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Thema

Das Buch beschreibt den gesellschaftlichen Hintergrund und das Konzept für eine besondere Form der Nachbarschaftshilfe, von der alle Generationen profitieren können und die im Kern auf Zeitgutschriften basiert. Das Modell KISS knüpft damit an die Logik von Seniorengenossenschaften sowie ähnlichen Modellprojekten an, beziehungsweise ist vom Konzept der Zeitbank 55+ inspiriert.

Diese in Deutschland und Österreich schon seit Mitte der 1990-er Jahre erprobten Pilotversuche verfolgen eine verbindende gesellschaftspolitische Ausrichtung und Philosophie, die im Kern auf den geldfreien Austausch von Leistungen setzt. Vorsorge und Unterstützung im Bedarfsfall können über Zeitgutschriften abgegolten werden, die Zeitkonten füllen sich über Eigenengagement. Diese Tauschlogik, mit ihrem alternativen, nicht monetär ausgerichteten Verrechnungsmodus, orientiert sich an den sich verändernden Bedingungen im demografischen und gesellschaftlichen Wandel, der mit neuen Pflege-, Versorgungs- und Begleitungsformen im Alltag beantwortet werden muss – und das nicht nur im Alter. Weil familiäre Ressourcen brüchiger werden, Diversität und Ausmaß der Unterstützungsbedarfe von Menschen in schwierigen Lebenslagen der Postmoderne aber gleichzeitig zunehmen, wird das Engagement von Freiwilligen zu einer wichtigen Facette in der Versorgungslandschaft der Zukunft. Mit KISS wird eine mögliche Antwort darauf skizziert.

Autorin

Die Autorin Susanna Fassbind ist eine ausgewiesene Expertin in Fragen der Nachhaltigkeit, die sie in Beratungstätigkeiten, Lehre und in Publikationen engagiert vertritt. Die Schweizerin, die in Zug geboren wurde, hat an der Universität Zürich Geschichte und Deutsch studiert und war unter anderem über viele Jahre Dozentin an der ETH Zürich im Bereich Marketing für Nachhaltigkeit.

Entstehungshintergrund

Die Publikation stellt im Kern das Anliegen und die Eckpfeiler des Konzepts KISS vor. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen im Bereich der Projektarbeit in Non-Profit-Organisationen, im Coaching und in der Politikberatung von Gemeinden zum Thema Bauen, häusliche Begleitung und Betreuung war die Autorin im Jahr 2011 Mitbegründerin des Vereins KISS. Von 2012 bis 2016 hatte sie die Funktion der Co-Präsidentin und seit 2016 ist sie Ehrenpräsidentin des Vereins. Das Buch vermittelt also eine Art Innensicht und macht die Motivation für die Gründung und eine kontinuierliche weitere Verbreitung des KISS-Konzepts deutlich. Es ist in der verlagseigenen Veröffentlichungsreihe „Von der Vision zur Wirklichkeit“ als Band 4 erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier größere Teile auf, die auch durch kurze Beiträge anderer Autor*innen bereichert und abgerundet werden. In den ersten beiden Kapiteln werden die gesellschaftspolitische Rahmung sowie die theoretische Orientierung der Publikation deutlich skizziert. Die beiden folgenden inhaltlichen Hauptkapitel münden im Schlussteil in einen zusammenfassenden und eher werteorientierten Epilog.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im Vorwort beschreibt die Verlegerin Anne Rüffer die Hintergründe und Motive für die neue Buchreihe des Verlags, die schon mit ihrem Obertitel „rüffer &rub visionär“ deutlich macht, dass es um die Verbreitung innovativer Ideen und um neue Wege für die Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft geht. Damit schlägt sie die Brücke zur Publikation über das Modell KISS, das ebenfalls diesen Anspruch verfolgt.

Im einführenden Prolog werden die Gründerinnen des Vereins KISS und ihre Motive skizziert. Dabei wird offenkundig, dass es sich bei allen vier Gründungsfrauen um eine auf Erfahrung basierende Herzensangelegenheit handelt, die sie immer wieder antreibt und weitermachen lässt. Es geht um die Beschreibung zentraler Prinzipien und Orientierungen, die getragen sind von Akzeptanz und Teamgeist. Dabei werden auch biografische Bezüge und Prägungen deutlich sichtbar, die, kontinuierlich gebahnt, für die Gründerinnen fast zwangsläufig in diese spezifische Form des Engagements mündeten. Ingrid Engelhart, die das Modell Zeitbank 55+ aus Österreichnach Deutschland gebracht und an verschiedenen Orten initiiert und begleitet hat, rundet diesen ersten Teil mit Überlegungen zur Integration aller für hohe Lebensqualität ab.

Die Konsequenzen der demografischen Entwicklung werden im zweiten Teil der Publikation zusammenfassend erörtert und mit Überlegungen zu Markt und Staat sowie zu Zivilgesellschaft und Freiwilligenarbeit verknüpft. Manuela Weichelt-Picard, politische Frontfrau und Mandatsträgerin im Kanton Zug in der Schweiz, rundet dies mit ihren Überlegungen zur Frage der Haltung im Kontext von freiwilligem Engagement ab.

Das Modell KISS – der Name steht für „keep it small and simple“ – steht im dritten Teil des Buches im Zentrum. In diesem Kontext werden auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und Strukturen sowie die für eine erfolgreiche Implementierung notwendigen und sinnvollen Kooperationsformen vorgestellt und erläutert. Überlegungen zur individualisierten und angepassten Umsetzung, abhängig von den jeweils regionalen Besonderheiten, runden diesen stark inhaltlich-konzeptionellen Teil ab.

Erfahrungen und Perspektiven werden im vierten Teil der Publikation fokussiert. Dabei geht es um Empfehlungen, die aus dem Prozess der Gründung und Umsetzung des Modells erwachsen sind, aber auch um Herausforderungen und die geeigneten Strategien zu ihrer Bewältigung. In einer Art Extrakt skizziert Ruedi Winkler, derzeitiger Präsident des Vereins KISS Schweiz, abschließend seine Überlegungen zum „zukunftsgerichteten solidarischen Generationenprojekt KISS“. Dies stellt den Versuch eines erfahrungsbasierten Reflexionsteils dar.

Der eher kurze Epilog mit inhaltlichen Überlegungen zu „Zeit und Geld – Sein und Haben“ist ein abschließendes Statement, mit dem das Modell KISS mit ethisch-philosophischen Überlegungen verknüpft und begründet wird.

Zielgruppe

Zielgruppen der Publikation sind weniger Wissenschaftler*innen oder Studierende, denn es fehlen zentrale Merkmale wissenschaftlichen Schreibens, wie eine angemessene Form der Zitation. Für Projektverantwortliche, Zukunftsgestalter und engagierte Bürger*innen, die sich in ähnlicher Weise mit Zukunftsfragen beschäftigen und selbst ein innovatives Modell der Zukunftssicherung aufbauen wollen regt das Buch zu eigenen Ideen und Vorhaben an. Unter anderem deshalb sei es auch politisch Verantwortlichen in Kommunen und auf Landes- bzw. Kantonsebene dringend zur Lektüre empfohlen.

Diskussion

Diese Publikation von Susanna Fassbind hat als Dokumentation kompakter Erfahrungen der Gründergeneration eines innovativen Projekts einen ganz eigenen Wert. Und sie liefert auch durchaus wertvolle Handlungsempfehlungen und Anregungen für die eigene Umsetzung von KISS an anderen Orten oder für ähnliche Konzepte und Ideen.

Was das Buch aber leider nicht einlöst, ja vielleicht in der vorliegenden Form auch gar nicht einlösen kann, ist die Reflexion aus einer kritischen Distanz. Diese hätte aber an einige Stellen der Publikation gut getan und ihr mehr Tiefe gegeben. Mit einer glücklicheren Auswahl der zusätzlichen Autor*innen – die an sich ja eine durchaus belebende und fachlich vertiefende Komponente einbringen könnten – wäre dieser Anspruch auch leicht einzulösen gewesen. In der nun vorliegenden Form sind die zusätzlichen Texte aber geprägt von einer leider unkritischen Darstellung und Wiederholung von bereits vorher beschriebenen Sachverhalten.

Fazit

Insgesamt ein lesenswertes Buch, im Sinne der Dokumentation eines innovativen Projekts, das den Blick auf die Notwendigkeit neuer Denkmodelle lenkt, die sich aus den demografischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen ergeben und mit Blick in die Zukunft eine wachsende Aktualität erhält. Die vielfach vorhandenen Redundanzen und die fehlende zusätzliche Perspektive aus einer kritischen Distanz schmälern den Lesegenuss aber zuweilen doch nicht unerheblich.


Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg,
Prorektorin für Forschung und Weiterbildung, Professorin für Soziale Gerontologie und Soziale Arbeit im Gesundheitswesen;
Leitung des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung;
Sprecherin des Forschungsschwerpunkts „Versorgungsforschung in Gerontologie, Pflege und Gesundheitswesen“
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 06.09.2018 zu: Susanna Fassbind: Zeit für dich - Zeit für mich. Nachbarschaftshilfe für Jung und Alt. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2017. ISBN 978-3-906304-27-4. Reihe: Von der Vision zur Wirklichkeit - Nr. 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24429.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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