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Thomas Kerstan: Was unsere Kinder wissen müssen

Cover Thomas Kerstan: Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2018. 250 Seiten. ISBN 978-3-89684-263-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Bildung ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammen hält. Im antiken wie im aktuellen, individuellen und gesellschaftlichen Diskurs wird „Bildung“ (paideia) mit „Erziehung“ gleichgesetzt. Ein gebildeter Mensch ist demnach jemand, der weiß, woher er kommt, welche Anforderungen und Verantwortlichkeiten er in seinem Leben zu bewältigen hat, wie er als Individuum und Gemeinschaftslebewesen in einer lokalen und globalen Welt leben soll, und wie er Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges ethisch und moralisch ordnet. Dazu gehört Wissen, das nicht mit dem „Nürnberger Trichter“ eingebläut wird, sondern kulturell und zivilisatorisch eingebunden ist. Die Bildungsdidaktiker erstellen deshalb Kanons, in denen die kulturell notierten Wissensinhalte als schulisches und lebenslanges Lernen ausgewiesen werden.

Der Erwerb dieser Themen wird als Allgemeinbildung verstanden, was bedeutet, dass jeder gebildete Mensch in der jeweiligen Gesellschaft zumindest die Grundlagen dieses Wissens beherrscht. Beim schulischen Lernen bilden diese Inhalte die Basis für die Curricula und Lehrpläne. In der so genannten „klassischen Bildung“ waren Bewusstsein, Erwartungshaltung und Mentalität der Kommunikation auf diesen Kanon ausgerichtet, d.h., dass in der jeweiligen (Klassen-)Gesellschaft der gesellschaftliche Umgang auf diese Allgemeinbildung ausgerichtet war, und Bildungskanons beinahe festgemauerte und feststehende Inhalte auswiesen. In der Bildungsrevision, wie sie sich in den 1960er Jahren entwickelt hat, wurde der Wissenserwerb auf der Grundlage des traditionellen Bildungskanons mit der Frage kritisiert, wie Lehrbücher und Lehrpläne gemacht werden – und beantwortet mit dem Hinweis, dass Lehrbücher aus Lehrbüchern entstehen, die aus Lehrbüchern entstehen, die aus Lehrbüchern entstehen…, und damit auf Kanons beruhen, die traditionell und konservativ zustande kamen und kaum verändert werden.

Entstehungshintergrund und Autor

Weil sich die Welt verändert, weil Kulturen entstehen, vergehen und sich verändern, weil Anpassung und Widerstand Grundlagen des menschlichen Daseins bilden, weil die lokale und globale Welt sich immer interdependenter, entgrenzender und virtueller entwickelt, können nationale Bildungskanons nicht mehr ausreichend die Anforderungen an „Allgemeinbildung“ erfüllen. Um aber andererseits bei der Fülle und Leichtigkeit des Zugriffs auf Wissen und Informationen, etwa durch Wikipedia und andere virtuellen Angebote, Nicht- oder Halbwissen zu produzieren und damit Inkompetenz, Ratlosigkeit und Unsicherheit zu erzeugen, ist es anzuraten, beim Bildungs- und Erziehungsprozess der Menschen Anhaltspunkte zu geben, wie ein moderner, globaler Bildungskanon aussehen könnte.

Der bildungspolitische Korrespondent der Wochenzeitung DIE ZEIT, Thomas Kerstan, unternimmt den sicherlich nicht leichten, kritikwürdigen Versuch, aus der Fülle der entstandenen und rapide zunehmenden, kulturellen, literarischen und virtuellen Informations- und Wissensinhalte eine Auswahl von 100 Werken als Wissensfundus zu präsentieren. Es handelt sich um Romane, Erzählungen, Gedichte, Biografien, Filme, Kunstwerke, Musik, Naturwissenschaft, Mathematik, Geschichte, Politik, Philosophie, Computerspiele…, die idealiter nicht mehr nur individualistisch im Smartphone konsumiert, sondern kommunikativ in der Lerngruppe, beim Gedankenaustausch und Geschichtenerzählen zur Sprache kommen: „Nur wer über ein solides Wissensgerüst verfügt, kann sich aus der Nachrichtenflut das Wichtigste und Richtige herausfischen“. Das Bild vom Fischer, der nachhaltig und verantwortungsvoll Nahrung aus dem Meer entnimmt, passt gut zu der Chance, richtiges, weiterführendes und exemplarisches Wissen zu erwerben. Denn ein solches Wagnis aufzunehmen – Kerstan spricht von „Hybris“ – dazu braucht es Mut und Erfahrung, entweder als Pädagoge oder, wie hier als bildungspolitischer Experte. Und es ist die Hoffnung notwendig, dass die Leserinnen und Leser die 100 ausgewählten Themenbereiche als Anmutung zum Selbstdenken verstehen und sie selbst im Dialog weiterdenken. Es ist sinnvoll, den vorgeschlagenen Bildungskanon mit der Frage einzuleiten: „Was unsere Kinder wissen müssen“ – denn aus Kindern werden Erwachsene, und Bildung ist eine lebenslange Herausforderung.

Aufbau und Inhalt

In zehn Thesen formuliert Kerstan seine Begründungen für eine neue Allgemeinbildung. Der ersten, dass Schluss sein müsse mit dem Streit um Strukturen, vermag der Rezensent nicht zuzustimmen. Es kommt meines Erachtens sehr wohl darauf an, wie der Besuch der Pflichtveranstaltung Schule organisiert und eingeteilt ist. Bildung und Lernen werden anders vermittelt und erlebt, wenn die Kinder auf eine gegliederte, auf Auslese ausgerichtete Institution treffen, oder ob es eine Schule für alle gibt, in der differenziert gelernt wird. Unstrittig ist, dass ein individualisiertes, auf Empathie, Methodik und Zuwendung ausgerichtetes, professionalisiertes Lernen Grundlage sein müsse. Richtig ist, dass bei den stetig sich weiter entwickelnden Globalisierungsprozessen Homogenisierungs- und Autochthon-Vorstellungen einer Revision bedürfen. Digitaler Wandel wird ebenso weiterhin die lokale und globale Entwicklung der Menschheit bestimmen.

Ohne Zweifel formuliert der Autor mit der fünften These: – „Mathematik gehört zur Kultur“ – eine neue Qualität im Bildungsdiskurs; eben die bisherige Vernachlässigung und Wertigkeits-Einschätzung der sogenannten „Laber“ – oder „Neben“-Fächer im Gegensatz zu den „Haupt“-Fächern. Ambivalent, weil nicht logisch, wird mit der siebten These auf den Leistungsbegriff verwiesen, und dabei die im Bundesvergleich angeblich besseren schulischen Leistungen an den bayerischen Schulen als Vorbild herangezogen. Stellt man nämlich die in den Thesen formulierten Erwartungshaltungen gegenüber, wie z.B. „Schule – all inclusive“, wird deutlich, dass Fordern und Fördern nicht ohne die strukturellen Vorgaben geleistet werden können.

Der fächer-, methoden- und medien(kritisch)übergreifende Kanon, wie ihn Thomas Kerstan vorschlägt, zielt nicht darauf, dass er von den kultusministeriellen Lehrplankommissionen und wissenschaftlichen Curriculum-Expertenteams übernommen wird. Vielmehr erhebt er den Anspruch, mit dem Begriff der „Allgemeinbildung“ mehr auszudrücken als das im Bildungsdiskurs gehandelte „Bildungsminimum“ oder „Basiskompetenz“. Er gliedert die 100 Werke in vier Kapitel, die gleichzeitig Bildungsziele darstellen: Sprachlich-kommunikatives Verstehen der Welt – Mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen – Historisch-philosophische Bildung – Künstlerisch-ästhetische Kompetenz.

Die Auswahl der kanonisierten Wissenselemente ist subjektiv. Diese Einschränkung ist selbstverständlich, weil Bildung nicht auf Flaschen gezogen oder in Kästchen sortiert werden darf. Es sind keine Apodikte, sondern auf grundlegende, existentielle und humane Anforderungen gerichtete Lebens- und Wertvorstellungen, wie z.B.:

  • das monumentale Gemälde „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli, das in den Uffizien in Florenz zu betrachten und als Abbildung in Lexika, Kunstbänden und Medienpräsentationen präsent ist.
  • Es ist Leonardo da Vincis „Mona Lisa“, die im Pariser Louvre zu betrachten ist.
  • Es ist die gewaltige, von Michelangelo geschaffene Statue „David“.
  • Es ist Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“;
  • ebenso Mozarts „Zauberflöte“;
  • auch „Das Lied der Deutschen“ von Joseph Haydn;
  • das „Abendlied“ von Matthias Claudius;
  • aber auch das „Schwarze (suprematistische) Quadrat“ von Kasimir Malewitsch;
  • das Foto „Der fallende Soldat“ von Robert Capa;
  • Picassos „Guernica“;
  • der Film „Psycho“ von Alfred Hitchcock;
  • der Song „Like a Rolling Stone“ von Bob Dylan;
  • „Die Legende von Paul und Paula“;
  • Fatih Akins „Kurz und schmerzlos“:
  • „Ilias und Odyssee“, nacherzählt von Walter Jens;
  • „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing;
  • Schillers „Das Lied von der Glocke“;
  • Goethes „Faust“;
  • Kleists „Der zerbrochene Krug“;
  • das Märchen „Hänsel und Gretel“;
  • Thomas Manns „Buddenbrooks“;
  • Kafkas „Der Prozess“;
  • Kästners „Emil und die Detektive“;
  • Bertold Brechts „Leben des Galilei“;
  • Camus „Die Pest“;
  • Orwells „1984“;
  • Hemingways „Der alte Mann und das Meer“;
  • Günter Grass' „Die Blechtrommel“;
  • Umberto Ecos „Der Name der Rose“;
  • Art Spiegelmans Comic „Maus“;
  • Joanne K. Rowlings „Harry Potter und der Stein der Weisen“;
  • Navid Kermanis „Wer ist Wir?“;
  • Platons „Die Apologie des Sokrates“;
  • „Die Bibel“ von Christian Nürnberger;
  • Thomas Morus' „Utopia“;
  • Immanuel Kants „Was ist Aufklärung?“;
  • „Das kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels;
  • Stefan Zweigs „Bildnis eines politischen Menschen“;
  • „Das Tagebuch der Anne Frank“;
  • „Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“;
  • Alexander Solschenizyns „Der Archipel Gulag“;
  • Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“;
  • Galbraiths „Die Entmythologisierung der Wirtschaft“;
  • Oliver Stones „Wall Street“;
  • „Schindlers Liste“;
  • Nelson Mandelas „Der lange Weg zur Freiheit“;
  • Paul Spiegels „Was ist koscher?“;
  • Gudrun Krämers „Geschichte des Islam“;
  • „Das Leben der Anderen“;
  • „Wir neuen Deutschen“;
  • Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“;
  • Watsons „Die Dopel-Helix“;
  • Joseph Weizenbaums „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“;
  • „Das Ziegenproblem“;
  • „Unser ökologischer Fußabdruck“;
  • „Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“;
  • „Der blaue Planet“…

Fazit

Die ausgewählten Publikationen und Medien werden auf jeweils zwei Buchseiten mit Autoren- und Herkunftsnachweis vorgestellt; mit der Feststellung „Darum geht es“ skizziert der Autor den Inhalt des Werks; und mit der Begründung „Warum man es kennen muss“ erläutert er den Kanon-Vorschlag.

Es ist davon auszugehen, dass nicht wenige Leserinnen und Leser Themen und Werke vermissen, die zu einem modernen Bildungskanon gehören. Der Rezensent z.B. vermisst die „globale Ethik“, wie sie mit der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten, allgemeingültigen und nicht relativierbaren (wiewohl umstrittenen) „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vorgelegt wurde. Wenn nämlich Verständigung die Grundlage eines friedlichen und humanen Zusammenlebens der Menschen auf der Erde gelten soll, braucht es Leitplanken, die allgemeingültige, ethische, moralische Zielrichtungen aufweisen.

Trotzdem: Das Wagnis, einen Wissens- und Bildungskanon für das 21. Jahrhundert vorzulegen, verdient Anerkennung und kann und sollte den Dialog und die Aufmerksamkeit befördern, dass Wissen als allumfassende Lebens- und Überlebenskompetenz für die Menschheit dringend notwendig ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.09.2018 zu: Thomas Kerstan: Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-89684-263-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24449.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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