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Mark Mazower: Was du nicht erzählt hast

Cover Mark Mazower: Was du nicht erzählt hast. Meine Familie im 20. Jahrhundert. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 364 Seiten. ISBN 978-3-518-42811-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 36,50 sFr.

Aus dem Englischen von Ulrike Bischof.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die von Ulrike Bischoff, einer erfahrenen Übersetzerin, besorgte deutsche Fassung der englischen Originalausgabe von 2017 „What You Did Not Tell. A Russian Past and the Journey Home“ (New York: Other Press), das in der englischsprachigen Presse durchweg gute Kritiken bekam (vgl. etwa Legvold, 2018; Moorehead, 2017). Es gibt auf youtube ein kurzes Video von 2017, in dem der Autor Anliegen und Entstehung des Buches skizziert und mit reichlich historischem Bildmaterial aufwartet (www.youtube.com/watch?v=Hgwu6xDeYJw).

Autor

Mark Mazower wurde 1958 in London als Erstes von vier Söhnen des Ehepaares Miriam (geb. Shaffer) und „BillMazower, dem Mann, der nicht alles erzählt hat, geboren. Er studierte Klassische Altertumswissenschaft und Philosophie in Oxford und Internationale Beziehungen an der Johns Hopkins University, Baltimore. Nach der Promotion 1988 in Oxford lehrte er an der Birkbeck, University of London, der University of Sussex sowie der Princeton University. Gegenwärtig ist er Professor an der Columbia University, New York City. Er ist Autor mehrerer historischer Fachbücher und Journalist für britische und US-amerikanische Zeitschriften.

In Deutschland bekannt wurde Mark Mazower vor allem durch „Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert“ (Berlin: Alexander Fest Verlag, 2000; englisches Original: 1998). Es ist ein voluminöses Buch (640 Seiten), und dennoch ist keine Zeile zu viel. Das akribisch recherchierte und materialgesättigte Buch rückt für viele das Bild von Europa im 20. Jahrhundert zurecht. Geprägt wurde es keineswegs von einer „allmählichen Konvergenz des Denkens und Fühlens …, sondern ganz im Gegenteil von einer Reihe gewalttätiger Zusammenstöße diametral entgegengesetzter Neuer Ordnungen“ (S. 561). Die Desillusionierung am Ende des Jahrhunderts ist vor diesem Hintergrund nur konsequent: Europa leide nach seiner Ansicht heute an „ideologischer Erschöpfung“ (S. 561). Von der Sicht Europas als dem urwüchsigen Hort der Demokratie bleibt da nicht allzu viel übrig.

Gerade für Deutsche verstörend ist sein Werk „Griechenland unter Hitler – Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944“ (Frankfurt a.M.: Fischer, 2016). Das englische Original erschien bereits 1993, die erste deutsche Übersetzung aber erst 13 Jahre später! Man darf über die Gründe der Verzögerung spekulieren. Meines Erachtens hat sie mit dem Inhalt des Buches zu tun, der so gar nicht nach deutschem Geschmack ist. In dieser exzellent recherchierten, detaillierten Studie zeigt Mark Mazower mit aller Deutlichkeit, dass Griechenland unter Gestapo, Wehrmacht und SS – im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl – fast ebenso gelitten hat wie Polen oder die Sowjetunion. Griechische Reparationsansprüche an Deutschland, wie sie etwa von Alexis Tsipras erhoben wurden, kann man also nicht abtun als propagandistische Ausbrüche im Kampf um einen Schuldenerlass mit der Europäischen Union.

Um die Geschichte Südosteuropas hatte sich Mark Mazower schon zuvor gekümmert. In der Reihe „Kleine Weltgeschichte“ des Berliner Taschenbuch Verlags hat er mit „Der Balkan“ 2002 (englisches Original: 2000) ein Buch vorgelegt, das über den europäischen Südosten und dessen Geschichte informiert.

Im Südosten Europas kannte sich der Autor schon seit Langem aus, mit dessen Osten und Nordosten aber bis zu seines Vaters Tod im Jahre 2009 sehr wenig. Das jedenfalls muss man annehmen, wenn man seine Worte nicht für Koketterie hält, sondern ernst nimmt: „Andere Orte [neben Moskau und Leningrad/Sankt Petersburg] waren nie mehr als Namen – Smolensk, Wilna, Grodno, Riga –, die gelegentlich in Anekdoten vorkamen. Ich wusste nicht genau, wo sie lagen und wer dort gewohnt hatte. Das alles schien so weit weg.“ (S. 19) Lassen wir vorerst einmal das heute in Belarus gelegene Grodno (belarussisch: Hrodna) beiseite; darauf wird unten näher eingegangen.

Sollen wir wirklich glauben, jemand, der ein Buch über „Europa im 20. Jahrhundert“ geschrieben hat, wisse geradezu nichts über die Hauptstädte Litauens und Lettlands? Und nichts über die rund zwei Monate dauernden Smolensker Schlachten vom Spätsommer 1941? Dort und damals siegte die Wehrmacht nur scheinbar; die Rote Armee versetzte der deutschen Blitzkriegskonzeption nämlichen einen herben Rückschlag und gewann die nötige Zeit, um Moskau erfolgreich vor der Wehrmacht zu schützen. Smolensk, nicht erst Stalingrad ein gutes Jahr später, markiert den Anfang vom Ende des deutschen Ostfeldzugs.

Und sollen wir ernsthaft überzeugt sein davon, der jüdischstämmige Autor, der sich mit Nazi-Verbrechen auskennt, habe nichts gewusst vom Judentum Wilnas (Wilnius’) und Rigas? Nichts von Wilna, dem „Jerusalem des Nordens“ (manchmal auch „des Ostens“) und dessen Judentum, das seine Geschichte ins 11. Jahrhundert zurückdatieren kann und das von den Nazi-Deutschen schon bald nach dem Überfall auf die UdSSR systematisch ermordet wurde? Rund eine Million waren es auf dem historischen Gebiet Litauens. Von Nazi-Deutschen umgebracht wurden auch fast alle lettischen Jüdinnen und Juden – rund 75000; die weitaus geringere Zahl erklärt sich daraus, dass Jüdinnen und Juden in Lettland – mit Konzentration in Riga – erst ab dem 16. Jahrhundert siedeln durften und unter weitaus restriktiveren Bedingungen als in Litauen (und Polen).

Nehmen wir des Autors Worte ernst, dann legt sich als Erklärung für seine „Unkenntnis“ nahe: Sein Vater Bill hat nicht nur nichts gesagt, er hat ihm auch als Erbstück seines Vaters Max das Gebot weitergegeben, nicht nach dem Dort-und-Damals zu fragen; Familientherapeut(inn)en kennen dergleichen.

Thema

Und so kann man denn das, was der Autor im vorliegenden Buch dokumentiert, als Aufdecken von Familiengeheimnissen (Bradshaw, 1999) ansehen, als eine besondere Form der Familienrekonstruktion (Nerin, 1992) und der Familienerinnerung (Kaiser, 1989). Und da kommt – mitunter sehr – Überraschendes ans Licht. Das Buch ist aber nicht nur ein Familienroman. Er ist auch ein Bericht über ein Kapitel des europäischen Judentums, das nur wenig bekannt ist und in Israel weitgehend verschwiegen wird: über Ansiedelungsrayon und die dort entstandenen Algemeynen Yidishen Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland (zu beidem unten Ausführliches).

Schließlich ist das Buch auch eines über Migration – nicht nur, aber auch der von Bills Eltern. Das neutrale Wort „Migration“ ist bewusst gewählt, weil es dem am Nächsten kommt, was uns der Autor hierzu als Botschaft übermitteln will:

„Assimilation, ein Begriff der Dutzende sozialwissenschaftliche Abhandlungen hervorgebracht hat, ist ein allzu großartiges und zugleich zu krudes Etikett, als dass es zur Erklärung beitragen könnte, wie es dazu kam [dass sein Vater ein ‚richtiger‘ Engländer wurde], nicht zuletzt, weil er das Prokrustesbett einer vorherrschenden Kultur voraussetzt, dem Einwanderer und ihre Kinder sich in einem monströsen Prozess um einen höheren oder niedrigeren Preis anpassen müssen. Ein Fehler dieser Vorstellung ist, dass sie ein Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt unterstellt, das nicht existiert: Weder England noch die Welt jüdischer Emigranten in Nordlondon stellten so etwas Eindeutiges wie eine einheitliche Kultur da. Zudem erfasste keine der akademischen Kategorien – Flüchtling, Einwanderer, Minderheit – tatsächlich die spezifische Stellung der Eltern meines Vaters, die allenfalls Emigranten aus eigenem Entschluss, aber keine Flüchtlinge waren.“ (S. 249)

Aufbau und Inhalt

Das Buch handelt über weite Partien von einem heute nur noch historisch greifbaren Gebiet in einer wenig bekannten Ecke Europas – und das dort zu einer Zeit, die der Geschichtsschreibung wenig Aufmerksamkeit abverlangt(e). Selbst wer (noch) einen guten Geographie- und Geschichtsunterricht genießen durfte, tut sich an vielen Buchstellen schwer, da manches, aber keineswegs alles für das Verständnis Erforderliche im Zug der Erzählung (nachholend) hinreichend genug dargestellt wird. Deshalb werden hier zunächst über das Buch verstreute Informationen, ergänzt um solche des Rezensenten, in drei thematischen Blöcken zusammenfassend dargestellt.

Grodno und die ersten drei Teilungen Polens

Der Autor des vorliegenden Buches ist 1958 in London geboren, wo sein Vater Bill 1925 zur Welt kam und 2009 aus ihr schied. Auch dessen Vater Max starb in London; geboren aber wurde er 1874 in Grodno als Erstes von drei Kindern der Eheleute Josl und (der mehr als ein viertel Jahrhundert jüngeren) Sara, beide geboren 1816 bzw. 1842 in Grodno, wo schon Josls Eltern Mordechel Avrahamovich (1792) und Bella (1808) das Licht der Welt erblickten.

Grodno? Muss man (und frau) das kennen? Eher nicht, folgt man des Autors Notiz: „Grodno war im Grunde eine jüdische Stadt mit niedrigen Holzhäusern und einer großen Fabrik. Dagegen war Wilna ein Mikrokosmos des Russischen Reiches.“ (S. 31) Mark Mazower spricht hier vom Grodno und Wilna des jungen Max, also von den beiden Städten an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Für den revolutionär gesinnten Max in seiner „eleganten Kleidung“ und mit „den Ansichten eines Mitglieds der Intelligenzija“ (S. 35) war Wilna sicher der bessere Ort als Grodno. Aber wenn wir mit einigem Abstand einen historischen Blick auf die beiden Städte werfen, dann ist Grodno die bedeutendere Stadt – für die Geschichte Polens, Europas und der Jüdinnen und Juden des östlichen Mittel- bzw. des westlichen Osteuropas.

Der Sache nach sind wir hier bei den drei ersten Teilungen Polens, datiert auf die Jahre 1772, 1793 und 1795. Gemeint ist die sukzessive Zerschlagung des Doppelstaates Polen-Litauen, dessen früheres Gebiet von den Nachbarmächten Österreich, Preußen und Russland schrittweise unter sich aufgeteilt wurde, sodass auf den Karten Europas bis zum Ende des Ersten Weltkriegs für über 120 Jahre kein eigenständiger polnischer Staat mehr zu finden war – allenfalls kleine Überbleibsel. Im historischen Gedächtnis Polens verankert ist vor allem Grodno 1793; 1793, das ist ein Jahr nach Mordechel Avrahamovichs Geburt und rund ein Jahrhundert, bevor Max die Stadt in Richtung Wilna verließ. Was geschah 1793 in Grodno? An diesem Tag „beschloss“ der Sejm, das im Wesentlichen die Interessen der Aristokratie vertretende Ständeparlament von Polen-Litauen auf der letzten Sitzung seiner langen Geschichte die 2. Teilung Polens – unter dem Zwang zaristischer Bajonette.

Durch die drei Teilungen Polens wurde ein Staatsgebilde liquidiert, das multikonfessionell, ja multireligiös und multiethnisch war. Die Religionen und Konfessionen reichten vom Judentum über den Protestantismus und Katholizismus sowie die Orthodoxie bis zum Islam. Ethnisch betrachtet bestand die Bevölkerung neben den Polen und Litauern aus Deutschen, Letten, Esten, Ukrainern, Belarussen (Weißrussen), (Groß-)Russen und Tataren. Die drei ersten Teilungen Polens hatten für das Judentum im Osten Mitteleuropas und im Westen Osteuropas bedeutsame Folgen, von denen die zwei wichtigsten genannt seien. Im Südosten hatte das kaiserliche Österreich ein großes Gebiet annektiert: Galizien mit seiner Haupt- und Universitätsstadt Lemberg (Lwiw). Dort entwickelte sich unter milden Staatsregime, insbesondere in den 68 Jahren der Herrschaft von Franz Josef I. (1848 – 1916) ein jüdisches Geistesleben, das weit in die Welt strahlen sollte (vgl. etwa Heekerens, 2018; Sands, 2018).

Ansiedelungsrayon

Die nördlich von Galizien (mit Lemberg/Lwiw) liegenden Gebiete des früheren Polen-Litauen verleibte sich das Zarenreich unter Katharina II. (der Großen) ein. Diese Annexion ist Teilmoment eines Ausgreifens Russlands Richtung Westen bis nach Mitteleuropa, das unter Peter I. (der Große) begonnen hatte und sein Ende erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fand. Das in den drei ersten Teilungen Polens vom Zarenreich angeeignete Gebiet umfasst grob skizziert das der heutigen Staaten Belarus, Lettland, Litauen und Polen exklusive jener Gebiete, die sich Österreich und Preußen einverleibt hatten.

Dieses annektierte Gebiet macht den weitaus größten Teil des „Ansiedelungsrayons“, von dem im Buch mehrmals die Rede ist, aus. Als Ansiedlungsrayon (russisch: Tscherta osedlosti) wird das Gebiet im europäischen Westen des Zarenreiches bezeichnet, auf das zwischen Ende des 18. und Anfang des 20. Jahrhunderts das Wohn- und Arbeitsrecht der jüdischen Bevölkerung beschränkt war. Die Beschränkung geht zurück auf einen Erlass Katharina II. von 1791. Mit geringen Schwankungen im Geltungsbereich und der Durchführungsstrenge galt er bis 1917.

Im Ansiedlungsrayon lebten nach Angaben des 1. Kapitels im ausgehenden 19. Jahrhundert 95 Prozent der jüdischen Einwohner(innen) des Zarenreiches. „Das war nahezu die Hälfte der weltweiten jüdischen Bevölkerung.“ (S. 27-28) Und umgekehrt: Jüdinnen und Juden stellten in manchen Städten des Ansiedlungsrayons eine bedeutende, wenn nicht die bedeutendste Bevölkerungsgruppe; im Wilna der Max-Zeit rund 40 Prozent. Beide Kennwerte zeugen von einer demographischen Entwicklung: Im Zeitraum 1820 – 1880 stieg die jüdische Bevölkerung des russischen Reiches von 1,6 auf vier Millionen; in nur zwei Generationen zweieinhalb Mal so viele Menschen. Die Bevölkerungswissenschaft nennt eine solche Wachstumsrate „superexponentiell“; wahrscheinlich verdankte sie sich dem Zusammenspiel von höherer Lebenserwartung und steigender Geburtenrate. Beides sind Indikatoren für ein bestimmtes Wohlergehen (Nahrung, Unterkunft, Kleidung, medizinische Versorgung), das aber Armut bis hin zum Hungern einschließt; in Entwicklungs- und Schwellenländer kann man dergleichen noch heute beobachten.

Algemeyner Yidisher Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland

Die übliche und von fast allen gesprochene und verstandene Sprache der im Ansiedelungsrayon lebenden Aschkenasim war Jiddisch. Russisch konnte nur eine Minderheit von fünf Prozent; Max gehörte dazu und dürfte damit keine Ausnahme in der jüdischen Intelligenzija des Ansiedelungsrayon gewesen sein. Max sprach und verstand natürlich auch Jiddisch, die Sprache, in und mit der er aufgewachsen war und in der man im Algemeynen Yidishen Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland (Bund) miteinander sprach. Der Bund wurde 1897 gegründet – noch ohne „Lite“ (Litauen); das kam erst 1901 dazu. Bei der Namensgebung wurde zurückgegriffen auf den 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), die erste Massenpartei der deutschen Arbeiterbewegung, die 1875 mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der unmittelbaren Vorläuferpartei der SPD, verschmolz.

Der Bund verstand sich ganz bewusst als jüdische Arbeiterpartei, dessen Hauptziel die gesetzliche Anerkennung des Judentums im russisch dominierten Großreich als eigene Nation mit Minderheitenstatus war. Damit setzte er sich zwischen alle Stühle. Sowohl jenen, den die Zionisten bereit hielten (dazu unten mehr), den zweiten, angeboten von Lenin und den Bolschewiki, sowie den dritten des zeitgenössischen „Normaljudentums“: „Gläubige Mitglieder der jüdischen Gemeinde hielten die Bundisten für gottlose Materialisten und Terroristen und missbilligten besonders, dass unter den Aktivisten junge Frauen waren.“ (S. 41)

Der Bund ist die Keimzelle der Bundistischen Bewegung, die bis heute über die Welt verstreut in Personen, Organisationen und Institutionen am Leben ist. Im November 2017 starb im Alter von 95 Jahren Yitzhak Luden, der letzte Aktivist der kleinen israelischen Sektion der politischen Bundistischen Bewegung. In seinem Nachruf auf den „letzten Bundisten“ würdigt ihn Ofer Adaret (2017a, 2017b) und erinnert sich: „Wenn er gefragt wurde, was der Unterschied zwischen der zionistischen Bewegung und dem Bund sei, pflegte Luden mit einem Lächeln zu antworten, dass beide Bewegungen im selben Jahr, 1897, gegründet wurden – die zionistische Bewegung jedoch in einem prachtvollen Saal eines Basler Casinos (wo der erste zionistische Kongress stattfand), während der Bund bei einem illegalen Treffen auf einem Dachboden in einem Armenviertel von Wilna (Vilnius) ins Leben gerufen wurde.“ (Adaret, 2017b)

Nicht nur darin, dass er die Klassenfrage in den Mittelpunkt stellte, unterschied sich der Bund von der zionistischen Bewegung, sondern auch in zwei anderen und mit dem ersten sachlich zusammenhängenden Punkten: 1. Die Emigration nach Palästina wurde als Eskapismus abgelehnt. 2. Ebenso die Wiederbelebung des Hebräischen, wie sie in der Entwicklung des Iwrit Wirklichkeit werden sollte; stattdessen warb der Bund für den Gebrauch des Jiddischen als jüdische Nationalsprache.

Die Hoffnungen der Zionist(inn)en erfüllten sich 1948 mit Gründung des Staates Israel, die des Bundes aber blieben ein Traum; denn die Verhältnisse, die war'n nicht so. Zur Geschichte des Bundes zwischen 1918 und 1939 hatte die deutsche Historikerin Gertrud Pickhan schon 2001 eine umfangreiche Studie (Pickhan, 2001) vorgelegt. Das vorliegende Buch informiert ein breites Publikum erstmals umfänglich über die frühe Geschichte des Bundes, in dessen Führungsgremium nur zwei Jahre nach dessen Gründung an ihrem wichtigsten Standort (Wilna/Vilnius) Max zu finden ist. Sein Schicksal (Bespitzelung, Verfolgung, Verbannung, Exil) führt uns die Geschichte des Bundes bis 1917 beispielhaft und eindrücklich vor Augen.

Zur Bedeutung des Bundes in seiner Frühzeit vergegenwärtige man (und frau) sich Folgendes: „Der Bund war die mit erheblichem Abstand größte und bestorganisierte sozialistische Bewegung des Russischen Reiches, neben der sich Lenins streitlustige Anhängerschar geradezu zwergenhaft klein ausnahm. Im Gegensatz zu den Bolschewiki verknüpfte der Bund revolutionäre Agitation erfolgreich mit der Organisierung der Arbeiter im Kampf für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. Im Sommer 1904, ein Jahr nach dem Parteitag in London, hatte der Bund etwa 23000 Mitglieder, deren Zahl während der Revolution 1905 auf einen Spitzenwert von 35000 anstieg. Dagegen hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands zu Beginn des Jahres 1905 weniger als zehntausend Mitglieder, unter denen die Bolschewiki in der Minderheit waren.“ (S. 44) Soweit zum Bund und den beiden ersten Themenblöcken.

Mit Blick auf das ganze Buch ist zusammenfassend zu sagen: Der Autor erzählt seine Geschichte in 18 Kapitel, die gerahmt sind von einer Einleitung und einem Schluss, die uns jenen Teil Londons lebendig werden lassen, in denen seine Eltern lebten und er aufwuchs. Die 18 Kapitel haben, auch wenn es hie und da aus sachlichen Gründen zeitliche Überlappungen gibt, eine chronologische Reihenfolge: Das erste Kapitel berichtet uns von Max Jugendjahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das letzte von Bills Lebensjahren nach dem 2. Weltkrieg. Meist haben die Kapitel den Blick auf eine bestimmte Person zum Mittel- und Ausgangspunkt: Max oder dessen Ehefrau Frouma bzw. Maxens Kinder: Bill den ehelichen, André aus einer nicht-ehelichen Beziehung mit Sofia Krylenko, einer äußerst freigeistigen Frau und Ira, die von Frouma in die Ehe mitgebrachte; ferner aber auch Bekannte und Verwandte.

In manchen Kapiteln wird von den Kontexten berichtet, in denen diese Menschen lebten: dem Algemeynen Yidishen Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland, der Revolutionen im Zarenreich 1905 und 1917, der Teilung des früheren Ansiedelungsrayon – Gebietes durch den Versailler Vertrag 1919, der Sowjetunion von seiner Gründung bis zum Ende des 2. Weltkriegs, dem Paris der Zwischenkriegszeit und unter deutscher Besatzung, dem England der Kriegs- und Nachkriegszeit – und dem Deutschland der unmittelbaren Nachkriegsjahre, in denen Bill als Offizier der britischen Besatzungsarmee seinen Dienst ableistete.

Dem Textende folgen eine lange Danksagung, ein Verzeichnis der 48 Anmerkungen (inkl. Quellenangaben), die Stammbäume der Familien Mazower (Max-Linie) und Toumarkine (Frouma-Linie) sowie Bildnachweise der Bilder, die nicht aus des Autors Archiv stammen. Ich empfehle, die beiden Stammbäume zu kopieren, um sie bei Lektüre des Buches immer wieder vor sich zu haben. Wer entsprechend geschult ist, kann diese Stammbäume zu Genogrammen ausgestalten, in denen u.a. vermerkt ist, wann und wo ein Paar, von dem und ggf. dessen Kind(ern) berichtet wird, sich kennen gelernt, eventuell geheiratet und sich möglicherweise getrennt hat.

Diskussion

Das Buch trägt den Untertitel „Meine Familie im 20. Jahrhundert“. Es ist in der Tat eine sehr persönliche Geschichte, die uns Mark Mazower da erzählt. Aber es wäre ein großes Missverständnis, würde man „persönlich“ in einem privatistischen Sinne (miss-)verstehen. Der Autor erzählt hier nicht nur als Sohn, Enkel und Urenkel, sondern zugleich auch immer als Europäer, Angehöriger des jüdischen Volkes und professioneller Historiker. Es ist ein Buch, das einem interessanten Teppich gleicht: Persönliche und Universalgeschichte bilden ein Gewebe aus Kette und Schuss und in dieses an sich schon anspruchsvolle und ansprechende Flachgewebe eingeknüpft sind Anekdoten, Bilder, Episoden, Geschichten, Zeitanalysen und anderes mehr.

Das Buch erinnert schon durch seinen Titel an viele andere Bücher, in denen es darum geht, dass jemand nichts oder nur allzu wenig sagt oder gesagt hat. Mir fiel als Erstes „Das Schweigen meiner Mutter“ (München: Deutscher Taschenbuchverlag, 2011) der jüdisch-israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron ein, die jüngst mit „Sweet occupation“ (Doron 2017; socialnet Rezension: Heekerens, 2018a) ein kluges und mutiges Buch zu Israels Besatzungspolitik vorgelegt hat. Mut dazu gab ihr nicht zuletzt ihre Mutter: „In Israel habe ich gespürt, dass ich gehen musste. Ich kann kein Schaf sein. Ich kann ein Hund sein, ein Tiger, aber ich kann nicht blind mit der Herde laufen. Ich muss wegrennen, wie meine Mutter, die sich vor dem Transport nach Auschwitz gerettet hat.“ (Lewitan, 2017). Das Schweigen von Lizzies Mutter entsprang nicht der Angst vor Aufdeckung eigener Verbrechen, sondern dem Bedürfnis, ihrem einzigen Kind nicht die überschwere Last der schrecklichen Erinnerung aufzubürden.

In meiner Jugend war ich als echter 68er der schwer erschütterbaren Überzeugung, das Schweigen der Väter (die Mütter standen nicht so im Blickfeld) bedeute nichts anderes als das Verschweigen der von ihnen mit begangenen Verbrechen an der Front oder dahinter. Ein sorgfältiger Blick auf das Schweigen meines Vaters, der acht Jahre seines jungen Lebens als Soldat im Afrikakorps und als Kriegsgefangener in kanadischen Holzfällercamps verbrachte, nach dem Krieg nicht entnazifiziert werden musste und unter der Adenauer-Restauration litt, hätte mich eines Besseren belehren können. Aber zu bestimmten Zeiten erscheint einem „Überzeugung“ attraktiver als „Wahrheit“. Und so bin ich denn auch in den 1970ern reichlich unkritisch der von psychoanalytischem Gedankengut durchdrungenen familientherapeutischen Ideologie gefolgt, dass Familiengeheimnisse des Teufels und deren Hüter(innen) von irgendwelchen Satan(inn)en besessen seien.

Je weiter 1968 zurück liegt, je mehr ich mir der Ideologien der Familientherapie bewusst werde und je häufiger ich Bücher lese über das Schweigen der Eltern und Großeltern zu (kontra-)revolutionären und (anti-)faschistischen Erlebnissen sowie solchen aus der (Vor-) Zeit der Shoah, desto mehr wird mir bewusst: Schweigen kann auch ein Segen sein für die Späteren, und solches Schweigen wurde unter großem persönlichen Opfer vollbracht. Entscheidendes Kriterium für solch wohlwollendes Schweigen: Es ist nicht mit Tabu belegt. Wenn irgendwelche Nachkommen für sich und aus sich heraus entscheiden, dass sie groß und stark genug seien, die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit über ihre Herkunftsfamilie zu ertragen, dann darf kein Bannfluch sie daran hindern.

So war es auch im Falle der Mazowers: Der Autor vermutet – m.E. zu Recht – das Schweigen von Max „mag … sogar eine Art Geschenk an seine Umgebung gewesen sein, der Wunsch, ihnen – vor allem meinem Vater – den Raum zu geben, ihr eigenes Verhältnis zu Vergangenheit und Zukunft zu entwickeln, statt ihnen eine Trauerpflicht aufzuerlegen… Dad führte das Schweigen seines Vaters fort.“ (S. 102)

Das Buch ist ja nun aber nicht nur ein Familienroman. Er ist auch Anderes. Etwa ein Bericht über das Ansiedelungsrayon, sein Judentum und die dort entstandenen Algemeynen Yidishen Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland. Unter diesem Gesichtspunkt fällt einem zu vorliegendem Buch natürlich Philippe Sands (2018) „Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (socialnet Rezension: Heekerens, 2018b) ein. Ja, man hat sogar den Eindruck, jenes Buch des britischen Juristen habe dem vorliegenden des britischen Historikers als Modell gedient oder den Taufpaten gespielt. Wie dem auch sei, sicher ist: In beiden Fällen werfen jüdischstämmige britische Wissenschaftler einen Blick auf ihre familiäre Herkunft. Für Philippe Sands gerät dabei Galizien in den Blick, für Mark Mazower das Ansiedelungsrayon. Zusammen betrachten sie die Geschichte des aschkenasischen, meist Jiddisch sprechenden Stetl-Judentums in seinem vor der Shoah weltweit bedeutendsten Siedlungsraum.

Mit Mark Mazower über Kreuz bin ich nur in einem einzigen Punkte: bei der Grenzziehung zwischen Mittel- und Osteuropa. Die damit verbundene Frage ist von so allgemeiner Bedeutung und wird so kontrovers beantwortet, dass ein eigener Sachabschnitt gerechtfertigt scheint.

Von „Ostjuden“ und „osteuropäischen Juden“

Mark Mazower gibt an mehreren Stellen zu verstehen, dass er die Jüdinnen und Juden aus dem Ansiedelungsrayon samt und sonders als „osteuropäisch“ bzw. „aus Osteuropa“ bezeichnet. Auch jene Jüdinnen und Juden, die in Gebieten beheimatet waren, die auf den Territorien der heute souveränen Staaten Litauen und Polen liegen. Er befindet sich damit in bester – journalistischer (vgl. etwa Berbner, 2018) wie wissenschaftlicher (vgl. etwa Sznaider, 2017) – Gesellschaft. Auch der wikipedia-Eintrag „Juden in Osteuropa“ folgt dieser Linie. Es gibt indessen gute Gründe, die Bezeichnung aller Jüdinnen und Juden des russischen Ansiedelungsrayons als „osteuropäische“ für irreführend zu halten; vergleichbares gilt für die Jüdinnen und Juden des österreichischen Galiziens.

Beschäftigt man sich näher mit der Frage, weshalb frühere und zeitgenössische Autor(inn)en (auch) Jüdinnen und Juden, die am Ostrand Mitteleuropas lebten, als „osteuropäische“ deklarieren, drängt sich der Verdacht auf, diese würden die Typenbezeichnung „Ostjude“ mehr oder minder gedankenlos zur geographischen Herkunftsbezeichnung „osteuropäischer Jude“ machen. Darüber, was unter „Ostjude“ als Typus zu verstehen sei, hat uns Trude Mauerer (1986) in „Ostjuden in Deutschland 1918 – 1933“ (online verfügbar) hinreichend aufgeklärt. Wer dort nicht nachlesen mag, der/dem sei hier eine Illustration geboten.

In einer deutschen Zeitschrift konnten unsere Vorfahren Folgendes lesen: „Drohender erhebt sich die gesellschaftliche, die Kulturfrage. Wer ihre Sprache vernehmen will, mag an Berliner Sonntagen mittags um zwölf durch die Tiergartenstraße gehen oder abends in den Vorraum eines Theaters blicken. Seltsame Vision! Inmitten deutschen Lebens ein abgesondert fremdartiger Menschenstamm glänzend und auffallend staffiert, von heißblütig beweglichem Gebaren. Auf märkischem Sand eine asiatische Horde.“ (zitiert nach Brenner, 2005, S. 26) Die „asiatische Horde“, das sind „Ostjuden“. Die Zeilen könnten gut aus der Feder eines Nazi-Journalisten stammen und im „Stürmer“ zu lesen gewesen sein im Jahr 1937 – vier Jahre vor Beginn des großen Mordens der Nazis an den „Ostjuden“. Aber nein: Der Text stammt von 1897, erschien in der progressiven Zeitschrift „Die Zukunft“ und wurde verfasst von dem durch Rechte ermordeten Außenminister der Weimarer Republik Walther Rathenau – einem assimilierten „Westjuden“ par excellence.

Nicht nur Berlin, auch Wien und Budapest, hatten in den Jahren und Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert ihre „Ostjuden“; diese kamen meist aus Galizien – von Wien aus im Nordosten und aus Budapester Sicht im Norden gelegen. Zur Veranschaulichung: Sigmund Freuds (Wien) Eltern wurden beide in Galizien geboren, und dort ebenfalls der Vater (über die Mutter ist nichts auszumachen) des neben Otto Rank bedeutendsten Freud-Schülers Sándor Ferenczi (Budapest).

Unter jenen, die offensichtlich alle „Ostjuden“ für „Juden aus Osteuropa“ halten gibt es zwei Gruppen. Für die eine existiert „Mitteleuropa“ überhaupt nicht. So etwa für den (auch) für „DIE ZEIT“ schreibenden Bastian Berbner (2018). In seinem jüngsten ZEIT-Artikel geht es um die Frage – wir sind Anfang des 20. Jahrhunderts –, ob es denn ein „jüdisches Volk“ gebe, das nach Palästina einwandern könne und wolle. Seine Volkszählung ergibt: „Irgendwie schon, aber die elf Millionen Menschen, die ihm angehören, leben verstreut in aller Welt, sieben Millionen in Osteuropa, zwei Millionen in Westeuropa, eine Million in Amerika.“ (S. 16). Mitteleuropa kennt der Autor, dessen Uhren nach Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) gehen, offensichtlich nicht. Der gebildete Westeuropäer Mark Mazower weiß um die Existenz Mitteleuropas, gibt aber nicht an, wo er dessen Ostgrenze sieht, jenseits derer er aber faktisch das Litauen und Polen unter Zarenherrschaft ansiedelt.

Andernorts wird man derselben Unklarheit gewahr. Claus Leggewie, Inhaber der Carl-Ludwig-Börne-Professur an der Universität Gießen und Mitglied des Rats für Migration hat im Juni 2018 in einem ZEIT-Artikel (Leggewie, 2018) an das im Jahre 1938 stattgefundene Treffen von Delegierten aus 32, vor allem westlichen Staaten, in Évian-les-Bains erinnert. Wir wissen, dass die beteiligten Staaten die ganz überwiegende Mehrzahl der von Nazi-Deutschland bedrohten Jüdinnen und Juden nicht – durch die auf der Tagung diskutierten Grenzöffnungen für jüdische Asylsuchende – gerettet hat: „Keiner will sie“ (so die Artikel-Überschrift). Bei der Frage, wo denn die potentiellen Asylanten wohnten, gibt der Autor eine uneindeutige Auskunft: zwei Mal ist von „Osteuropa“ die Rede, einmal von „Ostmitteleuropa“; beide Male ist dasselbe Gebiet gemeint.

Eindeutig hingegen ist die historisch und kulturell gut begründete Grenzziehung des Ständigen Ausschusses für geographische Namen (www.stagn.de/). Danach gehören zu Mitteleuropa, um nur dessen strittigen Ostrand im hier relevanten Nordteil in den Blick zu nehmen, folgende Gebiete und Staaten (in ihren heutigen Grenzen!): Estland, Lettland, Litauen und ganz Polen (sowie der Westteil der Ukraine mit dem Zentrum Lwiw/Lemberg – weitgehend deckungsgleich mit dem früheren Ostgalizien).

Warum ist es wichtig, die Grenze zwischen Mittel- und Osteuropa in der beschriebenen Weise zu ziehen? Aus zumindest zwei Gründen, der erste das Heute, der zweite das Gestern betreffend. Zum Heute: Die Mehrheit der Litauer(innen) und Pol(inn)en fühlen sich verkannt und in ihrer Angst vor Russland unverstanden, wenn man sie als „Osteuropäer(innen)“ bezeichnet. Vor der Krakauer Marienkirche wurde ich vor Jahren Zeuge eines Gesprächs zwischen einer einheimischen Fremdenführerin und einem Touristen ihrer Gruppe, der wissen wollte, weshalb es falsch sei, Polen zu Osteuropa zu zählen. Die Fremdenführerin (in bestem Deutsch): „Schon allein deshalb, weil der Erzbischof von Krakau bekanntlich nicht Patriarch in Moskau, sondern Papst in Rom wurde.“

Und was das Gestern betrifft: Nur wenn man die Grenze zwischen Mittel- und Osteuropa durch das zaristische Ansiedelungsrayon seit den „Teilungen Polens“ zieht, erscheint dieses als ein geographischer Raum, in dessen Binnenbereich die historische und kulturelle Grenze zwischen Mittel- und Osteuropa leichter zu überschreiten und wechselseitiger Austausch zwischen „Ost“ und „West“ eher möglich war als davor und danach. Es ist weitgehend unerforscht, was das für die Geschichte Europas bedeutet und welche Rolle dabei das Judentum jenes Gebietes spielte. Man kann das vorliegende Buch auch unter dieser Fragestellung lesen. Dann erscheint beispielsweise der Algemeyne Yidishe Arbeter Bund in Lite, Polyn un Rusland als eine institutionelle Klammer, die „Ost“ und „West“ eine kurze Zeit zusammenhalten konnte.

Eine solche Sichtweise erfordert eine andere Brille aufzusetzen als der Autor. Der nämlich folgt bei der Unterscheidung von Mittel- und Osteuropa nicht ethnischen und kulturellen Kriterien, sondern Grenzziehungen, die sich Militär und Politik verdanken. Bei Beschreibung der Situation nach dem Versailler Vertrag von 1919: „Die neuen Grenzen Osteuropas verliefen mitten durch das frühere Kerngebiet des Bundes: Wilna und Grodno lagen auf der polnischen Seite der Grenze, abgeschnitten von Minsk, Petrograd und Moskau.“ (S. 87) Der stärkste Einspruch gegen eine solche Sichtweise dürfte von Pol(inn)en kommen: Polen gehörte nach überwiegender Ansicht der Pol(inn)en von gestern und heute nie zu Osteuropa – auch nicht zu Zeiten, da es vom Zarenreich annektiert war. Zwei Jahre nach der 3. Teilung Polens schrieb Józef Wybicki sein „Lied der polnischen Legionen in Italien“ dessen erste Zeile „Noch ist Polen nicht gestorben“ lautet. Mit „Noch ist Polen nicht verloren“ beginnt seit 1927 die polnische Nationalhymne.

Fazit

Ich empfehle das Buch allen, die der Überzeugung sind: Nur wer das Gestern kennt, versteht das Heute und kann das Morgen gestalten. Das Gestern, von dem Mark Mazower hier bestens informiert, in packender Weise und in persönlichem Stil berichtet, ist nicht irgendeines; es betrifft nach Ort und Zeit einen Abschnitt der jüngeren Geschichte Europas, der prägend war für dessen Geschick.

Literatur


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 09.07.2018 zu: Mark Mazower: Was du nicht erzählt hast. Meine Familie im 20. Jahrhundert. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-518-42811-5. Aus dem Englischen von Ulrike Bischof. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24509.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


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