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René Reichel: Vom Sinn des Sterbens

Cover René Reichel: Vom Sinn des Sterbens. Gedanken und Anregungen für den Umgang mit Sterben und mit Sterbenwollen. Facultas Verlag (Wien) 2018. 254 Seiten. ISBN 978-3-7089-1543-2. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 33,60 sFr.
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Thema

„Dieses Buch handelt nicht vom Tod, sondern vom Sterben“ (S. 13). Diese Differenzierung wird damit begründet, dass Tod ein Zustand ist, über den individuell oder gemeinsam spekuliert werden kann, während es sich beim Sterben um einen Prozess handelt, „über den wir viel wissen“ (S. 14).

Bewegt durch eigene Lebenserfahrungen mit diesem stark ausgegrenzten und nicht leicht zu behandelnden Thema, aber auch mit Freude am Leben stellt der Autor die Thematik in ihrer Komplexität umfassend dar. Dabei führt er u.a. Gedanken über das Sterbenwollen aus und gibt Anregungen für betroffene Mitmenschen und professionelle HelferInnen. Um eine Sprache bemüht, die Professionelle wie auch interessierte Betroffene anspricht, zielt der Autor mit seinem Buch vor allem darauf ab, das Thema in die Alltäglichkeit zu holen.

Autor

Dr. René Reichel, MSc (geb. 1948) lebt und arbeitet als Psychotherapeut (Integrative Therapie), Supervisor und Coach in der Nähe von Wien. Er war langjährig Lehrgangsleiter für psychosoziale Beratung (MSc) am Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit der Donau-Universität Krems sowie Lehrtherapeut und Lehrsupervisor im Fachspezifikum Integrative Therapie. Nach seinem Studium der Politikwissenschaften und Publizistik widmet er sich der Kinder- und Jugendarbeit und lehrte über 20 Jahre in der Ausbildung von SozialarbeiterInnen.

René Reichel ist Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft für Gruppenberatung (AGB), Gestaltpädagogik (GPÖ) und der Österreichischen Vereinigung für Supervision (ÖVS) sowie Autor zahlreicher Bücher und Beiträge.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Teile mit insgesamt 80 Kapiteln gegliedert. Den Rahmen bilden eine Einleitung, ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im ersten Teil wirft René Reichel einen Blick auf das komplexe Thema „Über das Sterben“ aus kulturgeschichtlicher, gesellschaftlicher, christlicher, bio-psycho-sozial-ökologischer und bio-ethischer Sicht. Ausführlich beschreibt er eine von der österreichisch-amerikanischen Kulturhistorikerin Riane Eisler (1987/1993) entworfene Kulturgeschichte über Völker, deren Gedankengut und Kulte von der jeweiligen Perspektive auf den Anfang oder das Ende des Lebens geprägt sind. Darauf aufbauend entwickelt der Autor zwei Thesen, die sowohl vom Spannungsfeld zwischen dem „Wunder der Geburt“ und dem „Wunder des Sterbens“ (S. 22) handeln als auch von der Bedeutsamkeit, dass Geburt und Sterben integrativ zusammengehören. Dem Verständnis eines ko-existierenden (vgl. u.a. Buber, 1954/1984; Lévinas, 1961/1987; Petzold, 2003) Menschen entsprechend sind wir – am Anfang wie auch am Ende unserer Existenz – als Mitmenschen füreinander von Bedeutung. Reichel spricht sich ausdrücklich für eine „Integration des Sterbens in unser Leben“ (S. 29) aus, für „Mitdenken, Mitfühlen, Mitsprechen, Mithandeln“ (S. 31) statt Verdrängen, Ausgrenzen und Abspalten. Überlegungen zur „Kunst“ des Sterbens aus verschiedenen Perspektiven und eine Auseinandersetzung mit dem kontrovers diskutierten Thema der Sterbehilfe schließen den ersten Teil ab.

Im zweiten Teil geht es um eine differenzierte und umfassende Darstellung des Themas aus der Sicht betroffener Mitmenschen und professioneller HelferInnen. Ausgehend von der Feststellung, „Sterben betrifft uns alle mehr oder weniger“ (S. 63), wird in Form eines Fragebogens die Möglichkeit eröffnet, eigene Erfahrungen, Gedanken und Gefühle hierzu zu reflektieren: Wie gehen wir im Kontakt mit Sterben und Tod um? Was ist wichtig zu tun, was ist zu vermeiden? Dazu bietet der Autor zahlreiche Möglichkeiten einer eigenen Haltung zu diesem Thema an. Daraufhin befasst er sich mit den komplexen Gefühlen der Trauer, mit der Sinnhaftigkeit des Sterbens, dem sogenannten Kohärenzsinn als Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit nach Antonowsky (1987/1997) und dem Trost als Handlungsimpuls. Dabei wird bewusst zwischen Trösten und Trostarbeit (vgl. ursprünglich Petzold, 2003a) differenziert: „Das spontane Trösten, das als Beispringen, Hinwenden, Beruhigen, Trostspenden aufgrund des Aufforderungscharakters des Ausdrucksverhaltens von Schmerz, Verzweiflung, Trauer geschieht, ist von Trostarbeit als einem bewussten, kontinuierlichen Beistehen, einem Begleiten als einer längerfristigen Unterstützung bei Verarbeitungs- und Konsolidierungsprozessen zu unterscheiden“ (S. 84).

Sehr detailliert wird in diesem Abschnitt der Prozess des Sterbens selbst behandelt. Hier geht es um ein Nachdenken über das eigene Sterben, um die Begleitung im Sinne von Palliativ Care und Hospiz, um die Bedürfnisse der Betroffenen und die Anforderungen an die Versorgungsstrukturen, um das eigentliche Erleben der Sterbenden und darum, dass jeder Mensch das Recht auf „ein Sterben in Würde“ (S. 101) hat. Eingehend und berührend behandelt Reichel das Thema „Wenn ein Kind stirbt“ (S. 127) – vom Recht des Kindes auf den eigenen Tod über den plötzlichen Kindstod bis zur Frage, wie Familie, Kindergarten und Schule den Tod eines Kindes erleben. Dieser zweite – umfangreiche – Teil schließt mit Überlegungen zu Regelungen vor dem Sterben, wie Vorsorgevollmacht und PatientInnenverfügung, aber auch dazu, was nach dem Tod zu tun ist.

Der dritte Teil „Über das Sterbenwollen“ handelt vom Suizid, Selbstmord – oder doch Selbsttötung? Welcher Begriff beschreibt das Unfassbare? „Gesellschaftlich wird der Suizid noch stärker verdrängt als das Sterben allgemein“ (S. 165), konstatiert der Autor, ist er doch keine Krankheit, sondern wahrscheinlich Ausdruck großer Verzweiflung und des Gefühls von Sinnlosigkeit. René Reichel setzt sich zum Ziel, hier Komplexität in die Diskussion zu bringen. Unterschieden werden verschiedene Formen des Suizids und auch verschiedenartige Qualitäten des Schweigens als Reaktion. Das Totschweigen (S. 169) im Sinne einer Tabuisierung ist dabei wohl die mächtigste Form. Es ist ein schwer fassbares, komplexes und höchst kompliziertes Thema und selbst die diversen Betrachtungsweisen – historisch, philosophisch, sozialpsychologisch, medizinisch oder auch juristisch – lassen keine eindeutige Grenze erkennen zwischen Lebenwollen und Sterbenwollen. Vielleicht, so René Reichel, geht es eher darum, Lebenwollen und Sterbenwollen als Polaritäten auf der Achse eines Kontinuums zu betrachten statt eines Entweder-oder ein Sowohl-als-auch. Hier lädt der Autor zur Selbstreflexion ein und sich unter anderem zu fragen: „Wo stehe ich gerade?“ (S. 181).

Den vierten Teil „Anregungen für betroffene Mitmenschen und professionelle HelferInnen bei Suizidalität und Suizid(-versuch)“ beginnt René Reichel mit einem Fragebogen zur Selbstreflexion. Die anschließenden Kapitel beschäftigen sich mit möglichen Präventionsstrategien, Suizidforen, Erkennungsmerkmalen eines suizidgefährdeten Menschen und Anregungen zum Umgang mit ihnen bis hin zu Hilfen für Angehörige nach Suizid(versuch). Abschließend erörtert der Autor, wie ein Leben nach einem Suizidversuch weitergehen kann: „Auch hier ist mitmenschlich wie professionell zunächst die wichtigste Tatsache in den Vordergrund zu stellen: ‚Schön, dass du lebst!‘“(S. 230).

Der fünfte Teil handelt von Zuversicht und Verbundenheit. Worauf es im Leben ankommt, so der Autor, ist das Erleben von Eingebundensein, die Erfahrung der Zugehörigkeit und das Gefühl, „Sinn“ zu haben, zu machen, zu sein. „Dem Sterben entgegen steht der Lebenswille“ (S. 235). Verbunden sein mit sich, mit anderen, mit der Natur, mit allem ist Basis unseres Seins, unserer Lebendigkeit und unseres Wollens. Es geht um eine Zuversicht im Sinne der Offenheit für das, was kommt, für Überraschungen und das Unvorstellbare (vgl. auch Steindl-Rast, 2015) im Hier und Jetzt. Diese Gefühle sind in Zeiten und Gesellschaften, die vor allem darauf abzielen, „alles im Griff und alles unter Kontrolle zu haben“ (S. 236), gefährdet, und leicht machen sich Gefühle der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und Verlorenheit breit. Mit Gedanken über ein Leben in und mit Gegensätzen und der Betonung auf eine Integration von Lebenswille und Sterbenwollen schließt der Autor.

Diskussion und Fazit

Vom Sterben oder gar vom Sterbenwollen zu reden oder zu schreiben, ist nicht gewöhnlich. Vielmehr werden diese Ereignisse und Themen im alltäglichen Leben meist verdrängt, ausgegrenzt und tabuisiert. René Reichel ist ein Werk gelungen, das für Interessierte sowie Betroffene und Angehörige wie auch für Professionelle dieses Thema verständlich, anschaulich und in vielen Details beleuchtet. In zahlreichen Facetten und aus verschiedenen Blickwinkeln nähert er sich umfassend der Thematik. Das Buch lädt nicht nur ein zum durchgängigen Lesen, sondern es eignet sich aufgrund seiner klaren Gliederung und des Stichwortverzeichnisses auch als Nachschlagwerk. Es ist erkennbar, wie sehr dem Autor das Thema am Herzen liegt, und seine anfangs geäußerte Motivation, dieses in die Nähe der Alltäglichkeit zu rücken und dennoch fachlich zu durchsetzen, hat er hervorragend umgesetzt. Der Überzeugung des Autors, dass es einer Integration von Lebenswille und dem Prozess des Sterbens bedarf, liegt das Menschenbild des ko-exisiterenden Menschen in einem Kontinuum zugrunde, das die Hintergrundfolie zum gesamten Buch bildet. Seine Ausführungen unterlegt René Reichel mit zahlreichen Literaturbezügen und Zitaten, die Vertiefungen ermöglichen.

Proportional könnte man den Teil rund um die Suizidalität als etwas zu umfangreich empfinden. Das Thema der transgenerationalen Weitergabe dagegen wird nur recht kurz angerissen, es hat auch weniger mit dem Prozess des Sterbens und dem Tod selbst zu tun. Dennoch könnte man sich zu diesem Aspekt eventuell mehr an Inhalt wünschen.

Als Fazit lässt sich jedoch in jedem Falle festhalten: Dies ist ein außerordentlich hilfreiches Buch zu einem sehr wichtigen Thema – und ansprechend wie fachlich versiert aufbereitet!

Literatur

  • Antonovsky, Aaron (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit (Reihe: Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, Bd. 36). Tübingen: DGVT (englisches Original erschienen 1987).
  • Buber, Martin (1984). Das dialogische Prinzip (5., durchges. Aufl.). Heidelberg: Lambert Schneider (Originale erschienen 1923-1954).
  • Eisler, Riane (1993). Kelch und Schwert. Von der Herrschaft zur Partnerschaft. Weibliches und männliches Prinzip in der Geschichte. München: Goldmann (englisches Original erschienen 1987).
  • Lévinas, Emmanuel (1987). Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. Freiburg: Alber (französisches Original erschienen 1961).
  • Petzold, Hilarion G. (2003). Integrative Therapie. Modelle, Theorien & Methoden einer schulenübergreifenden Psychotherapie. 3 Bände (Reihe: Integrative Therapie – Schriften zu Theorie, Methodik und Praxis, Bd. 2; 2., überarb. u. erw. Aufl.). Paderborn: Junfermann.
  • Steindl-Rast, David (2015). Fünf Schritte wie du zu deiner Berufung findest. Verfügbar unter: https://gratefulness.org/ [13.11.2018].

Rezensentin
Cornelia Cubasch-König
MSc
Homepage www.cubasch.com
E-Mail Mailformular

Rezensentin
Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner
Homepage www.gahleitner.net
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Zitiervorschlag
Cornelia Cubasch-König/Silke Birgitta Gahleitner. Rezension vom 27.11.2018 zu: René Reichel: Vom Sinn des Sterbens. Gedanken und Anregungen für den Umgang mit Sterben und mit Sterbenwollen. Facultas Verlag (Wien) 2018. ISBN 978-3-7089-1543-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24497.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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