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Johannes Jungbauer, Katharina Heitmann (Hrsg.): Unsichtbare Narben (Kinder psychisch erkrankter Eltern)

Cover Johannes Jungbauer, Katharina Heitmann (Hrsg.): Unsichtbare Narben. Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern berichten. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2018. 143 Seiten. ISBN 978-3-86739-170-2. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.
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Thema und Zielgruppe

In diesem Buch stellen sich 10 erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern zwischen 27 und 64 Jahren ihren Erinnerungen, sprechen über ihre Gefühle und ordnen sie in ihre Biografie ein. Die zehn Biografien zeigen ein Spektrum unterschiedlicher Persönlichkeiten und unterschiedlicher Diagnosen der Eltern – von Zwangsstörung über Borderline-Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie hin zu Depression und Alkoholabhängigkeit. Das Buch richtet sich sowohl an Betroffene als auch an Fachkräfte und Studierende.

HerausgeberInnen

Johannes Jungbauer lehrt Psychologie an der Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen und ist dort Leiter des Instituts für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie (igsp).

Katharina Heitmann ist klinisch-therapeutische Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (MA) und arbeitet im Rahmen ihrer Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin an der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie (WiAP).

AutorInnen

Die zehn AutorInnen bleiben anonym, werden nur mit ihrem (z.T. pseudonymisierten) Vornamen genannt. Die Idee zu diesem Buch entstand während einer Fragebogenstudie; weitere TeilnehmerInnen konnten dann auch über die Bundesarbeitsgemeinschaft „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ und den Verein „Seelenerbe e.V.“ gewonnen werden. Persönliche Gespräche wurden schriftlich aufgearbeitet und dann von den TeilnehmerInnen gegengelesen.

Aufbau

Das Buch enthält einen Vorspann, zehn biografische Erzählungen und einen Serviceteil mit kommentierten Literatur- und Filmempfehlungen sowie hilfreichen Adressen und Weblinks.

Ausgewählte Inhalte

Jede Geschichte ist besonders. Es geht um tiefe Verletzungen und Traumata, aber auch um den Mut, sich den eigenen Erinnerungen – oft auch im Rahmen einer Psychotherapie – zu stellen und ebenfalls betroffenen LeserInnen Mut zu machen: „Keine Kindheitserfahrung, keine noch so tiefe, unsichtbare Narbe darf Sie entmutigen und daran hindern, Ihr eigenes Leben zu leben!“

So schildert Katharina, wie sie als Tochter einer Mutter mit Zwangsstörung grotesk anmutende Säuberungsrituale durchlaufen musste und bis zum Alter von 20 Jahren nie ein Gefühl von Eigenständigkeit und Privatheit erlebte. Das mühsame Ringen um Ablösung und Neuorientierung war dann mit großer Angst verbunden. Die innere Befreiung führte zum schmerzlichen Verlust der eigenen Familie, die nach wie vor das Gespräch über die Krankheit der Mutter vermeidet.

Anna beginnt ihre Biographie mit: „ ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Erstaunlich eigentlich,…“ Sie schildert dass ihr Vater, ihr Bruder und ihre Schwester eine kleine eingeschworene Gemeinschaft gebildet hätten. Sie lernte früh zwischen „ Mama“ und „ Mama anders“ zu unterscheiden. Auch habe sie sehr unterstützende Ärzte erlebt. Dennoch neige sie zur Überforderung, habe sich immer in der Rolle der Fürsorgenden erlebt. Heute bezeichne sie Situationen, in denen sie sich blind überfordere, als „Pflichtbewusstseins-Scheuklappen“.

Reiner hingegen schildert weiße Löcher in seinen Kindheitserinnerungen sowie schwerste Misshandlungen. Er selber durchlief einen Heimaufenthalt mit Gewalterfahrungen, eine eigene Drogenabhängigkeit, verschiedene Aufenthalte in der Psychiatrie und Suizidversuche, bis er sich endlich auf einen langen Genesungsweg begeben konnte und sogar eine EX-IN Ausbildung absolvierte. Noch immer wünscht er sich vergeblich die Anerkennung seines Vaters.

Diskussion

Diese Rezension kann unmöglich die ganze Vielfalt der Erfahrungen aufgreifen, die die zehn ProtagonistInnen schildern. Das Buch offenbart lebenslange Narben, Herausforderungen in den Beziehungen als Erwachsene und Prozesse der Selbsterkenntnis und Heilung. Besonders bewegend ist das häufige Fehlen von Unterstützung in der Kindheit und im Gegenzug die Bedeutung der Unterstützung und Anerkennung durch nicht erkrankte Eltern, Großeltern, Geschwister, Nachbarn, LehrerInnen und Fachkräfte der Jugendhilfe.

Fazit

Dieses gut geschriebene Buch mit biografischen Schilderungen erwachsener Kinder psychisch erkrankter Eltern kann sowohl Betroffenen zur Ermutigung als auch Fachkräften und Studierenden wärmstens empfohlen werden. Es vertieft das Verständnis für biografische Entwicklungen und spornt an, genauer hinzusehen, Anerkennung zu zollen, sich zu vernetzen und frühzeitig Unterstützung zu organisieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 13.11.2018 zu: Johannes Jungbauer, Katharina Heitmann (Hrsg.): Unsichtbare Narben. Erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern berichten. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2018. ISBN 978-3-86739-170-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24435.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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