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Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika

Cover Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Eine komprimierte Einführung aus postkolonialer Sicht. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. 192 Seiten. ISBN 978-3-95558-234-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Aus Afrika kommt immer etwas Neues. „Ex Africa semper aliquid novum“, dieser Spruch, von den antiken römischen Reisenden als überraschenden Ausdruck gebraucht über das, was ihnen begegnete im „schwarzen Kontinent“, oder was sie an Unbekanntem, Exotischem, Unverständlichem hörten und erlebten- später von den europäischen Malern, wie Picasso und anderen mit dem gleichen Erstaunen ausgestoßen – wird bis heute benutzt, wenn es darum geht, unser Afrikabild zu verändern. Afrika, der schwarze Kontinent, der Verlorene, das Armenhaus der Welt, in dem Hunger, Unterentwicklung, gewaltsame Konflikte, Krieg und Hoffnungslosigkeit hausen, aus dem Menschen fliehen, weil sie in ihrer Heimat nicht überleben können, wird uns alltäglich in den Medien und Sensationsnachrichten präsentiert. In der Weltliste der 25 Länder der Erde mit der niedrigsten Lebenserwartung der Menschen befinden sich 23 in Afrika; mehr als zwei Drittel der Länder in Afrika werden nach den Maßstäben der Entwicklungstheorien zu den am wenigsten entwickelten Ländern gerechnet. Was soll daran schon Neues sein? (3035.nibis.de/wp-content/uploads/Afrikatag20136.doc). Denn die Jahrhunderte andauernden, rassistischen und von Höherwertigkeitspositionen der Weißen gegenüber den Menschen in Afrika geprägten und sorgsam gepflegten Vorstellungen, dass Afrika und die Afrikaner keine eigene Geschichte (und damit auch keine Kultur) hätten, haben sich erst zögerlich und bis heute nicht gänzlich überwunden verändert.

In den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzter und global entwickelnden (Einen?) Welt immerhin wird ein inter- und transkulturelles Bewusstsein erkennbar, das sich artikuliert in der „globalen Ethik“, wie sie in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte deutlich wird – „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“ – und als aufgeklärte Herausforderung, einen Perspektivenwechsel im Denken und Handeln der Menschen zu vollziehen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 fordert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Entstehungshintergrund und Autor

Im postkolonialen Universalismus-Diskurs und -Dialog melden sich immer deutlicher afrikanische WissenschaftlerInnen und AutorInnen zu Wort mit dem selbstbewussten Anspruch, eigene Positionen und Identitäten zu formulieren. Mit dem Stichwort „Afrika“ wird im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de auf Literatur zur Thematik verwiesen. Und im Nachrichtenportal www.sozial.de werden unter „Schnurers Beiträge“ einige Aspekte zum interkulturellen Diskurs dargestellt. Der Kunsthistoriker, Kunstkritiker und Künstler Toma Muteba Luntumbue ruft dazu auf, „die Geschichte des künstlerischen Dialogs zwischen Afrika und Europa neu zu schreiben“, und damit den originären Beitrag Afrikas zur modernen Kunst aufzuzeigen (in: Mariorie Jongbloed, Hg., Entangled. Annäherungen an zeitgenössische Künstler aus Afrika, VolkswagenStiftung, Hannover 2006, S. 22Ff ). In gleicher Weise gilt diese Aufforderung für die Literatur. So wie nicht verallgemeinernd von den Literaturen Europas, Asiens oder Amerikas gesprochen werden kann, ist es ebenso unangemessen, von den „Literaturen Afrikas“ zu reden. Es sind immer Werke von Literaten aus Mosambik, Niger, Kamerun, Senegal, Tansania … So wie die Künstler aus afrikanischen Ländern und Kulturen in ihren Werken eigenständige Ausdrucksformen beanspruchen und sich z.B. dagegen wehren, dass „ein afrikanischer Künstler bei westlichen Sammlern, Museen und Kunstfreunden bessere Chancen ( hat), wenn er seine afrikanische Identität in den Vordergrund rückt, statt seine Individualität oder sein Streben nach Universalität zu betonen“, so gilt dies auch für Literaten aus Afrika.

Der an der Universität Heidelberg lehrende Wissenschaftler für afrikanische Literaturen in englischer Sprache, Manfred Loimeier, beschäftigt sich seit Jahren damit, eine Brücke zur Aufmerksamkeit und zum Verständnis von afrikanischer Literatur zu bauen. Einige seiner Veröffentlichungen wurden auch bereits im Rezensionsdienst socialnet vorgestellt ( z.B.: Manfred Loimeier, Szene Afrika. Kunst und Kultur südlich der Sahara, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11783.php; drs., Africando. Literarische Reise durch einen Kontinent, 2010, 209 S. ). Als geschätzter Literaturwissenschaftler, Referent und Kulturvermittler gelingt es ihm, „critical Whiteness“ als antirassistische und antipopulistische Alltags- und Einstellungsherausforderung zu thematisieren ( vgl. dazu auch: Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, 2005 ). Mit seiner Arbeit „Literaturen aus Afrika“ plädiert Loimeier für einen globalen Kulturdiskurs.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der europäisch-afrikanische Dialog ist zwangsläufig konfrontiert mit den historischen Auswirkungen des Kolonialismus und den anhaltenden neokolonialen, ökonomischen, transnationalen, globalen und machtpolitischen Strukturen. „Loimeier befreit die sogenannten Literaturen aus Afrika aus den vorgefertigten, traditionellen Konzeptualisierungen und Deutungsschemata und legt den Blick frei für die literarische Qualität der Werke“. Es ist der Versuch, gewissermaßen als Gegenrede zu den vorgegebenen, literarischen und künstlerischen Strukturen eines aufgepfropften westlichen Denkens, Merkmale ausfindig zu machen, bei denen eine „Sensibilisierung für die Relativierung von Normen und Prinzipien (deutlich werden), die nur innerhalb ihres Wertesystems von Relevanz sind“. Es ist der Spagat, der an zwei literarischen Beispielen die historischen, kulturellen, philosophischen und politischen Herkünfte und Quellen von Schriftstellern aus Afrika verdeutlicht: Fatou Diome aus Senegal mit ihrem in deutscher Sprache erschienenem Roman „Der Bauch des Ozeans“ (Le ventre de l’Atlantique), und NoViolet Bulawayo aus Simbabwe mit dem Roman „Wir brauchen neue Namen“ (We need new names).

Die Auswahl der beiden Werke, die im Original in französischer und englischer Sprache verfasst sind, spannt den Bogen zu den kontinentalen und kolonialen Regionen in West- und Südafrika und verweist mit den Verlagsorten – Paris und London – auf die verlegerischen und publizistischen Möglichkeiten, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Afrika heute haben. Bevor sich Loimeier an die Analyse, den Vergleich und die Interpretation der beiden Romane macht, führt er in „Afrikanische Literaturen“ ein, indem er die Frage aufwirft: „Kulturelle Identifikation oder historisch-politische Emanzipation“. Mit der Metapher „Von Krücken und Brücken“ zeigt er auf, mit welchen Imponderabilien und Hindernissen es Autorinnen und Autoren aus Afrika zu tun haben. Er vermittelt einen Überblick über deren Werke, zeigt die Vermengung von Herkunft, Heimat, Lebens- und Arbeitsort (Afrika – Europa – USA) auf und lässt die beiden Autorinnen jeweils in einem Gesprächsformat zu Wort kommen.

Es ist wohl das Dilemma eines jeden Romanschreibers, Erlebtes mit Erdachtem, Autobiographisches mit Utopischem, Konkretes mit Phantasie zu füllen. Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Afrika sind zudem gelenkt und verwiesen auf scheinbare Paradiese und Wohlfühlorte, die weit weg liegen – in Europa, in den USA. Im Gespräch drückt dies die aus dem Senegal stammende, in Frankreich lebende Fatou Diome so aus: „Die Afrikaner sagen, ich würde wie eine Französin schreiben, und die Franzosen betrachten es als afrikanische Literatur“. Und die Prosaschreiberin aus Simbabwe, NoViolet Bulawayo, die 1999 zum Studium in die USA ging und dort auch mit dem Schreiben begann und heute an der Universität „Kreatives Schreiben“ lehrt, vermischt mit ihrem Künstlernamen und ihren Ausdrucksformen die Sprache ihrer Kindheit, Ndebele, mit dem Englischen: „Es war gar nicht so schwer, diese Sprache zu finden. Ich musste nur an die Sprache meines Volkes und meiner Jugend denken und sie zum Klingen, zum Funkeln, ihre Farben, Eigenheiten und Energie zum Vorschein bringen“.

Fazit

Im Zusammenhang mit den Bestandsaufnahmen und Analysen zur Entwicklung und Lage der Literatur in Afrika und den exemplarischen Interpretationen der beiden ausgewählten Romane entsteht ein wichtiger Baustein für ein Verständnis der literarischen Produktion. Es sind die immer wieder herangezogenen Parallelen und Vergleiche zum literarischen Prosaschaffen in Deutschland und Europa, die Leserinnen und Leser von (originaler und übersetzter) Literatur aus Afrika Zugänge und Verständnis ermöglichen. Besonders Studierende der Literatur- und Sprachwissenschaften dürften von der Studie profitieren.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.10.2018 zu: Manfred Loimeier: Literaturen aus Afrika. Eine komprimierte Einführung aus postkolonialer Sicht. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-95558-234-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24488.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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