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Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit

Cover Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. 416 Seiten. ISBN 978-3-498-03038-4. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Die geistes- und naturwissenschaftlich ausgebildete Autorin beschäftigt sich im vorliegenden Buch mit unserer auch wissenschaftlich betriebenen Anschauung der Welt und den Phänomenen unseres Seins. In Auseinandersetzung mit verschiedenen Disziplinen und quer zu diesen macht sie deutlich, wie anscheinende Gewissheit fragwürdig und vorläufig wird – ein Streifzug durch Erkenntnistheorie, Philosophie und Naturwissenschaft.

Autorin

Siri Hustvedt hat Literatur und Anglistik studiert, dort auch promoviert und lehrt heute neben ihrer schriftstellerischen Arbeit am Weill Medical College Psychiatrie.

Aufbau und Inhalt

Im Buch eine Logik im Aufbau und Inhalt zu finden, fällt schwer (vgl. das bei der Deutschen Nationalbibliothek einsehbare vollständige Inhaltsverzeichnis). Hustvedt geht bewusst assoziativ vor, wechselt von Erkenntnissen die menschliche Placenta betreffend zu Descartes und Hobbes, zu einer für sie typisch männlichen Trennung von Materie und Geist zur Naturphilosophie von Margarete Cavendish undderen – wie die Autorin schreibt – monistisch-organizistische Theorie: Der Geist sei eben keine von der Welt unabhängige Substanz, sondern Bestandteil einer Welt, in der es belebte und unbelebte Materie gibt.

Gleichfalls in Abgrenzung zu Descartes bezieht die Autorin sich auf Vico, indem sie eine Trennung von (naturwissenschaftlicher) Wahrheit und menschlicher Erkenntnisfähigkeit ablehnt.

In einem Stil, der eher ein Gedankenprotokoll eigener Erkenntnissuche entspricht, beschäftigt sich die Autorin mit der Frage des Verhältnissen von genetischen Einflüssen gegenüber den kulturellen, mit Epigenetik, dem psychosomatischen Verhältnis zwischen Leib und Seele, mit dem Placebo-Nocebo-Effekt, mit der Überformung menschlicher Fähigkeiten durch (sozialpsychologische) Erwartungen – siehe z.B Kapitel „Frauen können keine Physik“ … und all dem, was frei assoziierend der Autorin in ihren Denk- und Erkenntnisprozess passt.

Dieser Stil ist natürlich für die Autorin auch Programm: allen Themen gewinnt sie letztlich nur die eine Erkenntnis ab: dass der Mensch nicht unabhängig von seiner Welt diese quasi objektiv erkennen kann, sondern dass Erkenntnis zeit- und personenabhängig immer nur vorläufig sein kann; dass Wissen und Gewissheitrelativ sind und deren Erzielung als Ziel von Wissenschaft eine Illusion (Buchtitel!) darstellt. Als Leser muss man sich dann allerdings fragen: was an dieser Erkenntnis ist so mitteilenswert, da sie als solche ja nicht neu ist? Der Rezensent findet hierauf keine Antwort.

Diskussion

Wie oben schon angedeutet: Es ist schwierig, dem Buch summarisch gerecht zu werden. Weder zielt es darauf ab, neuartige Erkenntnisse aus Geistes- und Naturwissenschaft (schon dieser „Trennung“ würde die Autorin wohl nicht zustimmen!) zu vermitteln, noch eine Lösung des Problems, dass der Mensch als Teil der Welt diese nicht objektiv erfassen kann, zu liefern.

Das Buch stellt quasi eine Einladung dar, der denkenden und reflektierenden Autorin in deren Gedankenfluss zu folgen, sich einzulassen auf Gedankensprünge, auf willkürlich erscheinende Befunde aus deren umfassendem Erkenntnisinteresse… um auf diesem Weg infiziert zu werden, sich beim eigenen Denken zuzuschauen. Dies macht die Lektüre des Buches nicht einfach. Gewohnt, sich mit bestimmten Fragen des Menschseins strukturiert auseinanderzusetzen gerät der Leser in einen Strudel von Ergebnissen und Gedanken einer umfassend interessierten Autorin. Wenn er /sie sich dann allerdings – wie der Rezensent- fragt: was bleibt von der Lektüre, entsteht ein gewisses Leere-Gefühl und vielleicht die Erkenntnis, dass ein ähnlicher Weg, wie ihn die Autorin sicherlich gegangen ist- durch Philosophie, Religion, Erkenntnistheorie, Medizin, Genetik, Psychologie, Soziologie … zumindest ein Stück weit selbst zu gehen ist, um dort ( hoffentlich nicht mit dem Gefühl von Verlorenheit und Bodenlosigkeit) anzukommen, wo auch die Autorin landet: Menschliche Gewissheit kann immer nur eine vorläufige, relative sein- in ihrer Anwendung und Pragmatik muss deshalb Korrektur eingebaut sein.

Fazit

Ein Buch, was dem umfassend naturgeschichtlich, naturwissenschaftlich-philosophisch interessiertem Leser Anregung sein kann, eigene „An-schauungen“ zu reflektieren, zu sortieren und zu erweitern – dies allerdings mit dem Risiko verbunden, sich im Strudel der Ideen auch zu verlieren.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 13.09.2018 zu: Siri Hustvedt: Die Illusion der Gewissheit. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. ISBN 978-3-498-03038-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24492.php, Datum des Zugriffs 15.11.2018.


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