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Jochen Becker-Ebel (Hrsg.): Palliative Care in Pflegeheimen und -diensten

Cover Jochen Becker-Ebel (Hrsg.): Palliative Care in Pflegeheimen und -diensten. Wissen und Handeln für Pflegende. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2017. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 213 Seiten. ISBN 978-3-89993-393-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.

Reihe: Pflege Kolleg.
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Thema

30 % aller Pflegebedürftigen lebt in Heimen (vgl. Statistisches Bundesamt 2013, 5) Diese Organisationen werden zunehmend zu Orten des Sterbens (vgl. Winter 2008 und Schönberg, de Vries 2011, Techtmann 2015). Aus einer Untersuchung von 33 Einrichtungen ergibt sich u.a.: „Nach einem Jahr sind knapp die Hälfte (47,5 %) der Bewohnerinnen und Bewohner verstorben.“ (Schönberg, de Vries 2011) Nach einer Studie beträgt die durchschnittliche Verweildauer der männlichen Bewohner 18 Monate und die der Bewohnerinnen 36 Monate ( vgl. Schönberg, de Vries 2011, 370) Damit müsste eigentlich Tod und Sterben ein zentrales Thema dieser Organisationen und ihrer Insassen sein. Dies müsste auch für diejenigen Bewohnerinnen und Bewohner gelten, die etwas länger leben. Sie erleben, dass viele ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner versterben. „Schätzungen zufolge sind die Alters- und Pflegeheime dabei, in Kürze Sterbensorte Nr. 1 in Deutschland zu werden, noch vor den Krankenhäusern und weit vor dem eigenen zuhause.“ (Borasio 2014, 18). Eine Fragestellung ist, inwieweit diese Sterbenden in Pflegeheimen durch die Palliativmedizin und die Palliativpflege versorgt werden. Diese Frage muss auch vor dem Hintergrund des Pflegenotstands gestellt werden (vgl. Rieger 2017). Können die Pflegenden neben der normalen Pflege noch zusätzliche Aufgaben übernehmen, die mit einer ganzheitlichen Palliativpflege verbunden sind? Im Vergleich zu stationären Hospizen könnte das Sterben in Pflegeheimen ein Sterben zweiter Klasse bleiben und vor dem Hintergrund des Pflegenotstands sogar zu einem Sterben dritter Klasse werden.

Herausgeber

Prof. Dr. theol. Jochen Becker-Ebel ist Supervisor und Psychodramaleiter

Aufbau

Das Buch besteht aus acht Kapiteln mit jeweils mehreren Unterkapiteln.

  • In Kapitel 1 behandelt Hans-Bernd Sittig das Thema Schmerztherapie.
  • In Kapitel 2 von Meike Schwermann wird auf das Thema Schmerzerfassung und Schmerzbehandlung eingegangen.
  • Das Kapitel 3 zur körperlichen Pflege besteht aus zwei Unterkapiteln von Nina Rödiger und drei Unterkapiteln von Günter Davids.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diese Rezension konzentriert sich auf die Kapitel 4 bis 8. Da der Rezensent weder Mediziner noch Krankenpfleger ist, kann er die ersten drei Kapitel nicht angemessen beurteilen

Ausgewählte Inhalte

Im Vorwort zur fünften Auflage weist Becker-Ebel auf gesetzliche Veränderungen hin. Pflegeheime müssen ab 2016 Palliativangebote und Vernetzungen nachweisen In der Einleitung zitiert Becker-Ebel Cicerly Saunders. Sie äußerte, sie habe sich den Tumorpatienten gewidmet und gewusst, dass es ihr nicht gelingen würde, die Misere der Versorgung alter Mitbürger aufzugreifen. Das Problem sei ihr zu groß. Diese Aufgabe sei, so der Autor Becker-Ebel, auch heute noch nicht in vollem Umfang erkannt und bewältigt. Nach dem Eindruck des Rezensenten hat sich die Misere in der ambulanten und stationären Pflege eher noch verschärft.

Kapitel 4

Das Kapitel 4, „Psychosoziale Nöte begleiten“, beginnt mit einem Unterkapitel (4.1.) von Michaela Pawlowski zu Depressionen und Angst, die im Kontext von Palliative Care oft nicht voneinander zu trennen seien. Symptome könnte auch durch die körperliche Grunderkrankung hervorgerufen worden sein. Eingegangen wird auch auf die psychiatrischen Kategorisierungen von Depressionen und Angst nach dem ICD 10. Ob diese Kategorisierungsarbeit jedoch die Pflegenden viel weiterbringt, ist nach Ansicht des Rezensenten fraglich. Der Beitrag enthält einen Exkurs zu Depressionen im Alter, die bei Pflegeheimbewohnern sehr hoch ist [1]. Auf hilfreiche medikamentöse und pflegerische Maßnahmen für Patienten mit diesen Symptomen wird eingegangen. Es folgt ein Unterkapitel (4.2) von Christine Behrens zu hilfreichen Gesprächen. Ein Kommunikationsmodell ist hier die Transaktionsanalyse. Eingegangen wird auch auf Kommunikation mit Menschen, die nicht mehr sprachfähig sind. Christine Behrens ist auch die Autorin des letzten Unterkapitels zu Kommunikation mit Angehörigen Die Arbeit mit Angehörigen wird an Fallbeispielen veranschaulicht. Eingegangen wird auch auf das „Drama-Dreieck“ nach Karpman.

Kapitel 5

Um existenzielle Krisen [2] geht es in Kapitel 5 von Christine Behrens, das aus 3 Unterkapiteln besteht. Begonnen wird mit Ritualen in der Begleitung Sterbender, es folgt dann ein Unterkapitel zu Trauer. Beide Unterkapitel könnten nach Ansicht des Rezensenten ausführlicher und differenzierter sein. In der Literatur zur Palliativmedizin und Hospizarbeit (z.B. Borasio 2014 Döring 2018 Brathuhn und Adelt 2015) wird darauf ausführlicher eingegangen. So ausführlich muss dies in einem Lehrbuch nicht sein, aber diese beiden Unterkapitel sind dann doch etwas zu kurz. Eingehen könnte man auch auf die Situation im Pflegeheim. Das Pflegepersonal ist zum Beispiel mit der antizipierenden Trauer von sterbenden Bewohnern und Angehörigen konfrontiert, mit den Reaktionen der Mitbewohnerinnen und mit der kurzen Zeit zwischen dem Tod und der Ankunft des Beerdigungsunternehmens besonders befasst. Im dritten Unterkapitel werden spirituelle Fragen behandelt. Solche Fragen nach dem Sinn des Lebens werden im Alltag selten gestellt, solange man sich nicht in einer existenziellen Krise (z.B. lebensverkürzende Krankheit oder Verlust des Lebenspartners) befindet. Es handelt sich u.a. um Fragen nach dem Sinn des Lebens oder einer schweren Erkrankung und um Fragen zur Lebensbilanz. In der Begleitung geht es vor allem darum, solche Fragen „auszuhalten“ (S. 157)

Kapitel 6

Im sechsten Kapitel behandelt Christine Behrens die Themen Zusammenarbeit und Vernetzung. Begonnen wird mit einem Unterkapitel zur Kommunikation im Team. Es folgt ein Unterkapitel zur Kommunikation mit Ehrenamtlichen. Beide Unterkapitel könnten nach Ansicht des Rezensenten detaillierte und enger bezogen auf die Palliative Care sein. Ehrenamtliche Sterbebegleiter werden selten von den Pflegeheimen selbst rekrutiert und ausgebildet. Manchmal bestehen Kooperationsvereinbarungen zwischen einem Hospizverein, der für Ausbildung und Supervision zuständig sind, und einem Pflegeheim. Ärzte sind meist ambulant in Pflegeheimen tätig. Auch daraus ergeben sich besondere Kooperationsaufgaben, zum Beispiel zur Schmerztherapie. Ehrenamtliche sind unabhängiger von Organisationen und den Zwängen des Gesundheits- und Pflegesystems. Auch das sind Rahmenbedingungen für die Kooperation. Im dritten Unterkapitel wird am Beispiel eines Altenpflegeheims die Arbeit einer Projektgruppe skizziert, die das Ziel hat, Palliativkompetenz und Hospiz-Kultur zu etablieren.

Kapitel 7

Das siebte Kapitel von Jochen Becker-Ebel hat die Überschrift „ethisch würdevoll und gut entscheiden“. Begonnen wird mit der Darstellung der rechtlichen Situation. Diese Darstellung sollte nach Ansicht des Rezensenten gründlicher an die ethische und rechtliche Diskussion der letzten Jahre angepasst werden ( vgl.- z.B. Borasio u.a. 2014, Michael de Ridder 2017, Thöns 2016) Zwar wurden einige Passagen zur neuen rechtlichen Situation zum assistierten Suizid eingefügt. Es fehlt aber die rechtlich-ethische Diskussion dazu und zur Patientenverfügung. Im zweiten Unterkapitel wird ein Entscheidungsdiagramm vorgestellt. Für den Rezensenten stellt sich die Frage, wer über wen entscheidet. Eigentlich kann es nur darum gehen, den Patientenwille zu befolgen oder, wenn dieser noch vorliegt, den mutmaßlichen Patientenwillen festzustellen. [3] Ärzte und Pflegende sollten nicht über Patienten entscheiden, wenn deren Wille bekannt ist.. Die ethisch-moralische Diskussion ist aber auch für die Sterbebegleitung wichtig. Nach der Erfahrung des Rezensenten kommt es zwar selten, manchmal aber doch vor, dass Patienten oder Pflegeheimbewohner Sterbewünsche äußert. Dann sollte man auf diese psycho-soziale Notsituation verbal reagieren.

Kapitel 8

Kristin Surendorf-Belder skizziert in Kapitel 8 Grundhaltungen der Hospizarbeit bzw. des Palliativ Care, wobei sie sich vor allem auf Saunders und Student bezieht. Eingegangen wird u.a. auf das Konzept des totalen Schmerzes auf Grundprinzipien, Geborgenheit, Sicherheit und die Bedeutung der Lebensgeschichte

Diskussion und Fazit

Darüber wie gute Palliativ Care und Begleitung aussehen sollte, gibt es bereits viele Erkenntnisse und Veröffentlichungen. Was noch fehlt sind die Bedingungen für die Möglichkeit einer guten Palliative Care in einem „normalen“ Pflegeheim. Diese Bedingungen sind in vielen Fällen noch nicht gegeben. Der Alltag von Sterbenden im Pflegeheim ist häufig dadurch charakterisiert, dass sie lange allein auf ihrem Zimmer sind. Pflegenden fehlt häufig die Zeit, mit ihnen ein Gespräch ohne Zeitdruck zu führen. [4] Die Grundhaltungen der Hospizarbeit, der Palliativmedizin und der Palliativpflege sind so nur sehr begrenzt umsetzbar.

In Pflegheimen ähnliche Bedingungen für Sterbende zu schaffen wie in stationären Hospizen wird wohl kaum politisch durchsetzbar sein. Aber eine deutliche Verbesserung der Situation sollte angestrebt werden.

Fazit: Das Thema und das Buch sind für Pflegenden in Pflegeheimen wichtig. Die Diskussion in den letzten Jahren sollte jedoch stärker berücksichtigt werden.

Literatur

  • Borasio, G. D. (2014) selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können, München, Verlag C.H. Beck.
  • Borasio, Gian Domenico; Jox, Ralf J; Taupitz, Jochen; Wiesing, Urban (2014) Selbstbestimmung im Sterben – Fürsorge zum Leben. Ein Gesetzesvorschlag zur Regelung des assistierten Suizids. Stuttgart: Kohlhammer
  • Brathuhn, Sylvia, Adelt, Thorsten (1015) Vom Wachsen und Werden im Prozess der Trauer, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht
  • De Ridder, Michael (2017) Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin, München: Pantheon Verlag
  • Döring, Dorothee (2018), Sterbende liebevoll begleiten Kevelaer: Butzen& Bercker
  • Müller, Hermann (2018) Biographie Altern und soziale Arbeit, online verfügbar. www.hermannmuellerhildesheim.de
  • Rieger, Armin (2017) Der Pflegeaufstand. Ein Heimleiter entlarvt unser krankes System, München, Ludwig Verlag
  • Schönberg, F,; Vries, Bodo de (2011): Mortalität und Verweildauer in der stationären Altenpflege. In: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit (5), S. 370
  • Winter, M. H. (2008): Pflegeheime auf dem Weg zu Institutionen des Sterbens. In: GGW 8, 2008, S. 15–22.
  • Thöns, Matthias, (2016), Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende, München, Berlin, Piper

[1] Es stellt sich auch die Frage, ob ein Heimaufenthalt lebensverkürzend ist. Zu berücksichtigen ist natürlich, dass vorwiegend Schwerkranke in ein Pflegeheim kommen.

[2] Zu anderen existenziellen Krisen vgl. auch Müller 2018

[3] Dies gilt nicht, wenn der Patient eine Therapie wünscht, die medizinisch nicht indiziert ist. ( vgl. Borasio 2014, S. 29ff)

[4] Der Bedarf von Sterbenden nach Kommunikation kann unterschiedlich sein. Aber es sollte möglic h sein, auf diese Bedürfnisse einzugehen.


Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 08.06.2018 zu: Jochen Becker-Ebel (Hrsg.): Palliative Care in Pflegeheimen und -diensten. Wissen und Handeln für Pflegende. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2017. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-89993-393-2. Reihe: Pflege Kolleg. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24519.php, Datum des Zugriffs 21.08.2018.


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