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Steven Pinker: Aufklärung jetzt

Cover Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2018. 800 Seiten. ISBN 978-3-10-002205-9. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Der durch verschiedene Publikationen bekannte Psychologe Steven Pinker nennt sein zur Besprechung vorliegende Buch „eine Verteidigung“; er sieht Aufklärung insgesamt durch Erscheinungen des Populismus und eines ignoranten Konservatismus gefährdet und macht in seinem Werk umfassend deutlich, dass Negativismus die unendlichen Fortschritte, die wir der Anwendung von „Vernunft“ verdanken, ignoriert. Solche durch vernünftiges Handeln erreichten Fortschritte gelt es in allen Bereichen der Gesellschaft zu verteidigen.

Autor

Steven Pinker ist Professor für Psychologie an der Harvard Universität und ist auch im deutschsprachigen Raum durch verschiedene Publikationen bekannt, bspw. „Das unbeschriebene Blatt“, 2017 erschienen.

Aufbau und Inhalt

Pinker teilt sein fast 600 Seiten umfassendes Werk (plus fast 150 Seiten Anmerkungen und Bibliographie) grob in drei Teile.

  1. Teil I nennt er „Aufklärung“, und legt in drei Unterkapiteln dar, was er unter Aufklärung und Vernunft versteht und wo er diese durch verschiedene Gegenpositionen in Gefahr sieht.
  2. Teil II stellt den Hauptteil des Buches dar und wird „Fortschritt“ genannt- in 17 Unterkapitel stellt der Autor dar, dass angefangen von „Leben und Lebens- Verlängerung“, „Gesundheit“, „Umwelt“ bis hin zu „Glück“ sich unsere Lebensbedingungen individuell und gesellschaftlich verbessert haben. Der Autor bedient sich hier bei reichhaltigem statistischen Material, dessen Qualität er- wie er sagt- durch kritische Sichtung der Herausgeberschaften geprüft hat.
  3. Teil III (drei Unterkapitel, die die Inhalte der Teilüberschrift aufnehmen) beschäftigt sich mit „Vernunft, Wissenschaft und Humanismus“.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Verständlich und vehement setzt der Autor an vermeintlich links-rechts politisch extrem motiviertem Negativismus an, der umfassend behauptet, die Welt sei schlecht, es gäbe keine Wahrheit und Sicherheit mehr und „Fake- News“ seinen genauso glaubwürdig wie wissenschaftliche Ergebnisse, die mit der nächsten Journal-Ausgabe widerrufen würden. Der Psychologe (der sich auch – umfassender? – als Kognitionswissenschaftler, Psycholinguist bezeichnet) erkennt, dass solche gesellschaftlichen Tendenzen zu Ignoranz und Populismus führen können. Dem gilt es zu begegnen … und so startet er ein Plädoyer für Aufklärung, Vernunft, Wissenschaft und Respekt vor den Entwicklungen in allen Lebensbereichen, die dazu geführt haben, dass unser Leben länger, besser, gesünder und friedlicher verläuft.

Mit dieser Intention grenzt sich Pinker von einem Journalismus und einer Politik ab, die vermeintlich ausschließlich negativ über unsere Lebensbedingungen informieren, was dazu führe, dass viele Menschen in eine Form von Beliebigkeit verfallen, eigentliche nichts mehr für glaubhaft und sicher halten und in die Arme von Populisten und deren Ideologien laufen. Nun ist nicht unbedingt neu, positive Entwicklungen in der Welt aufzulisten und zu publizieren- der schwedische Gesundheitswissenschaftler Hans Rosling ist damit sogar zeitweise in die Medien gekommen. Sicherlich haben auch die Medien insgesamt eine Diskussion über die Bereitschaft, zu einseitig auf negativ bedenkliche Entwicklungen in der Welt hinzuweisen, aufgenommen. Und die von Pinker genannten Entwicklungen in fast allen Lebensbereiche beweisen die Fortschritte hin zu einem besseren Leben. Dies darzustellen hätten sicherlich 200 Seiten ausgereicht – was also motiviert den Autor?

Diskussion

Es erscheint merkwürdig, dass der Autor vom Beginn seines Buches eine polemisch-aggressive Diktion benutzt – sein Hinweis, dass er „Aufklärung und Vernunft“ angegriffen sieht, rechtfertig es gerade mit dem „aufklärerischen“ Blick nicht, die vermeintlichen Gegner (Linke, Gutmenschen, Sorgenvolle) heftig zu attackieren. Ruhig-sachlicheres Argumentieren und auch „Verständnis“ für Andersdenkende hätte sicherlich besser in einen „vernünftigen“ Diskurs gepasst.

Pinker schreibt aus amerikanischer Sicht – und es entsteht der Eindruck, als sei er infiziert (und nicht lediglich genervt) von der Polarisierung in den Staaten, von den ignoranten Einflüssen politischer und klerikaler Kreise, denen es längst nicht mehr um eine Untersetzung der Menschen bei der „Bedienung des Verstands“ geht. Leider bringt sich der Autor selbst in deren Nähe.

Nicht im Ansatz erkennt er systemische Zusammenhänge: wir müssen uns Sorgen um uns und unsere Welt machen, müssen kritisch sein und bleiben, wenn es um die Frage zukünftiger Entwicklungen geht – dass gerade Kritik ( ob von links oder sonst woher) zwar nicht Fortschritt negieren darf, aber beteiligt sein muss an der Richtung von Wissenschaft ‚Vernunft und Fortschritt‘ – dies geht bei Pinker unter. Sein Buch klärt auf über positive Entwicklungen in der Welt- übersieht aber, dass diese Entwicklungen vielleicht auch und gerade deshalb passiert sind, weil Wissenschaft und deren Anwendung kritisch begleitet wurde und immer werden muss.

Möglich, dass der Rezensent dem Autor nicht ganz gerecht wird: Das Buch kann aber durchaus so gelesen werden, dass man sagt: läuft doch alles gut, seid beruhigt und dankbar, dass wir in dieser Welt leben dürfen, die täglich weniger Armut, Krankheit, kriegerische Auseinandersetzungen hat. Richtig – und dennoch ist eine sorgenvolle Betrachtung gegenwärtiger Entwicklungen nicht zwangsläufig verbunden mit Miesepeterei und depressiver Einschränkung im Denken. Sie ist Voraussetzung für Engagement und kritische Informationsnutzung, schließlich politisches Handeln. Und: es würde der wertenden Betrachtung auch gut tun, nicht an der Oberfläche der statistischen Zahlen zu bleiben. Gerade weil es richtig ist, dass die Anzahl der in Kriegen getöteten Menschen abgenommen hat, ist es bedeutsam zu realisieren, dass hierbei der Anteil getöteter Zivilisten deutlich gestiegen ist (vgl. Scobel, 3sat, 8.11.2018).

Pinkers Schrift, die er eine „Verteidigung“ nennt, kommt sehr laut daher und passt wohl besser in die Polarisierung in Amerika – ob sie allerdings irgendetwas dazu beitragen kann, das Kant'scheZiel „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ zu erreichen, darf doch stark bezweifelt werden.

Fazit

Ein Buch, was umfassend die Fortschritte menschlicher Lebensbedingungen belegt, dabei aber dem Titel „Aufklärung jetzt“ wegen seiner polemisch-erregten Argumentation und seiner Informationsfülle implizit kaum genügt. Wem soll man als Rezensent dieses Buch empfehlen? Die Antwort muss ich schuldig bleiben …


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 12.12.2018 zu: Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-10-002205-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24491.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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