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Michael G. Festl: Handbuch Pragmatismus

Cover Michael G. Festl: Handbuch Pragmatismus. J.B. Metzler Verlag (Stuttgart) 2018. 390 Seiten. ISBN 978-3-476-04556-0. D: 89,95 EUR, A: 92,47 EUR, CH: 92,50 sFr.
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Thema

In der Gestalt von Jane Addams fanden Pragmatismus und Soziale Arbeit einmal auf sehr bedeutsame Weise zusammen. Unter dem Titel „Jane Addams: Pragmatismus und Sozialreform“ beschrieb Inga Pinhard 2009 diese Verbindung. Erstaunlicherweise hat diese historische Begebenheit weder im englischen noch im deutschen Sprachraum zu einer langen Tradition geführt, in der sich die Wissenschaft der Sozialen Arbeit mit den mannigfaltigen Aspekten des Pragmatismus auseinandersetzt. Ein Handbuch bietet nun dazu Gelegenheit.

Herausgeber

Michael G. Festl ist Privatdozent und Direktor des „John Dewey Centers Switzerland“ an der Universität St. Gallen.

Aufbau

Das Handbuch enthält nach der Einleitung folgende Kapitel:

  1. Klassische Denker
  2. Grundbegriffe
  3. Theoretische Ansätze
  4. Der Pragmatismus und die philosophische Tradition
  5. Reaktionen
  6. Neue Herausforderungen

Der Anhang enthält neben dem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren ein Personenregister, nicht jedoch ein Sachregister.

Inhalt

In seiner Einleitung verortet der Herausgeber den Pragmatismus in aller Kürze. Dieser entstand im Umfeld der Universität Harvard im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. In diesen Kreisen wurde zu Beginn Charles Darwins 1859 veröffentlichtes Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ diskutiert.„Die Philosophie auf Basis von Darwins Erkenntnissen zu rekonstruieren, war daher das zentrale und in den mitunter kontroversen Diskussionen am ehesten Konsens findende Ziel der frühen Pragmatisten“, erläutert Festl (S. VII). Dabei grenzte man sich gegen einen Klassiker der Soziologie, Herbert Spencer, ab, der sich ebenfalls an einer darwinistischen Rekonstruktion der Philosophie versuchte. Die Prinzipien von Zufall und Kontinuität sprechen die Vertreter des frühen Pragmatismus an – Evolution statt Revolution. In dieser Entstehungszeit ist vor allem Charles Sanders Peirces (1839–1914) – philosophisch damals freilich wenig beachtete – Ansicht bedeutsam, noch das abstrakteste philosophische Denken habe sich an der Praxis zu bewähren. Das betrifft zum Beispiel die Auffassung von Wahrheit oder Bedeutung.

Besser noch als Peirce selbst erkennt William James (1842–1910), „dass es die Frage nach den praktischen Konsequenzen bzw. der Relevanz für Handlung (gr.: pragma) ist, die den Kern des peirceschen Denkens ausmacht. ‚fruits not roots‘, auf die Früchte kommt es an, nicht auf die Wurzeln, ist James‘ Motto“ (ebd.). Er, bereits bekannt als Gründer der modernen Psychologie in den USA, hielt 1899 den Vortrag „Philosophical Conceptions and Practical Results“. Es sollte die „Tauffeier“ des Pragmatismus (oder Praktikalismus, damals ein weiterer Ausdruck dafür) sein.

Politisch erweckt wird der Pragmatismus um die damalige Jahrhundertwende im sehr konfliktbelasteten Chicago. Das liegt besonders an John Dewey (1859–1952), George Herbert Mead (1863–1931) und Jane Addams (1860–1935). Sie verschrieben sich dem Meliorismus, nicht einer Geschichtsphilosophie. „Der Chicago-Pragmatismus war zutiefst reformatorisch und dennoch nicht revolutionär“ (S. VIII). Trotzdem sollte Dewey angesichts der Weltwirtschaftskrise von 1929 für eine Abkehr vom ungehemmten Kapitalismus plädieren. „Meliorismus steht nicht nur in Widerspruch zu Laissez-faire, sondern auch in Widerspruch zu Perfektion“ (ebd.). Es herrscht ein dauernder Anpassungsdruck vor. Die menschliche Umwelt ist so zu einzurichten, dass sie Leben besser gelingen lässt. Festl fasst zusammen: „Pragmatistisches Denken möglichst sparsam definierend, lässt sich sagen, dass es ein Denken ist, das jeden Glauben an natürliche und/oder geschichtliche Notwendigkeit ablehnt und, gedeckt vom Prinzip der Kontinuität, grundsätzlich (Ausnahmen bestätigen aber die Regel) um eine zwar schrittweise, aber beharrlich vorgehende intentionale Verbesserung der Gesellschaft besorgt ist“ (S. IX). Hinter dem Progressismus der 1890er bis 1920er Jahre in den USA, der mit Reformen auf Industrialisierung, Urbanisierung, Immigration und Korruption reagierte, stand der pragmatistische Geist.

Das Interesse am Pragmatismus nahm im zwanzigsten Jahrhundert in der Folge ab. Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas sowie Richard Rorty und Hilary Putnam verliehen ihm Ende der 1970er Jahre neuen Schwung. Auch dieser Neopragmatismus blieb nicht unbestritten. In der Gegenwart richtet sich das Interesse wieder verstärkt auf den klassischen Pragmatismus. Das vorliegende Handbuch folgt diesem Trend und verzichtet darauf, wie die Klassiker auch die Hauptvertreter der jüngeren Zeit einzeln zu porträtieren. Der übliche Blick auf die klassische Dreiheit Peirce – James – Dewey wird ergänzt, indem Mead in denselben Rang erhoben wird. In den jüngsten Debatten erscheint Dewey als primus inter pares, womöglich, da er sich schon zu Lebzeiten in seinem Werk gesellschaftlichen Krisen am meisten stellte.

Das erste Kapitel beginnt angesichts dessen mit dem klassischen – nun – Quartett des Pragmatismus. Je ein Unterkapitel nimmt sich Peirce, James, Dewey und Mead an, den Zeitgenossen von beispielsweise Nietzsche und knappe zwei Jahrzehnte später Max Weber. Der Pragmatismus verbindet sich aber mit vielen weiteren Namen, die in einem weiteren Unterkapitel besprochen werden. „Entsprechend heterogen und facettenreich ist das pragmatische Denken, das weniger eine spezifische Theorie als vielmehr eine grundsätzliche methodologische Orientierung zu sein beansprucht. Gemeinsam ist den Pragmatisten unterschiedlicher Couleur in erster Linie die skeptische Zurückweisung erkenntnistheoretischer und metaphysischer Fundierungsansprüche. Der Mensch steht der Welt nicht als interesselos Erkennender gegenüber, sondern hat als kreativ Handelnder teil an ihr“ (S. 35).

Der Pragmatismus hat seine Wurzeln im Transzendentalismus. Dieser „entwickelt sich als religions- und moralphilosophischer Antidogmatismus aus der Tradition des unitarischen Protestantismus, der den religiösen Glauben allmählich von der Autorität einer historischen Offenbarung entkoppelt“ (ebd.). Sie wird ersetzt durch intuitiv empfundene Authentizität von Überzeugungen und deren Bewährung im Leben. Ralph Waldo Emerson (1803–1882) vertritt diese Sicht am einflussreichsten. Er glaubt nicht an überräumlich oder überzeitlich geltende Gewissheiten, philosophische Klassifikationen seien nicht einfach von einer Kultur oder Epoche auf eine andere übertragbar. Gedanklichen Systemen zieht er das „unsettling“ vor, womit er die Aufhebung fester Sinn- und Bedeutungszuschreibungen meint, die den Zugang zur eigenen Erfahrung verstellen. Sein Patensohn William James will deswegen ein halbes Jahrhundert später Theorien wieder „geschmeidig“ machen. Emersons Aufmerksamkeit gilt nicht Strukturen, sondern Prozessen, dem Ereignishaften. Sprache stiftet Übergänge zwischen Erfahrungsmomenten. Von Interesse ist deshalb Dichtung. Emerson schreibt über sie:„Jeder Gedanke ist ein Gefängnis; jeder Himmel ist ebenfalls ein Gefängnis. Deshalb lieben wir den Dichter, den Erfinder, der uns durch irgendeine Form, ob durch eine Ode, eine Handlung oder ein bestimmtes Aussehen und Verhalten, einen neuen Gedanken bringt. Er sprengt unsere Ketten und eröffnet uns einen Horizont“ (S. 36). Versionen des Pragmatismus von Richard Rorty, Cornel West oder Stanley Cavell schließen hier an. Dewey findet, so heißt es im Handbuch, „mehr als jeder andere habe Emerson verstanden, wie eine Aneignung einzelner Erfahrungsbereiche durch Disziplinen und Institutionen ‚dafür sorgt, dass aus der Wahrheit (…) etwas Partielles und Parteiisches werde, ein Rätsel und Kunststück für Theologen, Metaphysiker und Literaten‘“ (S. 37).

Peirce hält rückblickend den „Cambridge Metaphysical Club“ für den Geburtsort des Pragmatismus. Ins Diskussionszentrum rückt hier Darwins Evolutionstheorie. „Wenn das menschliche Erkenntnisvermögen selbst der historischen Veränderung unterliegt, kann auch Erkenntnis nicht auf überzeitliche Wahrheiten abzielen, sondern muss als relativ zu gegebenen empirischen Bedingungen verstanden werden“ (ebd.), lautet hier eine wichtige Schlussfolgerung. In diesem Umfeld wirkt zum Beispiel der Mathematiker Chauncey Wright (1830–1875). Seine wichtigste Schrift, „The Evolution of Self-Consciousness“, wirkt in James‘ “Principles of Psychology” nach.

In Europa prägt insbesondere Ferdinand Canning Scott Schiller (1864–1937) das Bild des Pragmatismus. Parallelen bestehen auch zum Werk von Henri Bergson (1859–1941). Von George Santayana (1863–1952)stammt „The Life of Reason”. Dessen Grundgedanke: „Vorstellungen und Abstraktionen wachsen aus Handlungen hervor, ohne selbst handlungsleitend zu sein. Jede noch so komplexe Vorstellung oder Begrifflichkeit erweist sich als kognitiver Überbau einer sich dahinwälzenden Erfahrung, die zwar einzelne Aspekte oder Funktionen zutage treten lässt, die sich kategorisieren lassen, als vorrationales, animalische Ereignen einer erschöpfenden intellektuellen Erkenntnis selbst jedoch entzogen bleibt” (S. 40).

Kehrte Santayana von Harvard nach Europa zurück, so ging der Mathematiker Alfred North Whitehead (1861–1947)genau den umgekehrten Weg. Seine Vorstellung von Lernprozessen arbeitet er in „Prozess und Wirklichkeit” aus. Das Ziel von Denken sei die ständige Systematisierung von Wissen, ohne dass ein abschließendes System zu resultieren hätte. Aber „spekulative Philosophie ist das Bemühen, ein kohärentes logisches und notwendiges System allgemeiner Ideen zu entwerfen, auf dessen Grundlage jedes Element unserer Erfahrung interpretiert werden kann” (S. 41), schreibt Whitehead. Dabei verbindet er Naturalismus, Spekulation, Lebensdienlichkeit und sprachliche Innovation.

Nur kurz gestreift wird in diesem Kapitel Jane Addams, da sie in einem späteren Unterkapitel über feministische Philosophie zur Darstellung gelangt.

Im zweiten Kapitel werden zehn Grundbegriffe erläutert. Es sind dies:

  • Handlung
  • Bedeutung
  • Wahrheit
  • Kontingenz und Kreativität
  • Erfahrung
  • Experiment
  • Natur
  • Kultur
  • Gewohnheit
  • Metaphysik

Natürlich nicht zufälligerweise beginnt das Kapitel mit einer Erörterung der pragmatistischen Vorstellung von Handeln. „Für Pragmatisten erschließt sich die Bedeutung und Relevanz von philosophischen Begriffen erst im Hinblick auf praktische Konsequenzen und deren Einbettung in erfahrende, planende und kommunizierende Handlungsprozesse. (…) Dennoch ist die Handlungstheorie als Gegenstand in der Literatur und der Rezeptions-Geschichte des Pragmatismus relativ unterbelichtet (…). Man könnte die Handlungstheorie sogar als den blinden Fleck in der pragmatistischen Philosophie sehen“ (S. 44). Allerdings liegen klassische Texte vor. Als solche gelten Deweys „Human Nature and Conduct“ (1922; dt. „Die Menschliche Natur – Ihr Wesen und ihr Verhalten“, 1931)sowie „Philosophy of the Act“ (1938) und „Mind, Self and Society“ (1934; dt. „Geist, Identität und Gesellschaft“, 1968) von Mead. In neuerer Zeit sind „Practice and Action“ (1971; dt. „Praxis und Handeln“, 1975) von Richard Bernstein und „Die Kreativität des Handelns“ (1992) von Hans Joas hinzugekommen.

„Die Rekonstruktion des Begriffes der Erfahrung ist der wichtigste Schlüssel zum Verständnis der pragmatistischen Handlungstheorie“ (ebd.). Diese stellt sich vor allem der Sicht menschlicher Erfahrung als passiver innerer Wirklichkeitsabbildung entgegen, die der Schottische Empirismus vertritt. Entsprechend wird die Trennung von Perzeption und Handlung aufgegeben. „Der grundsätzlichen Trennung von ‚Erkennen und Handeln‘ oder auch von ‚Reiz und Reaktion‘ setz Dewey das komplementäre Begriffspaar von ‚Tun und Widerfahrnis‘ (doing und undergoing) entgegen. Er sieht hier zwei Aspekte des Handlungsprozesses, die sich gegenseitig bedingen und ontologisch nicht voneinander getrennt werden können“ (ebd.). Ähnlich James‘ Verständnis von Erfahrung: „Sie ist nur als sinnhafte, wertende und konstruktive Interaktion zwischen Subjekt und Objekt zu verstehen – d.h. als Handlung“ (ebd.). Insofern ist sie schöpferisch in einer Wirklichkeit, die als Prozess aufzufassen ist. Der Pragmatismus versteht denn nicht wie der Utilitarismus, der Positivismus und die Analytische Philosophie die Dreiheit Erfahrung, Planung, Ausführung als zeitliche Abfolge.

In seinem Werk „Logik“ hält Dewey drei Sichtweisen auseinander: In der aristotelischen Sicht werden Handelnde aus sich selbst heraus aktiv (Selbst-Handlung). In der newtonischen Sicht entsteht Handeln aus dem Aufeinandertreffen von Handelnden und Umwelt (Interaktion). Und in der darwinistischen Sicht besteht ein Kontinuum von Handlungsprozessen, in dem Subjekte und Objekte erst konstituiert werden (Transaktion). „Deweys Transaktionsperspektive auf menschliches Handeln gehört zu den potentiell folgenreichsten Beiträgen zur Handlungstheorie, die der Pragmatismus geleistet hat, und seine Bedeutung ist noch unzureichend verstanden“ (S. 45). Die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour zum Beispiel hat diese Perspektive weiterentwickelt. Da die Rede vom Akteur bzw. von der Akteurin zu sehr am Zweck-Mittel-Schema orientiert scheint, spricht Dewey lieber von Handlungssituationen, welche die natürliche und soziale Umwelt mitenthalten. Hier schließen auch seine demokratietheoretischen Überlegungen an, etwa im Begriff der „gemeinsamen Erfahrung“ oder des „assoziierten Lebens“, die dann Joas‘ Vorstellung der „kreativen Demokratie“ geprägt haben. Bedeutsam sind dabei kommunikative Gemeinschaften. Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns findet hier Anknüpfungspunkte, indem er beispielsweise instrumentelles und emanzipatorisches Erkenntnisinteresse sowie strategisches und kommunikatives Handeln unterscheidet. Aber „Jane Addams ist diejenige Vertreterin des klassischen Pragmatismus, die am stärksten die emanzipatorische (sozial-)wissenschaftliche Untersuchung mit der instrumentellen Lösung von lebensweltlichen Problemen identifiziert. Der Kern ihrer sozialwissenschaftlichen Methode ist das gemeinschaftliche, herrschaftsfreie Zusammenleben und lokale Problemlösen. Sie ist überzeugt, dass die Verbindung von gemeinsamer Arbeit und intellektueller Reflexion sowie die Pflege von gegenseitigen Sympathien zu einem kognitiven und emotionalen Verstehen führt, das in der Lage ist, problematische Situationen sowohl instrumentell als auch emanzipatorisch zu transformieren“ (S. 47) (s. „Twenty Years at Hull House“, 1911).

Gemäß pragmatistischem Verständnis liegen dem Handeln keine Motive zugrunde, die gleichsam aus dem Nichts erscheinen. „Die elementare Frage nach der ursprünglichen Motivation von Handlung ist daher nicht, warum der [bzw. die] Handelnde beginnt, in seiner [bzw. ihrer] Umgebung zielgerichtet und gestalterisch aktiv zu werden, sondern, welche Möglichkeiten der [bzw. die] Handelnde sieht, die eigene Handlungssituation zu transformieren“ (S. 47). Bei diesem Verständnis ist der Begriff „habit“ wichtig, der auf Deutsch besser als mit Gewohnheit oder Routine mit Disposition, Handlungsweise oder erlerntem Verhalten wiedergegeben wird. Es sei keine bloße, kognitiv unreflektierte oder emotional träge, Wiederholung dessen, was getan worden ist, meint Peirce. „Habit ist das Produkt von Reflexionen auf Erfahrenes“ (S. 48). Der Begriff bezieht sich allerdings auf sehr vieles, vielleicht allzu vieles, nämlich Impulse, Gewohnheiten, Emotionen, die organische Konstitution menschlicher Körper, Ideen, Begriffe, Wissen oder auch Praktiken, Traditionen, Institutionen. Zwischen intentional zielgerichtetem Handeln und kausal bestimmtem Verhalten wird nicht genau unterschieden, vielmehr spielen intentionale, habituelle und reflexartige Momente im „conduct“ (Betragen) zusammen. Bernstein kontrastiert vor diesem Hintergrund den analytischen Action-Ansatz mit dem pragmatistischen Praxis-Ansatz, den er in eine Reihe mit marxistischen, phänomenologischen und existenzialistischen Handlungstheorien stellt.

Für Joas ist nicht „habit“, sondern „Situation“ der pragmatistische Zentralbegriff. Diese „ist am besten charakterisiert durch das Wechselspiel von Habit als eingeübten Koordinationsabläufen und Phasen, in denen sich Habit wieder herstellen muss“ (ebd.). Kreativität sei in Situationen gefordert, in denen das Gleichgewicht der Habits gestört werde. An dieser Sicht der Dinge wurde kritisiert, Habits selbst könnten schon kreativ sein. Der klassische Pragmatismus verwendete solche Entgegensetzungen ohnehin nur für heuristische Zwecke. „So umfasst jede habituelle Handlung Elemente von kreativer Reorganisation, da keine zwei Handlungssituationen identisch sind. Umgekehrt greift jede kreative Neuausrichtung auf bestehende Instrumente (Habits) zurück“ (S. 48 f.). Vor diesem Hintergrund schlagen Kuruvilla und Dorstewitz ein „Situatives Transaktionsmodell“ vor, das drei Phasen vorsieht: Situationserfassung – Entwurf hypothetischer Lösungen – experimentierende und lernende Realisierung. Das erinnert an die Methodik der Lösungsorientierung in der Sozialen Arbeit.

Spätestens seit Max Weber kennt die Soziologie die Unterscheidung von zweckrationalem und wertrationalem Handeln. Ersteres verwirklicht Werte, die außerhalb seiner selbst liegen, Letzterem wohnen selbst Werte inne. Der Pragmatismus wirft diese Differenzierung nicht einfach über Bord. In seinem Verständnis wechseln sich problematische und vollendete Situationen laufend ab. Für Dewey kennzeichnet Wachstum erfolgreiches Leben. Dieser Begriff löst bei ihm jenen der „Selbstrealisierung“ ab. Es ist ein melioristisches Prinzip. „Wachstum beschreibt die Fähigkeit von Handelnden, ihre Dispositionen und Interpretationen von handlungsleitenden Bedeutungen ständig an neue Anforderungen von sich dynamisch entwickelnden Situationen anzupassen. Das heißt: Wachstum ist kontinuierliches Lernen“ (S. 49). Den Pragmatismus kennzeichnet, dass er die Verfolgung von Zielen und die Realisierung von Werten nicht außerhalb instrumenteller Handlungsvollzüge platziert und sich gegen eine wertobjektivistische Position ebenso stellt wie gegen eine wertsubjektivistische.

Bedeutsam für solches Lernen ist schließlich „Imagination“. „Im Normalfall ist imaginatives Deliberieren ein exploratives Erkunden von Handlungssituationen, möglichen Konsequenzen und erstrebenswerten Veränderungen. Anders als mit einer kalkulierenden Intelligenz durchleben wir imaginativ mögliche Szenarien (…). Das Bindeglied zwischen dem instrumentellen Deliberieren und der praktischen Bewertung von handlungsleitenden Zwecken und Werten ist für viele Pragmatisten die ‚Imagination‘. Imaginatives Deliberieren ist dabei primär ein sozialer Vorgang. (…) In stark verkürzter Form ist ‚Imagination‘ für Pragmatisten nach Dewey die zentrale Funktionsweise unserer deliberativen und praktischen Intelligenz“ (S. 50).

So viel zum Thema Handlung. Im Unterkapitel „Experiment“ wird deutlich, dass Experimente nicht nur für die Forschung bedeutsam sind. „Pragmatisten rücken Experimente als aktive, intelligente und rational kontrollierte Form der Erfahrung ins Zentrum ihrer philosophischen Reflexion“ (S. 84). Dewey betont deren Bedeutung auch für die Erziehung und die Demokratie. Im deutschen Sprachraum haben besonders Hauke Brunkhorst mit der Herausgabe von „Demokratischer Experimentalismus“ (1998) und Axel Honneth mit „Die Idee des Sozialismus“ (2015) daran angeknüpft. Dessen Position, die auch an die Gerechtigkeitstheorie des Herausgebers des Handbuchs anschließt, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: „Im Anschluss an den Sozialismus formuliert Honneth den Gedanken, dass die ökonomische Sphäre, zusammen mit der Sphäre der Intimbeziehungen und der demokratischen Willensbildung, einen zentralen Ort der Realisierung sozialer Freiheit bildet (2015). Für die ökonomische Sphäre aber stehen seiner Meinung nach drei institutionell umsetzbare Möglichkeiten zur Verfügung, die a priori als Kandidaten für die Realisierung sozialer Freiheit fungieren: moralisch eingebettete freie Märkte, staatliche Kontrolle und eine zivilgesellschaftlich organisierte Regulierung der Märkte (ebd., 94–95). Angesichts der prinzipiellen Unentscheidbarkeit müsse das sozialistische Projekt experimentalistisch getestet werden. Bei solchen Tests ist die maximale Einbeziehung aller Betroffenen – Honneth spricht von der Abschaffung von Kommunikationsbarrieren – geboten“ (S. 84).

Das Unterkapitel „Gewohnheit“ leuchtet den Gehalt der bereits erwähnten Habits noch etwas genauer aus. Dieser Begriff „verbindet subjektive geistige Zustände – also Vorstellungen, Überzeugungen, Erwartungen wie auch Gefühle und Neigungen – mit körperlichen Handlungen. Diese Zustände sind nicht ‚im Inneren‘ eines kartesischen Subjekts (oder Gehirns) zu verorten, sondern gelten als untrennbar verbunden mit Handlungsgewohnheiten und den durch sie bewirkten Antwortdispositionen“ (S. 101). So „muss die Gewohnheit vor allem in ihrer strukturierenden Wirkung betrachtet werden. Gewohnheiten vermitteln zwischen Vergangenheit und Zukunft: Sie etablieren sich mit der Zeit und formen dann, einmal erworben, die Gestalt zukünftiger Handlungen. (…) Neutral formuliert, manifestiert sich in der Gewohnheit eine körperlich verankerte Bereitschaft, in bestimmten Situationen und Kontexten so und nicht anders zu handeln“ (ebd.).

Auf Bourdieu (s. „Reflexive Anthropologie“, S. 154 f.) wird leider nicht eingegangen, wenn Überzeugung und Gewohnheit parallelisiert werden und die Verbindung zur griechischen Antike und damit zu Habitus und Hexis hergestellt wird: „In ihrer allgemeinsten Form geht diese Auffassung auf Aristoteles zurück, der die Ausbildung von Charakter und Tugend durch eine Praxis der Gewöhnung erklärt, die eine spezifische körperliche und geistige Haltung bewirkt (gr. hexis, lat. habitus) (…). Diese Haltung manifestiert sich als eine situativ aufgerufene Bereitschaft, auf eine bestimmte Weise zu handeln. Ein wichtiger Unterschied ist, dass die aristotelische Tugend nach verbreiteter Auffassung eine selbstbewusste Haltung darstellt. Der pragmatistische Begriff der Gewohnheit betont, dass diese praktische Bereitschaft auch eine vorbewusste Dimension hat“ (ebd.).

Diese Sichtweise rechnet damit, dass Gewohnheiten intelligent modifiziert werden können. Dabei fragt sich, ob solche Anpassung erneut habituell geschieht oder ob es sich um eine andere Handlungsform handelt. Auf diese Frage sind zwei Antworten möglich: Entweder werden der Gewohnheit als unbewusster, bewusstseinsentlastender Disposition rationale Kräfte gegenübergestellt oder die Gewohnheit selbst wird für eine rationale Kraft gehalten, eine körperlich verankerte Kraft kreativer Selbstkorrektur und reflexiven Wachstums. Im letzteren Modell kontrastiert Gewohnheit nicht mit Reflexion. „Vor allem aber weitet es den Gewohnheitsbegriff auch auf bewusste Prozesse aus und habitualisiert dadurch das Denken selbst“ (ebd.). Der klassische Pragmatismus betonte diese Nähe von Gewohnheit und Vernunft. Der Neopragmatismus von Robert Brandom oder Richard Rorty hat dagegen die linguistische Wende der Philosophie erlebt. Wenn Brandom zum Beispiel Rationalität als ein „Spiel des Gebens und Nehmens von Gründen“ kennzeichnet, wird ersichtlich, dass Gewohnheiten nur insofern rational sind, als sie diskursiv begründet werden können. Hier entspricht Gewohnheit einer vorrationalen Disposition, was die gegenwärtig weniger umstrittene Ansicht darstellt. Es kann daraus geschlossen werden, dass Gewohnheit nur bei den Klassikern tatsächlich als Grundbegriff fungiert.

Das Handbuch diskutiert denn in der gegebenen Kürze lediglich die Positionen des pragmatistischen Quartetts. Gestreift werden dabei zum Beispiel Peirces begriffliche Differenzierung von „mental habits“ und „habits of action“, James‘ Verständnis von Lebewesen als „bundles of habits“ und von der bewusstseinsentlastenden Funktion der Habits, Deweys Sicht der kreativen funktionalen Verschränkung von Körper und Umwelt in der Gewohnheit sowie Meads Lenkung des Blicks auf die überindividuelle Gewohnheitsbildung in der sozialen Handlungskoordination.

Das dritte Kapitel trägt den etwas irreführenden Titel „Theoretische Ansätze“. In diesen Unterkapiteln werden einige Subdisziplinen der Philosophie, Psychologie und Pädagogik sowie die Soziologie und von ihr getrennt noch eine ihrer Schulen, der Symbolische Interaktionismus, behandelt.

Das Unterkapitel „Ethik“ stellt gleich anfangs fest, der Pragmatismus sei nicht gerade für seine Ethik bekannt, und dies, obschon besonders Dewey eine ethische Theorie vollständig ausarbeitete. Hinzuweisen ist neben dem pragmatistischen Quartett auch auf Namen wie den Rechtsphilosophen und Verfassungsrichter Oliver Wendell Holmes oder James Hayden Tufts. Peirce zählt nicht nur Logik und Wissenschaftstheorie zu den normativen Disziplinen, da Wissenschaftlichkeit ohne Bezug auf Werte nicht zu thematisieren sei. Das Wenige, das er zur Ethik sagte, hätte er besser verschwiegen, denn es ist in einem reaktionären und rassistischen Geist verfasst. Ohne dass James etwas Systematisches zur Ethik vorgelegt hätte, sind zumindest drei Ideen überliefernswert: Erstens würden Menschen hinsichtlich bestimmter Ereignisse etwas fühlen, und diese Gefühle ließen über den Wert des Geschehenen urteilen. Allerdings fühlten und befänden nicht alle dasselbe. Eigene Gefühle verdeckten die Sicht auf alternative Möglichkeiten des Fühlens. Zweitens könnten schon aus praktischen Gründen nicht alle Wünsche verwirklicht werden, bestimmte Ideale hätten deshalb „geschlachtet“ zu werden. Die Frage an die Ethik sei, welche. Und drittens sei das Kriterium bei diesbezüglichen Entscheiden die Inklusion. Von der philosophischen Teildisziplin Ethik fordert James denn, sich mehr an Novellen und Dramen, Gesprächen und Büchern über Staatskunst, Wohltätigkeit sowie Sozial- und Wirtschaftsreformen zu orientieren, da sie nicht dogmatisch seien, sondern vorläufig und suggestiv und somit das moralische Leben auch wirklich berührten. Richard Rorty soll später vorschlagen, Romane zu lesen, um sich besser in die Bewertungen anderer Menschen hineinversetzen zu können. Moralische Welten inkludierender zu gestalten, setzt diese Kompetenz voraus. James unterlässt es freilich, eine Grenze zu ziehen, jenseits derer Ideale liegen, die der Inklusion unwürdig sind.

Für Dewey sind Werte nicht an sich gut oder schlecht, sondern mehr oder weniger zweckdienlich beim Versuch, vorliegende Probleme zu überwinden. Sie haben sich in der Praxis zu bewähren. Dewey knüpft Werte bzw. Ziele eng an Mittel, denn Ziele bleiben laut ihm nur solche, wenn auch die Mittel zu ihrer Erreichung bekannt sind. Bei der Zielerreichung verwandelt sich das Ziel in einen Erfolg. Nach ewig gültigen Werten sucht dieser Pragmatist also nicht. Ethik wird so zum unabschließbaren Projekt sowie zu einem Metadiskurs. Dewey kennzeichnet seine ethische Methode mal als historisch, mal als experimentell oder instrumentell und spricht dabei auch von reflexiver Moralität. „Jede normativ problematische Situation enthält notwendigerweise sowohl Werte als auch Fakten. Würde sie Erstere nicht enthalten, könnte sie nicht moralisch fragwürdig sein. Würden Letztere fehlen, wäre sie keine problematische Situation, also nichts mit Handlungsrelevanz“ (S. 142). Der zeitliche und räumliche Vergleich mit anderen Problemlösungskulturen soll das eigene Denken und Handeln anregen und dagegen schützen, eigene gewohnte Prinzipien absolut zu setzen. Dewey erntete für seine Sicht der ethischen Dinge die Kritik, dass Werte Mitteln vorausgingen und dass jede konkrete Entscheidungssituation stillschweigend Werte impliziere, die indes unhinterfragt blieben. Und sogar Konservatismus wird ihm vorgehalten, da er von gegebenen Situationen ausgehe, was einen radikalen Zugang ausschließe. Allerdings ist es ein Kerngedanke des Pragmatismus, stets auf der Suche nach Kritik an dem zu sein, was existiert, und es durch bessere Praxen zu ersetzen. Deweys Ethik ist radikal melioristisch. Wirksamkeit verspricht er sich nur von dem, was am Gegebenen ansetzt. Er „unterteilt die ethische Tradition in Theorien, die den Vorrang des Guten betonen, Theorien, die den Vorrang des Rechten betonen, und Theorien, die das Wertgeschätzte betonen. Erstere vermittelt die richtige Einsicht, dass nichts als moralisch wünschenswert anzusehen ist, das nicht de facto auch erwünscht ist (…). Die Theorie des Rechten hilft uns, zu verstehen, dass wir darum bemüht sein müssen, sich widersprechende Wünsche mit Bezug auf einen höheren, gesamtgesellschaftlichen Bezug zu dem, was allgemein, für alle oder zumindest für möglichst viele gerecht ist, in Einklang zu bringen (…). Letztere Ansätze gelangen zu ihrer vollen Entfaltung, wenn sie auf einen unbeteiligten Beobachter rekurrieren, der uns darüber informieren soll, wie man mit unterschiedlichen Ansprüchen neutral umzugehen hat, weist dies doch auf die wichtige Einsicht hin, dass bei jeder moralischen Entscheidung genau zu eruieren ist, wer von ihr betroffen ist und dass, ähnlich zu James‘ Ideal der Inklusion, jeder Betroffene zu berücksichtigen ist“ (S. 146).

Mead schließlich schreibt einmal in einer Rezension von Deweys „Human Nature and Conduct“ über den Menschen: „Wie er auf dem Gebiet der Wissenschaft alle Tatsachen berücksichtigen muss, so unterliegt er auf dem Gebiet der Moral der Verpflichtung, allen Werten Rechnung zu tragen“ (S. 146). Seine Konzeption des „generalisierten Anderen“ bedeutet in ethischer Hinsicht, problematische Situationen von einem übergeordneten Standpunkt aus zu beurteilen. Diesen Brückenbau zu Kant trug ihm den Vorwurf ein, abtrünnig geworden zu sein. Ihm geht es jedoch, wie er schreibt, um „eine ethische Theorie auf gesellschaftlicher Grundlage“ (S. 147), und als solche ließe sich die pragmatistische Ethik insgesamt charakterisieren.

Auf das Unterkapitel zur Ethik folgt im Handbuch jenes zur Demokratietheorie. Situierter Zweifel, Experimentalismus, Erfahrungswachstum, die soziale Basis von Wissen, Konsequenzenorientierung – das sind pragmatistische Kernideen, relevant auch in demokratietheoretischem Zusammenhang. Während Peirce den demokratischen Idealen nicht nahe stand, verhielt sich dies bei James anders, aber er arbeitete nicht ausdrücklich zur Demokratietheorie. Meads Unterscheidung von Me und I beeinflusste Deweys Kommunikationstheorie, die wiederum wichtig für dessen Demokratietheorie war. Letztere beide standen in regem Austausch. Besonders Deweys Werk lässt sich als theoretischer wie praktischer Versuch lesen, die Demokratie auszubuchstabieren. „Deweys tiefer Glaube an die Demokratie findet sich auf drei Ebenen: Erstens stellt Demokratie für ihn ein umfassendes ethisches Ideal dar, das sich auf sämtliche soziale Sphären und eben nicht nur auf das politische System beziehen soll; zweitens versteht er Demokratie als eine institutionell-experimentelle Ordnung, die gerade durch die möglichst umfassende Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in besonderer Weise geeignet erscheint, kollektive Probleme rational zu lösen; drittens vertritt Dewey die These der epistemischen Überlegenheit eines im weitesten Sinne demokratischen Problemlösungshandelns. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich allein in einer umfassend demokratisierten Gesellschaft humane Potenziale vollständig und für alle gleich entfalten können“ (S. 148). Angesichts von Industrialisierung, Arbeitsteilung, Technisierung und sozialer Differenzierung empfiehlt Dewey eine Fundamentaldemokratisierung der Gesellschaft. In seinem Buch „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme“ (engl. 1927) bemerkt er, dass die „Kur für die Leiden der Demokratie mehr Demokratie“ (S. 149) sei. Und weiter: „Als Idee betrachtet, ist die Demokratie nicht eine Alternative zu anderen Prinzipien assoziierten Lebens. Sie ist die Idee des Gemeinschaftslebens selbst“ (S. 149). Die Persönlichkeit könne umso besser wachsen, je mehr sie in allen Lebensbereichen von günstigen, eben demokratischen Verhältnissen umgeben sei. Den zugrundeliegenden Erfahrungsbegriff aus der naturalistischen Philosophie („Erfahrung und Natur“, engl. 1925) – demokratische Kommunikation als „vollendete Erfahrung“ – kritisiert der Neopragmatist Rorty. Und auch Joas geißelt die „Sakralisierung der Demokratie“ und den „leeren Universalismus des Demokratischen“ (S. 150). „Deweys Ziel ist eine Demokratisierung aller Lebensbereiche, nur so könne gewährleistet werden, dass jeder Einzelne seine humanen Potenziale verwirklicht“ (S. 150). Der Staat regelt den öffentlichen Bedarf an Handlungskoordination. Dewey definiert ihn so: „Der Staat ist die Organisation der Öffentlichkeit, die durch Amtspersonen zum Schutz der von ihren Mitgliedern geteilten Interessen bewerkstelligt wird“ (S. 150). Die Grenze öffentlich-privat sei immer wieder neu experimentell zu entdecken, man denke an die Geschlechter- oder Umweltfrage, und in der Öffentlichkeit reichten die Handlungsfolgen über den engsten Kreis der Beteiligten hinaus. „Öffentlichkeit wird von Dewey also nicht als eine gesonderte gesellschaftliche Sphäre konzeptionalisiert, sondern öffentlich sind als problematisch eingestufte Handlungsfolgen, die in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft und auch über nationalstaatliche Grenzen hinweg auftreten können“ (S. 150). Kritisch ist zu vermerken, dass Dewey die Frage unbeantwortet lässt, wie zu entscheiden ist, ob es sich bei etwas um eine öffentliche Angelegenheit handelt oder nicht, und auch das Verhältnis von Staat und Öffentlichkeit nicht hinreichend klärt. Im Sinne des Experimentellen kann ihm dabei zugutegehalten werden, dass dieses Verhältnis nicht ein für allemal institutionell festzulegen ist. Es ist auch dieser experimentelle Geist, verkörpert vor allem in den Naturwissenschaften, der ihn an die epistemische Überlegenheit der Demokratie denken lässt. Er fordert deshalb auch sozialwissenschaftliche Expertisen zuhanden der Öffentlichkeit, und dies, ohne reiner Expertenpolitik das Wort zu reden, denn, so schreibt er in seinem Öffentlichkeitsbuch: „In dem Maße, in dem sie eine spezialisierte Klasse werden, sind sie vom Wissen über die Bedürfnisse, denen sie dienen sollten, abgeschnitten“ (S. 152). Die Expertinnen und Experten sollen der öffentlichen Diskussion zuliefern. „Das wesentliche Erfordernis besteht (…) in der Verbesserung der Methoden und Bedingungen des Debattierens, Diskutierens und Überzeugens. Das ist das Problem der Öffentlichkeit“ (S. 152). Solche Überzeugungen legen es nahe, Dewey als Vorläufer der deliberativen Demokratietheorie einzuordnen, die insbesondere Habermas vertritt. Drei Gründe sprechen dagegen: Erstens wird diskutiert, ob Dewey überhaupt eine epistemische Rechtfertigung der Demokratie unternimmt, denn ihm soll spätestens anfangs der 1930er Jahre klar geworden sein, dass demokratische Ziele nicht nur mittels Deliberation zu erreichen sind, sondern dass dafür ein sozialistischer Umbau der Wirtschaft vonnöten ist. Zweitens bedeutet ihm Demokratie nicht einfach ein Verfahren, sondern eine Form der Erfahrung. Deliberation bevorzugt jene mit einem Wissensvorsprung und unterstreicht die für Argumentationen bedeutsame kognitive Dimension. Dewey dagegen betont mit seinem Begriff der Primärerfahrung auch die Dimension der Emotionen und der vorbewussten Gestimmtheit. Drittens wachsen seine Zweifel am vorherrschenden Liberalismus im Anblick der Weltwirtschaftskrise von 1929: „Vor diesem Hintergrund plädiert Dewey für eine politische Regulierung der Wirtschaft und eine Vergemeinschaftung der wichtigsten wirtschaftlichen Organisationen und Unternehmen wie den Banken, dem Kohlebergbau und dem Transportwesen. Die vorschnelle Gleichsetzung von Pragmatismus mit einem vorsichtigen Reformismus Lügen strafend, fordert er eine radikale Abkehr von der profitorientierten Ökonomie und den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen, die er als Schranke der Entfaltung begreift. Damit trat Dewey für eine Demokratisierung ökonomischer Planung ein, die nicht vor radikalen Experimenten mit neuen Formen des Eigentums und des Wirtschaftens zurückschreckte“ (S. 153). Es sei zum Schluss nicht verschwiegen, dass von Jane Addams, etwa mit Bezug auf ihr Buch „Democracy and Social Ethics“ von 1902, in diesem Unterkapitel des Handbuchs nie die Rede ist.

Im darauffolgenden Unterkapitel zur Sozialphilosophie wird diese Autorin kurz erwähnt, jedoch auf Dewey und Mead fokussiert. Die Sozialphilosophie entsteht zur selben Zeit wie der Pragmatismus. In Deutschland publiziert Georg Simmel 1894 seine „Parerga zur Socialphilosophie“. Die Entstehung des Pragmatismus, der für Toleranz und Fallibilismus einsteht, wird zuweilen als Reaktion auf die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs 1861–1865 gesehen. Die pragmatistische Sozialphilosophie unterstreicht erstens den Prozesscharakter des Sozialen, fasst zweitens dieses Soziale als eine natürliche Erscheinung auf und verbindet sich drittens mit wissenschaftlicher Metaphysik. Diese drei Aspekte münden in einen Anspruch auf Emanzipation: „Der Nutzen der Sozialtheorie für das Leben lässt sich den Pragmatisten zufolge an ihrer kritischen Kraft messen, als ein Medium der sozialen Transformation wirken zu können“ (S. 155). Die Bezeichnung „Sozialphilosophie“ ist dabei mehrdeutig. Sie steht für eine allgemeine Theorie des Sozialen, die in eine Philosophie der Sozialwissenschaften mündet, eine Ontologie des Sozialen oder die Vermittlung zwischen Sozialwissenschaften und sozialer Lebenserfahrung. Überdies kann sie emphatisch als allumfassende Methode des Philosophierens und demnach als Praxis begriffen werden. Sämtliche Auffassungen finden sich im Pragmatismus. Aufgrund ihrer Präferenz für das Prozesshafte untersuchen die Pragmatisten „die verschiedensten Gegenstände der Sozialphilosophie (…) nicht so sehr als ein ‚Was‘ wie als ein ‚Wie‘, als etwas, das in irgendeiner Weise entsteht und dann aufrechterhalten werden muss, etwas, das vielleicht in seinem Dasein bedroht ist, etwas, das jedenfalls früher oder später stagnieren muss. Die Realität ist ‚kontingent‘ und ‚instabil‘, Festigkeit und Regelmäßigkeit sind temporär geronnener Wandel, Struktur ist ein Prozess, der die Macht gewonnen hat, andere, weniger dauerhafte Prozesse zu lenken“ (S. 157). Die Präferenz für das Naturhafte zeigt sich in der Vorstellung von einem Kontinuum zwischen Natur und Kultur, zwischen dem organischen und sozialen Leben und folglich zwischen den weniger komplexen und komplexeren Tätigkeiten. In der Sicht dieses historischen Naturalismus entstehen immer komplexere Lebensformen. Wichtige Paten für diese Auffassung sind Hegels Erfahrungsbegriff, Peirces Zeichentheorie, James‘ Psychologie und Darwins Evolutionstheorie. Mead rekonstruiert die Entstehung des Selbstbewusstseins mithilfe der Begriffe I und Me und übernimmt dafür von Wilhelm Wundt den Begriff der Geste. Dewey schließt demgegenüber an Peirces Gewohnheitsbegriff an. Gewohnheiten bilden für ihn die Grundlage aller sozialen Prozesse. Das führt er in seinen 1919/20 in Peking gehaltenen Vorlesungen aus. Hier unterscheidet er: „(a) Gewohnheiten und Sitten, (b) soziale Institutionen und (c) das assoziierte Leben selbst (…). ‚Gewohnheiten‘ sind stabilisierte und regelhaft gewordene Prozesse, die aus früheren Erfahrungen stammen; eine ‚Sitte‘ wiederum ist eine Gewohnheit, die den Mitgliedern einer sozialen Gruppe gemeinsam ist; wenn eine Sitte durch arbeitsteilige Kooperation gelenkt und durch delegierte Rollen aufrechterhalten wird, bildet sie eine ‚Institution‘ (…). Das ‚assoziierte Leben‘ stellt wiederum das sozial gestaltete soziale Leben dar, das Ideal der Demokratie“ (S. 158). Während Gewohnheiten, Sitten und Institutionen beantworten, wie soziale Prozesse aufrechterhalten werden, prägt reflexiv gewordene Kooperation mit der Möglichkeit der Kritik das assoziierte Leben. Die Weiterentwicklung zur Metaphysik vollzieht sich mit dem Gedanken, dass das Soziale die „umfassende Idee“ sei. „Alles was ist, wirkt in Gemeinschaft mit anderen Dingen, und diese Dinge sind, was sie sind, weil sie in der Transaktion so und so wirken“ (S. 159). Mit Bezug darauf differenziert Dewey zwischen dem Physikalischen, Organischen, Mentalen und Sozialen. Demnach „soll schließlich das Soziale so verstanden werden, dass in ihm die Folgen von physischen, organischen und mentalen Transaktionen im weiteren Verlauf der sozialen Transaktion neu organisiert und neu aufgenommen werden: In der sozialen Transaktion wird die vorherige Natur transformiert. Dies hat zur Folge, dass am ‚Sozialen‘, wie Dewey es versteht, nicht nur Menschen teilnehmen, sondern auch andere Wesen, wie etwa Mikroben, der Klimawandel oder technische Artefakte“ (S. 160). Insofern menschliche Praxis kreativ ist, ist sie auch implizit oder explizit kritisch.Philosophie ist angesichts dessen „Kritik der Kritik“ mit einer transformativen Bestimmung.

Deweys meistverkauftes Buch sei „School and Society“ von 1899 und sein berühmtestes Buch „Democracy and Education“ aus dem Jahre 1916 (dt. 1993), wird im Unterkapitel „Pädagogik“ festgestellt. Erziehung begreift Dewey als „kontinuierliche Rekonstruktion der Erfahrung“ und damit als nie endenden „Prozess der intelligenten Anpassung an je neue Situationen des Lebens“ (S. 180). Dabei überwindet er die Gegenüberstellung von – zu kultivierendem – Individuum und Gesellschaft zugunsten der Vorstellung einer komplexen Wechselwirkung bei der Problemlösung. „Grundlegend ist nicht der Zuwachs einer natürlichen Qualität in der Zeit, sondern der Prozess der Anpassung im Blick auf je neue Probleme. Damit wird jede Form von Teleologie ausgeschlossen, die aber in aller Regel den Kern von Erziehungstheorien ausmacht. Klassische Erziehungstheorien sind Zieltheorien, die den Prozess ignorieren können. Dewey dreht dieses Verhältnis um“ (S. 181). Der klassischen Theoriebildung hält er ein falsches Verständnis von Wachstum vor: Wachstum habe nicht ein Ziel, sondern sei eines. Kinder seien selbsttätig. „Die zentrale mentale Operation ist Problemlösen, nicht Verinnerlichung. (…) Erziehung ist so denkbar als fortlaufende Problemlösung unter der Voraussetzung sozialer Wechselwirkung“ (S. 182). Neben Dewey trugen auch James und Mead zum pädagogischen Diskurs bei. Nicht erwähnt werden Jane Addams‘ Bücher über Kindheit und Jugend.

Das Unterkapitel zur Soziologie hält gleich zu Beginn fest: „Eine eigenständige, in sich kohärente pragmatistische Tradition hat sich in der Soziologie bisher (…) nicht entwickelt. (…) Die soziologische Relevanz des klassischen Pragmatismus ergibt sich aus seinem Grundgedanken, alle ‚geistigen‘ Phänomene von ihrem praktischen Bezug auf je konkrete Handlungssituationen her zu begreifen. Ausgearbeitet wird dieser Gedanke in einem funktionalistischen Handlungsmodell, das ein Wechselspiel zwischen habituellen und reflexiven Handlungsphasen annimmt. Demnach gründet Handeln im Normalfall auf habits, sodass die handlungsleitenden Bestrebungen den Beteiligten nie vollständig thematisch werden; Reflexivität kommt erst durch irritierende Situationen in Gang, die den Handlungsfluss unterbrechen; die Problemlösungen, die sich im Zuge dieser Reflexion herausbilden, führen zu neuen Habitualisierungen. (…) Als Modellfall solcher Reflexion auslösenden Situationen gilt dem klassischen Pragmatismus die Situation sozialer Kooperation“ (S. 193). Dieses „Doubt-Belief-Schema“ untersuchen schon Peirce in seinen epistemologischen Texten und James in seiner Psychologie, wesentlich weiterentwickelt wird es indessen von Dewey. Reflexion wird hier weniger als inneres denn als soziales Geschehen verstanden. Am wichtigsten für die Soziologie wird Meads Gedanke, dass Subjektivität sozial, über die Reaktionen anderer Menschen vermittelt ist. Zentral ist hierbei, dass Kinder lernen, sich aus einer sozialen, für den Kooperationskontext spezifischen, jedoch nicht personengebundenen Perspektive zu betrachten – jener des „generalisierten Anderen“. Einmal gelernt, vermag sich ein Mensch an allgemeinen Normen und ethischen Idealen zu orientieren. Das macht verständlich, „dass der handlungsleitende Selbstbezug immer von Neuem über Kommunikationskontexte vermittelt wird, die sich auf Kooperationssituationen ergeben“ (S. 194). Identität variiert deshalb von Kontext zu Kontext. Mead schließt an Cooleys dreistufiges Konzept des „Spiegel-Ich“ – Imagination der Fremdwahrnehmung und Fremdbeurteilung, emotionale Reaktion – an, folgt ihm aber nicht dabei, soziale Ordnung als Erzeugnis individueller Imagination zu sehen. Laut Cooley sind vor allem die „Primärgruppen“ im sozialen Nahraum, also Familie, Peergroup, Nachbarschaft wichtig für die Bildung des Selbst in Interaktionsprozessen. Für Dewey werden die Individuen handlungsfähig, indem sie sich die „habits“ aneignen, die er als kulturelle Erfahrungsspeicher auffasst. Das führt auch zur pädagogischen Frage, wie gute Denk- und Handlungsgewohnheiten gefördert werden können, was er zum Beispiel zu Beginn von „Wie wir denken“ (engl. 1910) thematisiert. Das Handbuch nennt im Weiteren folgende wichtigste Rezeptionslinien:

  • Ordnungsbildung von unten (Park, Thomas & Znaniecki, Shils & Janowitz)
  • Konstruktion sozialer Probleme (Blumer, Abbott)
  • Kommunikationsstrukturen und Übersetzungsverhältnisse (Habermas, Renn)
  • Wandelbarkeit des Individuums (Goffman, Schütze, Joas)
  • Soziale Konstitution von Reflexivität (Joas)
  • Konflikt und irritierte Selbstverhältnisse (Honneth)

Abschließend wird auf den rationalistischen Bias mancher Rezeptionen verwiesen sowie auf die Verwandtschaft mit Bourdieu, die dieser selbst feststellt (z.B. in „Reflexive Anthropologie“ S. 155), dem jedoch von Luc Boltanski widersprochen wird, der sich ebenfalls auf den Pragmatismus beruft.

Im vierten Kapitel stellen die Autorinnen und Autoren zehn Bezüge zur philosophischen Tradition her. Natürlich zu Kant, Hegel, Marx, aber vorher noch zur Scholastik, zum Skeptizismus, zu Darwin und zur Schottischen Common-Sense-Philosophie. Zum Schluss folgen Unterkapitel zum Historismus, zum Logischen Empirismus und zur Kritischen Theorie.

Das Unterkapitel zum Marxismus widmet sich zum einen der Philosophie und zum anderen der Politik. Was die Philosophie betrifft, so befinden sich sowohl der Pragmatismus als auch der Marxismus im Spannungsfeld von Hegel und Darwin. Steht der erste Name für die Überwindung überlieferter Dualismen (z.B. Körper/Geist, Subjekt/​Objekt, Wissenschaft/​Religion), so der zweite für die Historisierung der Natur. Beiden Richtungen gilt der Mensch als ein Naturwesen, das sich selbst formt, und dies unter nicht selbst gewählten Bedingungen. Und beide orientieren sich am naturwissenschaftlichen Ideal. Unterschiedlich fällt der Anschluss an Hegel aus, und während Marx die Religion ablehnte, waren die Pragmatisten ihr gegenüber offen. Eine zentrale Gemeinsamkeit hält Karl-Otto Apel einmal so fest: Nur „Marxismus, Existentialismus und Pragmatismus (…) haben das Problem der vorgängigen Vermittlung des theoretischen Sinns durch reale Praxis entdeckt“ (S. 258). Für diese Ansicht stehen Marx‘ Feuerbach-Thesen. „Vor allem Handlungen und Gewohnheiten machen die Menschen und ihre Welt aus, erst in zweiter Linie ihr Denken, ihre spezifischen Werte oder ihre Götter. Diese sind vielmehr Ergebnisse der Kreativität des Handelns“ (S. 258). Was den zweiten Aspekt, die Politik betrifft, so wiesen Dewey und Mead durchaus eine gewisse Nähe zur Sozialdemokratie auf, sie vertraten den Progressivismus. Allerdings lasen sie allem Anschein nach kaum Marx, sondern erfreuten sich an der reformistischen Praxis der Arbeiterbewegung.

Das vierte Kapitel des Handbuchs endet mit einem Unterkapitel zur Kritischen Theorie. Deren Rezeption des Pragmatismus setzt bei Dewey ein, fährt bei Peirce und Mead fort, um schließlich zum Ersten zurückzukehren. Diese drei, nicht aber James, wecken die Aufmerksamkeit von Horkheimer, Marcuse, Adorno, Habermas und Honneth wegen ihrem geteilten Interesse für Hegel. Das einende Moment ist der Linkshegelianismus. Hegels Prozessdenken fasziniert die Pragmatisten, die Methode der immanenten Kritik die Frankfurter. Ansonsten sind die geisteswissenschaftlichen Quellen andere. Max Weber zum Beispiel interessierte die Pragmatisten nicht, ebensowenig Nietzsche, obgleich sich mit diesem durchaus Verwandtschaften entdecken lassen.

In der Pragmatismus-Rezeption der Kritischen Theorie folgen fünf Phasen aufeinander: (1) Horkheimer missversteht den Pragmatismus als eine Philosophie des bloß instrumentellen Handelns. Marcuse hingegen erkennt durchaus, dass auch Dewey nach der gesellschaftlichen Konstitution kritischer Urteile fragt, doch hält auch er mit Kritik nicht zurück. (2) Adorno sieht eine Parallele zwischen seiner Verdinglichungskritik und Deweys Experimentalismus. „Dewey fasst die Aufgabe der Philosophie als eine ‚Kritik der Kritik‘ auf, welche nicht anders als Adornos negative Dialektik maßstabslos verfährt und in stetiger Bewegung begriffen ist“ (S. 284). Auch auf Deweys „Kunst als Erfahrung“ bezieht sich Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ positiv. Beide rücken die ästhetische Erfahrung ins Zentrum. (3) Apel und Habermas wenden sich Peirce zu, der dem Fortgang von der Bewusstseinsphilosophie zur Kommunikationstheorie zugrunde liegt. Anknüpfungspunkt ist Peirces Konsenstheorie der Wahrheit, mit deren Hilfe Habermas seine Universalpragmatik entwirft. Ihm schwebt ein „Kantischer Pragmatismus“ vor. (4) Habermas schließt in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) und in „Nachmetaphysisches Denken“ (1992) auch an Mead an. Es interessiert ihn, wie dieser die Entstehung des Selbstbewusstseins aus kommunikativen Praktiken mittels signifikanter Symbole erklärt. Während er Mead für eine Alternative zu Hegel hält, sucht Honneth beide in seiner Habilitationsschrift „Kampf um Anerkennung“ zu verbinden. (5) Wenngleich Habermas, Dewey ähnlich, in „Wahrheit und Rechtfertigung“ (1999) einen „schwachen Naturalismus“ entwirft, verweist er nur flüchtig auf ihn. Und auch in seiner Demokratietheorie, v.a. in „Faktizität und Geltung“ (1994), finden sich nur Spuren von Deweys „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme“, obwohl: „Beide Autoren weigern sich, Demokratie bloß institutionell zu verstehen und nehmen an, dass die Normen, die das gesellschaftliche Handeln lenken, die ungezwungene Zustimmung aller Betroffenen finden müssen, die im Medium der Öffentlichkeit zum Ausdruck gelangen kann“ (S. 286). Honneth dagegen gibt in einem Aufsatz in „Das Andere der Gerechtigkeit“ Dewey gegenüber Habermas den Vorzug, da er sich für die motivationalen Voraussetzungen dafür interessiert, sich an der politischen Öffentlichkeit zu beteiligen. Der Honneth-Schüler Martin Hartmann hat sodann eine pragmatistische Demokratietheorie vornehmlich im Geist Deweys vorgelegt. Die Abtrennung von Wissenschaft und Common Sense und die Abgrenzung gegenüber dem metaphysischen Denken erschweren jedoch nach wie vor die Rezeption. Mit Blick auf diese zweite Herausforderung endet das Unterkapitel folgendermaßen: „Deweys durchaus sozialphilosophisch orientierte naturalistische Metaphysik kann der Frankfurter Schule als Quelle dienen, das Verhältnis der Gesellschaftskritik und der menschlichen Emanzipation zur Natur in der Zeit einer schon Gegenwart gewordenen Klimakatastrophe umzudenken“ (S. 287).

Das fünfte Kapitel versammelt amerikanische, deutschsprachige, südwesteuropäische, osteuropäische, nordische und ostasiatische Reaktionen auf den Pragmatismus. Im Unterkapitel über Letztere ist zum Beispiel zu erfahren, dass der Pragmatismus in der betreffenden Weltregion – konkret: Südkorea, Japan, China – wenig beachtet wird. Das erstaunt, denn immerhin setzte dessen Rezeption bereits 1888 durch Yujiuro Motora ein, und Dewey besuchte Japan und China zwischen 1919 und 1921. Dieser ist auch am bedeutsamsten geblieben, und zwar vor allem im Bereich der Erziehung. Der über zwei Jahre dauernde Aufenthalt des Ehepaars Dewey in China war ein großer Erfolg. Die hier gehaltenen Vorlesungen wurden erst 2019 unter dem Titel „Sozialphilosophie“ auf Deutsch publiziert. Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurde Dewey in China von marxistischer Seite bekämpft, da er als Exponent des amerikanischen Feindes galt und der größte chinesische Verfechter des Pragmatismus, Shih Hu, den Kommunismus nicht unterstützte. In jüngerer Zeit wurden jedoch auch wieder Konvergenzen von Marxismus, Maoismus und Pragmatismus entdeckt. Das gilt auch für das Verhältnis zum Konfuzianismus, das beispielsweise von Roger Ames und David Hall beleuchtet wird: „Sie betonen die Resonanz in Schlüsselbegriffen wie Deweys Erfahrung und konfuzianischem Weg' (dao), konsumatorische Erfahrung, Demokratie' und Harmonie' (he), Persönlichkeit, Individualität, Gleichheit' und autoritatives Verhalten' (ren) sowie die Konvergenz in Deweys und konfuzianischen Ansichten über die irreduzible Sozialität menschlicher Erfahrung, den Vorrang der Situation vor der Funktion und die zentrale Bedeutung effektiver Kommunikation“ (S. 331). Inzwischen werden nicht nur die anderen pragmatistischen Klassiker in China rezipiert, sondern auch jüngere Autoren wie Richard Rorty, Hilary Putnam, Robert Brandom, Richard Bernstein, Cornel West, Richard Shusterman, James Campbell und Larry Hickman.

Das Handbuch endet mit neuen Herausforderungen, denen sich die Autorinnen und Autoren im sechsten Kapitel stellen. Es handelt sich um:

  • Neurowissenschaft
  • Tier-Mensch-Vergleich
  • Politische Philosophie im globalen Kontext
  • Gerechtigkeitstheorie
  • Feministische Philosophie
  • Technologie und zweites Maschinenzeitalter
  • Philosophie der Öffentlichkeit

Im Unterkapitel zur politischen Philosophie im globalen Kontext zum Beispiel wird die Thematik der Globalisierung angesprochen, verstanden als „die Verdichtung und Beschleunigung grenzüberschreitender Interaktionen“ (S. 350) in verschiedenen Lebensbereichen, nicht nur der Wirtschaft also. „Natürlich sind es nach wie vor Menschen mit ihren Erkenntnis-, Sprach- und Handlungspraktiken, die in dieser neuen Situation (inter-)agieren. Jedoch bilden sich gerade durch die veränderten Kontexte neue Formen in allen drei Hinsichten heraus“ (S. 350), heißt es dazu. In normativer Hinsicht rücken aus pragmatistischer Sicht Sittlichkeit und Moralität näher als üblich zusammen, verschränken sich Genese und Geltung von Normativität. Politische Philosophie solle „reflektieren, welche Werte Menschen in konkreten Situationen hilfreich sein können, um intelligente Lösungswege für globale Probleme aufzuzeigen“ (S. 353). Es wird aus einem Aufsatz über Jane Addams zitiert und dabei der Unterschied zur Gerechtigkeitstheorie von John Rawls verdeutlicht: „Die im Sinne des Pragmatismus verstandene realistische Utopie wird nicht aus formalen Regeln abgeleitet, die strikte Einhaltung verlangen und an denen alles andere gemessen wird. Stattdessen wird sie aus persönlichen Beziehungen und der Zusammenarbeit von Individuen bei der Lösung gemeinsamer Probleme gewonnen“ (S. 353). Pragmatistische Ethik habe mit interkultureller Sensibilität betrieben zu werden. Verschiedene Wertetraditionen würde sich dabei ergänzen. Immer ist denn der Bezug auf den Erfahrungskontext wichtig. Von Addams über Rorty bis Joas ist der Fixpunkt die konkrete Erfahrung von Leid und Gewalt, die es zu negieren und überwinden gilt. Daraus lassen sich aber keine festen normativen Prinzipien positiv bestimmen. Der konkrete Bezug bedeutet, dass insbesondere Dewey und Addams auf lokale Gemeinschaften fokussieren. Für Dewey ist Demokratie weder ein theoretisch begründetes Ideal noch ein Set von Institutionen. Vielmehr begreift er sie in „Demokratie und Erziehung“ als „Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung“ (1964, S. 121, zit. n. S. 354). Wichtig sind politische Bildung und die experimentelle Verbesserung politischer Praxis angesichts pluraler Erfahrungswelten. Es wären globale, interkulturelle Lernkulturen aufzubauen. Ein Beispiel aus dem Bereich der Klimapolitik stammt von Kowarsch & Edenhofer. Kritisch – gegenüber Dewey – wird vermerkt, es seien noch mehr Machtstrukturen zu berücksichtigen, welche Erfahrungswelten prägten; Addams biete hier mit ihrem Blick auf die Marginalisierten einen Anknüpfungspunkt.

Im Unterkapitel zur Feministischen Philosophie werden drei Gründe genannt, die für ein Zusammengehen von Pragmatismus und Feminismus sprechen: „Erstens, eine Konzeption des philosophischen Wissens, die gesellschaftlich wirkende kritische und transformierende Zwecke hat und eine Form der Erkenntnis bevorzugt, die sich aus der Interaktion diverser Standpunkte, zumal denjenigen der Unterdrückten (Frauen, ‚people of color‘, Arbeiter) ergibt; zweitens, der Versuch, die schädlichen Dualismen, welche der philosophischen Tradition innewohnen (Geist vs. Leib, Vernunft vs. Emotionalität, Theorie vs. Praxis, Kultur/​Gesellschaft vs. Natur) aufzuheben, Dualismen, die nicht nur metaphysische Trugschlüsse hervorgebracht, sondern auch zur Rechtfertigung und Verfestigung der nachgeordneten Position von Frauen in der Gesellschaft und in intellektuellen Milieus beigetragen haben; drittens, die Absicht, die Grenzen zwischen akademischen Disziplinen zu überschreiten, was zu multidisziplinären, ‚querbefruchtenden‘ (…) sowohl pragmatischen als auch feministischen Projekten führt“ (S. 363). Besonders Charlene Haddock Seigfried hat die Berührungspunkte von Pragmatismus und Feminismus geklärt. Ins Auge fallen die Bedeutung der Erfahrung für Erkenntnis, was ermöglicht, auch praktisches Wissen anzuerkennen, sowie die Suche nach emanzipatorischen Lösungen für soziale und politische Probleme. Auch wird das Thema der Intersektionalität schon vorweggenommen.

Die wichtigste unter den Frühpragmatistinnen war zweifellos die 1931 mit dem Friedennobelpreis ausgezeichnete Jane Addams (1860–1935). Sie stand nicht nur mit Dewey und James in Kontakt, sondern auch mit W.E.B. Du Bois und Tolstoi. Ihre pragmatistische Sozialphilosophie wurzelte jedoch in ihrem Engagement in der Settlement-Bewegung, das sich im Unterhalt von Hull House äußerte. Wohnen, Arbeit, Bildung, Ernährung, Alkoholismus, Säuglingssterblichkeit stellten die europäischen Migrantinnen und Migranten in Chicago vor große Probleme. Das Settlement bot u.a. kulturelle Aufführungen und Kurse an und leistete organisatorische Hilfe. „James und Dewey unterstützten das Projekt beträchtlich und betrieben in diesem Rahmen Studien über Kinderausbildungsprozesse; George Herbert Mead war als Kassenverwalter im Haus tätig. Jane Addams veröffentlichte elf Bücher und Hunderte Essays im Bereich der Ethik und Sozialphilosophie, in denen sie sich mit den Lebensumständen von Frauen, Jugendlichen und Migranten, mit Industrialisierungsproblemen und dem Pazifismus auseinandersetzte. Von der sehr engen Zusammenarbeit zwischen ihr und Dewey profitierten beide gleichmäßig. (…) Addams geht dennoch über die Perspektive Deweys hinaus und kritisiert explizit die patriarchalische Natur des industriellen Kapitalismus“ (S. 364).

Es gab noch weitere Protagonistinnen. Unter ihnen Ella Lyman Cabot (1866–1934), eine Studienkollegin von William James und Josiah Royce. Von ihr stammen sieben Bücher, die sich mit ethischen und erzieherischen Fragen befassen. Elsie Ripley Clapp (1882–1965) war eine wissenschaftliche Mitarbeiterin Deweys und kommentierte dessen Schriften, was er in der Einleitung von „Demokratie und Erziehung“ würdigt. Anna Julia Cooper (1858–1954) veröffentlichte 1892 „A Voice from the South“ und war eine – für die aktuelle Intersektionalitätsdebatte bedeutsame – Vordenkerin der zweifachen Unterdrückung infolge Geschlecht und „Rasse“. Mary Parker Follett (1868–1933) studierte mit James und Royce und schrieb drei Bücher – z.B. „Creative Experience (1924) – und viele Essays. Auch sie entwickelte ihr Denken angesichts konkreter Probleme und arbeitete – auch eine Sozialarbeiterin – in Boston in Gemeinschaftshäusern sowie in der Management-Beratung. Originell ist ihre Konzeption von Macht als „power with“ – der Begriff steht für eine gemeinsame, erzeugende und verändernde Machtform. Ähnlich wie Mead interessiert sie sich für den verändernden Prozess, in dem sich das Selbst in Interaktionen bildet und den sie als „circular response“ bezeichnet. Individuen erzeugen soziales Leben und sind zugleich seine Erzeugnisse. Charlotte Perkins Gilman (1860–1935) war eine Freundin von Dewey und Addams. Sie verfasste sowohl Romane, Erzählungen, Gedichte als auch Sachbücher und interessierte sich vor allem für ökonomische Fragen, zum Beispiel zur Bedeutung der Geschlechterbeziehung für die soziale Entwicklung. Ella Flag Young (1845–1918) promovierte bei Dewey und war Professorin für Erziehungswissenschaft.

Der Pragmatismus unterstellt keine „view from nowhere“ und geht nicht von der Möglichkeit eines alle Erfahrung transzendierenden neutralen Standpunkts aus. Jenseits von Relativismus einerseits, Subjektivismus andererseits macht ihn dreierlei für feministische Diskurse attraktiv: ein aus den Erfahrungen resultierender Pluralismus von Standpunkten; die auf Verbesserungen zielende Reflexion; und die unablässige Irrtumsanfälligkeit von Problemlösungen. In feministischer Perspektive anschlussfähig sind überdies insbesondere Rortys Sympathie für abnormale Diskurse und Ironie sowie Deweys Vorschlag, „epistemischer Exklusion“ durch „öffentliche Anerkennung“ zu begegnen. Am fündigsten wird der Feminismus gewiss bei Dewey. Er unterstützte ausdrücklich die Forderungen der damaligen Frauenbewegung mit Bezug auf Stimmrecht, Recht auf Hochschulbildung, gemeinsame Erziehung, die Legalisierung der und den Zugang zur Geburtenkontrolle, Lohngerechtigkeit und Arbeitsautonomie. Auch reflektierte er das Familienleben sowie Erziehung und Bildung.

Es folgt im Handbuch ein Unterkapitel über Technologie und zweites Maschinenzeitalter. Ersetzten Maschinen im ersten Maschinenzeitalter vor allem die körperlichen Kräfte, so im zweiten die geistigen. Wieder war es unter den Pragmatisten vor allem Dewey, der sich mit Technik auseinandersetzte. Er wollte diese weder verteufeln noch kritiklos hinnehmen. Als sich Dewey mit dem Thema Technik beschäftigte, waren die Technikkritiken von Oswald Spengler, Ernst Jünger und später Martin Heidegger populär. In Spenglers „Der Mensch und die Technik“ (1931) gilt die Technik als letztlich unausweichlich vernichtende Kraft. In diese Reihe stellt sich auch Jacques Ellul mit einem Buch über die „technologische Gesellschaft“. Laut ihm können weder die Technik noch deren politische Folgen kontrolliert werden. Deweys Position lässt sich nicht in diese Tradition einreihen, aber sie hält Technik auch nicht in technokratischem Geist für ein völlig neutrales Mittel, das hilft, Ziele zu erreichen. Er verfasste kein besonderes Werk zur Thematik, vielmehr, so der Interpret Larry Hickman, habe er seine Philosophie insgesamt zunächst „Instrumentalismus“, dann „Experimentalismus“ und schließlich „Technologie“ genannt. Das bedeutet, „dass Dewey ein technologisches Verständnis von Wissenschaft und Wissen im Großen, von Konzepten, Artefakten, Geräten, Ideen, mathematischen Formeln und logischen Kalkülen im Kleinen entwickelte. Technologie wird so zur Basiskategorie menschlicher Handlungen und, wiederum als Teil davon, Untersuchungen“ (S. 371 f.). Dabei macht es für Dewey keinen grundsätzlichen Unterschied, ob ein Werkzeug materieller oder immaterieller Natur ist. Er vermeidet es, Werkzeuge zu essentialisieren. Werkzeuge hätten zu solchen erst gemacht zu werden. „Werkzeugen kommt unabhängig von Menschen keine Essenz zu; Werkzeug ist, was von Menschen oder anderen Organismen als Werkzeug eingesetzt wird. Erst die falsche, weil nicht an Handeln gebundene essentialistische Vorstellung von Werkzeugen macht es laut Dewey plausibel, der Position anzuhängen, dass die Technologie das menschliche Schicksal bestimme könnte“ (S. 373). Dewey kritisierte Spengler explizit.

Das allerletzte Unterkapitel des Handbuchs nimmt sich der Philosophie der Öffentlichkeit an. Der Journalist Walter Lippmann veröffentlichte 1922 sein Buch „Die öffentliche Meinung“, in dem er eine demokratieskeptische Elitentheorie vertritt; nicht die durch zu viel Information schnell einmal überforderten Bürgerinnen und Bürger würden die öffentliche Meinung machen, sondern die Medien. Das führte zur Lippmann-Dewey-Debatte. Deweys Gegenposition, unter dem Titel „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme“ 1927 erschienen, ist eine Zeitdiagnose sowie eine Skizze der Demokratie als der politischen Organisationsform der kollektiven Selbstbestimmung. Er differenziert zwischen privaten und öffentlichen Folgen von Interaktionen. „Eine Öffentlichkeit bildet sich nur, wenn der Kreis der von öffentlichen Folgen Betroffenen in der Lage ist, sich als solcher wahrzunehmen und sich im Hinblick auf die Übernahme der Kontrolle über die Interaktionen und Prozesse zu organisieren, die sie betreffen“ (S. 377 f.). Zeitdiagnostisch stellt Dewey fest, „dass aufgrund der steigenden Komplexität der sozialen Welt die Öffentlichkeit (…) nicht mehr in der Lage ist, die Reichweite der Folgen sozialer Interaktionen und damit sich selbst als den Kreis der von ihr Betroffenen wahrzunehmen. Damit steckt die Demokratie in einer Krise“ (S. 378). Apathie und Expertokratie resultieren aus dieser Lage. Deshalb erachtet er es für nötig, die kooperativ-kommunikative gesellschaftliche Infrastruktur zu stärken und die experimentelle Methode anzuwenden, wenn öffentliche Probleme bestimmt, interpretiert und angegangen werden. Partizipative und repräsentative Demokratie sollen verbunden werden.

Deweys Position wird demokratietheoretisch zuweilen gegen den Republikanismus nach Arendt und den Prozeduralismus nach Habermas ins Feld geführt, doch berufen sich auch diese beiden Richtungen auf ihn. Honneth vergleicht die drei Ansätze und gibt Dewey den Vorzug. Er schreibt: „Während der Republikanismus sich (…) am antiken Vorbild einer Bürgerschaft orientiert, für deren Mitglieder die intersubjektive Aushandlung gemeinsamer Angelegenheiten zu einem wesentlichen Ziel ihres Lebens geworden ist, besteht der Prozeduralismus darauf, dass es nicht der Tugenden der Bürger und Bürgerinnen, sondern nur moralisch gerechtfertigter Verfahren bedarf, um den Prozess der demokratischen Willensbildung zu reaktivieren“ (zit. n. S. 379). Beidem ist nach Honneth Deweys Vorstellung von Kooperation überlegen. „Als Instanz reflexiver Kooperation bildet die politische Öffentlichkeit eine vom Vorhandensein gerechter sozialer Verhältnisse abhängige Instanz der kollektiven Ausübung von Rationalität im Hinblick auf die gemeinsame Lösung sozialer Probleme“ (S. 379). Für sein eigenes Werk folgert Honneth aus diesem Zusammenhang von Gerechtigkeit und Öffentlichkeit, „dass Demokratie nicht nur eine politische Organisation, sondern eine umfangreiche Lebensform darstellt“ (S. 379). Allerdings orientiert sich Dewey zu sehr am zu einheitlichen Bild der Öffentlichkeit als einer Gemeinschaft; wirklichkeitsnäher wäre eine pluralistische Vorstellung. Dennoch: „Deweys Vorschlag, Öffentlichkeit auf Basis der Wahrnehmung der Folgen sozialer Interaktionen zu definieren, macht seinen Öffentlichkeitsbegriff für die aktuellen Debatten um die Existenz, die Wünschbarkeit, die normative Relevanz und die Effizienz transnationaler Öffentlichkeiten besonders attraktiv“ (S. 379). Zur Diskussion steht, ob transnationale Öffentlichkeiten die Bedingungen der Legitimität und der Wirksamkeit erfüllen können. Gemäß Nancy Fraser müssen beide erfüllt sein, soll solch umfassender Öffentlichkeit auch eine kritische Aufgabe zukommen. Demokratische Meinungs- und Willensbildung ist für Dewey nicht nur mit Bezug auf den Wert der politischen Freiheit, sondern auch in epistemischer Hinsicht – bei der Identifikation, Definition und Lösung eines Problems – wertvoll. Das macht ihn attraktiv für die epistemische Demokratietheorie. Er fordert, dass die Erfahrung der Betroffenen in die Auseinandersetzung eingeht. „Keine Expertenherrschaft, in der die Massen nicht die Chance besitzen, die Experten über ihre Bedürfnisse zu informieren, kann irgend etwas anderes sein als eine Oligarchie, die im Interesse einiger weniger ausgeübt wird. (…) Das ist das Problem der Öffentlichkeit. Wir haben erklärt, dass diese Verbesserung wesentlich von der Befreiung und Vervollkommnung der Forschungsprozesse und der Verbreitung ihrer Ergebnisse abhängt“ (S. 380; zit.n. „Die Öffentlichkeit und ihre Probleme, Berlin/Wien 2001, S. 173). Gleichberechtigte Teilnahme an der Öffentlichkeit ist ebenso wichtig wie die Berücksichtigung der Erfahrungen aller Betroffenen beim Entwurf von Gesetzen. Öffentlichkeit soll nicht nur mit den zur Diskussion stehenden Problemen, sondern auch mit sich selbst experimentell umgehen. Für besonders bedeutungsvoll hält Nancy Fraser im Anschluss an Habermas „subalterne Öffentlichkeiten, die das partizipatorische Defizit einer nicht-egalitären Gesellschaft auf der einen Seite bekämpfen und auf der anderen Seite um Anerkennung des öffentlichen Charakters von Angelegenheiten kämpfen, die bisher als privat verstanden wurden“ (S. 381). Diese Sicht lässt sich gut mit Deweys 1919 und 1920 in China gehaltenen Vorlesungen verknüpfen.

Diskussion

Deutlich zu wenig Beachtung erhält in diesem Handbuch Jane Addams. Das ist nicht nur aus der Genderperspektive unbefriedigend. Es schmerzt zudem, dass die Wissenschaft der Sozialen Arbeit unter den „theoretischen Ansätzen“ überhaupt nicht thematisiert wird. Diese Unkenntnis überrascht. Die deutschsprachigen Monographien über Jane Addams von Cathy Eberhart (2009) und Inga Pinhard (2009) sowie den Vergleich mit Alice Salomon von Anja Schüler (2003) und die Darstellung der Dreiheit Addams, Salomon und Mary E. Richmond von Rita Braches-Chyrek (2013) ignoriert das Handbuch leider konsequent. Addams selbst schrieb über ihr im Handbuch beachtetes Buch „Democracy and Social Ethics“ hinaus noch einige weitere Bücher. Die Sekundärliteratur über diese Autorin im englischen Sprachraum ist kaum mehr überblickbar.

Fazit

Das Handbuch informiert sehr breit und dicht über wichtigste Aspekte des Pragmatismus. Die gute Strukturierung fördert den Lesegenuss und erleichtert die Suche. Es ergibt sich ein überaus facettenreiches Bild des Pragmatismus. Dessen Aktualität zu verdeutlichen gelingt dem Handbuch sehr gut. Es regt dazu an, die unzähligen Spuren zu verfolgen.


Rezension von
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 04.11.2021 zu: Michael G. Festl: Handbuch Pragmatismus. J.B. Metzler Verlag (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-476-04556-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24475.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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