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Martin W. Schnell, Christian Schulz-Quach u.a. (Hrsg.): 30 Gedanken zum Tod

Cover Martin W. Schnell, Christian Schulz-Quach, Christine Dunger (Hrsg.): 30 Gedanken zum Tod. Die Methode der Framework Analysis. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 119 Seiten. ISBN 978-3-658-19920-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Palliative Care und Forschung.
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Entstehungshintergrund

Die Publikation ist der 6. Band der Buchreihe ‚Palliative Care und Forschung‘. Ziel dieser Buchreihe ist den Mangel an Forschung zu Themen im interdisziplinären Kontext von Palliative Care aufzuzeigen und zu beseitigen. Jeder Band der Reihe stellt eine spezifische qualitative Forschungsmethode entlang einer Studie im Bereich Palliative Care vor, erläutert die wissenschaftstheoretische Reflexion der Methode und beinhaltet eine kommentierte Literaturliste.

Thema

Im vorliegenden Band ‚30 Gedanken zum Tod. Die Methode der Framework Analysis‘ werden Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu Vorstellungen von Tod von Expert*innen thematisiert. In Anlehnung an Jankélévitch (2005) erfolgt die Differenzierung von Expert*innen auf folgenden drei Ebenen: Der Tod in der dritten Person ist der unpersönliche Tod (Menschen, die den Tod in der Gesellschaft als Expert*innen definieren), der Tod in der zweiten Person ist der er- und überlebte Tod des Anderen und der Tod in der ersten Person ist der eigene Tod.

Aufbau

  1. Im ersten Kapitel erfolgt eine Erläuterung und Einbettung der Datenauswertungsmethode Framework Analysis im Kontext der Wissenschaftstheorie.
  2. Es folgt die differenzierte Darstellung dieser Methode im zweiten Kapitel.
  3. Das dritte Kapitel bildet das Kernstück des Buches und stellt Ergebnisse des Forschungsprojektes vor, welches mit der Framework Analysis durchgeführt wurde.
  4. Das vierte und letzte Kapitel beinhaltet die kommentierte Literaturliste zur Framework Analysis.

Inhalt

Martin W. Schnell thematisiert qualitative Forschung im Spannungsfeld von Subjektivismus, Objektivismus und dem Gütekriterium der Reflexion sozialer Bedingungen von Forschenden. Explizit verweist er, in Anlehnung an Bourdieu, und an einem Beispiel aufgezeigt, auf die Notwendigkeit der Selbstreflexion der Forschenden als „Teil seines Untersuchungsobjekts“ (S. 12). Nachvollziehbar und mit Auszügen aus Transkripten und Praxisbeispielen aus dem Klinikalltag beschreibt Schnell die notwendige Differenzierung von Informationen und Daten entlang dreier wesentlicher Faktoren: der Festlegung der Relevanz, der Totalität einer Institution und dem Gewicht des impliziten Wissens. Die Rahmanalyse als Organisationsprinzip nach Goffman wird in den Grundzügen erläutert um dann Gemeinsamkeiten aber auch wesentliche Unterschiede zur Framework Analysis zu beschreiben.

Die Framework Analysis nach Ritchie und Spencer ist ein stark strukturiertes Verfahren der Datenauswertung in sechs Schritten (Vertraut machen, Identifizieren von wiederkehrenden und wichtigen Themen, Indexieren, Entwickeln der Charts, Analyse, Interpretation) und ermöglicht, im Vergleich zu anderen qualitativen Auswertungsverfahren wie etwa der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, einen kontinuierlichen Rückbezug auf das Ausgangsmaterial. Insbesondere erlaubt die Framework Analysis die Auswertung der Daten sowohl fall- als auch themenspezifisch, das heißt, dass Ansichten von mehreren Akteur*innen verglichen werden können. Explizit verweisen die Autor*innen darauf, dass die Framework Analysis keinen theoretischen Bezugsrahmen enthält, dieser bildet in dem durchgeführten Forschungsprojekt die Existenzphilosophie und das Konzept des Todes von Jankélévitsch (2005).

Dunger und Schnell veranschaulichen im zweiten Kapitel den qualitativen Forschungsprozess der Framework Analysis Schritt für Schritt, beginnend mit der Erläuterung der zwei zentralen Schritte hinsichtlich der Kategorienfindung: die Themenmatrix soll „offen sowie dicht an den Originaldaten erfolgen“ (S. 28) und das Entwickeln des Framework, welches Datenvertrautheit und Klarheit hinsichtlich der Zuordnung der Kategorien erfordert. Vertraut machen mit den Daten, das Identifizieren von zentralen und sich wiederholenden Themen, Indexieren und die Entwicklung von Charts sowie Interpretation sind sehr gut nachvollziehbar, mit entsprechenden Abbildungen und Tabellen gestaltet, beschrieben. Dies bietet ein grundlegendes Verständnis für das darauffolgende Kapitel.

Das Kernstück des Buches bildet das Kapitel drei in welchem das gesamte Forschungsprojekt kompakt vorgestellt wird. In diesem umfassenden Forschungsprojekt wurden die befragten Menschen ergänzend portraitiert und die Interviews gefilmt. Diese Dokumente und weiteres Material aus bereits durchgeführten Forschungsprojekten für Bildungsträger und Schulen sind unter www.30gedankenzumtod.de abrufbar, beziehungsweise zum Zeitpunkt der Rezension wird auf die Ausarbeitung der aktuellen Ergebnisse für die Präsentation auf der Website hingewiesen. Der Schwerpunkt des Gesamtprojektes liegt insbesondere in der Enttabuisierung von Sterben und Tod sowie in der Förderung von Auseinandersetzung und Diskurs in sozialen Medien.

Der theoretische Rahmen bildet die Existenzphilosophie (Heidegger, Levinas) und orientiert sich methodisch, wie bereits erläutert, an Jankélévitsch, der drei Perspektiven differenziert: der Tod in der dritten, der zweiten und der ersten Person. Die dritte Person sind Expert*innen, welche sich im Kontext der Berufstätigkeit mit Sterben und Tod befassen. Sie unterscheiden sich von der zweiten Person darin, „dass sie als Experten in erster Linie in ihrer Funktion als Journalist, Historiker oder Philosophin den gesellschaftlichen Diskurs und die öffentliche Wahrnehmung von Tod und Sterben mitgestalten“ (S. 57). Die zweite Person sind Menschen, welche im Kontext des Berufs „den Tod als Schicksal konkreter anderer Personen erfahren“ (S. 67). Die dritte Person sind Menschen, „die entweder in ihrer Vergangenheit eine existenzielle Grenzsituation erlebt haben (Überlebende) oder die sich zum Zeitpunkt der Datenerhebung in einer solchen Situation befanden (sterbende Menschen)“ (S. 86). Das Diskursprojekt ermöglicht den drei Gruppen von Interviewten ihre je individuelle Vorstellung von Tod zu artikulieren und mit der Öffentlichkeit über Soziale Medien zu teilen, während die Begleitforschung den Diskurs auswertet und die 30 problemzentrierten Interviews mit der Methode der Framework Analysis hinsichtlich der Frage ‚Was ist der Tod?‘ auswertet. Diese Begleitforschung wird im Buch erläutert.

Die Autor*innen Dunger, Seidlein, Schallenburger, Roshangar, Schulz-Quach und Schnell beschreiben den Zugang zum Feld, die Stichprobe, thematisieren Datenschutz und verweisen insbesondere auf die Wahrung der ethischen Grundsätze im Kontext der Forschung.

Die Ergebnisse sind, orientiert an den drei Gruppen von Expert*innen, nach folgendem Schema dargestellt: Erläuterung der Forschungsfrage im Kontext der Zielgruppe, die Beschreibung der Stichprobe sowie die zentralen Ergebnisse. Die Expert*innen zum Tod in der dritten Person kommen aus Medizin, Pflege, spiritueller und künstlerischer Praxis sowie der Forschung. Die zentralen Kategorien wie beispielsweise die Arbeit mit dem Tod, der eigene Tod oder der Tod in der Gesellschaft sind angeführt und inhaltlich erläutert. Deutlich zeigt sich die Diversität der einzelnen Befragten, doch durchgehende Themen wie Transzendenz, Einsamkeit, Umfang und Vielfalt, Orte und der öffentliche Diskurs erachten diese Expert*innen als relevant und zentral. Es besteht Einigkeit darin, „dass in der Gesellschaft unbedingt der Umgang mit dem Tod erlernt werden muss“ (S. 65). Diese Expert*innen verweisen einerseits auf eine größere Distanz zum Tod als jene von Angehörigen, andererseits aber sind sie auch mit der Endlichkeit des eigenen Lebens konfrontiert.

Expert*innen des Todes in der zweiten Person sind jene, die im Kontext der beruflichen Tätigkeit mit dem konkreten Tod von Anderen konfrontiert sind. Diese so genannten Begleiter*innen sind aus den beruflichen Feldern der Medizin, Armee, Feuerwehr und Rettung, Psychologie, Pflege, Bestattung und Tatortreinigung. Kategorien und Subkategorien sind kompakt dargestellt und auch die Zahl der verstorbenen Menschen, die begleitet oder aufgefunden wurden. Die zentralen Kategorien unterscheiden sich deutlich von jenen der Expert*innen der dritten Person. In diesen Interviews ist Bedeutung auf mehreren Ebenen ein Kernthema. So wird die Bedeutung des eigenen Todes als auch die Bedeutung der kontinuierlichen beruflichen Konfrontation mit Sterben und Tod thematisiert. Die erlebten Todesgeschichten sind in die eigenen Biographie eingewoben. Die Frage wie viele Tode verträgt der Einzelne wird als „Gratwanderung“ (S. 72) bezeichnet, ein zu viel birgt die Gefahr der Abstumpfung oder eigenen Erkrankung. Insbesondere der Abschied ist für die Begleiter*innen ein bedeutendes Thema sowohl aus Sicht der An- und Zugehörigen, als auch aus der persönlichen Sicht hinsichtlich der Endlichkeit des Lebens und des eigenen Sterbens. Kommunikation wird, wie bei den Expert*innen der dritten Person, explizit hervorgehoben, denn über die Erlebnisse mit dem Tod zu sprechen wirkt entlastend und ist notwendig. Doch die Begleiter*innen stellen fest, dass im professionellen Kontext Raum und Zeit fehlen und im Privaten sie einerseits die Familie nicht belasten wollen und andererseits das Verständnis fehlt.

Expert*innen der ersten Person sind jene Menschen, die als Patient*innen bezeichnet werden, weil sie in der Vergangenheit mit dem drohenden Tod konfrontiert waren oder sich in dieser Situation befinden. Die zentralen Kategorien sind Umgang mit Tod und Sterben, der Tod anderer, Sterben, Glaube, Tod und die eigene Endlichkeit. Eine Änderung oder Anpassung des Lebensstils nach der überlebten Konfrontation mit dem Tod wird als positiv und sinnvoll wahrgenommen. Die Einstellung zum Tod wird durch die Konfrontation mit ihm deutlich, vor allem wenn Nähe durch familiäre oder freundschaftliche Beziehung vorhanden ist. Vor allem jene Expert*innen, die todkrank sind, haben das Bedürfnis Unerledigtes anzugehen solange es ihnen noch möglich ist, da dies entlastend und beruhigend wirkt. Auch diese Expert*innen geben an, dass das Gespräch über den Tod essentiell ist und verweisen darauf, dass diese Gespräche angstlindernd und unterstützend wirken. Doch auch in dieser Gruppe wird erwähnt, dass viele Menschen nicht bereit sind und Angst haben über den Tod zu sprechen. Die Angst vor dem eigenen Tod besteht insbesondere hinsichtlich der Art des Sterbens, konkret die Angst vor möglichen Schmerzen und Verlust der Autonomie. Der Tod wird von allen als das Ende wahrgenommen, ein Ende das auch eine Erlösung sein kann. Glaube ist ein weiteres zentrales Thema sowie die Individualität des Sterbens.

Am Ende dieses dritten Buchkapitels werden zentrale Aspekte und thematische Zusammenhänge erläutert. Kategorien stehen teils in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig. Das zentrale Paradigma ist der Tod als unvermeidbares finales Ende der irdischen Existenz. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Gesprächen zeigt sich in der Akzeptanz des Todes, der Verarbeitung und Integration von erlebten und überlebten Todesereignissen, der Bewältigung von Angst und Trauer sowie der gegebenen Situation. Nähe kann hinsichtlich des Gesprächs über den Tod hilfreich aber auch hinderlich sein. Das Konzept des Todes in drei Perspektiven verweist darauf, dass die Expert*innen der dritten Person den Tod als Reflexionsgegenstand wahrnehmen, als Thema des gesellschaftlichen Diskurses. Sie treten für eine Enttabuisierung und respektvollen Umgang mit Diversität von Sterben und Tod ein. Die Expert*innen der zweiten Person, die Begleiter*innen, fokussieren auf Erfahrungen und Erleben mit Tod und daraus resultierende Konsequenzen. Sie sehen den Tod aus der je beruflichen Perspektive und bringen diese in die öffentliche Diskussion ein. Für Expert*innen der ersten Person, die Patient*innen, ist der Tod eine unausweichliche Tatsache, sie wünschen sich Gespräche mit anderen. „Diese Kommunikation ist für sie eine Brücke zwischen Diesseits und Jenseits“ (S. 101).

Diskussion und Fazit

Dem Themenkomplex Verlust, Sterben und Tod wird in Forschung und Lehre noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das Buch ist in der Aufmachung, inhaltlichen Dichte und Prägnanz ein wertvoller Beitrag zu Verlust, Sterben und Tod. Den Herausgeber*innen ist es mit dieser Publikation im Umfang von 119 Seiten gelungen sowohl eine tendenziell tabuisierte Thematik aufzugreifen, als auch Grundpositionen des Diskurses von Expert*innen auf drei Ebenen zu der Frage ‚Was ist der Tod?‘ differenziert und nachvollziehbar darzustellen. Insbesondere für Studierende und Forschende, die sich mit der Datenauswertungsmethode der Framework Analysis beschäftigen, bietet das Buch eine wertvolle Einführung, Unterstützung und Begleitung.

Dazu tragen auch die Tabellen sowie die Darstellungen der Kategorien und kommentierten Abbildungen zur Perspektive der jeweiligen Expert*innengruppe bei und fördern das Verständnis der Inhalte. Allerdings sind die Abbildungen und Tabellen in einer recht kleinen Schriftgröße gehalten und nur schwer lesbar. Bedauerlicherweise fehlt die Profession Soziale Arbeit obwohl sie im Feld von Hospiz und Palliative Care von Anbeginn eine zentrale Rolle einnimmt und die Autor*innen explizit auf die interprofessionelle Teamleistung verweisen. Multiprofessionalität ist ein Prinzip in Hospiz und Palliative Care und der Mehrwert von Sozialer Arbeit zeigt sich insbesondere auch in Kommunikation und Gesprächsführung in herausfordernden Situatonen, die von den drei Gruppen der Expert*innen als zentral und herausfordernd erachtet wird.


Rezensentin
Prof.in Dr.in Johanna M. Hefel
DSAin FH VORARLBERG University of Applied Sciences Fachbereich Soziales und Gesundheit
Homepage homepages.fhv.at/joh
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Zitiervorschlag
Johanna M. Hefel. Rezension vom 25.01.2019 zu: Martin W. Schnell, Christian Schulz-Quach, Christine Dunger (Hrsg.): 30 Gedanken zum Tod. Die Methode der Framework Analysis. Springer VS (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19920-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24438.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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