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Gabriel Berger: Der Kutscher und der Gestapo-Mann

Cover Gabriel Berger: Der Kutscher und der Gestapo-Mann. Berichte jüdischer Augenzeugen der NS-Herrschaft im besetzten Polen in der Region Tarnów. Lichtig-Verlag (Berlin) 2018. 171 Seiten. ISBN 978-3-929905-39-7. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

In Tarnów, einer Stadt in Galizien, lebten vor dem Zweiten Weltkrieg etwa 25.000 jüdische Einwohner; das entspricht 45 Prozent der Gesamtbevölkerung; keine galizische Stadt hatte einen höheren Anteil dieser Gruppe. Am 7. September 1939 begann mit der deutschen Besatzung die systematische Ausrottung der Juden sowohl in der Stadt selbst als auch in Ortschaften der näheren Umgebung. Am Anfang standen Entrechtung und Ausbeutung, ab 1942 folgte Isolierung in einem Ghetto. Das Ziel war, Tarnów „judenfrei“ zu machen. SS, Gestapo und Polizei hatten freie Hand zum Töten. Gemordet wurden Alte wie Kinder, Männer wie Frauen, viele von ihnen auf offener Straße oder in ihren Verstecken. 1943 begann die Liquidierung der Verbliebenen. Größtenteils wurden sie in in Auschwitz umgebracht. Die planmäßige Vernichtungsmaßnahme lief unter dem Tarnnamen „Aktion Reinhard“. Sie gab allen Beteiligten – SS, Waffen-SS, Gestapo, Polizei, Wehrmacht – freie Hand zum sadistischen Quälen, Foltern und Töten. Aus Tarnów überlebten lediglich einige hundert Juden, teils in eigenen Verstecken, teils von Polen geschützt, zum Teil auch durch geschickte Tarnung. Überlebende wurden von sowjetischen Truppen befreit.

Gabriel Berger berichtet vom Schicksal einiger Überlebender, die wie unzählige andere ihre Erinnerungen bald nach Kriegsende zu Protokoll gegeben haben. Die meisten dieser Quellen finden sich im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts Warschau (Archiwum Zydowaskiego Instytutu Historycznego (AZIH). Dort lagern tausende autobiografischer Gedächtnisprotokolle, die teils unmittelbar am Kriegsende, teils wenige Jahre nach 1945 aufgeschrieben worden sind. Andere vom Autor benutzte Quellen sind JewishGen [1] und Polski Radio. Der im Titel verewigte Kutscher war Isaak Israel; von ihm stammt der ausführlichste Bericht über unvorstellbare Mord- und Gräueltaten. Er hatte vor allem den Auftrag, Besorgungsfahrten für Polizei- und SS-Leute zu erledigen, besonders für Wilhelm Heinrich Rommelmann, einen Gestapobeamten, der an der „Endlösung der Judenfrage“ aktiv beteiligt war. Er wurde nach dem Krieg an Polen ausgeliefert und dort hingerichtet. Berger ist neben Melanie Hembera [2]der bisher einzige, der dem Schicksal der Tarnówer Juden ein Denkmal setzt, das, wie er selbst sagt, „eine späte Verneigung vor den Opfern der einst so vielfältigen und blühenden Judenheit der Stadt Tarnów“ sein soll (S. 8).

Autor

Gabriel Berger lebt in Berlin als freier Schriftsteller. Er wurde 1944 in Valence/Frankreich geboren und wuchs in Belgien und Polen auf. 1957 übersiedelte die Familie in die DDR. In Dresden von 1962 bis 1967 Studium der Physik, 1968/69 Militärdienst in der Nationalen Volksarmee. 1969 bis 1976 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Kernforschung Rossendorf. 1976/77 politischer Häftling in Dresden und Cottbus wegen „Staatsverleumdung“. 1977 Übersiedlung in die BRD; zunächst Mitarbeiter am Institut für Kerntechnik der TU Berlin, von 1981 bis 1983 Studium der Philosophie an der TU Berlin und journalistische Tätigkeit. Seit 1984 IT-Trainer und freier Schriftsteller. Werke u.a.: „Mir langt's, ich gehe“ (Herder Verlag 1988); „Ich protestiere also bin ich“ (trafo Verlag 2008); „Von Helden und Versagern“ (trafo Verlag 2009); „Josef und seine Kinder“ (trafo Verlag 2011); Umgeben von Hass und Mitgefühl. Jüdische Autonomie in Polen nach der Schoah 1945–1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns (Lichtig Verlag.

Aufbau und Inhalt

Berger lässt Zeugen unterschiedlicher Berufe zu Wort kommen: Zunächst den Kutscher Isaak Israel, sodann einen Metallarbeiter, weiter den ehemaligen Vorsitzenden des jüdischen Gemeinderates in Tarnów, ferner eine Schneiderin, mehrere Angestellte sowie Kinder von 12 und 13 Jahren. Diese Beiträge beruhen auf Texten im Archiv des Jüdischen Historischen Instituts Warschau für die Berichte von Augenzeugen. Neben den Aussagen der Überlebenden steht ein Bericht [3] über die jüdischen Pfadfinder von Tarnów, die sich im vollen Bewusstsein der Todesgefahr unerschrocken zur Wehr setzten und bis auf einen mit ihrem Leben bezahlten. Am Schluss stehen Berichte über die Exekution der exzessiven Mörder Rommelmann und Göth, der zweite bekannt aus dem Film „Schindlers Liste“. Er hat bei der Auflösung des Ghettos in Tarnów Hunderte erschossen.

Die Hauptpunkte des Inhaltsverzeichnisses vermitteln anschaulich, was den Leser erwartet:

  • Vorwort
  • Das jüdische Tarnów
  • Zeugen des Grauens von Tarnów
  • Erst brannten die Synagogen, dann die Menschen
  • Der Kindermord von Tarnów
  • Sie haben als Kinder die Shoah überlebt
  • Sie wollten nicht kampflos sterben
  • Ein Verbrecher, der am 9. November sterben musste
  • Er mordete aus Leidenschaft
  • Deutsche und polnische Polizei in Tarnów 1939-1945
  • Kalendarium der Shoah in Tarnów
  • Nachwort
  • Nachtrag aus aktuellem politischen Anlass

Aus Protokollen Überlebender

Ausgewählte Zitate aus den Berichten Überlebender sollen nun zeigen, mit welcher Grausamkeit die deutschen Besatzer die Bewohner Tarnóws gedemütigt, gequält und ermordet haben.

Prügel und Demütigungen

„In den Landkreis kam eine Gestapo-Einheit. Sie gingen die Straßen entlang und prügelten jeden Juden, den sie antrafen. Auf die Frage, warum sie das taten, antworteten sie: ’Warum hat er sich nicht vor uns verbeugt?’ Wenn man sich verneigte, wurde man trotzdem verprügelt.“ (Isaak Israel, S. 24).

„Er (Grunow) trieb die Pferde an und schlug die unterwegs auftauchenden Juden mit der Peitsche.“ (Isaak Israel,S. 26).

„Sie knieten, mit Köpfen auf der Erde. Wer den Kopf aufhob, wurde bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt.“ (Isaak Israel,S. 52).

Tötung durch Verbrennen

„Mit eigenen Augen sah ich, wie Soldaten einen fliehenden Juden in die brennende Synagoge warfen.“ (Isaak Israel, S. 24).

Erschießen aus Willkür, aus momentaner Laune und als Belustigung

„Durch die Stadt kreisten Autos mit Gendarmen. Es war acht Uhr morgens. Auf jeden Juden, den man auf der Straße antraf, wurde geschossen.“ (Isaak Israel, S. 24).

„Die ganze ulica (Straße) … wo die ärmsten Juden in Baracken lebten, wurde auf den Magdeburger Platz gejagt. … Alle, die auf dem Platz waren, wurden erschossen.“ (Isaak Israel, S. 32).

„Oft fuhr Rommelmann mit der Kutsche durch das Ghetto herum. Wenn ihm jemand nicht gefiel, hielt er an und ließ sich von ihm die Kennkarte mit der Arbeitsgenehmigung zeigen. Konnte sich die Person nicht entsprechend ausweisen, erschoss er sie auf der Stelle.“ (Isaak Israel, S. 43).

„Am nächsten Tag kam Rommelmann … um zu kontrollieren. Dabei traf er in dem Haus den Kutscher Leon Stern und drei weitere Personen, alle ohne Arbeitskarten. Sofort erschoss er alle vier.“ (Isaak Israel, S. 44).

„Pferdewagen fuhren herum, sammelten in der ganzen Stadt Leichen ein. … Auf dem Friedhof wurde die ganze Nacht durch gearbeitet, weil dort elektrisches Licht installiert wurde. Und die ganze Nacht wurden aus dem Judenrat Wodka, Wurst, Zigaretten, Bier zum Friedhof gekarrt. Die Schupo-Leute aßen und tranken, während sie schossen und gruben. Gegraben haben auch Juden, die vom Judenrat zugeteilt wurden. Diejenigen, die zum Graben keine Kraft mehr hatten, wurden erschossen. Betrunkene SS-Leute trieben einige Juden zusammen und veranstalteten mit ihnen ’Turnübungen’. Sie mussten zwischen den Gräbern hin und her rennen, auf Bäume und auf Denkmäler klettern. Dann schossen die SS-Leute auf sie. Das alles habe ich (Isaak Israel) vom Dach meines Hauses beobachtet.“ (Isaak Israel, S. 39).

Massenerschießungen

„So brachten wir einige hundert lebendige Menschen zum neuen Friedhof. Wir fuhren an die Friedhofsmauer. Dort stiegen die Menschen von den Kutschen. Baudienst-Leute gruben Gräben. Als ich zum dritten oder vierten Mal mit der Kutsche kam, sah ich schon die nackten Menschen. Sie lagen an der Mauer, schon erschossen, einer auf dem anderen. Noch warfen sie sich hin und her, noch zitterten ihre Körper. Gegenüber saß ein Gestapo-Mann auf dem Stuhl. Die Baudienst-Leute standen am Rand und durchsuchten die Kleidung der Getöteten. Sie suchten Gold und Geld.“ (Isaak Israel, S. 53).

„Wieder wurden alle auf dem Markt versammelt, aber es gab immer mehr Leichen, weil dort Massenerschießungen stattfanden. Ein Teil der Frauen, Kinder und Greise wurde auf LKWs verladen, aus der Stadt in Richtung Bogumi?owice gefahren und dort erschossen.“ (Leon Lesser, S. 71).

Lebendig begraben

„An diesem Tag gab es viel mehr Leichen als am zweiten Tag. Alte Menschen und Kinder wurden lebendig nach Zbylitowska Góra transportiert, in die Nähe des Landgutes von Žaba, hinter dem Kloster. Dort gruben Baudienst-Leute Gruben. Am nächsten Tag erzählten lokale Landwirte sie hätten gesehen, wie Kinder lebendig in die Gruben geworfen wurden. Handgranaten wurden danach hineingeworfen und die Gruben zugeschüttet. Alle, die alten Leute wie die Kinder, mussten sich nackt ausziehen. Auf die Alten wurde aus Maschinengewehren geschossen.“ (Isaak Israel, S. 40).

Tötung mit der Axt

„Hinter ihm stand ein Junge vom Arbeitsdienst mit einer Axt in der Hand. Er holte aus und hackte Silbermann den Kopf ab.“ (Isaak Israel, S. 34).

„Der Professor und seine Untermieterin wurden vor mein Gartentor geführt, und dort haben ihn die Banditen mit einer Axt getötet. Alle waren sie betrunken. Diese Frau, die Untermieterin, lebte noch und stöhnte laut. Das hörte der Gestapo-Mann. Er kam zurück und erschoss sie mit der Pistole.“ (Isaak Israel,S. 34).

„Sie (die Gestapo-Männer) gingen zwei Häuser weiter. Dort wohnte die Familie Waldow: Vater, Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder. Alle wurden mit Äxten erschlagen. Einer der Schwestern, der Eva, ich sah es später, hatten sie den Kopf abgehackt.“ (Isaak Israel, S. 35).

Erhängen

„Es gab einen Gestapo-Mann Grunow, der in Tarnów allgemein bekannt war. Der erschoss alle, die in Verstecken gefunden wurden. Auch wenn er bei jemandem Geld oder Gold fand, erschoss er ihn oder sie. Als eine Gruppe aufgedeckt wurde, die fliehen wollte, wurden alle erhängt. … Ich habe gesehen, wie sie zum Aufhängen getrieben wurden. Danach erzählten Augenzeugen, dass die Erwachsenen gefleht hatten, die Kinder nicht aufzuhängen. Es wurde ihnen ein Gefallen getan, indem die Kinder erschossen wurden, mit ihnen eine sehr dicke Frau. Die übrigen Personen wurden im dritten Stock auf dem Balkon aufgehängt und anschließend verbrannt.“ (Giza Beller, S. 114).

Sadistisches Quälen vor dem Töten

„Von dem LKW stiegen zwei Frauen mit zwei Kindern herunter. Göth befahl ihnen, gleich nebenan in eine Sackgasse zu gehen. Dort hat er beide Frauen und die Kinder erschossen. Danach stiegen je vier Personen vom LKW, sie wurden gezwungen, auf die liegenden Leichen zu treten und danach erschossen. Göth hat eigenhändig die Exekution durchgeführt. Jedes Opfer bekam einen Kopfschuss. So erschoss er fünfzig Menschen. Nach getaner Arbeit wischte er sich den Schweiß von der Stirn, ließ sich eine Schüssel mit Wasser holen und wusch sich die Hände.“ (Leon Lesser, S. 82).

„Fast täglich wurden Bunker (Verstecke) entdeckt. Die Menschen wurden aus ihnen herausgezerrt und auf der Stelle erschossen. Es waren noch ziemlich viele. Die Deutschen befahlen den Menschen, sich hinzulegen, einer neben dem anderen, dann erschossen sie sie. Dann befahlen sie den nächsten, sich hinzulegen, während die in der Schlange Wartenden der Exekution zusahen.“

„Aus dem Versteck hörten wir, was in dem Haus vorging. Die Gestapo-Leute gingen von Wohnung zu Wohnung, zerrten Frauen, alte Menschen und Kinder heraus und führten sie aus dem Haus. Sie befahlen ihnen, sich auf den Rasen zu legen, dann hörten wir Schüsse, Schreie und das Stöhnen der Sterbenden. Diese Aktion dauert bis 18 Uhr, und die ganze Zeit hindurch hörten wir diese unheimlichen Töne. … Der ganze Rasen war mit Blut getränkt. Als wir endlich unser Versteck verließen erfuhren wir, dass die Deutschen an diesem Tag 10.000 Juden erschossen hatten. Der Anblick der Leichen auf den Straßen war so schrecklich, dass die vorbeigehenden Polen in Ohnmacht fielen. Diese Aktion dauert mit Pausen einige Tage.“ (Janina Schiffówna, S. 98).

Kindermord

„Mit Vorliebe schikanierte er (Rommelmann) alte Leute. Eines Tages forderte er einen alten Juden auf, sich auszuweisen. Er hatte keine Arbeitskarte. Neben dem Alten stand der fünfzehnjährige Junge Friedrich Herman, Sohn eines Kutschers. Als er sah, was da passierte, floh er. Rommelmann bemerkte das und befahl einem Ordnungsdienstler, der zufällig zugegen war, den Jungen zu holen. Nachdem der Junge herbeigeschafft war, befahl er ihm und dem alten Juden an der Kreuzung der Straßen Lwowska und Starod?browska am Zaun niederzuknien. Dann sagte er zu ihnen ironisch lächelnd, dass sie keine Angst haben sollen, weil das, was er mit ihnen vorhat, nicht wehtun würde. Dann tötete er die beiden mit Kopfschüssen.“ (Isaak Israel, S. 43).

„Da sah er (Herr Herz), dass deutsche Soldaten kommen und versteckte sich im Keller. Sie gingen in seine Wohnung, wo sich der zwölfjährige Sohn befand. … Sie führten das Kind auf den Hof und erschossen es. Der Vater sah es durch das Kellerfenster.“ (Leon Lesser, S. 72).

„Aber der Deutsche (Gestapomann) hörte nicht auf zu schreien, sie solle sich umdrehen. Als das nicht half, schoss er ihr ins Gesicht, und als sie hinfiel, erledigte er sie mit einigen Schüssen. Ihre zehnjährige Tochter sah das und schrie. Sie hob den Kopf auf, worauf der Gestapo-Mann sie mit dem Knüppel auf den Kopf schlug und sie auf der Stelle tötete.“ (Leon Lesser, S. 77).

„Menschen wurden auf dem Markt versammelt, Männer, Frauen und Kinder getrennt. Den Männern und Frauen befahl man, sich umzudrehen. Danach wurden Hunde auf die Kinder gehetzt. Die Erwachsenen hörten das Weinen und Schreien der Kinder. Kurz darauf sahen sie Kinderleichen in Blutlachen.“ (Sydonia Lagsman, S. 103).

„Das erste Opfer, eine Frau, erschoss Göth persönlich in einer Sackgasse … Als das Opfer fiel, schleppte er die zweite Frau an, befahl ihr, sich auf die Leiche zu stellen und erschoss sie. Und so befahl er nacheinander den anderen Opfern sich auf die Ermordeten zu stellen und erschoss sie. Wenn eine Mutter ihr Kind auf den Armen trug, erschoss er beide. War das Kind größer, musste es sich selbst auf die Leichen stellen und er erschoss es. So erschoss er etwa sechzig Personen. Ich sah es und kann den Schrecken dieser Szene nicht beschreiben. Die Leichen stapelten sich und bildeten einen Hügel.“ (Erna Landau, S. 107).

„Die Menschen gingen wie gewohnt auf die Straße, ahnten nichts Böses. Die Deutschen schossen auf jeden, den sie antrafen. … Man musste sich in der Czacki-Schule registrieren. Es gab drei Arten von Stempeln: großes ‚K‘, kleines ‚k‘ und den Stempel der Sicherheitspolizei. Großes ‚K‘ bedeutete Aussiedlung, kleines ‚k‘ eine Kugel (oder kaputt), der runde Stempel der Sicherheitspolizei bedeutete Sicherheitspolizei.“ (Lilla Mittler, S. 129 f.).

„Der größte Henker des Ghettos war Rommelmann. Er war ein sehr intelligenter Mensch. Außerdem war er sehr stattlich, schoss in weißen Handschuhen. Zu jedem seiner Opfer sagte er ’drehen Sie sich um, es tut nicht weh’. Er hatte einen achtzehnjährigen Sohn. Ihm schenkte er eine Pistole und brachte ihm bei, auf Juden zu schießen. Der Jungen war im Schießen noch nicht versiert. Manchmal schaffte er es nur, sein Opfer zu verwunden, das sich dann schrecklich quälte. Erst mit einigen weiteren Schüssen gelang es ihm, das Opfer zu töten.“ (Lilla Mittler, S. 130 f.).

„Einmal erschoss er (Rommelmann) einen polnischen Jungen, der das Ghetto betreten hatte. Rommelmann ging in Begleitung eines Deutschen und er erschoss den Jungen, ohne das Gespräch zu unterbrechen. Anschließend trat er auf den Jungen und ging weiter, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen.“ (Lilla Mittler, S. 131).

Mordende Kinder

„Solche Aktionen hatten oft den Charakter von Vorführungen für die heranwachsende deutsche Jugend und wurden von der Gestapo für erzieherische Zwecke genutzt. So rief Blache, wenn er eine Gruppe aus einem Bunker herausgezerrter Juden zur Verfügung hatte, seine beiden Söhne, der eine war zehn, der andere dreizehn Jahre alt, und brachte ihnen das Schießen auf Menschen bei. Der Vater stand daneben mit einem Lächeln im Gesicht und schaute zu, wie einer seiner Söhne schoss. Die Gestapo-Leute nickten mit den Köpfen, voller Zufriedenheit und Anerkennung.“ (Leon Lesser, S. 83).

Leichen überall

„Während dieser drei Tage gab es in Tarnów etwa zehntausend Leichen und etwa zehntausend Ausgesiedelte. Die Straßen der Stadt waren mit Leichen bedeckt..“ (Leon Lesser, S. 72).

Das Ende der SS-Verantwortlichen

Der SS-Hauptsturmführer Amon Göth wurde am 13. September 1946 erhängt, der SS-Sturmscharführer Wilhelm Heinrich Rommelmann am 9. November 1948.

Diskussion

Holocaust-Überlebende aus der ehemals galizischen Kleinstadt Tarnów und ihrer Umgebung schildern in schlichten Worten von der Mordaktion zur Auslöschung fast aller jüdischen Einwohner. Aufgezeichnet wurden ihre Berichte für das „Archiv des Jüdischen Historischen Instituts Warschau“ kurz nach Kriegsende. Der damalige Zweck war vor allem, Beweise für anstehende Prozesse zu Verbrechen der nationalsozialistischen Besatzer und Kollaborateure zu gewinnen. Die zeitliche Nähe der Befragten zu den Verbrechen gibt den Zeugnissen besonderes Gewicht.

Bergers Auswahl und verdienstvolle Übertragung ins Deutsche bewahrt so die unglaublichen Ereignisse vor dem Vergessen. Was nicht allgemein bekannt sein dürfte, wird hier geschildert: In drei Aktionen wurde nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung einer bis dahin bedeutenden Stadt jüdischer Kultur ausgelöscht. Nur wenige überlebten. Die unkommentierte Sammlung beeindruckt vor allem, weil die Zeugen weder sentimental noch dramatisierend die unglaubliche Barbarei offenbaren.

Als sehr gelungen darf man auch den Titel des Buches hervorheben: zwei Menschen arbeiten in demselben Raum der Gewalt, der eine unter Zwang, der andere aus fanatischer Überzeugung, der eine, um zu überleben, der andere, um als Herrenmensch den einmal vollzogenen Schritt in den Prozess der Vernichtung mit sadistischem Eifer weiterzugehen.

Fazit

Gabriel Berger hat die Übersetzung und Herausgabe von Augenzeugenberichten polnischer Shoah-Überlebender einen beeindruckenden Beitrag zur Erinnerung an die Auslöschung einer blühenden Gemeinde im ehemaligen Galizien geleistet. Schwer vorstellbar, welche Greuel man zu lesen gezwungen wird. Aber gerade deshalb sollte man es lesen!

Wer sich darüber hinaus für historische Details interessiert, dem sei das bereits erwähnte Buch von Melanie Hembera „Die Shoah im Distrikt Krakau“ empfohlen.


[1] www.jewishgen.org Die Organisation schreibt über sich selbst: Our free, easy-to-use genealogy website features tens of millions of records, research tools, and other resources to help those with Jewish ancestry research and find family members.

[2] Melanie Hembera: Die Shoah im Distrikt Krakau. Jüdisches Leben und deutsche Besatzung in Tarnów 1939–1945. (Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg) Gebundenes Buch – 13. Juni 2016. ISBN: ISBN 978-3-534-26786-6.

[3] http:archivwum


Rezensent
Prof. Dr. Gisbert Roloff
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Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 19.10.2018 zu: Gabriel Berger: Der Kutscher und der Gestapo-Mann. Berichte jüdischer Augenzeugen der NS-Herrschaft im besetzten Polen in der Region Tarnów. Lichtig-Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-929905-39-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24506.php, Datum des Zugriffs 26.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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