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Jens Asendorpf: Persönlichkeit

Cover Jens Asendorpf: Persönlichkeit. Was uns ausmacht und warum. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 369 Seiten. ISBN 978-3-662-56105-8.
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Autor

Prof. Dr. Jens B. Asendorpf (Jahrgang 1950) studierte Mathematik, Informatik und Psychologie und war 12 Jahre lang am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung tätig. Von 1994 bis 2014 war er Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität, Berlin, mit den Forschungsschwerpunkten Persönlichkeit und soziale Beziehungen. Zudem war er Herausgeber des European Journal of Personality und Präsident der European Association of Personality Psychology.

Entstehungshintergrund

Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist ein populärwissenschaftliches Sachbuch und kein wissenschaftliches Fachbuch. Das ist jedoch alles andere als eine Abwertung. Man denke nur an Sachbücher wie „Schnelles Denken, langsames Denken“, in dem Daniel Kahnemann seine Forschungsergebnisse aus vielen Jahrzehnten verständlich und amüsant zusammengefasst hat, ohne dabei niveaulos zu werden. In diesen Duktus ist auch die vorliegende Publikation einzuordnen: Jens Asendorpf beschreibt als exzellenter Wissenschaftler für ein breites Publikum seine Bilanz der empirischen Persönlichkeitspsychologie. Er wollte allgemein verständlich auch die Methoden und Erkenntnisse dieser Forschung schildern und dies ist – um es vorweg zu nehmen – ihm auch äußerst gut gelungen. Letztlich will er dem Leser den Unterschied zwischen unserer Alltagspsychologie aus Erfahrungen und kulturell geprägter Folklore zu einer empirischen, auf Beobachtung beruhenden Psychologie aufzeigen.

Aufbau

Bevor es losgeht, sollte sich der Leser im Prolog einem Kreuzverhör stellen. Mit Fragen wie „Glauben Sie, dass Charaktereigenschaften vererbt werden?“ hatte der Autor schon vor 30 Jahren sein erstes populärwissenschaftliches Buch begonnen. Nachdem man sich selbst ins Kreuzverhör genommen hat, kann man mit dem Lesen beginnen. Das Buch gliedert sich in drei Teile:

1. Was uns ausmacht

2. Was wir können

3. Warum sind wir so und verändern uns trotzdem?

Dem folgen noch ein Anhang mit weiterführender Literatur und Hinweisen zur Internetnutzung sowie ein Sachverzeichnis (Stichworte). Nach jedem Kapitel findet sich außerdem ein Literaturverzeichnis.

Inhalte

Teil I „Was uns ausmacht“. „Haben schon Neugeborene eine Persönlichkeit, aus der sich langfristige Prognosen auf ihre spätere Entwicklung ableiten lassen?“ Um solche grundlegenden Fragen und insbesondere um die Normalität der großen beobachtbaren Unterschiede geht es in diesem ersten Teil. Der Autor beginnt zunächst mit der Definition der Persönlichkeit. Dabei macht er auch klar, dass Unterschiede ganz normal sind. In der Sedimentationshypothese werden aus den Sprachen mit ihren Eigenschaftswörtern die Hauptfaktoren und -typen der Persönlichkeit destilliert. Kapitel 3 beschäftigt sich mit den Spiegelbildern: wie sehen wir uns selbst und andere? Ganze Seminarreihen der Führungskräftebildung füllt dieses Thema; hier wird es kurz und prägnant dargestellt. Wie heißt es so schön: „Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck!“ Wie aber entsteht der erste Eindruck, der sich in wenigen Sekunden herausbildet und dann prägend für die weitere Wahrnehmung ist? Die empirische Psychologie beschreibt diesen Prozess mit dem Linsenmodell der Personenwahrnehmung: Brunswicks Linse. In Kapitel 5 setzt sich der Autor mit der Tatsache auseinander, dass es meist nicht möglich ist, Eigenschaften gänzlich zu objektivieren. Aber mit Methoden in Alltag und Labor kann man sich dem nähern. Kapitel 6 beschäftigt sich damit, was man aus den Spuren herauslesen kann, die man auf Homepages, bei Facebook und anderen Dokumenten hinterlässt.

Teil II „Was wir können“. Intellektuelle, soziale und emotionale Fähigkeiten lassen sich mehr oder weniger gut mit Testverfahren erfassen. Kapitel 7 beginnt mit der bekanntesten Kennzahl, dem IQ, der eigentlich gar kein Quotient mehr ist. In der Personalwirtschaft herrscht die Überzeugung, dass neben Fachwissen und Intelligenz vor allem die Sozialkompetenz für den Berufserfolg verantwortlich ist. In Kapitel 8 wird daher die Sozialkompetenz analysiert und diskutiert, inwieweit die verbreiteten Assessment-Center in der Lage sind, diese zu messen. Gibt es eine emotionale Intelligenz (EQ) und welchen praktischen Nutzen hat sie? Dieser Frage wird in Kapitel 9 nachgegangen. Kapitel 10 erweitert die bisherigen Ansätze, indem nicht mehr nur die westlichen Kulturen zugrunde gelegt werden. PISA und viele andere Studien vergleichen die mittlere intellektuelle Leistung anhand von Schulleistungen und ähnlichem. Wie klug sind Nationen und wie groß sind die Unterschiede, auch historisch betrachtet? Den Abschluss dieses Teils bildet ein höchst politisches und kontroverses Thema: Gibt es IQ-Unterschiede zwischen Rassen, zwischen Immigranten und Einheimischen und wodurch sind diese gegebenenfalls bedingt?

Teil III „Warum sind wir so und verändern uns trotzdem?“ Die bisherigen Überlegungen waren querschnittlich, das heißt die Persönlichkeit wird als wenig veränderlich zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen. Aber verändert sich die Persönlichkeit nicht mich zunehmendem Alter? Denn sonst gäbe es keine Persönlichkeitsentwicklung, andererseits sind Charaktermerkmale stabil. Kapitel 13 geht der Frage nach wie sicher angesichts von Entwicklung und Stabilität Vorhersagen aus der Kindheit sind. „It's all in Your Genes!“ sagen die Protagonisten der Vorhersage aus der DNS. Aber wie spielen Gene und Umwelt wirklich zusammen, darum geht es in Kapitel 14. Die soziale Seite der Persönlichkeit basiert auf den Beziehungen; solchen zu Eltern, Peers, Partnern und in Netzwerken. In Kapitel 16 beschreibt der Autor, wie der kulturelle Wandel auch Einfluss auf die Persönlichkeit hat. Kapitel 17 widmet sich einer ganz entscheidenden Frage: Wie zufällig ist unser Lebenslauf wirklich? Kapitel 18 setzt sich mit der Selbstoptimierung auseinander. Soll ich optimistischer und freundlicher werden nach dem Motto von Monty Python: „Allways Look on the Bright Side of Life“? Wo sind die Grenzen und Schattenseiten dieser Selbstoptimierung, wo ist das alles nur noch Fantasie der Ratgeberliteratur? In Kapitel 19 endet das Buch mit dem Sinn der Vielfalt: Unterschiede sind menschlich. Warum sind Menschen so unterschiedlich? Diese Frage wird aus der Sicht der genetischen und der kulturellen Evolution diskutiert.

Diskussion

Die Alltagspsychologie umgibt uns, mit ihr beurteilen wir andere und geben Voraussagen ab. Selbst die Partnersuche erfolgt nach angeblich psychologischen Kriterien. Dieses sich selbst Einfinden und Leben in einer zunehmend komplexeren sozialen Umwelt mit nur wenig bindenden Normen, wie sie früher von Kirche und Staat vorgegeben wurden, führt zu Unsicherheiten. Dieses hat viele mehr oder weniger selbsternannte psychologische Ratgeber auf den Plan gerufen, die in Zeitschriften und Zeitungen, in Büchern, Talkshows oder Beiträgen in den sozialen Medien vermeintliche Hilfestellungen geben. Die oft wenig fundierten, widersprüchlichen Aussagen verwirren meist mehr als sie helfen. Da tut es richtig gut, ein solches fundiertes wissenschaftliches und dennoch leicht verständliches Sachbuch in der Hand zu halten.

Fazit

„Persönlichkeit“ sei allen angeraten, die auch ohne vorheriges Studium kompetent erfahren wollen, was uns ausmacht und warum. Dieses Buch hebt sich wohltuend von der Masse der Ratgeberliteratur ab und ragt weit daraus heraus.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 20.12.2018 zu: Jens Asendorpf: Persönlichkeit. Was uns ausmacht und warum. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-56105-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24464.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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