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Stephan Maykus: Praxis kommunaler Sozialpädagogik

Cover Stephan Maykus: Praxis kommunaler Sozialpädagogik. Das Gemeinwesen der Stadt als Handlungszusammenhang: Leitstandards und Arbeitshilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 228 Seiten. ISBN 978-3-7799-3713-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Autor

Stephan Maykus ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Osnabrück sowie Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Sein Band will einen theoretischen und praktischen Beitrag dazu leisten, wie öffentliche Erfahrungsorte der Kommunikation und Partizipation zu schaffen sind. Ausgangspunkt ist die Konzeption von Habermas, die Gesellschaft auch unter den Aspekten Systemwelt und Lebenswelt zu analysieren und zu kritisieren. Beide Welten treffen in Stadtgesellschaften aufeinander und es gilt zu verhindern, dass die Gesellschaft eine Gesellschaft ohne Gesellschaftlichkeit wird.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert und stellt insgesamt eine Handlungsstrategie vor, von der theoretischen Begründung bis zu kleinschrittigen Arbeitshilfen für die Praxis kommunaler Sozialpädagogik:

  1. Hintergrund: Theorie einer Pädagogik des Sozialen in der Stadtgesellschaft.
  2. Der soziale Raum als Handlungszusammenhang.
  3. Erscheinungsformen: Kommunale Sozialpädagogik als Praxis im Stadtteil.
  4. Leitfaden: Der Index Kommunale Sozialpädagogik (IkoSo) zu Initiierung von Selbst- und Gemeinwirksamkeit.
  5. Perspektive: Das Gemeinwesen als Forum des vernetzten und partizipativen Feldes.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das https://d-nb.info/1156235464/04 vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

1. Hintergrund: Theorie einer Pädagogik des Sozialen in der Stadtgesellschaft

Die aktuelle Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Gegenwarten (Nassehi), daraus ergibt sich ein stetiger Prozess des Anschließens von Menschen aneinander. Dies ist nur möglich durch die Ko-Existenz und Tolerierung von Vielfalt, die aber sozialen Erfahrungen und der individuellen Integration zugänglich sein muss. Es gilt „eine inklusive Stadtkultur als Wert unter den Bedingungen des Urbanen mithin als Erfahrung im kommunalen Raum“ (S. 15) zu entwickeln. Eine Grunderfahrung in sozialen Räumen wie Stadtteilen und Quartieren ist die Subjektwerdung des Menschen. Diesen Kernbereich muss Sozialpädagogik fördern und u.a. negative Folgen von Integrationskonflikten verhindern.

Nach diesen einleitenden Anmerkungen setzt sich Maykus intensiv mit Habermas und dessen „Theorie kommunikativen Handelns“ auseinander. Ausgangspunkt ist die Entkopplung von System- und Lebenswelt. Der lokale Raum bietet aber die Möglichkeit einer kommunikativen Rückkopplung, die eben von einer kommunalen Sozialpädagogik unterstützt und entwickelt wird. Dies bedeutet zugleich, dass eine emanzipatorische Zielrichtung dieser Pädagogik zu ihrem Selbstverständnis gehört: „Zumal die politische, soziale und ökonomische Emanzipation wesentlicher Beweggrund für die Gründung von Städten war […]“ (S. 25). Entsprechend dieser Argumentation fördert kommunale Sozialpädagogik die Bildung „identitärer Schutzhüllen“ im lokalen Nahraum.

2. Der soziale Raum als Handlungszusammenhang

In diesem Kapitel werden zunächst komplexe Handlungszusammenhänge erörtert, indem „klassische“ Arbeits- und Methodenkonzepte hinsichtlich ihrer Nähe zur kommunalen Sozialpädagogik befragt werden. Dazu gehören u.a. Gemeinwesenarbeit, soziale Stadtteilarbeit und ganz allgemein die Sozialraumorientierung. In einer kritischen Würdigung übertragbarer Ansätze sieht Maykus dennoch eine zu geringe politische Positionierung, weil die Analyse und Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse zu gering ausgeprägt sei. Deshalb ist eine reflexible und raumbezogene Haltung erforderlich, die „sich stets als politische Aktivität verstehen soll […]“ (S. 41). Beschrieben wird deshalb eine lebensweltorientierte Professionalität mit dem Ziel reflexiven und relationalem Handelns in der Kommune. Festzuhalten ist an der Aufklärung der Praxis u.a. mit emanzipatorischen Zielsetzungen. Dies wird verdeutlicht am Beziehungsgeschehen in einem Stadtteil, der zu einem Resonanzraum (Rosa) werden muss. D. h. die pädagogischen Fachkräfte treten in Beziehung zu Menschen und sind orientiert an der Verständigung von Menschen untereinander. Handlungsorientierungen und Handlungsfelder der kommunalen Sozialpädagogik sind (S. 61):

  • Auseinandersetzung der Menschen im Stadtteil über ihre Bedürfnisse und Interessen.
  • Chancen eröffnen, unter denen neue Erfahrungen gemacht werden können; gemeinsames Handeln.
  • Soziale Dynamik zwischen Offenheit, Kreativität und Verantwortung gegenüber der Lebenswelt.
  • Selbstbestimmtheit, Engagement, Anerkennung, demokratische Partizipation.

3. Erscheinungsformen: Kommunale Sozialpädagogik als Praxis im Stadtteil

Aktive Handlungsfelder in einem Stadtteil sind z.B. Jugendhaus, Ganztagsschule, Runder Tisch im Stadtteil, Sportverein, Bürgerverein, Forum junges Stadtteilleben, Community Organizing, Quartiersmanagement. Die genannten Institutionen und bürgerschaftlichen Aktionsformen stellen ein komplexes Feld an Wechselbeziehungen dar, in denen sich gemeinsame demokratisch-partizipative Erfahrung realisiert und im Gegensatz zu zunehmender Individualisierung steht. Die dahinter stehende Lebensweltorientierung leistet sowohl Kritik an den bestehenden Verhältnissen als auch alternative Handlungsräume im emanzipatorischen Sinne gefunden und gestaltet werden.

In diesem Kapitel werden sodann umfangreich Standards für die Praxis aufgezeigt: Schule und Kinder- und Jugendhilfe, Demokratiebildung im Jugendverein, Kinder- und Jugendarbeit.

Der Zusammenhang von Schule und Jugendhilfe wird z.B. folgendermaßen in einer Matrix differenziert beschrieben: Auf der vertikalen Achse Handlungsprinzipien wie z.B. Teilen von Leben und Miteinanderfühlen, Anerkennen und Beteiligen; auf der horizontalen Achse befinden sich konzeptionelle Dimensionen wie Pädagogische Organisationsgestaltung, Gesellschaftsentwicklung im kommunalen Raum. In über 70 Seiten werden 20 derartige Grundbegriffe aufeinander bezogen und feingliedrig in Praxisfelder und Praxisschritte umgesetzt.

4. Leitfaden: Der Index Kommunale Sozialpädagogik (IkoSo) zur Initiierung von Selbst- und Gemeinwirksamkeit in Stadtteilen

Genannt werden in dem Index, der eine flexible und offene Arbeitsanleitung darstellt, sieben Schlüsselthemen, die für die kommunale Sozialpädagogik eine Leitqualität besitzen. So z.B. das Verständnis einer Kommune als sozialer Raum, in dem subjektives Erleben und Erfahren einen Bedeutungszusammenhang ergeben, die Voraussetzung, dass Identität und Persönlichkeit im sozialen Raum entsteht oder das Verständnis eines Stadtteils als demokratisch-kreatives Feld. Im Anschluss daran werden, dem Index für Inklusion (Booth/Ainscow) ähnlich, Arbeitsdimensionen genannt (A-D), die in Arbeitsbereiche untergliedert werden.

So werden unter 'A' Kulturen der Teilnahme verstanden ('C' lautet: Praktiken der Anerkennung etablieren). 'A 1' enthält als Arbeitsziel, Verständigung als Wert zu vermitteln. Das Arbeitsziel für 'A 1.1' lautet, Positionen werden von allen gehört und respektiert und für 'A 1.2' gilt als Ziel, das Interessenunterschiede sichtbar gemacht werden. Zu solchen Arbeitsschritten finden sich dann weiterführende und aktivierende Fragen, die von den Beteiligten durchaus erweitert werden können. Aus den Schlüsselthemen werden somit systematisch weitere Ziele und denkbare Handlungsschritte abgeleitet. „Dieser Index ist ein Angebot, eine mögliche Leitplanke in der Etablierung von Handlungsansätzen, die den hier favorisierten Grundlagen der kommunalen Sozialpädagogik entsprechen“ (S. 205).

5. Perspektive: Das Gemeinwesen als Forum des vernetzten und partizipativen Feldes

Eingeleitet wird das letzte Kapitel durch eine Bezugnahme auf den 15. Kinder- und Jugendbericht, der u.a. die Notwendigkeit eines neuen Jugendbildes in der Gesellschaft erörtert und auf die damit einhergehende gesellschaftliche Verantwortung verweißt. Die kommunale Sozialpädagogik muss, um Partizipation und Emanzipation zu ermöglichen, vier Schritte befolgen:

  • Beobachten des Erlebens und Verhaltens junger Menschen.
  • Themen der Jugendlichen erkennen und sich ein Bild machen (Auswertung).
  • Resonanz geben und Themen spiegeln, beraten und abstimmen (Dialog).
  • Mit den Jugendlichen Aktivitäten eingehen, die ihre Themen im Jugendhaus, im Schulalltag oder im Verein betreffen.
  • Themen öffentlich und mit gestaltbar machen.

Das „Forum junges Stadteilleben“ wird als Startbeispiel zur Entwicklung einer Praxis ausgewählt. Auch hier werden Handlungsprinzipien und konzeptionelle Dimensionen genannt (vgl. auch Kapitel 3), die aufgegliedert werden, so z.B. die Durchführung regelmäßiger Konferenzen oder Vernetzung und Koordinierung als wichtige Handlungsrahmen. Stadtteilerkundung, Aktivierung, Beteiligung, das Finden von Schlüsselpersonen stellen u.a. weitere methodische Schritte dar.

Diskussion

Habermas stellt schon in seinen „Legitimationsproblemen“ fest, dass sowohl die Systemwelt als auch die Lebenswelt ihre Berechtigung haben. Das Problem sei aber die Verknüpfung beider Welten. In diesem Sinne ist die von Maykus vorgelegte Konzeption, etwas vereinfachend formuliert, eine Verknüpfungstheorie einhergehend mit einer entsprechenden Praxis z.B. in der Lebenswelt von Stadtteilen. Damit wird unmittelbar aus einer kritischen Gesellschaftstheorie eine sozialpädagogische Praxis direkt und detailliert abgeleitet.

Ist diese Ableitung gelungen? Ja und Nein! Einerseits gehört intellektueller Mut dazu, eine solche Konzeption zu erarbeiten, andererseits nimmt man eine Engführung in Kauf, wenn gesellschaftliche Entwicklungsdynamiken auf lokale Lebenswelten begrenzt werden. Trotzdem: Einen solchen Zusammenhang systematisch herzustellen und damit für eine partizipativ-emanzipatorische Sozialpädagogik eine Legitimation bereitzustellen ist ein konstruktiver Beitrag für die Diskursarena Lebenswelt, sozialer Raum, Stadt, Jugend, Bildungslandschaft, Beteiligung und kommunale Politik.

Auch für real existierende sozialpädagogische Handlungsfelder mit Gemeinwesen- und/oder Sozialraumorientierung einschließlich partizipativer Zielsetzungen bietet der Band zahlreiche Anregungen, Ideen und Perspektiven. Eine maßstabsgerechte Umsetzung der vorgelegten Konzeption in eine existierende Praxis findet sich im Band nicht und ist wahrscheinlich aufgrund erwartbarer Durchsetzungshemmnisse auch so schnell nicht realisierbar.

Fazit

Diese Veröffentlichung leitet aus einer gesellschaftskritischen Theoriebasis systematisch eine sozialpädagogische Praxis ab, die emanzipatorisch-partizipativen Zielsetzungen folgt. Das beschriebene Konzept einer lebensweltorientierten Praxis eignet sich für Quartiere, Stadtteile und Städte und analysiert wie diese sozialen Nahräume Bedeutung haben für Sozialisationsprozesse, für Bedürfnisse und Interessen insbesondere der dort lebenden Jugendlichen. Für sozialraumorientierte sozialpädagogische Handlungsfelder in der Kinder- Jugendhilfe ergeben sich zahlreiche Anregungen, Ideen und Perspektiven.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 29.08.2018 zu: Stephan Maykus: Praxis kommunaler Sozialpädagogik. Das Gemeinwesen der Stadt als Handlungszusammenhang: Leitstandards und Arbeitshilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3713-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24436.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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