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Ilja Srubar, Joachim Renn u.a. (Hrsg.): Kulturen vergleichen

Cover Ilja Srubar, Joachim Renn, Ulrich Wenzel (Hrsg.): Kulturen vergleichen. Sozial- und kulturwissenschaftliche Grundlagen und Kontroversen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 419 Seiten. ISBN 978-3-531-14333-0. 49,90 EUR.
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Kontext und Anliegen des Buches

Die Pluralisierung kultureller Lebenswelten, multikulturelle gesellschaftliche Strukturen und die fortschreitenden Globalisierungsprozesse machen die Kenntnis fremder Kulturen und die Auseinandersetzung mit eigenen kulturellen Prägungen notwendig, um einen gemeinsamen, gelingenden Alltag zu gestalten. Dabei gilt interkulturelle Kompetenz als Voraussetzung für Verständigungsprozesse zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen.

Der Vergleich unterschiedlicher Kulturen spielt dabei eine zentrale Rolle und liefert die Rahmung für eine interkulturelle Verständigung. Während die pragmatischen Aspekte eines Kulturvergleichs etwa als Kulturkategorien handhabbar gemacht werden und in Vermittlungsprozessen interkultureller Kompetenz selbstverständlich Eingang finden, wurden die theoretischen und methodologischen Probleme eines Kulturvergleichs bislang wenig systematisch diskutiert. Der jetzt vorliegende Sammelband "Kulturen vergleichen" versucht, den derzeitigen Stand dieser Diskussion abzubilden.

Die Autorinnen und Autoren bewegen sich dabei auf schwierigem Terrain: " Weder ist klar, was unter Kultur zu verstehen ist, noch sind die Prozesse des Fremdverstehens geklärt oder gar die methodologischen Grundlagen des Vergleichens...formuliert." (S.8). Die Beiträge des Bandes schlagen "Schneisen der Orientierung" in diese bislang diffuse und überaus kontroverse Diskussion, sie umreißen die zu klärenden Fragestellungen und bilden ein ausgewähltes Spektrum vorfindbarer Positionen ab, "indem sie entweder die konstitutionstheoretischen Grundlagen der von ihnen vertretenen kulturvergleichenden Ansätze formulieren und die Angebote dieser Theorieansätze zum Problem des Kulturvergleichs ausarbeiten oder bereits bestehende Konzepte und Angebote vergleichend auf ihre Erklärungsmächtigkeit prüfen" (S.9). Neben solchen eher theoretisch ausgerichteten Beiträgen finden sich in diesem Band aber auch eine Reihe von Einzelstudien, die den Erklärungswert kulturvergleichender Betrachtung belegen und zugleich methodische Strategien explizieren.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in vier Abschnitte gegliedert.

  1. Die im ersten Abschnitt unter der Überschrift "Topologien" versammelten Beiträge vermessen gewissermaßen das Feld der Betrachtung und bieten theoretische Grundlegungen einer kulturvergleichenden Betrachtungsweise an. Neben den Beiträgen zur "Beobachterperspektive im Kulturvergleich" (Janich) und zur "Geographie der Philosophie und Philosophie der Geographie" (Holenstein) finden sich hier mit den Texten "Der interkulturelle Vergleich. Herausforderungen und Strategien einer sozialwissenschaftlichen Methode" (Cappai) und "Universalismus der Gleichheit. Universalismus der Differenz" (Weiß) zwei sehr anregende Beiträge, die auch denjenigen LeserInnen einen Einstieg ermöglichen, die mit dem Stand der theoretischen Diskussion nicht so vertraut sind und hier gleichwohl Verbindungen zur eigenen interkulturellen Praxis herstellen können.
  2. Der zweite Abschnitt "Pragmatik der Interkulturalität" enthält die Beiträge "Kulturelle Differenzen aus praxeologischer Perspektive. Kulturelle Globalisierung von Modernisierungstheorie und Kulturessentialismus" (Reckwitz), "Interkulturelle Hermeneutik statt Kulturvergleich" (Fuchs), "Die pragmatische Lebenswelttheorie als Grundlage interkulturellen Vergleichs" (Srubar), "Die kommunikative Konstruktion kultureller Kontexte" (Knoblauch), "Die gemeinsame menschliche Handlungsweise. Das doppelte Übersetzungsproblem  des sozialwissenschaftlichen Kulturvergleichs (Renn) und den Beitrag "Kulturgenese und Differenz. Rekonstruktive Perspektiven des Kulturvergleichs" (Wenzel). Die dargestellten, teilweise sehr unterschiedlich fokussierten Beiträge spannen einen weiten Bogen über aktuelle Positionen in der gegenwärtigen Diskussion.
  3. Der mit "Medien der interkulturellen Kommunikation" überschriebene dritte Abschnitt enthält einen Beitrag "Transdifferenz. Ein Komplement von Differenz" (Lösch) sowie die Beiträge "Der zu bestimmende Charakter von Kultur. Das Konzept der Artikulation in der Tradition der Cultural Studies" (Winter) und "Ein Puzzle ohne Vorlage. Über Schwierigkeiten, die Alphabetschrift zu erlernen" (Stetter).
  4. Der vierte und letzte Abschnitt schließlich enthält die bereits erwähnten Fallstudien "Kultur als Verhandlungssielraum" (Rao), "Repräsentationen von Differenz und Transdifferenz am Beispiel nordamerikanischer Indianerliteratur" (Breinig) und "Verstehen eines fremden Weltbildes durch Rekonstruktion. Das Beispiel des radikalen Islamismus" (Bohmann). Ihnen gelingt es, die praktische Relevanz und das methodische Vorgehen kulturvergleichender Studien exemplarisch anschaulich zu explizieren und eine Ahnung davon zu vermitteln, welche Welten sich durch hermeneutisch-rekonstruktive Ansätze erschließen lassen.

Diskussion

Der vorliegende Sammelband ist aus den Beiträgen einer Fachtagung hervorgegangen. Das Spektrum der dargestellten Perspektiven und Positionen ist überraschend breit und bietet dem Leser vielfältige Anknüpfungspunkte. Allerdings setzt dies auch eine relative Vertrautheit mit dem aktuellen Diskussionsstand der Disziplin voraus, da die Beiträge unverbunden nebeneinander stehen und nicht explizit aufeinander Bezug nehmen. Hier wäre hilfreich gewesen, wenn die Herausgeber jedem der vier Abschnitte eine kommentierende Rahmung vorangestellt hätten, um eine theoretische Verortung der nachfolgenden Beiträge zu ermöglichen.

Wie bei einem Reader nicht anders zu erwarten, sind die Beiträge in ihrem Abstraktionsniveau und ihrem Sprachduktus sehr unterschiedlich. Der Mehrzahl der Beiträge ist anzumerken, dass sie eher für die mit dem theoretischen Kontext vertraute "scientific community" geschrieben sind. Das ist schade, wäre gerade hier doch die Chance gegeben, Leserinnen und Lesern, die sich mit Kulturvergleichen bislang eher auf der pragmatischen Ebene interkultureller Verständigung beschäftigt haben, systematischer an die theoretischen und methodischen Grundlagen eines sozialwissenschaftlichen Kulturvergleichs heranzuführen.

Fazit

Trotz kleinerer Einwände bieten die Beträge dieses Bandes eine Fülle theoretischer Denkanstössen und methodischer Anregungen, auch wenn es sich nicht um ein Handbuch handelt, das systematisch in den Gegenstandsbereich einführt. Das Nebeneinander der beschriebenen Ansätze und Positionen spiegelt dabei wohl sehr treffend den Stand der Fachdiskussion wider.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 16.05.2006 zu: Ilja Srubar, Joachim Renn, Ulrich Wenzel (Hrsg.): Kulturen vergleichen. Sozial- und kulturwissenschaftliche Grundlagen und Kontroversen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14333-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2444.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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