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Helmut E. Becker (Hrsg.): Das Sozialwirt­schaftliche Sechseck

Cover Helmut E. Becker (Hrsg.): Das Sozialwirtschaftliche Sechseck. Soziale Organisationen zwischen Ökonomie und Sozialem. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 2., überarbeitete u. aktualisierte Auflage. 305 Seiten. ISBN 978-3-658-14996-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Die vorliegende Veröffentlichung entwickelt Grundsätze und Prinzipien, mit dem Anliegen Gegensätze zwischen Ökonomie und Sozialem in Sozialwirtschaftlichen Organisationen (SWO) zu überbrücken. Dafür werden Grundbegriffe, Denk- und Handlungsweisen aus unterschiedlichen Disziplinen vorgestellt und in Form eines Sechsecks miteinander verknüpft: die Sachzielorientierung, die wirtschaftliche Orientierung, die ethische Orientierung, die rechtliche Orientierung, die Kundenorientierung und die Mitarbeiterorientierung.

AutorInnen

Das Lehrbuch umfasst Beiträge von acht Autorinnen und Autoren, die haupt- oder nebenamtlich an der DHBW VS im Studiengang Sozialwirtschaft lehren. Der Herausgeber Helmut E. Becker, Diplom-Verwaltungswissenschaftler und Diplom-Sozialpädagoge (BA) war in leitender Funktion in der Öffentlichen Sozialverwaltung tätig und von 1998 bis 2016 als Professor und Leiter des Studiengangs Sozialwirtschaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen (DHBW VS) tätig.

Entstehungshintergrund

Die Publikation entstand aus dem Studiengang Sozialwirtschaft der DHBW VS, um Mitarbeiter*innen in sozialwirtschaftlichen Organisationen zu innovativem und integrierenden Denken aus verschiedenen Disziplinen anzuregen. Es richtet sich insbesondere an Fachkräfte der Sozialwirtschaft, aber auch an Studierende und Lehrende in einschlägigen Studiengängen der Sozialberufe.

Aufbau

Der Sammelband untergliedert sich in neun Hauptkapitel.

Die ersten beiden Kapitel dienen der Definition der Grundbegriffe sowie der Einführung in die Grundlagen des Sozialwirtschaftlichen Sechsecks mit den sechs Polen Sachzielorientierung, wirtschaftliche Orientierung, ethische Orientierung, rechtliche Orientierung, Kundenorientierung und Mitarbeiterorientierung.

Kapitel 3 bis 8 widmen sich jeweils im Rahmen einer Vertiefung einem einzelnen Pol des Sechsecks und in Kapitel 9 wird interdisziplinäres Denken und Handeln aus den sechs Perspektiven heraus an einem Fallbeispiel veranschaulicht.

Inhalte

In Kapitel 1 führt Helmut E. Becker in das Spannungsfeld zwischen sozialarbeiterischem und wirtschaftlichem Handeln ein und erläutert neben weiteren Fachbegriffen die institutionelle und funktionalistische Definition von Sozialwirtschaft.

In Kapitel 2, das aus sechs Unterkapiteln besteht, erläutert Helmut E. Becker die Grundzüge des Sozialwirtschaftlichen Sechsecks:

  1. Das erste Unterkapitel thematisiert die herausragende Bedeutung von Sachzielen als „Seele und Motor“ für SWO und zeigt praktisch auf, wie sich Sachziele entwickeln, formulieren und operationalisieren lassen.
  2. Bei der Wirtschaftsorientierung steht die Frage „Was ist eine wirtschaftliche Soziale Arbeit?“ im Vordergrund. Es gelingt dem Autor, Denkweise und Vokabular der Ökonomie mit der Sozialen Arbeit „auf Augenhöhe“ zusammen zu bringen. Wirtschaftlichkeit bedeutet danach, die Produktion sozialer Dienstleistungen so durchzuführen, dass die Ziele sowohl mit begrenzt vorhandenen Ressourcen (Effizienz) als auch im sozialarbeiterischen Sinne (Effektivität) bestmöglich erreicht werden. Der Autor plädiert für eine Erfolgsmessung der Sozialen Arbeit anhand von inhaltlichen Kennzahlen und Indikatoren, auch wenn sich aufgrund des Technologiedefizits oftmals keine lineare Beziehung zwischen Input und Outcome herstellen lässt.
  3. Das Unterkapitel thematisiert die Bedeutung und Notwendigkeit einer handlungsorientierten Ethik, die Fachkräften in der Sozialwirtschaft Entscheidungshilfen bietet und damit die Wirtschaftsorientierung in ihre Schranken verweist. Es wird aufgezeigt, wie in der Ausbildung auf der Basis der Berufsethik der Sozialen Arbeit, eine ethische Haltung dialogisch und reflexiv entwickelt werden kann.
  4. Das Unterkapitel der Rechtlichen Orientierung gibt eine Einführung in die Rechtsanwendung sozialwirtschaftlicher Organisationen und macht deutlich, dass die Anwendung von Recht im Bereich der Sozialen Arbeit nicht nur ein juristischer sondern auch ein pädagogischer Vorgang ist. In diesem Kontext verweist der Autor auf Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten des Rechts, die erlauben die Besonderheiten des Einzelfalls mit sozialarbeiterischen Methoden zu erfassen und diese bewusst in einen juristisch-normativen Entscheidungsprozess einzubringen.
  5. Im Unterkapitel Kundenorientierung wird der Begriff des Kunden als Leistungsberechtigter, der im sozialrechtlichen Dreieck die schwächste Position einnimmt, kritisch diskutiert und vom souveränen Konsumenten in der Marktwirtschaft abgegrenzt. In Erweiterung dazu führt der Autor den Begriff der Stakeholder ein, der alle Anspruchsgruppen einer sozialwirtschaftlichen Organisation umfasst. Dadurch werden organisationale Zielkonflikte zwischen den Mandaten Klientenorientierung und Auftraggeberorientierung sichtbar. Mit dem dritten Mandat für Sozialwirte, so der Autor, können Gestaltungsspielräume zur Profilbildung der SWO realisiert werden, z.B. durch Fundraising oder Lobbyarbeit, um Sachziele im Sinne der Leistungsberechtigten zu realisieren.
  6. Das Unterkapitel betont die Bedeutung der Mitarbeiterorientierung für eine gelingende Leistungserstellung. Vorgestellt werden klassische Instrumente des Personalmanagements wie die Rolle der Mitarbeiterführung, Mitarbeiterbeteiligung, Mitarbeiterbedürfnisse und Grundsätze, nach denen Führungsverhalten entwickelt werden sollte.

Bernd Sommer beschäftigt sich in Kapitel 3 mit dem sozialpädagogischen Handeln zur Erfüllung der Sachziele und stellt ausgewählte Orientierungshilfen für Fragen und Probleme des beruflichen Alltags von Sozialpädagogen vor. Nach einer Einführung in die Grundbegriffe Didaktik und Lernen geht der Autor auf die dafür notwendigen Kompetenzen ein. Es folgt die Erläuterung der Grundformen des methodischen Handelns wie Lehren, Animieren, Fördern und Beraten sowie die Darstellung ausgewählter Modelle, Grundsätze und Prinzipien der Fallarbeit.

Michael Hauser geht im Kapitel 4 der Frage nach, wie SWO in einer durch Knappheit, Komplexität und Dynamik geprägten Umwelt ihre Sachziele erfüllen können. Er definiert zentrale Grundbegriffe der Ökonomie und Organisationsforschung und macht deutlich, dass ökonomische Modelle und heuristische Vorgehensweisen schnell an ihre Grenzen stoßen und deshalb für planbares wirtschaftliches Handeln nur bedingt geeignet sind. Der Fokus im zweiten Teil des Beitrags liegt auf der strategischen Steuerung von SWO. Dabei unterscheidet der Autor zwischen intendierten (rational geplanten) Strategien und emergenten (ungeplanten, spontanen) Strategien. Mit der Szenario- Analyse stellt er eine Methode vor, um mit Best- und Worst-Case-Annahmen sowohl geplante als auch ungeplante Ereignisse im Vorfeld zu antizipieren.

Gisela Haas befasst sich in Kapitel 5 mit Fragen der Ethik in der Sozialwirtschaft. Dabei unterscheidet sie zwischen einer teleologischen (zweckgerichteten) Ethik als Grundsatz des wirtschaftlichen Handelns und einer Ethik der Humanität und sozialen Gerechtigkeit, basierend auf den Prinzipien des sozialarbeiterischen Handelns. Sie thematisiert die Widersprüchlichkeiten der verschiedenen Ethiken und Wertesysteme, die sich im Organisationsalltag ergeben. Der Beitrag endet mit dem Vorschlag, die ethische Orientierung als praktischen Diskurs in der Organisation zu verankern, an dem Kunden und Stakeholder beteiligt werden sollten.

In Kapitel 6 zeigt Markus Schnoor wie abstrakt formulierte Rechtsnormen in der Praxis auf den konkreten Einzelfall angewendet werden können: Schritt für Schritt wird erklärt, wie sich Fachkräfte der Sozialwirtschaft rechtliche Orientierung durch die Brille des Juristen verschaffen können. Es folgen Ausführungen zum Aufbau der Rechtsordnung, zur Struktur und Aufbau von Rechtsnormen sowie eine Einführung in die Methodik der Fallbearbeitung, durch Erfassen des Sachverhalts, Klärung der Fallfrage, Auffinden der Rechtsgrundlage und Anwendung von Rechtsnormen.

Steffen Arnold stellt in Kapitel 7 verschiedene Ansätze zur Umsetzung kundenfreundlicher Strategien vor, die aus seiner Sicht in vielen SWO immer noch zu wenig Beachtung finden. Neben einer allgemeinen Einführung zur Kundenorientierung arbeitet er die Besonderheiten des Kunden in der Sozialwirtschaft heraus. Im zweiten Teil des Beitrags beschreibt der Autor Instrumente zur Verbesserung der Kundenorientierung wie Beschwerde- und Qualitätsmanagement und gibt Einblicke, wie ein kundenfreundlicher Umgang durch Managementhandeln gefördert und durch Struktur- und Organisationskulturgestaltung verankert werden kann.

In Kapitel 8 setzen sich Ulrike Bossmann und Lisa Degen mit der Mitarbeiterorientierung in SWO auseinander und beschäftigen sich mit betrieblichen Maßnahmen, die den Erhalt der Arbeitsfähigkeit beeinflussen: dazu gehören gesundheitserhaltende und -fördernde Maßnahmen, die Förderung von Qualifikation und Kompetenzentwicklung, z.B. durch lebensgerechte Personalentwicklung, die Verstärkung intrinsischer Motivation und mitarbeiterorientierte Führung.

Am Fallbeispiel eines Fallmanagers im Jobcenter, der einen Klienten mit multiplen Problemlagen betreut, illustriert Helmut E. Becker in Kapitel 9 anschaulich, wie die sechs Perspektiven des Sozialwirtschaftlichen Sechsecks in der Einzelfallarbeit interdisziplinär zusammenwirken.

Diskussion

Das Buch bietet eine Einführung in sozialwirtschaftliches Denken und eignet sich für Leser*innen ohne wirtschaftliche oder rechtliche Vorkenntnisse. Alle Grundbegriffe, Grundprinzipien und Modelle werden verständlich definiert und anschaulich erläutert. Positiv hervorzuheben ist die Konkretisierung durch zahlreiche kleinere Praxisbeispiele, z.B. wie der Erfolg einer Eheberatungsstelle gemessen werden kann oder welche ethischen Fragen in einer Beratungssituation auftreten, wenn die Klientin mit Migrationshintergrund im Konflikt zwischen traditionellen und modernen Werten steht. Das abschließende Fallbeispiel bringt das Zusammenspiel der sechs Orientierungen und daraus entstehende Zielkonflikte sehr gut auf den Punkt, allerdings wurde mit dem Jobcenter keine Organisation der Sozialen Arbeit gewählt.

Die gleichzeitige Verwendung arabischer und römischer Kapitelnummerierungen lässt die Struktur des Buches zunächst etwas unübersichtlich wirken. Hier wäre eine tiefere Gliederungsebene hilfreicher gewesen. Auch gibt es manchmal Überschneidungen zwischen dem jeweiligen Grundlagenkapitel und dem weiterführenden Beitrag, z.B. die Besonderheiten des Kunden in der Sozialwirtschaft (S. 80 f. und S. 220 f.), die sich jedoch nicht störend auf den Lesefluss auswirken.

Fazit

„Das Sozialwirtschaftliche Sechseck“ ist eine gut verständliche Einführung in ökonomische, sozialpädagogische, ethische und rechtliche Grundlagen. Besonders gelungen ist die integrierende Perspektive der sechs Pole, die in den einzelnen Kapiteln anschaulich miteinander in Beziehung gesetzt werden. Angehende Fach- und Führungskräfte in SWO erhalten damit wertvolle Anregungen und praktisches Handwerkszeug, um soziale Dienstleistungen zwischen konfligierenden Anforderungen zu erbringen.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Susanne A. Dreas
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Zitiervorschlag
Susanne A. Dreas. Rezension vom 22.10.2018 zu: Helmut E. Becker (Hrsg.): Das Sozialwirtschaftliche Sechseck. Soziale Organisationen zwischen Ökonomie und Sozialem. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 2., überarbeitete u. aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-658-14996-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24499.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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