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Matthias Warstat: Soziale Theatralität

Cover Matthias Warstat: Soziale Theatralität. Die Inszenierung der Gesellschaft. Wilhelm Fink Verlag (München) 2018. 276 Seiten. ISBN 978-3-7705-6310-4. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 60,90 sFr.
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„Auf eine Gesellschaft, die zu ihrer Konstituierung auf theatrale Ereignisse angewiesen ist, wird niemals Verlass sein.“ (230)

Thema

Nachahmungen sind im menschlichen Zusammenleben von besonderer Bedeutung. Soziale Ordnungen, dies lehren von der erziehungswissenschaftlichen Sozialisationsforschung bis hin zur betriebswirtschaftlichen Organisationstheorie eine Reihe im weiteren Sinne soziologischer Disziplinen, entstehen, ob spontan oder im Zeitverlauf, immer wieder in Prozessen von Mimesis und Imitation. Die (nicht nur schauspielerische) Leistung, bestimmte Sachverhalte im Rahmen einer Darbietung zu inszenieren, ließe sich – zumindest auf den ersten Blick – ebenfalls als eine solche Form der Nachahmung interpretieren. Die soziale Bedeutung inszenierten Handelns für die Konstitution von Gesellschaft rekonstruiert Matthias Warstat in seiner Monografie ‚Soziale Theatralität. Die Inszenierung der Gesellschaft‘.

Als Ausgangspunkt dient Warstat hierbei die Diagnose einer fortschreitenden Fragmentierung des Zusammenlebens, im Zuge derer sich nicht nur geographische, sondern auch soziale und kulturelle Bezugsrahmen immer heterogener werden. Aus einer theaterwissenschaftlichen Perspektive versucht Warstat vor diesem Hintergrund das Konzept der ‚Theatralität‘ als soziologischen Grundbegriff zu etablieren. Gesellschaft, so seine sozialtheoretische Grundannahme, sei „nicht einfach da“, sie müsse „erst zum Erscheinen kommen“ (13) und ließe sich daher in ihrer theatralen Inszenierung beobachten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die ersten beiden Segmente dienen der Rekonstruktion sozialtheoretischer Positionen und Implikationen zum Konzept der Theatralität aus dem breit gefassten Feld der Gesellschafts- und Kulturwissenschaft. Einen Orientierungsrahmen bietet Warstat hierbei die Leitfrage, „wie die Theorien damit umgehen, dass Gesellschaften nicht einfach da sind, sondern sich zeigen und präsent werden müssen“ (228). Über die Schriften von Simmel und Tarde gelangt der Autor hierbei vom Beginn des 19. Jahrhunderts über Positionen wie den Brechtianischen Theaterbegriff oder die ethnologische Perspektive auf ‚Cultural Performances‘, wie sie von Milton Singer vertreten wurde, zu den linken Theatralitätskritiken der Situationisten und '68er und schließlich zur soziologischen Interpretation Erwing Goffmans.

Zeitgenössische Positionen rekonstruiert der Autor im zweiten Teil des Buches unter Bezug auf Laclau, Mouffe, Latour und andere Vertreter. Wie es Warstat zu zeigen gelingt, vollzieht sich im soziologischen Forschungskanon eine sukzessive Ausdifferenzierung des Verständnisses sozialer Theatralität.

Nachdem Warstat hier verschiedene Aspekte und Facetten des Begriffs vor-, und damit eine beeindruckende Kenntnis sowie ein großes theoretisches Reflexionsvermögen unter Beweis gestellt hat, kommt die abschließende Entwicklung eines eigenen theoretischen Verständnisses mit Blick auf die konkrete Untersuchung sozialer Theatralität für meine Begriffe leider etwas zu kurz.

Diskussion

Dies mag daran liegen, dass das Buch vor allem theoretische Positionen rekonstruiert und die soziale Praxis der Inszenierung von höchstens hin und wieder kursorisch und auf Basis anekdotischer Darstellungen wiedergibt. Eine soziologische Nutzbarmachung des Konzeptes würde allerdings (zumindest beispielsweise) Antworten auf folgende Fragen erfordern:

  • Welche epistemologischen Implikationen hat das Gesagte für weitere soziologische Erwägungen?
  • Wenn die Inszenierung von Gesellschaft im Handeln die Sicht auf soziale Strukturen eröffnet, welche Chancen eröffnen sich so für die Sozialanalyse?
  • In welchem Verhältnis steht der Theatralitätsbegriffs zu den Axiomen anderer soziologischer Theorien?
  • Und vor allem: Welche Folgenotwendigkeiten ergeben sich aus den dargestellten Zusammenhängen für Operationalisierung empirischer Forschung? [1]

Fazit

Vielleicht hätte es dem Buch gutgetan, wenn der Autor die theoretischen Erwägungen am Beispiel von ein paar Anwendungsfeldern (allerdings jenseits der im Buch durchaus vorzufindenden kursorischen Evidenz) durchexerziert hätte. So ist das Buch zwar gut und gewinnbringend zu lesen, allerdings eher als Einführung ins Themenfeld denn als soziologischer Forschungsbeitrag.


[1] Dass man Institutionen im Handeln beobachten kann, stellt ja nun eine grundlegende Annahme ethnografischer Datengewinnung und Reflexion dar. Aber wie, so ließe sich fragen, geht Warstats Konzeption hierüber hinaus?


Rezensent
Dr. Martin Seeliger
Promotion am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Martin Seeliger. Rezension vom 19.06.2018 zu: Matthias Warstat: Soziale Theatralität. Die Inszenierung der Gesellschaft. Wilhelm Fink Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-7705-6310-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24505.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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