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Herbert Schubert: Netzwerkmanagement in Kommune und Sozialwirtschaft

Cover Herbert Schubert: Netzwerkmanagement in Kommune und Sozialwirtschaft. Eine Einführung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 154 Seiten. ISBN 978-3-658-19060-6. D: 22,99 EUR, A: 19,52 EUR, CH: 19,50 sFr.

Reihe: Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement.
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Thema

Netzwerke sind seit Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein populäres Thema in vielen Wissensdisziplinen. Neben neuronalen Netzwerken, Beziehungsnetzwerken, regionalen Netzwerken, Innovationsnetzwerken, Policy-Netzwerken und vielen weiteren haben die Ideen von Kooperation und Vernetzung auch in die Soziale Arbeit Einzug gehalten. Wenn auch nicht begrifflich mit der Kategorie „Netzwerk“ belegt, spiel(t)en diese Konzepte auch bei der Gemeinwesenarbeit, der Sozialraumorientierung und dem Quartiersmanagement eine bedeutende Rolle. Da erscheint es sehr sinnvoll, dass sich nun eine Publikation ausführlich mit dem Thema des Managements von Netzwerken in den Kommunen und in der Sozialwirtschaft beschäftigt. Der Autor ist hier einschlägig „vorbelastet“, da er schon 2008 eine Publikation zum Netzwerkmanagement herausgegeben und parallel zur hier rezensierten Veröffentlichung die korrespondierende Publikation „Netzwerkorientierung in Kommune und Sozialwirtschaft“vorgelegt hat.

Autor

Dr. Dr. Herbert Schubert ist Professor an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln und leitet dort den Forschungsschwerpunkt Sozial – Raum – Management.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch stammt aus der von Klaus Grunwald und Ludger Kolhoff herausgegebenen Lehrbuchreihe „Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement“, die das Ziel verfolgt, „zentrale Inhalte zum Themenfeld Sozialwirtschaft und Sozialmanagement in verständlicher, didaktisch sorgfältig aufbereiteter und kompakter Form zu vermitteln.“ (II)

Zielgruppen

Als Zielgruppen werden insbesondere Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit genannt.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel nebst einer Einführung und einer Zusammenfassung aufgebaut.

Nach der Einleitung wird zunächst die Frage behandelt wie denn „Netzwerke machen“ funktioniert. In den weiteren Kapiteln analysiert Schubert die Grundlagen der Gestaltung und Organisation von Netzwerken, die Strategien beim Aufbau organisierter Netzwerke, das Management von Netzwerken in der Sozialwirtschaft und die Steuerung von Netzwerken. Mit der Zusammenfassung resümiert Schubert dann nochmals die zentralen Aspekte der Gestaltung von Netzwerken in der Sozialwirtschaft.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In der Einführung hebt Schubert hervor, dass der Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Netzwerkmanagement die Beobachtung ist, dass in Kommunen wie der Sozialwirtschaft hierarchische Führungsmuster abnehmen und partizipative, interaktive Formen der Kooperation von Akteuren zunehmen. Deshalb werde mit dieser Publikation eine Lücke geschlossen, indem die „handwerklichen Aufgaben, wie Netzwerke in Kommunen und Sozialwirtschaft organisiert und gemanagt werden können“ (1) vermittelt werden. Im ersten Kapitel entwickelt Schubert die grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Grundtypen von Netzwerken, den lebensweltlichen Netzwerken, die durch persönliche Beziehungen entstanden und natürlich geknüpft sind und den organisierten Netzwerken, die intentional entstanden sind und als „(proto-)professionelle aus (inter-)disziplinären Verbindungen bestehende Kooperationsgeflechte“ (7) bezeichnet werden können. Nur dieser zweite Grundtyp kommt in Frage für die Gestaltung von Netzwerken nach den Management-Kriterien.

Folgerichtig geht es im zweiten Kapitel um die Grundlagen der Gestaltung dieser organisierten Netzwerke. Hier werden von Schubert vier Aspekte herausgearbeitet:

  1. Organisierte Netzwerke müssen „Sinn“ generieren, eine eigene „Netzwerkkultur“ schaffen, sich zu einem „System“ formen und ein eigenes „Design“ entwickeln. Die Bildung eines Netzwerkes gelingt, in dem ein thematischer Fokus geschaffen wird, um den herum ein Sinnkern geschaffen wird. Einen solchen Sinnkern bildet beispielsweise die „Prävention“ im Netzwerk Frühe Hilfen. (20 ff.)
  2. Weiterhin ist es notwendig, dass organisierte Netzwerke eine eigene Kultur entwickeln, die Ausdruck gemeinsamer Interpretationen und einer gemeinsamen Symbolik sind. Organisierte Netzwerke entwickeln eine narrativ konstruierte Identität, die Schubert im Anschluss an Fuhse (2016) als „Domäne“ bezeichnet. So bilde das Netzwerk Frühe Hilfen „durch besondere Symbole, spezifische sprachliche Muster und normbasierte Verhaltenserwartungen eine Domäne“ (23), die sich klar von der Netzwerkidentität und Kultur anderer Netzwerke unterscheide. Die Systembildung eines Netzwerkes erfolgt über die Entwicklung einer Sinngrenze zur Umwelt. Wiederum am Beispiel des Netzwerkes Frühe Hilfen etwa dadurch, dass im Netzwerk „die Funktionssysteme Gesundheit, Jugendhilfe und Soziales … über den Sinnzusammenhang der umfassenden Prävention in der frühkindlichen Phase eine relativ abgeschlossene Vernetzungsstruktur“ (25) schaffen.
  3. Netzwerke werden als „Systeme in einer Umwelt“ angesehen, wobei die am Netzwerk beteiligten Organisationen (die die Netzwerke als Teil ihrer Umwelt beobachten) über das von Luhmann in Anschluss an Spencer-Brown sogenannte Re-Entry in das Netzwerk eintreten und Teil des Netzwerkes werden können.
  4. Schließlich wird „Design“ als das „zentrale Element der Identitätsformation eines organisierten Netzwerkes“ (29) vorgestellt. Im Anschluss skizziert Schubert die Methode des „Network Design Thinking“, die als besonders geeignet für komplexe Problemlösungen und Innovationen bezeichnet wird. Am Beispiel des Projektes „Öffnung des Wohnquartiers für das Alter“, stellt er diese Methode in sechs Anwendungsschritten genau vor. (34 ff.)

Wie in allen Kapiteln werden am Ende die „wichtigsten Aspekte“ zusammengefasst, „Literaturempfehlungen zur Vertiefung“ gegeben und „Anregungen für eine praxisbezogene Reflexion“ formuliert.

Im dritten Kapitel unterscheidet Schubert vier Strategien zum Aufbau organisierter Netzwerke, die alle erneut am Beispiel des Netzwerkes Frühe Hilfen veranschaulicht werden.

  1. Geht es allein um die Bündelung von Interessen und Kompetenzen wird von einer „Interessenallianz“ gesprochen. (52 ff.)
  2. Eine zweite Strategie zum Aufbau eines organisierten Netzwerkes hat zum Ziel, Informationen auszutauschen und das Lernen von- und miteinander zu fördern. In diesem Fall spricht Schubert von Informationsnetzwerken.
  3. Wenn das Netzwerk über den Austausch von Informationen hinaus themenbezogen kooperiert, Ziele definiert und beginnt eine gemeinsame Identität zu entwickeln, wird von einem Dienstleistungsnetzwerk gesprochen.
  4. Die vierte Strategie zum Aufbau organisierter Netzwerke nennt Schubert „Überbrückungsnetzwerk“, da hier sogenannte strukturelle Löcher, beispielsweise zwischen dem Gesundheits- und dem Jugendhilfebereich, geschlossen werden können. (61 ff.) An einem weiteren Beispiel, dem Aufbau eines Lotsensystems in Mühlheim an der Ruhr, wird ein solches Überbrückungsnetzwerk exemplifiziert.

Das Management von organisierten Netzwerken in der Sozialwirtschaft ist Gegenstand des vierten Kapitels. (75 ff.) Dieses beruht nach Schubert auf den folgenden drei Säulen:

  1. Informationsaustausch und -sicherung,
  2. Prozessmanagement und
  3. Qualitätsentwicklung.

Diese Punkte werden systematisch vorgestellt und ebenfalls am Beispiel des Netzwerks Frühe Hilfen veranschaulicht. Einige Abbildungen veranschaulichen die verschiedenen Anforderungen für und innerhalb der Netzwerkkoordination. Als solche Anforderungen werden die „Stakeholderanalyse“ (die Analyse von Interessens- und Anspruchsgruppen), die Two-Mode-Netzwerkanalyse (die Analyse von zwei unterschiedlichen Typen von Einheiten, z.B. Akteure und Ereignisse), die „Aufbauorganisation“ (lassen sich bereits vorhandene Strukturen für den Aufbau eines Netzwerkes nutzen und finden sich strukturelle Löcher?), die „Netzwerkentwicklung“ (die in operative und strategische Aktivitäten unterschieden wird) und das „Schnittstellenmanagement“, welches eine Schlüsselrolle im Networking einnimmt, werden doch hier die jeweiligen Kompetenzen, unterschiedlichen Jargons und Qualitätsanforderungen koordiniert.

Im fünften Kapitel geht es abschließend um die Steuerung von Netzwerken. Drei Steuerungsformen, die Steuerung über Märkte, die Steuerung über Hierarchie und die Steuerung durch Heterarchie oder ein Mix dieser drei Steuerungsformen zeigen sich nach Schubert in der sozialwirtschaftlichen Netzwerkpraxis. Nur „heterarchisch gesteuerte Netzwerke basieren auf dem Prinzip einer freiwilligen Teilnahme.“ (117) Hierarchische Steuerungsformen beinhalten monozentrische und damit Top-Down-Entscheidungen, welche das vorherrschende Steuerungsprinzip von Organisationen darstellt. (118 ff.) Besondere Bedeutung kommt der Netzwerkmoderation zu, hat diese doch die Funktion, differente Interessen zusammenzuführen, Machtasymmetrien auszugleichen, fachliche Beiträge der heterogenen Akteure zu sichern und deren Kooperationsprozesse zu strukturieren. (122) Dies erfordert die Ausbildung entsprechender Kompetenzen für die Netzwerksteuerung, die durch Personalentwicklung bewusst entwickelt werden müssen.

In der anschließenden Zusammenfassung resümiert Schubert in stark komprimierter Form die wesentlichen Aspekte der fünf Kapitel. Hierarchische Steuerungsformen beinhalten monozentrische und damit Top-Down-Entscheidungen

Diskussion

Das Buch ist als Einführung in das Netzwerkmanagement in Kommunen und Sozialwirtschaft konzipiert. Somit ist die Beschränkung auf die zentralen Aspekte der Grundlagen der Gestaltung von Netzwerken, der Strategien beim Aufbau und des Managements und der Steuerung von organisierten Netzwerken gut nachvollziehbar.

Allen Kapiteln sind eine Zusammenfassung und die Definition von Lernzielen vorangestellt, ebenso wie alle Kapitel mit einer Bündelung der wichtigsten Aspekte und Anregungen für praxisbezogene Reflexionen enden. Durch diese didaktische Struktur ist das Buch für Vorlesungen wie Seminare gut geeignet. Aber auch Praktiker können so gut profitieren. Hervorzuheben ist auch, dass der Autor immer wieder an Beispielen seine Analysen erläutert, häufig an dem vom Bundeskinderschutzgesetz geforderten Aufbau des Netzwerks Frühe Hilfen.

Gemessen an den Zielgruppen Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit erscheinen allerdings einzelne Kapitel für Studierende der Sozialen Arbeit leicht überfrachtet, so im ersten Kapitel, wenn dort die Feldtheorie, die Systemtheorie und die Theorie des Sozialkapitals zwar benannt, aber nicht weiter erklärt werden (S. 8 ff.). Leider werden, jedenfalls dort, wo es um den analytischen Begriff Netzwerke geht, elementare Kategorien der Netzwerkforschung überhaupt nicht aufgegriffen, so etwa die Vertrauensbasierung von Netzwerken, die Reziprozität, Rekursivität und Diskursivität. Wenn dann anstelle von „Akteuren“ von „Mitgliedern“ des Netzwerkes gesprochen wird (S. 28), sowie von „fokaler Kontrolle“ und „vertikaler Koordinations- und Kooperationsrichtung“ (S. 17 f.) innerhalb von Netzwerken wird die Unterscheidung und die Abgrenzung der Begriffe „Organisation“ und „Netzwerk“ unterlaufen. Sinnvoller wäre es, Interorganisationsbeziehungen, die sehr wohl hierarchisch sein können, Organisationen, die auf Mitgliedschaft beruhen und Netzwerke, die vertrauensbasiert prozessieren deutlicher auseinanderzuhalten. Auch ist die analytische Trennschärfe zwischen der Interessenallianz und Informationsnetzwerken nicht überzeugend, denn die Bündelung von Kompetenzen und Interessen ist kaum ohne Austausch von Informationen möglich.

Vielfältig findet sich in der Literatur zu den Koordinationsformen von Netzwerken der Begriff der „Aushandlung“, in Abgrenzung zu Märkten, die über „Verträge“ und Organisationen, die über „Anweisung“ gesteuert werden. Alle diese Koordinationsformen zur Netzwerksteuerung zu zählen, fördert nicht gerade die analytische Trennschärfe.

Fazit

Das Buch vermittelt insgesamt viel Wissen über Netzwerke und das Netzwerkmanagement in Kommunen und in der Sozialwirtschaft. Es ist didaktisch sehr gut durchkonzipiert und zumeist gut und verständlich geschrieben. Viele Beispiele und Abbildungen unterstützen diese Verständlichkeit. Dazu trägt auch ein umfangreiches Glossar am Ende des Buches bei. Der rege Einbezug aktueller Literatur erlaubt eine eigenständige vertiefende Beschäftigung mit dem Thema. Für eine mögliche spätere Aktualisierung und Überarbeitung ist allerdings eine Bereinigung analytischer Ungenauigkeiten empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Uli Kowol
Professor für Sozialmanagement und Sozialwirtschaft am Fachbereich „Angewandte Sozialwissenschaften“ der Fachhochschule Dortmund
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Zitiervorschlag
Uli Kowol. Rezension vom 22.08.2018 zu: Herbert Schubert: Netzwerkmanagement in Kommune und Sozialwirtschaft. Eine Einführung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-19060-6. Reihe: Basiswissen Sozialwirtschaft und Sozialmanagement. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24517.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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