socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jürgen Körner: Die Psychodynamik von Übertragung und Gegenübertragung

Cover Jürgen Körner: Die Psychodynamik von Übertragung und Gegenübertragung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 80 Seiten. ISBN 978-3-525-40609-0. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.

Reihe: Psychodynamik kompakt.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Zielgruppe

Zielsetzung der Reihe PSYCHODYNAMIK KOMPAKT ist es, psychotherapeutisch Interessierte, die in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Klientengruppen arbeiten, zu aktuellen Fragestellungen anzusprechen. Die Reihe soll Diskussionsgrundlagen liefern, den Forschungsstand aufarbeiten, Therapieerfahrungen vermitteln und kurz und praxistauglich neue Konzepte vorstellen. Der vorliegende kleine Band thematisiert moderne Sichtweisen der zentralen psychoanalytischen Konzepte Übertragung und Gegenübertragung. Übertragung wird hierbei nicht mehr als Irrtum, mit dem der Patient frühe Beziehungserfahrungen wiederholt, gesehen, sondern in erster Linie als Versuch, den Therapeuten zur Lösung innerer Konflikte zu verwenden. Die Gegenübertragung wird zum Ausdruck der Mitwirkung der TherapeutIn in der psychotherapeutischen Beziehung.

Autor

Jürgen Körner, Diplom-Psychologe und Psychoanalytiker war bis 2009 Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der FU Berlin. Er ist Gründungspräsident der International Psychoanalytic University Berlin und Herausgeber der Zeitschrift »Forum der Psychoanalyse«.

Aufbau 

Nach einem Vorwort zur Reihe und einem zum Band besteht das Buch aus sechs Kapiteln und dem Literaturverzeichnis.

  1. Vorbemerkungen
  2. Geschichte der Übertragungs-und Gegenübertragungskonzepte
  3. Die psychoanalytische Situation und die „Entfesselung“ der Übertragung
  4. Erscheinungsformen der Übertragungsanalyse
  5. Methoden der Übertragungsanalyse
  6. Was bleibt?

Inhalt

Die Psychoanalytiker der ersten Generation um Freud hatten mit den intensiven Beziehungsphantasien ihrer vornehmlich weiblichen Patienten nicht gerechnet und versuchten sich durch betonte Neutralität zu distanzieren. Allerdings gingen einige durch grundlegende Publikationen bekannte Analytiker sexuelle Verhältnisse mit ihren Patientinnen ein. Freud schrieb in einem Brief an Binswanger, dass er es selbst wohl nur seinem fortgeschrittenen Alter verdanke, dass er „nicht hereingefallen“ sei. 

Galt in frühen Konzepten die Übertragung als Fehlwahrnehmung, die die Patienten im Laufe der Therapie korrigieren sollten, so betont der Autor dieses Buches, dass der Therapeut nicht nur als Projektionsfläche für infantile Phantasien gemeint sei, sondern als aktiver Mitspieler zur Lösung innerer Konflikte einbezogen und verwendet werde. Korrespondierend hierzu entwickelt der Autor auch das Konzept der Gegenübertragung weiter: Wurde ursprünglich angestrebt, die Gegenübertragung vollständig zu überwinden, so verstand man sie in der Weiterentwicklung als ein Messinstrument, um die Übertragung der Patienten zu erfassen. Der Autor betont jedoch, dass die Gegenübertragung in einer gemeinsam gestalteten Beziehungssituation ein Ausdruck der Mitwirkung des Therapeuten sei. Die Aufgaben des Analytikers wandelten sich von der Suche nach dem verborgenen Unbewussten hin zu einem Interpreten von vieldeutigen Texten. Jeder Interpret müsse sich verpflichtet fühlen, die eigenen Deutungsvoraussetzungen und Sinnerwartungen zu reflektieren. Letztlich gehe es darum, dass sich Patient und Therapeut darüber verständigen, wie sie sich wechselseitig sehen möchten.

Die analytische Situation setzt sich hinweg über die Konversationsregeln des Alltags. In dieser Unsicherheit greift der Patient auf Deutungsmuster von Beziehungen zurück, die ihm vertraut sind. Während im Alltag die Grenzen dessen, was wirklich gemeint ist, enger gerahmt sind, geht es in der therapeutischen Situation darum, wie vieldeutig und doch aufschlussreich das gesprochene Wort sein kann. Die Übertragungsbeziehung sei kein Spiel, sondern der Ernstfall, sie sei eine entfesselte Alltagsbeziehung, die jedoch eines sicheren Rahmens bedarf.

Im weiteren Verlauf differenziert der Autor zwischen Patienten mit niedrigem Strukturniveau (z.B. Menschen mit Borderlinestörungen) und Patienten, die ein Verständnis entwickeln können, dass ihre Auffassung ein subjektiver Entwurf ist, über dessen Hintergründe nachzudenken sich lohnt.

Den Übertragungswiderstand differenziert der Autor in drei Varianten:

  1. Widerstand gegen die Entfaltung der Übertragung
  2. Widerstand gegen das Gewahrwerden der Übertragung und
  3. Widerstand gegen das Durcharbeiten der Übertragung

Zur Übertragungsliebe führt der Autor aus, dass sie nicht irre, sondern sich in einer frühkindlichen, entsublimierten Form zeige. Es gehe darum, einen sicheren Rahmen zu bieten, jedoch den Patienten nicht die Ernsthaftigkeit abzusprechen und zugleich das eigene Begehren in liebevolle Anerkennung umzuwandeln.

Die Arbeit in der Übertragung sei dadurch wirksam, dass der Patient den Analytiker so verwende, dass Beziehungsentwürfe auf die Probe gestellt und korrigiert werden könnten. Die Übertragungsbeziehung sei nichts anders als eine entfesselte Alltagsbeziehung, die sich innerhalb eines sicheren Rahmens entfalten könne. Dennoch kann es zu Krisen mit Konfrontation oder Rückzug des Klienten kommen kommen, welche vom Therapeuten eine Konfliktbereitschaft, ein „sich den Patienten in den Weg stellen“ erfordern können, um sie gemeinsam konstruktiv zu bearbeiten.

Diskussion

Gut formuliert und auf einer überschaubaren Seitenzahl werden die historischen Wurzeln und die modernen Entwicklungen der analytischen Konzepte Übertragung und Gegenübertragung dargestellt und mit sehr kurzen Fallvignetten veranschaulicht. Für die weiterführende Vertiefung findet sich am Ende ein historische Quellen aufgreifendes sowie aktuelles deutsch- und englischsprachiges Literaturverzeichnis.

Fazit

Jürgen Körner stellt gut formuliert und verständlich die Entwicklung der analytischen Konzepte Übertragung und Gegenübertragung dar und unterstützt TherapeutInnen dabei, sich innerhalb eines sicheren Rahmens für Beziehungserfahrungen „verwenden“ zu lassen und zugleich Grenzen wahrzunehmen sowie Krisen zu erkennen und konstruktiv zu besprechen. Das kurz gehaltene Buch dient in erster Linie dazu, Übertragung und Gegenübertragung besser zu verstehen und diesbezüglich eine klare professionelle, dem Patienten zugewandte und sich selbst reflektierende Haltung zu entwickeln.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
E-Mail Mailformular


Alle 115 Rezensionen von Annemarie Jost anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 22.11.2018 zu: Jürgen Körner: Die Psychodynamik von Übertragung und Gegenübertragung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-40609-0. Reihe: Psychodynamik kompakt. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24460.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/innen, Weilburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung