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Andreas Hamburger: Filmpsychoanalyse

Cover Andreas Hamburger: Filmpsychoanalyse. Das Unbewusste im Kino – das Kino im Unbewussten. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 403 Seiten. ISBN 978-3-8379-2673-6. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Imago.
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Thema

Von seinem Status als ein mit Naserümpfen betrachtetes Kirmesspektakel ist der Film seit bald schon neunzig Jahren (teil-) befreit, auch wenn er seitdem noch immer Grabenkämpfe zwischen der Betrachtung Film als Kunst oder Film als einfache Unterhaltung aushalten muss. Nichtsdestotrotz ist der Film ein Kulturgut und in viele Lebensbereiche der Gesellschaft eingedrungen. So gibt es auch von vielen Seiten Versuche, den Film als solches und seine Wirkung zu deuten. Gesammelt wurden diese in den unterschiedlichen Ansätzen der Filmtheorie. Doch darüber hinaus nähern sich auch fachfremde wissenschaftliche Disziplinen Filmen auf ihre ganz eigene Weise, so wie die Soziologie, die Pädagogik oder hier, die Psychologie.

Autor

Andreas Hamburger ist Professor für Klinische Psychologie an der privaten Hochschule Internationale Psychoanalytische Universität in Berlin, die ihren Fokus auf die Ausbildung von psychoanalytisch ausgebildeten Psychologen gelegt hat.

Aufbau

Das Buch ist in vier Kapitel, eingerahmt von einer Einleitung und einer Abschlussbetrachtung, aufgeteilt. Diese Kapitel sind wiederum kleinteilig in viele Unterüberschriften gegliedert. Begleitet wird der Text von einem umfangreichen Literaturverzeichnis sowie einem Personen-, einem Film- und einem Sachregister.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Natural Born Viewers – Zur Psychoanalyse der Spielfilmerfahrung

Im ersten Kapitel zeichnet Hamburger die zeitgleichen Anfänge von Film und Psychoanalyse nach, die beide gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Spuren in der Zeitgeschichte hinterlassen hatten. Dabei zeigt der Autor auch die Antipathie Freuds gegenüber dem neuen Medium, mit der er sich damals in bester Gesellschaft anderer bürgerlicher Gebildeter befand. Den Versuchen der Annäherung des Filmes an die Themen der Psychoanalyse stand Freud ablehnend gegenüber, da das Medium Film die Illusion statt die Aufklärung befeuere. Hamburger fegt den gerne bemühten Vergleich von Traum und Film mit vom Tisch, da der Traum per se etwas Flüchtiges sei. Im letzten Abschnitt des Kapitels spricht er die Theorien des Embodiments an und kommt auf Laura Mulvey, Vivian Sobchack und die Ideen der Frankfurter Schule zu sprechen.

Freud in Wonderland – Wege durch den Bilderwald

Im ersten Abschnitt des Kapitels erläutert Hamburger die sieben psychoanalytischen Zugänge zum Film nach Glen Gabbard:

  • Erläuterung zugrunde liegender kultureller Mythen
  • Benennung der reflektierenden Subjektivität des Filmemachers
  • Benennung der universalen Entwicklungsmomente und -krisen im Film
  • Anwendung der Theorie der Traumarbeit
  • Analyse der Zuschauerreaktion
  • Darlegung der aufgegriffenen psychoanalytischen Konstrukte im Film
  • Analyse der Filmfiguren

Andreas Hamburger sieht diese Ansätze für eine Filmpsychoanalyse teilweise kritisch und fragt sich nach dem Nutzen, z.B. Filmfiguren wie Patienten zu sehen. Vielmehr kann aber das subjektive Erfahren eines Filmes in Verbindung der Kenntnis der filmischen Mittel gedeutet und als Arbeitshilfe genutzt werden.

Dabei geht er in seinem Verständnis der Filmpsychoanalyse vom Zuschauer aus und versteht diese, angelehnt an die Methode der Kulturanalyse von Alfred Lorenz folgendermaßen:

  • Die Psychoanalyse von Kunstwerken könne sich nicht an der Projektion der Neurosenlehre erschöpfen.
  • Sie beruhe auf dem wiederholten Studium eines Films durch einen Interpreten (d.h. nicht aus der Interaktion zweier Personen).
  • Der Therapeut muss sich ebenfalls in diese Szenen einfühlen und nutzt die eigene Befindlichkeit um den unbewussten Gehalt zu verstehen.
  • Das Ziel sei, dass das Kunstwerk helfen solle, sich selber zu verstehen

Danach schildert der Autor praktische Schritte bei der psychoanalytischen Filmanalyse (Auswahl des Filmes, Sichtung, selbstanalytische Arbeit am spezifischen Film, Analyse der filmischen Mittel, Arbeit mit dem Publikum).

Filmpraxis

Hamburger betrachtet zuerst den Themenkomplex zu Genre und spricht über die Zuschauererwartung, verweist auf Freuds Verlinkung von Witz zum Unterbewussten, betrachtet bei Agententhriller wie James Bond die Männlichkeitskonstruktionen zwischen Staatsdiener und Outlaw und das Spiel mit dem Genre.

Danach widmet er sich der Filmerzählung. Er versucht sich dem Drehbuch über fiktive Drehbuchautoren im Film zu nähern, blickt auf die Dramaturgie und die Konstellation der Figuren sowie der Erzählung, der Figurenentfaltung und der Mentalisierung mit ihnen. Er kommt auf den Aspekt des Traumes zurück und schaut erneut auf die Erwartungen des Publikums.

Im dritten Teil des Kapitels blickt der Autor auf die Filmästhetik und verbindet diese mit psychoanalytischen Gedanken. Er beginnt bei der Fotografie, betrachtet die Metapher des Spiegels, blickt auf Kadrierung, Aufnahmeort (Innen/ Außen), Licht, Einstellungsgrößen, Schärfe und Kamerabewegung. Er beschreibt tiefgreifend die Zeitdramaturgie, mit dem Filmschnitt und dem Bewegungsbild nach Gilles Deleuze. Danach widmet sich Hamburger dem Raum des Kinos, den er, ganz klassisch, als dunklen Raum bezeichne, in dem sich der Film erst entfalte. Er widmet sich intensiv dem Publikum und seiner Erfahrung im Kino.

Nachdem der Autor sich an der (psychoanalytischen) Filmtheorie für seine Schilderungen bedient hat, grenzt er sich sogleich von ihr ab und erhebt sich über sie mit seinem Ansatz, den Zuschauer direkter zu betrachten

Filmtheorie und Psychoanalyse

Im vierten Kapitel wendet sich Andreas Hamburger erneut den Filmtheorien zu. Er nimmt sich zwei Begriffe hervor und stellt Interaktion und Leiblichkeit als zentrale Punkte seines Verständnisses heraus. Film werde vom Filmpsychoanalytiker als Kunstwerk angesehen und dementsprechend analysiert. Er kritisiert dabei direkt Theoretiker, die Filme dazu nutzen würden, lediglich ihre eigenen Ideen zu illustrieren (256f). In diesem Kapitel nahm sich der Autor vor, sich den Theorien zu widmen, die in den voran gegangenen Kapiteln keinen Platz gefunden hatten und sich mit der Körperlichkeit und dem Traum beschäftigen. Er beschreibt die Semiotik und die Lacansche Schule, bevor er seine Ideen zu Filmmetaphern darlegt. Er betrachtet Männer-und Frauenbilder und deren Rezeption bevor er sich erneut Jacques Lacan widmet und intensiv die Ideen von Slavoj Žižek kritisiert. Er kommt daraufhin wieder zu den filmästhetischen Zeitaspekten zurück und folgt der Verführungskraft des narrativen Kinos.

Und die Moral von der Geschichte

Im letzten kurzen Kapitel fasst der Autor knapp seinen Ansatz zusammen und blickt auf das Moralische von Film und Psychoanalyse.

Diskussion

Andreas Hamburger sieht in der Filmpsychoanalyse einen therapeutischen Auftrag. Dieser richte sich an den Zuschauer, dem mithilfe des Filmes Zugang zu verschütteten Erfahrungen ermöglicht werden könne. Von daher geht es dem Autor nicht zu aller erst um Interpretationen von Filmen, sondern um die therapeutische Arbeit mit Filmen. Natürlich gehört dazu, den Film zu verstehen. Hier zeigt er verschiedene Punkte auf, die dem Fachmann einen psychoanalytischen Zugang zu Filmen ermöglichen. Hamburger grenzt die Filmpsychologie von der Filmwissenschaft ab (vgl. 50). Beide hätten unterschiedliche Ansätze u.a. im Umgang mit Bedeutungen. Dennoch nutzt er die theoretischen Konstrukte der Filmwissenschaft um in die Tiefen des Filmes vorzudringen und die für ihn wertvollen Fragen/ Antworten für sich nutzbar zu machen.

Die klassische Sichtweise auf das Kino als Raum der filmischen Rezeption (vgl. 235) ist eine ideelle Betrachtung. Unlängst hat sich der Film aus dem Raum des Kinos verabschiedet und kurz eine allgegenwärtige Präsenz zu Hause und Unterwegs eingenommen, die dem Medium Film natürlich nie gerecht werden konnte. Der Film wurde beiläufig, besonders wenn er auf Tablets in Zügen oder auf der Rückwand von Flugzeugsesseln betrachtet wurde. Mittlerweile drängt sich die Serie statt des Films in den Mittelpunkt des Alltagserlebens, da die Serie sowohl länger als auch kürzer zu konsumieren ist. Mit acht bis zu zwölf Episoden sind häufig 45 minütige (bei Sitcoms 25 bei mehr Episoden) Produktionen insgesamt sechs bis zehn Stunden dauernd und das pro Staffel. Auch das Online-Spiel rückt immer stärker in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit des Zuschauers. Mit dem Bedeutungsumschwung müsste sich eventuell das Feld der Filmpsychoanalyse in eine Medienpsychoanalyse weiten, sollte es manchen Patienten gerecht werden. Die Stärke des Filmes ist aber immer noch das intensive Auseinandersetzen im dunklen Kinosaal, in dem eine Ich-Fokussierung unlängst einfacher ist, als Medien es in der Alltagswelt zu schaffen in der Lage sind. Auf diese Stärke des Films legt der Autor seinen Fokus.

Immer wieder taucht Hamburger tief in filmtheoretische Aspekte ein, nutzt diese zur Beschreibung von Film und Filmerleben, lobt diese für die möglichen Ansatzpunkte des Filmverstehens, um darauf hin sich über diese zu stellen: „Von diesen und anderen psychoanalytisch inspirierten Ansätzen aus der Lacan-Schule […] hebt sich die hier vertretende psychoanalytische Lektüre […] ab, …“. Dieser professorale Ton wirkt an vielen Stellen überheblich und störend. Seine Schüler werden ihm folgen, andere aber nicht überzeugt sein, auch wenn die Ansätze Hamburgers interessant erscheinen.

Die Arbeit eines Filmpsychoanalytikers sehe er als Analyst eines Kunstwerkes – wobei das Gros der Filme nur schwer mit Kunst zu beschreiben ist. Andere Theoretiker nutzten, seiner Ansicht nach, Filme nur als Beleg für ihre Theorien, während sich der Autor selber dem Wesen des Filmes an sich widme. Dabei fällt der Unterschied zwischen dem Umgang des Autors mit Filmbeispielen und dem der Kritisierten im Grunde nicht auf. Die Filmbeispiele verweisen stets auf das von ihm Geschriebene.

Verstärkt wird der Eindruck des Professoralen durch die starke Referenz auf das Ich des Autors. Thomas Elsaesser sagte einmal in einem filmwissenschaftlichen Seminar, er möchte in einer von den Studenten zu schreibenden Hausarbeit keine Referenz auf seine eigenen Werke sehen, denn seine Gedanken seien ihm schließlich bereits bekannt. Dieser Gedanke kam dem Rezensenten ungleich auf, als er im Literaturverzeichnis 41 Einträge des Autors auf eigene Aufsätze zählte.

Die Abarbeitung an den filmanalytischen Ideen von Slavoj Žižek war eigentlich unnötig und stört den Anspruch des Buches. Man kann von den populärwissenschaftlichen Schilderungen von Žižek halten was man will und ja, er versucht aus den Ideen der Psychoanalyse für ihn interessante Aspekte zu ziehen, aber man sollte sich davon beileibe nicht kränken lassen.

Neben dem ausufernden Charakter des Buches verliert es in seiner Erzählung an Struktur, greift Ideen später immer wieder als Reprise auf, so in dem Ton, „ach, da hätte ich noch etwas…“.

Fazit

Als der Rezensent dieses Buch vorgeschlagen bekommen hatte, dachte er – als Filmwissenschaftler –, dass dieses Buch primär von der psychoanalytischen Filmtheorie handle. Dies ist aber nur sekundär der Fall. Das Buch ist eher an psychoanalytisch orientierte Psychologen gerichtet. Die Termini und Ideen sind diesbezüglich sehr fachspezifisch. Diese Aspekte des Textes von Andreas Hamburger sind für die Filmpsychoanalyse mit Sicherheit von großem Wert. Der Text ist sehr fundiert, wenn auch an vielen Ecken zu ausschweifend, geschrieben. Der Autor streut seine Kenntnisse über Theorien und Filme in einem allwissenden Duktus ein, was je nach bevorzugtem Lesen erhellend oder auch störend aufgenommen werden kann. Es liegt kein psychologisches Manual vor, sondern eine grundlegende Debatte über Film und Psychoanalyse, die sich häufig dem Film widmet aber auch den psychoanalytischen Ideen viel Raum einräumt.

Das Buch ist für alle Leser, die sich dem psychoanalytischen Universum zugehörig fühlen, sehr zur Lektüre ans Herz zu legen. Darüber hinaus aber auch nicht.


Rezensent
Michael Christopher
Filmwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 28.11.2018 zu: Andreas Hamburger: Filmpsychoanalyse. Das Unbewusste im Kino – das Kino im Unbewussten. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2673-6. Reihe: Imago. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24443.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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