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Wendell Berry: Die Erde unter den Füßen (Kultur und Agrikultur)

Cover Wendell Berry: Die Erde unter den Füßen. Essays zu Kultur und Agrikultur. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2018. 180 Seiten. ISBN 978-3-7795-0602-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Skepsis ist angebracht – Hoffnung erlaubt

Die Kybernetiker und Konstruktivisten haben darauf hingewiesen, dass Wahrheit die Erfindung eines Lügners und es angebracht sei, den verkündeten, ideologisierten Behauptungen und Entwürfen zu misstrauen (Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker,2011, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php). Es ist notwendig, sowohl die hochgestapelten Versprechungen zu hinterfragen, dass das im Menschen angelegte Gute sich durchsetzt, wie gleichzeitig die Hoffnung nicht fahren zu lassen, dass es gelingen könne, die Menschheit davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt sein wollen (Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen, Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 – 373 ). Es geht um die Herausforderung, im individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben der Menschen zu einem Paradigmenwechsel zu kommen, wie ihn z.B. die von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) als Appell formulierte: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweiterte Ausgabe 1997, S. 18).

Entstehungshintergrund und Autor

Der homo metaphysicus steht mit seinen zwei Beinen auf dem Lebensgrund, der ihn als homo oecologicus trägt, ernährt, körperlich und geistig befähigt. Schauen wir uns an, wie sich der anthrôpos auf dieser Erde bewegt, was er bewirkt, verändert und zerstört, lässt sich nicht immer der Eindruck bestätigen, er erkenne sich als homo naturalis, also abhängig von der Natur, wovon z.B. der Häuptling Sealth von den Suquamish-Indianern überzeugt war, als er vor mehr als einem Jahrhundert die Siedler, die von seinem Stammland Grundstücke kaufen wollte: „Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde“. Es gilt, den Blick auf die Menschen zu richten, die sich seit Jahrzehnten darum bemühen, ökologische und nachhaltige Aspekte des Lebens in das Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Der US-amerikanische Umwelttheoretiker, Schriftsteller und Farmer Wendell Berry mahnt seit Jahrzehnten, dass die Auswüchse der industrialisierten Landwirtschaft und der globalen ökonomischen Wachstumsideologie Kulturlandschaften vernichtet, ökologische Lebensräume der Menschen zerstört und damit verhindert, allen Menschen auf der Erde zu einem guten, gelingenden Leben zu verhelfen. Der nunmehr 84jährige Umweltaktivist fasst den Ertrag seines wissenschaftlichen und lebensweltlichen Engagements in insgesamt 13 Essays zusammen. Er geht dabei überwiegend von den Entwicklungen in den USA aus und spannt den Bogen hin zu den kontinentalen, interkontinentalen und globalen Auswirkungen. Weil der kapitalistische, neoliberale US-amerikanische Weg eines „Immer-weiter-immer-Mehr“ als Treibriemen für die globale Entwicklung wirkt, sind die im Essayband abgedruckten, aus anderen Veröffentlichungen zusammengefassten Beiträge, auch Blaupausen für ein Umweltdenken anderswo, z.B. auch bei uns!

Aufbau und Inhalt

Die Überschriften der einzelnen Texte verweisen auf die inhaltlichen Argumentationen und Appelle:

  • In kleineren Maßstäben denken.
  • Weniger Energie, dafür mehr Leben.
  • Die Zukunft der Landwirtschaft.
  • Quantität vs. Form.
  • Der landwirtschaftliche Standard,
  • Notizbucheinträge.
  • Der Weg des Nichtwissens.
  • Lokales Wissen im Informationszeitalter.
  • Zwölf Überlegungen zum Thema Biotechnologie.
  • Die totale Ökonomie.
  • Die Kette der Gewalt.
  • Gedanken im Klima der Angst.
  • Ein Mann vom Land.

Es sind Argumente, Pro und Contras und Beispiele über das ökonomische Denken und Handeln von Menschen. Es sind Fingerzeige und Begründungen, warum die Menschen als Individuen und Menschheit den Perspektivenwechsel nötig haben, um human leben und überleben zu können.. Es geht um Ressourcennutzung, Energieverbrauch, Technik- und Konsumverantwortung. Die Frage – „Darf der Mensch alles tun, was er kann oder zu können glaubt?“ – beantwortet der Autor nicht mit heroischen Vorschlägen: „Angesichts des Zerstörungspotenzials der heutigen Technik kann ein Heroismus sogar bewirken, dass Menschen oder ihr konkretes Umfeld Schaden nehmen, weil sie schlicht übersehen werden“. Es hilft nichts, die Schuld an einer falschen und irreparablen Umweltentwicklung bei „den anderen“ zu suchen; vielmehr kommt es darauf an sich bewusst zu machen, dass jeder Mensch an seiner Stelle und mit seinen Möglichkeiten die Verantwortung für ein gutes, menschenwürdiges Leben für alle mit sich trägt, und damit aufgefordert ist, selbst lebens- und umweltbewusst tätig zu werden.

In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt gilt es, die „Grenzen des Wachstums“ zu erkennen; und zwar im wirtschaftlichen Denken und Handeln auf allen Gebieten des menschlichen Lebens. Es ist die Industrialisierung in der Landwirtschaft, die von der Ausbeutung des Bodens, der Viehzucht, bis hin zu Genmanipulationen der Nahrungsmittel reichen, die den Autor zum Vorwurf bringt: „Wir (haben) das Denken systematisch entleibt – verkopft, puritanisiert – uns der physischen Basis eines Mitgefühls beraubt ( ), das früher einmal ein Band des Wohlwollens zwischen uns selbst, unseren Landschaften und ihren menschlichen und nicht-menschlichen Bewohnern gewirkt hat“. Die Vorwürfe prasseln wie faustgroße Hagelkörner nieder. Sie bewirken bei jedem, der sich ein humanes Gewissen bewahrt hat, Nachdenklichkeiten. Da werden wir zurückgeworfen auf die allgemeingültigen, heute aktueller denn je veranlassten, kantischen Fragen: „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“. Die Antworten können und dürfen nicht Resignation sein: „Da kann man sowieso nichts machen!“. Es dürfen auch nicht (weiterhin) das „business as usual“ und das „anything goes“ sein: vielmehr kommt es darauf an, den Entwicklung entgegen zu treten, wie sie von der „totalen Ökonomie“ propagiert, simuliert und erzwungen werden. Es geht nicht darum, die Ökonomie abzuschaffen; vielmehr kommt es darauf an, der gierigen, kapitalistischen und menschenschädigenden Ökonomie Formen von pluralistischen, lokalen und regionalen Wirtschaftens entgegen zu stellen.

Da passt gut, sich darauf zu besinnen, dass die Gemeingüter – Boden, Wasser, Luft – keine Kauf- oder Verkaufsargumente vertragen, sondern, wie dies die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, Elenor Ostrom, 2009 bewies, dass Teilen und solidarisch Handeln Mehrwert bedeuten (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).. Und es verweist auf die hoffnungsvollen und optimistischen Erwartungshaltungen, die den kritischen Texten von Wendell Berry zugrunde liegen; hoffnungsvoll auch deshalb, weil die zunehmende Kapitalismuskritik Anlass gibt, dass der Zwiespalt zwischen Öko-Ethik und Ökonomik sich (längerfristig) zugunsten eines ökologischen, nachhaltigen, lokalen und globalen Denkens und Handelns auflösen könnte (vgl. dazu z.B. auch: Hans Lenk, Human zwischen Öko-Ethik und Ökonomik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23859.php).

Fazit

Die Sammlung von ausgewählten Texten zu „Kultur und Agrikultur“ kann man als ein Vermächtnis eines Jahrzehnte langen Umweltengagements von Wendell Berry lesen. Es sind Gedankensplitter, Anregungen zum Selbstdenken und Anlässe zum Nachdenken darüber, wie wir mit der Erde unter unseren Füßen umgehen. Die Texte eignen sich ausgezeichnet als Alltagslektüre, und auch als Diskussionsmaterialien in der schulischen und außerschulischen Umweltbildung.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.09.2018 zu: Wendell Berry: Die Erde unter den Füßen. Essays zu Kultur und Agrikultur. Peter Hammer Verlag (Wuppertal) 2018. ISBN 978-3-7795-0602-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24498.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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