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Beate Blank, Süleyman Gögercin u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Migrations­gesellschaft

Cover Beate Blank, Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer, Barbara Schramkowski (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Grundlagen – Konzepte – Handlungsfelder. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 815 Seiten. ISBN 978-3-658-19539-7. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Thema

In der Einführung formulieren die Herausgeber_innen Anliegen und Thema des Bandes. Es sollen wissenschaftliche Erkenntnisse gebündelt, das aktuell verfügbare Konzept- und Handlungswissen für eine problembewusste und engagierte Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft erschlossen und erweitert sowie der aktuelle Diskussionsstand aufgezeigt und überdies Anstöße für weiterführende Diskussionen geliefert werden. Dazu werden aktuelle Diskurse zu folgenden Themen aufgegriffen und in den Blick der Sozialen Arbeit genommen (S. 1):

  • Migration,
  • Diversität,
  • Interkulturalität,
  • Intersektionalität,
  • Transnationalität,
  • Integration und
  • Rassismus.

Das Thema ist außerdem von erheblicher politischer Brisanz für nationalstaatliche Gesellschaften. Flucht, Asyl und Migration allgemein in Gestalt ihrer verschiedenen Ausformungen sind erhebliche Herausforderungen, nicht nur in Einzelländern, sondern auch zwischen Ländern. Der vorliegende Band „plädiert für eine inklusive Betrachtungsweise von Migration im Kontext eines zunehmend global geführten Menschenrechts- und Teilhabediskurses“ (S. 2).

Herausgeber_innen

Die Herausber_innen Beate Blank, Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer und Barbara Schramkowski arbeiten im Studienbereich Sozialwesen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen.

Entstehungshintergrund

Den Entstehungshintergrund für den vorliegenden Band bietet der von den Herausgeber_innen konzipierte und seit 2016 an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg berufsbegleitend durchgeführte Masterstudiengang „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“. Ursprünglich ist der Band als Lehrbuch für Studierende und Dozierende gedacht gewesen, ist jedoch nicht zuletzt wegen seiner thematischen Breite und Aktualität als Grundlagenbuch auch für Praktiker_innen und andere Interessierte konzipiert worden.

Die Herausgber_innen heben hervor, es gebe zahlreiche und vielfältige Publikationen zu einer migrationsbezogenen Sozialen Arbeit, sie hätten jedoch entweder „einschränkende Schwerpunkte“ (z.B. zur Jugendarbeit, Arbeit mit Geflüchteten) oder seien Lehrbücher. Es fänden sich jedoch kaum Beiträge, die sich mit Praxisfeldern der Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft befassten. Außerdem seien die entsprechenden Bände z.T. bereits älter als zehn Jahre und würden Themen wie Intersektionalität und soziale Ungleichheit nicht aufgreifen.

Aufbau

Der Band enthält Beiträge zu historischen, gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Grundlagen. Es werden unterschiedliche theoretische Sichtweisen, Handlungstheorien, Konzepte, Methoden und Handlungsfelder entwickelt bzw. vorgestellt. Ferner werden konkret Träger und Institutionen migrationsbezogener Sozialer Arbeit betrachtet und Strategien zur Entwicklung von Organisationen diskutiert.

Der Band – ein „dickes Brikett“ von 815 Seiten – umfasst 65 Beiträge und gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Kapitel 1 befasst sich mit historischen und gesellschaftlichen Grundlagen,
  2. Kapitel 2 mit politischen und rechtlichen Grundlagen,
  3. Kapitel 3 mit theoretischen Positionen und Konzepten,
  4. Kapitel 4 mit Handlungstheorien, Konzepten und Methoden,
  5. Kapitel 5 mit Handlungsfeldern und Zielgruppen mit der Unterteilung in
    • 5.1 zu Migration als integratives Handlungsfeld,
    • 5.2 in Handlungsfeld Bildung,
    • 5.3 in Handlungsfeld Flucht,
    • 5.4 in Handlungsfeld Gesundheit, Alter und Pflege und
    • 5.5 in Handlungsfeld Sozialraum und Bürgerschaftliches Engagement
  6. Kapitel 6 in Träger und Institutionen der migrationsbezogenen Sozialen Arbeit.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Kapitel 1

Im ersten Kapitel werden historische und gesellschaftliche Facetten von Migration im Hinblick auf Aufgabenstellungen Sozialer Arbeit erörtert. In seinem Beitrag zeigt Alexander Th. Carey auf dem Hintergrund historischer Entwicklungen die Veränderungen von Migrationsformen bis hin zur Existenz-Migration. Ihre Ursache resultiert aus innergesellschaftlichen Kriegen, aus dem Anstieg der Weltbevölkerung und einem Klimawandel.

Themenfeld einer migrationsbezogenen Sozialen Arbeit nach Süleyman Gögercin sind Konzepte und Methoden, die sich mit sozialen Problemen aufgrund grenzüberschreitender Migration wie auch Diversität, Interkulturalität, Integration und Rassismus auseinandersetzen. Dabei werden vom Autor die Etappen der Entwicklung in der Nachkriegszeit skizziert.

Mit der Problematik des Ausdrucks Migrationshintergrund und die Auswirkungen auf professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit setzt sich der Artikel von Barbara Schramkowski auseinander. Dabei stellt die Autorin fest, dass der Ausdruck Migrationshintergrund oftmals nicht in einem rein deskriptiv-analytischen Sinn Verwendung findet (S. 45), sondern mit ihm bewertende Pauschalzuschreibungen verknüpft seien.

Im Mittelpunkt des Beitrags von Erol Yildiz stehen postmigrantische Lebenspraxen. Gemeint sind damit junge Menschen, die in Deutschland und Österreich aufgewachsen sind und in die Türkei, dem Geburtsland ihrer Eltern bzw. Großeltern, ausgewandert sind. Diese Gruppe entwickelt neue Formen an Lebensstrategien und eröffnet für die Soziale Arbeit neue Aufgaben.

Zu Kapitel 2

Im zweiten Kapitel werden Migrationspolitiken im Zusammenhang mit Menschenrechten und Fragen zur Integration in den Blick genommen.

Das zweite Kapitel beginnt mit einem Artikel von Hannes Schammann, der fünf Grundprobleme der Migrationspolitik betrachtet, u.a. Migrationspolitik als Mehrebenenpolitik. Die Ebenen reichen von den Kommunen, den Bundesländern, dem Bund, über die EU bis zu internationalen Flüchtlingsregimes (S. 77).

Um Menschenrechte und Internationale Soziale Arbeit in transnationalen Gesellschaften geht es Simon Goebel. Er zeigt, dass sich die Lebenswirklichkeiten von Menschen durch Globalisierung und Migration transnationalisiert haben. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus die Notwendigkeit, sich über den Nationalstaat hinauszubewegen, nicht zuletzt auch wegen ihres universellen menschenrechtlichen Anspruchs. Zur Einrichtung entsprechender internationaler Ordnung und damit nationaler rechtlicher Abkopplungen bedürfte es vielfältiger Anstrengungen.

Was (ver-)bietet das deutsche Antidiskriminierungsgesetz? fragt Susanne Dern. Die Autorin stellt wichtige Vorschriften zum Verfassungs-, Sozial-, Arbeits- und Zivilrecht im Grundsatz und am Beispiel dar.

Daniela Evrim Öndül erstellt eine Einführung in die Grundprinzipien des deutschen Ausländer- und Asylrechts. Dabei skizziert die Autorin Zugänge zum Arbeitsmarkt und die Voraussetzungen zum Bezug von Sozialleistungen.

Entsprechend stellt Marei Pelzer das europäische Asylrecht vor. Es wird nach dem Verhältnis von europäischem und nationalem Recht gefragt und ein Einblick in die Dublinverordnungen, die Zuständigkeitsregelungen, gegeben.

Einen Ausschnitt aus dem Asyl- und Aufenthaltsrecht, die Grundlagen des Asylverfahrens, thematisiert Maximilian Pichl. Sichtbar macht der Verfasser Prinzipien, Grundlagen und Ablauf des Asylverfahrens und dabei auch die Besonderheiten des Zugangs zum Arbeitsmarkt.

Es folgt die Darstellung des Integrationsgesetzes durch Matthias Meißner, der verdeutlicht, dass aus menschenrechtlicher, sozialer und wirtschaftlicher Sicht erhebliche Verbesserungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen nötig sind.

Im letzten Beitrag des zweiten Kapitels thematisiert Dorothea Frings Wohnungslosenhilfe für Migrant_innen, die die Autorin im Spannungsfeld von Teilhabe und Ausgrenzung sieht. Nicht zuletzt aufgrund schwer durchschaubarer Zuständigkeiten sind die Zugangshürden zur Überwindung von Wohnungslosigkeit hoch.

Zu Kapitel 3

Das dritte Kapitel liefert in vierzehn Beiträgen analytisch-begriffliche Einführungen in Theoriediskurse und Konzepte relevanter Themen.

Es beginnt mit einem Beitrag von Süleyman Gögercin zu verschiedenen sozialwissenschaftlichen Integrationskonzepten. Integration ist ein Streitthema, nicht nur in der Politik, auch in den Sozialwissenschaften. So wird Integration im Sozial- und Systemkontext oder aber als Assimilation gesehen. In den Sozialwissenschaften gibt es handlungstheoretische Konzepte, die Integration kulturell, sozial, identifikatorisch und auch subjektiv verstehen.

Vielfalt, Differenz und interkulturelle Kompetenz werden von Ute Koch im Zusammenhang mit Zugängen des sozialpädagogischen Diskurses in der Migrationsgesellschaft gesehen. Dabei geht die Autorin neben anderem auf die von Franz Hamburger entwickelte reflexive Interkulturalität ein.

Wenn transnationale Perspektiven in Sozialer Arbeit reflektiert werden, dann geht es um die Erörterung länderübergreifender Entwicklung und um die Transmigration. Transnationalität in der Sozialen Arbeit sei immer auch verknüpft mit selbstreflexiver Kritik von hegemonialen Deutungsmustern und Interventionsformen, so die Autorin Nausikaa Schirilla.

Bevor „die wichtigsten Elemente und Besonderheiten einer diversitätsbewussten Perspektive für die Soziale Arbeit herausgearbeitet“ (S. 209) werden, spricht Rudolf Leiprecht migrationsbezogene Othering-Prozesse an. Im Kontext von Diversität/Diversity spielen empirische Ergebnisse zu Differenzlinien im Zusammenspiel mit dem Analyseinstrument der Intersektionalität eine zentrale Rolle.

Auf Intersektionalität geht im Anschluss Christine Riegel ein, indem sie das „kritische Analyse- und Reflexionspotenzial für die soziale und pädagogische Praxis in der Migrationsgesellschaft“ (S. 221) verdeutlicht. Überdies geht es auch um Anregungen für eine Reflexion sozialpädagogischer Praxis, indem die Möglichkeit der Dekonstruktion selbstverständlicher Differenz- und Normalitätsordnungen sichtbar gemacht werden.

In seinem Beitrag setzt sich Christoph Schneider mit den Begriffen Fremde, Fremdheit und Entfremdung auseinander. Deutlich wird herausgestellt, dass weniger das Fremde selbst, sondern die Relationalität von Fremdem und Eigenem Ambivalenzen hervorruft.

Andreas Polutta thematisiert sozialpädagogische Fachlichkeit und Professionalität Sozialer Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Migration und Flucht sind Querschnittsthemen im Sozial-, Gesundheits- und Sozialwesen. Sozialer Arbeit fallen Aufgaben zur Integration, Krisenbewältigung und auch Sozialbürokratie zu. Zudem haben sich neben der Sozialen Arbeit nichtprofessionelle Akteure wie lokale Initiativen entwickelt, die neue Impulse für die professionelle Weiterentwicklung Sozialer Arbeit schaffen können.

Die Professionsethik Sozialer Arbeit in der Migrationsgesellschaft nimmt Rene Gründer in den Blick, indem er die Dimensionen sozialer Anerkennung unter dem Aspekt neuer Grenzziehungen der Solidargemeinschaft, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Teilhabe reflektiert. Abschließend geht es um Soziale Arbeit als (un-)parteiische Mediatorin im Transformationsprozess der Migrationsgesellschaft.

In den nachfolgenden fünf Beiträgen geht es um Fragen des Rassismus:

  • Wiebke Scharathow thematisiert Rassismus und entwirft Überlegungen zu einer diskrimierungs- und rassismuskritischen Sozialen Arbeit,
  • Barbara Schramkowski und Isabelle Ihring erörtern Alltagsrassismus, der sich oftmals unsichtbar zeigt und macht, als Thema der Sozialen Arbeit,
  • Elina Marmer schreibt über kritisches Weißsein als Perspektivwechsel und Handlungsaufforderung im Kontext Sozialer Arbeit,
  • Johanna Bröse thematisiert antimuslimischen Rassismus und wie eine herrschafts- und machtkritische Perspektive im pädagogisch-sozialarbeiterischen Alltag ausgestaltet sein kann,
  • Markus Textor und Tolga Anlas schließlich verdeutlichen, wie mit Hilfe von Rassismuskritik im Alltag von Sozialer Arbeit dem Rassismus begegnet werden kann.

Zu Kapitel 4

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels stehen Handlungstheorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft.

Beate Blank setzt sich in ihrem Beitrag zu Empowerment, einem Leitkonzept der Sozialen Arbeit, mit machttheoretischen Grundlegungen auseinander, bevor sie klärt, was unter Empowerment im Lichte von Macht und Mindermacht zu verstehen ist, Anschließend werden Prozesse der Ermächtigung eingeordnet und im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit reflektiert.

Eingangs geht es Emra Ilgün-Birhimeoglu in ihrem Artikel zu freiwilligem Engagement von Migrantinnen darum, in zwei empirischen Studien zu zeigen, in welcher Weise sich Migrantinnen in eingetragenen Vereinen einbringen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass seitens der Mehrheitsbevölkerung gegenüber Migrantinnen Vorurteile existieren, die die Zurückhaltung von Migrantinnen fördern, sich zu engagieren (S. 347). Im letzten Teil werden Möglichkeiten der Engagementförderung im Rahmen der Sozialen Arbeit vorgestellt.

Um Jugendliche der zweiten und dritten Generation mit Migrationshintergrund in marginalisierten Stadtquartieren geht es Miriam Yildiz. Sie expliziert, dass Soziale Arbeit oftmals eine kulturalistische und defizitorientierte Sichtweise einnimmt. Wichtig ist es vielmehr, die individuellen Strategien und Sichtweisen der Jugendlichen ins Zentrum zu rücken und den jungen Menschen offen zu begegnen.

Ahmet Toprak rekonstruiert in seinem Beitrag Ursachen für eine allgemeine Gewaltneigung insbesondere Jugendlicher aus arabischen Ländern und der Türkei. Der Autor erläutert Formen und Auslöser kollektiver Duelle (Stichworte Ehre/ Männlichkeit/ Gewaltsozialisation) und zieht Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit.

Der Beitrag von Anne Messerschmidt skizziert Perspektiven für eine reflexive geschlechterbewusste Arbeit gegen Migrationsfeindlichkeit. Markant ist die Feststellung der Autorin (S. 381), das Verhüllen des weiblichen Körpers erzeuge inzwischen mehr Aggression als seine Entblößung. Niqab, Hijab und Burka seien zu konkreten Symbolen für diffuse Bedrohungsängste geworden. Die Autorin plädiert für Bündnisse antisexistischer Bewegungen in aller Welt, für den Erwerb feministischer Diskurse im modernen Islam und Frauenbewegungen in islamisch geprägten Gesellschaften.

Für professsionelle, sozialarbeiterische Netzwerkarbeit zur Steuerung sozialer Dienstleistungen für geflüchtete Menschen sprechen sich Anja Teubert und Süleyman Gögercin aus. Soziale Netzwerkarbeit durch Sozialarbeiter_innen ermöglicht eine wirkungsvollere Arbeit im versäulten Versorgungssystem mit geflüchteten Menschen.

Anja Teubert und Karin E. Sauer stellen Entstehungszusammenhänge sexualisierter Gewalt im Kontext von Migration und Flucht dar und formulieren Empfehlungen für eine Gewaltprävention. Hierbei kann Soziale Arbeit eine tragende Rolle übernehmen.

Um die subjektiven Folgen rassistischer Gewalt und ihrer Bewältigung geht es Gesa Köpperling. Anerkennung der subjektiven Gewalterfahrung, alltagsweltliche Unterstützung und Orientierung sind wichtige Eckpunkte in der Arbeit mit Betroffenen. Von hoher Bedeutung sind auch öffentliche Wahrnehmung rassistischer Gewalt und sozialräumliche Perspektiven.

Zu Kapitel 5

Kapitel 5 fächert sich in fünf Unterpunkte auf:

  1. in Migration als integratives Handlungsfeld,
  2. in Handlungsfeld Bildung,
  3. in Handlungsfeld Flucht,
  4. in Handlungsfeld Gesundheit, Alter und Pflege,
  5. in Handlungsfeld Sozialraum und Bürgerschaftliches Engagement.

Integratives Handlungsfeld bedeutet, dass Migration als Querschnittsaufgabe verstanden wird. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass Migrant_innen nicht als gesonderte Zielgruppe in den Blick genommen werden. Ferner ist auch Intersektionalität, z.B. in Bezug auf soziale Ungleichheit, einbezogen.

Im Zentrum des Beitrags von Nausikaa Schirilla steht die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Migrationssozialarbeit. Gemeint ist mit ihr eine Soziale Arbeit mit Migrant_innen bei migrationsspezfischen Unterstützungsnotwendigkeiten. Hervorzuheben ist diese beinahe Selbstverständlichkeit, da Migration per se kein soziales Problem und somit auch kein Thema für die Soziale Arbeit ist. Im zweiten Teil des einführenden Beitrags ins fünfte Kapitel werden verschiedene soziale Dienste knapp benannt.

In den nachfolgenden drei Kapiteln von 5.1 werden konkrete Beispiele für Handlungsfelder vorgestellt:

  • Fidan Yiligin geht es um Antidiskiminierungsarbeit in der Migrationsgesellschaft,
  • Yasmine Chehata und Andreas Thimmel um Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft,
  • Bülent Ersoy, Patricia Latorre und Olga Zitelsberger um Migrant_innenselbstorganisationen im Wandel der Zeit.

Im Kapitel 5.2 setzt sich Matthias Brungs mit der Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte auseinander und es werden Unterstützungsangebote durch Schulsozialarbeit aufgezeigt.

Die vielfältigen Maßnahmen der Jugendberufshilfe skizziert der Beitrag von Ruth Enggruber. Die Autorin schaut dabei vor allem auf junge Migrant_innen mit spezifischen Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsstellenmarkt.

Um Eltern und um Partizipation von Eltern mit Zuwanderungsgeschichte im Schulsystem geht es Marc Schmid. Es werden im zweiten Teil des Beitrags konkrete Handlungsbedarfe und Handlungsoptionen vorgestellt.

Juliane Lang thematisiert geschlechtersensible politische Bildungsarbeit und die Prävention von Rechtsextremismus im Rahmen der Sozialen Arbeit.

Überlegungen zu einer diversitätsbewussten und inklusiven Familienbildung stellt Veronika Fischer an. Migration ist eine Herausforderung für eine diversitätsbewusste und Teilhabe ermöglichende Familienbildung, so die Autorin.

Der das Kapitel 5.2 abschließende Artikel von Andreas Sauter beschäftigt sich mit Alphabetisierung, Schriftspracherwerb und Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Der Autor geht insbesondere auf die Größenordnung des funktionalen Analphabetismus und auf das Verhältnis von Sozialer Arbeit zu Erwachsenenalphabetisierung ein.

Ein für die Soziale Arbeit wichtiges Thema ist das Handlungsfeld Flucht, das im Kapitel 5.3 in sieben Beiträgen bearbeitet wird.

Was Fluchterfahrungen von Familien für die praktische Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe nicht zuletzt in den Angebotsstrukturen bedeuten, arbeitet Christina F. Plafky heraus.

Die Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen bewegt sich nicht selten in den Spannungsfeldern von Macht und Ohnmacht, Reflexivität und Pragmatik, Hilfe und Kontrolle sowie Nähe und Distanz. Die Spannungsfelder vollziehen sich auf verschiedenen Ebenen, wie Süleyman Gögercin zeigt.

Annette Müller, Ute Elisabeth Volkmann und Christoph Wiedemann stellen professionstheoretische Überlegungen an und formulieren handlungsleitende Prämissen für eine Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Die handlungsleitenden Prämissen werden zunächst theoretisch und anschließend anhand eines konkreten Beispiels aus einer Unterkunft in Berlin illustriert.

Ein weiteres Spannungsfeld sind Inklusion (im Lichte ihrer Ermöglichung) und Exklusion (im Sinne von Verwaltung). Konfliktlinien zwischen beiden zeigt Susanne Spindler auf.

Das wichtige Thema Professionelle und Ehrenamtliche in der Sozialen Arbeit mit Flüchtlingen bearbeitet Beate Steinhilber. Ehrenamtliche seien eine wichtige Stütze für eine gelingende Soziale Arbeit mit Geflüchteten (S. 591). Wichtig sei für Professionelle jedoch auch eine selbstbewusste Soziale Arbeit.

Mehrnousch Zaeri-Esfahani entwickelt konkrete Überlegungen, wie Soziale Arbeit ihre Angebote an den Bedarfen Geflüchteter orientieren kann.

Vera-Maria Weeber hebt hervor, dass bei der Flucht von Eltern(teilen) begleitete Kinder und Jugendliche wenig im Blick der Kinder- und Jugendhilfe sind. In Bezug auf diese Gruppe, aber auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, werden Gestaltungsanforderungen formuliert.

Ein viertes Handlungsfeld (5.4) ist Gesundheit, Alter und Pflege.

Den Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit aufzuzeigen, ist die Aufgabe, des Artikels von Martina Wanner. Gezeigt werden Bewältigungsanstrengungen von Migrant_innen und die Anknüpfungspunkte Sozialer Arbeit.

Möglichkeiten transnationaler Biografiearbeit, nicht zuletzt auch als sensibilisierende Methode, stellt Caroline Schmitt dar, indem jene an den Handlungsfähigkeiten der Migrant_innen ansetzt. Erkenntnisse aus der biografischen Arbeit mit Geflüchteten können Fachkräfte zum Anlass nehmen, die eigenen institutionellen Strukturen zu reflektieren.

Migration, psychische Erkrankungen und Soziale Arbeit thematisiert Jan Ilhan Kizilhan. Bei einer psychotherapeutischen Behandlung wie auch bei einer sozialarbeiterischen Begleitung sind transkulturelle Zugänge von hoher Relevanz, um Krankheitsverständnis und -verarbeitung angemessen wahrzunehmen und zu verstehen.

Um Beratung und Therapie in der Migrationsgesellschaft geht es Inga Oberzaucher-Tölke. Sie beleuchtet kritisch Praxen eines immanenten kulturellen Rassismus und leitet daraus Konsequenzen für eine rassismuskritische, kultursensible Beratung und Therapie ab.

Wenig im Blick ist lange Zeit Alter und Migration gewesen, ging es doch zunächst um Arbeitsmigration und Familiennachzug bzw. -gründung. Cornelia Kricheldorff stellt gängige Alternstheorien aus der Sozialen Gerontologie vor, verknüpft diese mit migrationsspezifischen Lebensrealitäten im Alter und formuliert Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit.

Um eine kultursensible Altenhilfe und Pflege in der Migrationsgesellschaft geht es im Artikel von Basri Askin. Das Gesundheits-, pflege- und Sozialwesen habe sich interkulturell zu öffnen, so der Autor.

Abschließend wird im Kapitel 5.5 das Handlungsfeld Sozialraum und Bürgerschaftliches Engagement in fünf Beiträgen bearbeitet.

„Welchen Beitrag kann sozialraumorientiertes Quartiersmanagement für einen produktiven Umgang mit dem ambivalenten Charakter räumlicher Segregation leisten?“ fragt Michael Noack (S. 695). Anhand eines laufenden Forschungsprojekts werden Ergebnisse zur Beantwortung der Frage herangezogen.

Für eine konsequente Orientierung am Menschen im Feld der Sozialen Arbeit mit geflüchteten Menschen plädieren Anja Teubert und Stefan Bestmann. Dies wird anhand von Erfahrungen für die Gestaltung des Zusammenlebens mit geflüchteten Menschen in einem Landkreis vorgestellt.

Wohnen als Grundform menschlichen Lebens ist das Thema von Sebastian Klus. Da Menschen mit Migrationshintergrund oftmals auf dem Wohnungsmarkt Diskriminierungen ausgesetzt sind, ist soziale Unterstützung seitens der Sozialen Arbeit gefordert.

Thema des Artikels von Anne-Katrin Schührer ist eine Studie, der 28 Interviews zugrunde liegen, mit freiwillig engagierten Frauen mit einer Zuwanderungsgeschichte. Was motiviert diese, sich bürgerschaftlich zu engagieren im Kontext von Migration und sozialer Ungleichheit? Im Mittelpunkt stehen vor allem Lebensbewältigung und Anerkennung,

Musik sei ein wichtiges Gestaltungselement sozialer Räume und könne in Gestalt von Community Music kreative Möglichkeiten des Umgangs mit unterschiedlichen Lebenswelten freisetzen, stellt Karin Elinor Sauer fest. Welcher Anspruch sich daraus für eine Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft ergibt, wird abschließend reflektiert.

Zu Kapitel 6

Im sechsten Kapitel, dem letzten dieses kompakten Bandes, geht es um Träger und Institutionen der migrationsbezogenen Sozialen Arbeit:

  • In einem Überblick schaffenden Beitrag stellt Süleyman Gögercin Träger und Institutionen der migrationsbezogenen Sozialen Arbeit vor,
  • Hubertus Schröer zeigt Konturen einer neuen Diversitätspolitik in der Sozialen Arbeit,
  • Und mit Beispielbezug stellt Fritz Weller interkulturelle Öffnungsprozesse beim Caritasverband Stuttgart dar,
  • und abschließend Johannes Brandstäter im Sinne eines Diskussionsbeitrages im Hinblick auf mögliche Baustellen aus der Binnenperspektive der Diakonie: die neue Gesellschaft – migrantisch und postmigrantisch.

Diskussion

Aus einem ursprünglich als Lehrbuch vorgesehenen Band zu einer Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft ist ein umfassendes, Grundlagen, Konzepte und Handlungsfelder vorstellendes Werk geworden. Um es vorwegzunehmen: Es ist in sechs Kapiteln klug aufgebaut mit einem Schwerpunkt im fünften Kapitel zu Handlungsfeldern und Zielgruppen.

Aber nicht nur als Band gut strukturiert, sondern auch in den einzelnen Beiträgen zeigt sich ein klarer Aufbau. Nach einem obligatorischen Abstract folgen zumeist zum Beginn eines jeden Kapitels allgemeine Darstellungen (z.B. zu Intersektionalität, Diversität, Gesundheit, Pflege etc.) und dann die konkrete Zuordnung zu Migration und zumeist auch zu Sozialer Arbeit. So wird überzeugend sichtbar, dass Migration per se kein soziales Problem ist, sondern einzig die „Bedingungen und Umstände der Aufnahme von Zugewanderten problematisch sind“ (S. 425), wie es Nausikaa Schirilla formuliert und in ihrer Folge die Soziale Arbeit zu ihren Handlungsfeldern gelangt.

Positiv hervorzuheben ist auch die Ausgewogenheit zwischen grundsätzlichen Beiträgen und beispielgebenden Artikeln. Die grundlegenden Beiträge sind für Studierende des Masterstudiums, aber auch für Studierende des Bachelorstudiums gut lesbar. Die beispielgebenden Beiträge sind im Sinne eines oftmals gewünschten Praxisbezugs anregend. Dabei sind die Praxisbezüge nie konkretistisch, sondern gut eingebettet in grundlegende Überlegungen. Hervorzuheben sind vor diesem Hintergrund auch die Berichte zu qualitativ empirischen Studien (z.B. die Studie von Anne-Katrin Schührer zum bürgerschaftlichen Engagement von Frauen mit einer Zuwanderungsgeschichte).

Positiv hervorzuheben ist ferner die gegenstandsbezogene Breite in den Darstellungen. Sie reicht z.B. bei der Migration von der Einwanderung bis zur Transmigration oder vom Plädoyer für eine interkulturelle Kompetenz bis zur kritischen Auseinandersetzung mit ihr im Sinne des von Franz Hamburger entwickelten Konzepts reflexiver interkultureller Kompetenz (siehe dazu den Beitrag von Ute Koch).

Schlussendlich: Es wird über den nationalen Tellerrand geschaut und dabei ein national begrenzter Blick auf Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft kritisiert.

Fazit

Weltweit sind nach UNHCR 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht, 3.1 Millionen mehr als noch im Jahr zuvor, so die im Juni 2018 publizierten Zahlen. Vor allem finden die geflüchteten Menschen Zuflucht in armen Ländern.

Aktuelle Debatten im nationalen Format in Deutschland wie auch in EU-Europa unterstreichen die Aktualität des Bandes „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“, vor allem auch mit der Akzentsetzung auf Soziale Arbeit. Einen passenderen Zeitpunkt für die vorliegende Veröffentlichung hätte es kaum geben können.

Der von Beate Blank, Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer und Barbara Schramkowski herausgegebene Band „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ ist in diesem Sinne nicht nur geeignet als Pflichtlektüre für Studierende des Bachelor- und Masterstudiums, anregend ist das Werk ebenso für Lehrende, aber auch für die auf den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen Tätigen in der Sozialpolitik.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 02.07.2018 zu: Beate Blank, Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer, Barbara Schramkowski (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Grundlagen – Konzepte – Handlungsfelder. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19539-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24502.php, Datum des Zugriffs 26.09.2018.


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