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Marion Scherzinger: Konflikte zwischen verhaltens­auffälligen Heimjugendlichen und (...)

Cover Marion Scherzinger: Konflikte zwischen verhaltensauffälligen Heimjugendlichen und ihren Interaktionspartnerinnen und -partnern. Einzelfallstudien zum Konfliktverhalten in der stationären Erziehungshilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 243 Seiten. ISBN 978-3-7799-3662-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Einleitung

Stationäre Erziehungshilfen außerhalb des Elternhauses sind immer wieder Gegenstand (auch) empirischer Forschung. Während sich die meisten Arbeiten auf strukturelle oder konzeptuelle Aspekte konzentrieren, sind spezifische Untersuchungen zu Interaktionsformen in Heimen nach wie vor selten. In dieser Hinsicht ist diese Studie zu begrüßen, die sich zur Aufgabe gemacht hat, konflikthafte Interaktionen unmittelbar im Alltagsleben von Heimjugendlichen unter die Lupe zu nehmen. Denn das primäre Ziel von Erziehungshilfen dürfte durchaus darin liegen, den betroffenen jungen Menschen Fähigkeiten zum aktiven und kompetenten Umgang mit ihrer sozialen Umwelt zu vermitteln.

Entstehenshintergrund und Autorin

Die hier vorgelegte Untersuchung ist als Promotionsarbeit im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes an der Pädagogischen Hochschule in Bern entstanden. Die Autorin ist selbst als wissenschaftliche Mitarbeiterin in diesem Forschungsschwerpunkt zum Thema „Soziale Interaktion in pädagogischen Settings“ beschäftigt. Die Studie greift auf Daten zurück, die im Rahmen des Forschungsprojekts mithilfe von Kamerabrillen im Alltag von Heimjugendlichen erfasst wurden und die bereits den Interaktionsanalysen im Heim von Wettstein u.a. (2013;  https://www.socialnet.de/rezensionen/15334.php) zugrunde lagen. Mithilfe von speziellen Brillen, in die eine Kamera, ein Mikrofon und eine Speicherkarte integriert sind, werden alle Interaktionen aufgezeichnet, in denen sich acht Heimjugendliche im Verlauf ihres Alltags befinden. Diese Daten werden mit nach derselben Methode erfassten Daten von vier Jugendlichen verglichen, die zuhause bei ihren Eltern leben.

Inhalte

Das 170 Textseiten umfassende Werk ist insgesamt in 8 Kapitel gegliedert. Nach einer hinführenden Einleitung werden in den Kapiteln 2 bis 5 (auf insgesamt 45 Seiten) die theoretischen Grundlagen der nachfolgenden empirischen Untersuchung ausgeführt. Zunächst wird das Wesen sozialer Konflikte als dialogische Kommunikationsform in einem Prozess des Widerspruchs entwickelt und verschiedene Konfliktmodelle werden herausgearbeitet. Dabei spielt der Aspekt der Konflikteskalation eine besondere Rolle. In Kapitel 3 stehen Konflikte in der Adoleszenz und die jeweiligen Konfliktpartner im Mittelpunkt. Schließlich werden in Kapitel 4 verschiedene Konfliktstrategien in der Interaktion mit peers, Eltern und Geschwistern untersucht, bevor in Kapitel 5 speziell auf Konflikte verhaltensauffälliger Jugendlicher eingegangen wird.

Fragestellung und Methode der Untersuchung sind Gegenstand von Kapitel 6. Anzahl, Dauer, Art der Strategie und Unterschiede bezüglich der Interaktionspartner sollen untersucht werden. Insgesamt liegt Videomaterial im Umfang von 391 Stunden von 11 verschiedenen Jugendlichen (8 Heimjugendliche, 3 Jugendliche der Kontrollgruppe) im Alter zwischen 12 und 15 Jahren vor. Daraus wurden Transskripte der verbalen Interaktionen in 73 Konfliktsituationen von einer durchschnittlichen Dauer von je 6 Minuten erstellt. In den Analysen wird zwischen den Interaktionspartnern peers, Eltern, Sozialpädagogen, Lehrpersonen und Geschwistern unterschieden.

Für die Auswertung wurde ein System von 8 inhaltlich bestimmten Hauptkategorien mit insgesamt 55 Unterkategorien entwickelt. In einer Vielzahl von Tabellen werden die absoluten und relativen Häufigkeiten der kategorisierten Äußerungen unter den verschiedenen Interaktionsbedingungen einander gegenübergestellt. Ein Großteil der Auswertungen umfasst die Einzelanalysen der Konfliktmuster der 11 untersuchten Jugendlichen (Kapitel 7). Es zeigen sich zum Teil erhebliche Differenzen zwischen den individuellen Konfliktstrategien. Das Kapitel abschließend werden die Konfliktmuster von Heimjugendlichen und Kontrollgruppe (auch) statistisch miteinander verglichen. Darüber hinaus werden die Konfliktstrategien mit verschiedenen Interaktionspartnern einander gegenübergestellt. Im gesamten Kapitel wird zu jedem Einzelvergleich beschrieben, in Bezug auf welche (Unter-)Kategorien Unterschiede auszumachen sind.

In einer 10-seitigen Diskussion (Kapitel 8) werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst und die gefundenen Unterschiede ansatzweise auf ihre (möglichen) Ursachen hin erläutert, bevor zum Schluss in knapper Form die Grenzen der Studie aufgezeigt werden.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion und Fazit

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, sind Interaktionsstudien von Jugendlichen im Alltag der Heimerziehung selten vorzufinden. Unter diesem Gesichtspunkt ist es ein  großer Verdienst der Studie, Einblicke in alltägliche Interaktionen im Heim zu ermöglichen. Mit der gewählten Methode können unverfälschte Interaktionssequenzen und die sie begleitenden situativen Umstände erfasst werden. Dies eröffnet Möglichkeiten für Feinanalysen, wie sie nur selten gegeben sind.

Das Werk lässt sich auf diese akribische Untersuchungsstrategie ein. Das sehr differenzierte Kategoriensystem erlaubt eine gute Differenzierung verschiedener verbaler Muster. Anhand dieser Differenzierungen können Konflikte in Relation zu Entstehungskontext (Heim vs. Zuhause vs. Schule) und zu Interaktionspartnern genau untersucht und anhand des empirischen Materials belegt werden. Die Ergebnisse weisen auf die unterschiedlichen Lebensbedingungen der Heimjugendlichen und der Kontrollgruppe hin und führen die Konfliktstrategien z.T. auf diese zurück. Indem auch die Interaktionsformen der Konfliktpartner einbezogen werden, wird der Interdependenz der individuellen Konfliktstrategien Rechnung getragen.

Angesichts der sehr aufwändigen Erhebungsmethode ist es offensichtlich, dass die Untersuchungsgruppe nur sehr klein sein kann. Dies sollte hinsichtlich des zentralen Erkenntnisinteresses der Studie, das im Ansatz eher auf eine qualitative Analyse setzt, jedoch kein Problem sein. Denn Art und Weise typischer Konflikte lassen sich auch an kleinen Stichproben untersuchen. Demgegenüber erfolgt die Auswertung der Konfliktmuster jedoch nahezu ausschließlich quantitativ, indem Häufigkeiten codierter Äußerungen miteinander verglichen werden. Dies stellt angesichts der kleinen Gruppengröße und der großen Varianzen einerseits und des sehr differenzierten Kategorienschemas andererseits ein Problem dar. Die Zellenbesetzungen der verglichenen Daten sind häufig sehr klein und damit die Differenzen in ihrer Aussagekraft – abgesehen von den situationenübergreifenden Gruppenvergleichen – sehr beschränkt.

Leider erfährt der/die Leser_in nichts über die Inhalte der Konflikte. In der gesamten Arbeit bleibt offen, worum die Konflikte im Einzelnen geführt wurden, was jeweils Gegenstand der Auseinandersetzung war. Auch die spezifischen Kontexte, in denen die Konflikte ausgetragen wurden, aber auch die konkreten Abfolgen der wechselseitigen Sprechmuster bleiben offen. Angesichts der sehr originellen Erhebungsmethode (Originalbilder der Entstehungssituation) hätte sich eine Berücksichtigung dieser inhaltlichen Aspekte angeboten. Demgegenüber setzt die Arbeit ganz auf die quantitative Analyse eines Materials, dessen selektive qualitative Analyse gewiss – insbesondere bei den Fallauswertungen – die Aussagekraft der Schlussfolgerungen erheblich erhöht hätte.

Insgesamt bietet das Werk einen guten Überblick zu Konfliktstrategien von Jugendlichen in verschiedenen Lebenskontexten. Von daher eignet es sich gewiss für (angehende) Fachkräfte, die in entsprechende alltägliche Interaktionen einbezogen sind. Hierzu werden auch sehr wichtige theoretische Grundbausteine geliefert. Die empirischen Analysen sind dazu geeignet, den Fokus von Beobachter_innen zu schärfen und – in der Folge – die Reflexion eigener Konfliktmuster im Heimalltag, aber auch in der Arbeit mit Familien zu vertiefen.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 09.11.2018 zu: Marion Scherzinger: Konflikte zwischen verhaltensauffälligen Heimjugendlichen und ihren Interaktionspartnerinnen und -partnern. Einzelfallstudien zum Konfliktverhalten in der stationären Erziehungshilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3662-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24473.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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