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Bettina Lindmeier, Hanna Stahlhut u.a.: Biografiearbeit mit einem Lebensbuch

Cover Bettina Lindmeier, Hanna Stahlhut, Lisa Oermann, Cornelia Kammann: Biografiearbeit mit einem Lebensbuch. Ein Praxisbuch für die Arbeit mit erwachsenen Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und ihren Familien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 236 Seiten. ISBN 978-3-7799-3856-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Edition sozial.
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Thema

Im Mittelpunkt des vorgelegten Praxisbuches stehen Menschen mit intellektuellen oder kognitiven Beeinträchtigungen mittleren Lebensalters, die (noch) in ihren Herkunftsfamilien leben. Nach Auffassung der Autorinnen befinden sich diese in einem „Spannungsfeld zwischen dem familiären Wunsch nach möglichst langfristiger Fortführung des Zusammenlebens und der häufig durch altersbedingte Veränderungen krisenanfälligen Lebenssituation“ (siehe Klappentext hinten) in Gegenwart und Zukunft. Frauen und Männer vom Fach neigen unter dem gesellschaftlichen Druck eines inklusionsfordernden Paradigmenwechsels (Selbstbestimmung) nicht selten dazu, den Familien die Ablösung ihrer nun schon älter gewordenen kognitiv beeinträchtigten Angehörigen anzuempfehlen. Dabei werde mitunter die Lebensleistung der Familien und deren Familiengeschichte, wenn nicht missachtet, so doch nicht sonderlich wertgeschätzt (vgl. S. 27 f.).

Auch die Bedeutung von Institutionen (insbesondere WfbM), die nicht nur als Türöffner zur gesellschaftlichen Teilhabe (in Arbeit) fungieren, sondern auch Erwachsenenbildungsangebote für die Beschäftigten und Beratungsmöglichkeiten für deren Eltern und Angehörige vorhalten, bzw. offerieren, werde nicht selten verkannt. Dem möchte das Autorenteam mit dem vorgelegten Praxisbuch abhelfen, indem es „Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und ihre Familien unterstützt, tragfähige Zukunftsperspektiven zu erarbeiten“ (Klappentext hinten).

Dies geschieht durch die Kombination biografischer Einzel- und Gruppenarbeit mit einem Lebensbuch: „Dabei steht im Mittelpunkt, die Wünsche und Ziele der einzelnen Familienmitglieder zu achten, keine Schuldzuweisungen auszusprechen und offen zu sein für die berechtigten Auffassungen aller Beteiligten“ (ebenda).

Enstehungshintergrund

Der vorliegende Band referiert und resümiert die Erfahrungen eines mehrjährigen (2013-2016), von der Aktion- Mensch und der Stiftung Heilpädagogische Hilfe Osnabrück geförderten Erwachsenenbildungsprojekts „Mein Leben“ (Biografiearbeit mit einem Lebensbuch) an verschiedenen Standorten der Osnabrücker Werkstätten.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das Praxisbuch geht zunächst (Kapitel 2) auf folgende Themen ein:

  • die Lebenssituation älterer Familien,
  • deren „lebensgeschichtliche Erfahrungen und familienbiografische Verarbeitungsprozesse“,
  • die „Entstehung und Funktionalität des familiären Zusammenlebens“,
  • „unterschiedliche Perspektiven von Eltern und Fachleuten“,
  • „die Bedeutung der Beschäftigung in einer WfbM“ und
  • „Krisensituationen“ ein.

Darauf folgt (Kapitel 3) eine Einführung in die Biografiearbeit mit Erwachsenen mittleren Lebensalters („aus älteren Familien“), wobei deren „Gegenwartsbezogenheit“, „Bedeutung für die Gestaltung von Übergängen“ und „biografische Kompetenz“ thematisiert wird.

Die Kapitel 4 -6 schließlich führen dem Leser den Umgang mit dem Lebensbuch unter Einbeziehung der Methoden Körperumriss, Lebensbaum, Zeitliste vor Augen; beschreiben das komplexe Geschehen des Kurses „Biografiearbeit mit dem Lebensbuch“ und reflektieren Ergebnisse einer evaluierenden Begleituntersuchung von Teilnehmer/-innen, Angehörigen und Gruppenleitungen bezüglich des angebotenen Bildungsangebots.

Das Buch schließt mit fünf Fallbeispielen zu den Kurserfahrungen der Teilnehmer/-innen, wobei insbesondere Schlüsselerfahrungen bezüglich des biografischen Lernens eine wichtige Rolle spielen. Gerade die Fallbeispiele zeigen auf sehr eindrückliche Weise, wie Problemkonstellationen aussehen können, mit denen Menschen mit kognitiven Einschränkungen mittleren Lebensalters zu leben gelernt haben und wie über biografische Selbstvergewisserungsprozesse ein Bewusstsein für mögliche Veränderungen der jeweiligen Situation bei allen Beteiligten herausgebildet werden kann.

Der Anhang enthält Arbeitsblätter und weitere Materialen, die bei dem Bildungskursangebot zum biografischen Lernen eine wichtige Rolle gespielt haben.

Diskussion

Dem Leser wird deutlich, dass mit dem Lebensbuch und dem Kursangebot zum biografischen Lernen ein gelingender (innerfamiliärer) Diskussions- und Klärungsprozess angestoßen werden soll und offensichtlich angestoßen wird – ohne die Beteiligten (Menschen mit kognitiven Einschränkungen, deren Angehörige und Fachleute) gegeneinander aufzubringen und wechselseitig gering zu schätzen. Verständnis für die sozialen Entwicklungssituationen älterer Familien und fachliche Anwaltschaft für Selbstbestimmung müssen einander nicht antagonistisch ausschließen, sondern können bei genügend wechselseitiger Sensibilität in einen produktiven Veränderungsprozess zum Wohle aller Beteiligten einmünden.

Zielgruppen

Studierende sozialwissenschaftlicher und heilpädagogischer Fachrichtungen, Leitungen und Mitarbeiterinnen von WfbM und Einrichtungen der Erwachsenenbildung; an Projekten zur Teilhabeförderung Behinderter in Arbeit und Bildung Interessierte

Fazit

Ein überaus anregendes und nützliches Buch! Es kann ohne weiteres zur (projektiven) Anwendung in verschiedenen Praxiszusammenhängen empfohlen werden.

Literatur

  • Bigos, Isabell Sabrina (2014): Kinder und Jugendliche in heilpädagogischen Heimen. Biografische Erfahrungen und Spuren der Heimerziehung aus Adressatensicht. Beltz Juventa, Weinheim und Basel (vgl. die Rezension)
  • Trescher, Hendrik (2017): Behinderung als Praxis. Biografische Zugänge zu Lebensentwürfen von Menschen mit geistiger Behinderung. transcript Verlag, Bielefeld (vgl. die Rezension)

Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 20.07.2018 zu: Bettina Lindmeier, Hanna Stahlhut, Lisa Oermann, Cornelia Kammann: Biografiearbeit mit einem Lebensbuch. Ein Praxisbuch für die Arbeit mit erwachsenen Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung und ihren Familien. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3856-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24468.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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