Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Hugo Mennemann, Jörn Dummann: Einführung in die Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt, 07.04.2020

Cover Hugo Mennemann, Jörn Dummann: Einführung in die Soziale Arbeit ISBN 978-3-8487-4616-3

Hugo Mennemann, Jörn Dummann: Einführung in die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 2., überarbeitete Auflage. 238 Seiten. ISBN 978-3-8487-4616-3. 24,90 EUR.
Reihe: Studienkurs Soziale Arbeit - Band 3.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7560-2464-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thematischer Rahmen

Es gibt ja Hinweise, dass es „das“ Lehrbuch der Sozialen Arbeit noch immer nicht gibt, verbunden mit der damit implizit vorgebrachten Erwartung, es müsse ein solches noch verfasst werden – so wie das Heekerens vor einiger Zeit in einer Rezension meinte, sagen zu sollen (zu Schilling/Klus: Soziale Arbeit). Muss es geschrieben werden? Jedenfalls gibt es sie, diese Einführungen (Böhnisch/Schröer 2013, Deller/Brake 2014, Erath/Balkow 2016, Löcherbach/Puhl 2016 und Wendt 2018), und jede ist auf ihre Art speziell, so auch die vorliegende von Hugo Mennemann und Jörn Dumann.

Verfasser

Beide Verfasser sind Professoren am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster: Dr. phil. Hugo Mennemann mit der Denomination „Gesundheitsbezogene Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit“ und Dr. phil. Jörn Dummann mit der Denomination „Profession der Sozialen Arbeit und Intergenerativität“.

Inhalt

Auf 238 Seiten liegt die „Einführung in die Soziale Arbeit“ in zweiter Auflage vor, und sie ist deutlich überarbeitet, was schon die Erweiterung des Umfangs um 27 Seiten andeutet. Die beiden Verfasser verstehen das Buch als „eine ideenreiche, interessante und anregende Einführung in die Wissenschaft der Sozialen Arbeit“ für Student*innen im ersten Semestern, also eine Einführung in eine „vergleichsweise junge Wissenschaft, de­ren ‚Kern‘ beziehungsweise identitätsstiftendes Selbstverständnis“ noch „nicht eindeutig geklärt“ hat und deren Eigenständigkeit „mitunter noch infrage gestellt wird“. Deshalb soll das Buch zugleich auch „einen eigenständigen Beitrag zu ihrer Weiterentwicklung leisten und ihren ‚Kern‘, ihr Zentrum oder ihre ‚Heimat‘ als Disziplin identitätsstiftend beschreiben“ (S. 9). Jedenfalls sei es Ziel des Buches, den Leser*innen „ein erstes Verständnis über Soziale Arbeit zu vermitteln, das zu eigenen weiterführenden Fragen anregt und Interesse entfacht, selbst weiterzudenken und weiterzulesen“ (S. 10 f.).

Die Einführung gliedert sich in drei Abschnitte:

  1. „Grundlagen Sozialer Arbeit als Wissenschaft“ (S. 13 – 111), wozu die Kapitel „Soziale Arbeit als Studium“, zur Geschichte der Sozialen Arbeit, zu ihrem Auftrag, „Soziale Arbeit mit eigener Professionsform“, zu ihren Charakteristika [z.B. das Doppelte Mandat), zu den „Spannungsfeldern“ [z.B. „Fehlerquellen“] und dem „Kern“ Sozialer Arbeit als Wissenschaft [interessant zu lesen: S. 90 – 111] zählen);
  2. „Soziale Arbeit als Disziplin“ (S. 112 – 177), dem überwiegend den Theorien und (ein wenig) der Forschung in der Sozialen Arbeit gewidmeten Abschnitt; und
  3. „Soziale Arbeit als Profession“ (S. 178 – 238) mit drei Kapiteln zu den handlungsbezogenen Leitbegriffen (Erziehung und Bildung, Kommunikation, Beratung, Case und Care Management), den drei „klassischen“ Methoden Einzelfallarbeit, Soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit (auch versehen mit einem freilich sehr kurzen Ausblick [eher einer Andeutung modernerer Methodenentwicklung „quer“ zu den klassischen Methoden]), den Handlungsfeldern (einerseits Kinder- und Jugendhilfe, andererseits gesundheitsbezogene Handlungsfelder mit den Beispielen der sozialen Altenarbeit und der sozialen Psychiatrie) sowie den Organisationen der Sozialen Arbeit.

Auf ein abschließendes Literaturverzeichnis verzichten die Verfasser; stattdessen belassen Sie es bei – in der Regel vier bis fünf – Literaturverweisen am Ende jedes der 15 Kapitel.

Diskussion

Mennemann und Dummann klären Grundbegriffe und versuchen, ihrer Leser*innenschaft das Grundverständnis Sozialer Arbeit nahezubringen, und wollen – obgleich ein Einführungsbuch – den Fachdiskurs sowohl in der Breite als auch der Tiefe berücksichtigen, ohne dabei unüberschaubar zu werden. Dabei, schreiben sie, sei freilich zu bedenken, dass es zu vielen in ihrem Buch angesprochenen Themen umfangreiche Überblickswerke gibt (z.B. zu den Handlungsfeldern, zu Konzepten, zur Geschichte, zu den Theorien und zur Forschung in und zur Sozialen Arbeit). Die in den einzelnen Kapiteln präsentierten Gegenstände könnten „dieser im Fachdiskurs bereits erreichten Differenziertheit nicht gerecht werden“, was zur Folge habe, „dass viele Inhalte gar nicht oder auch nur kurz angesprochen und gestreift, aber nicht (im Detail) angemessen ausgeführt werden können“ (S. 9).

Ja, dieser (selbst-) kritischen Bemerkung mag ich folgen. Gestalten sich der erste und der dritte Abschnitt in etwa so, wie andere Einführungen ebenfalls die Aspekte angehen und beleuchten, so markiert der zweite Abschnitt zu Theorie und Forschung eine besondere Schwerpunktsetzung. Mit einer für eine Einführung doch überraschenden Ausführlichkeit wird der Theoriebegriff behandelt, die Etappen des Theoriediskurses nachgezeichnet und auf aktuelle Diskursfragmente aufmerksam gemacht. Hier hätte ich mir eine pointierte Verhältnisbestimmung zu den Theoriediskursen, wie sie die Referenzdisziplinen (vor allem [Sozial-]Pädagogik, Soziologie) an die Adresse der Sozialen Arbeit nahelegen, vorstellen können. Soziale Arbeit als Menschenrechtsdisziplin verdiente eine tiefere Beschreibung; in den weiterführenden Literaturangaben zum Kapitel II.3 (Aktuelle Theoriediskurse Sozialer Arbeit) fehlen einschlägige Autor*innen – z.B. Staub-Bernasconi – ganz.

Ausbaufähigkeit bleibt dagegen das Kapitel zu den Handlungsfeldern: Kinder- und Jugendhilfe sowie an zwei Beispielen angedeutete gesundheitsbezogene Soziale Arbeit bildet den Rahmen dessen, was Soziale Arbeit als breites Spektrum sehr disparater Handlungsfelder darstellt, nicht zureichend ab.

Als Methodiker irritiert mich zudem, dass Case und Care Management der Erläuterung der „klassischen“ Methoden nicht nur vorangestellt wird (und dies – S. 197 – 205 auch sehr umfangreich), aber nicht als eine – in praxi weitgehend – ökonomistisch überformte Form der Einzelfallarbeit dargestellt wird (der die Verfasser es eigentlich – S- 197 – auch zuordnen). Die Systematik der Darstellung wirkt dadurch ein wenig gebrochen.

Ansonsten sehe ich ein Buch, das den eigenen Ansprüchen durchaus gerecht wird. Die Schreibung bedient sich angemessen der in Profession wie Disziplin etablierten Fachsprache, die Argumentation ergibt sich nicht der unter Student*innen im ersten Semester nicht selten anzutreffenden Erwartung nach Simplifizierung. Deutlich wird auch dadurch, dass Soziale Arbeit eine offene Wissenschaft ist, in Entwicklung begriffen, beeinflusst von zahlreichen anderen (Referenz-) Disziplinen, daher auch bemüht um die Klärung des eigenständigen „Kerns“ (der „bedeutet, der Sozialen Arbeit eine identitätsstiftende Orientierung zu geben und zugleich offen für unterschiedliche theoretische Zugänge“ zu bleiben [S. 92]), heterogen im Weltaufschluss und der Formulierung von praktischen Handlungskonsequenzen. Der Band nähert sich ihrem „Kern“, ohne ihn aufschließen zu wollen (oder zu können).

Fazit

Ich denke, Hugo Mennemann und Jörn Dumann sind der von ihnen gesehenen Herausforderung, „zwischen Differenziertheit und Vereinfachung sowie zwischen Ausführlichkeit und Begrenzung einen verantwortungsvollen, angemessenen und zugleich anregenden Weg zu finden“ (S. 9), durchaus gerecht geworden. Sie leisten einen weiteren Beitrag, Interessierte und Student*innen im ersten Semester mit „der“ Sozialen Arbeit deutlich vertrauter zu machen.

Dass sie bei der Ausarbeitung der Gliederung des Bandes Student*innen beteiligt und (Fach-) Kolleg*innen „nach den für sie zentralen Inhalten und Grundbegriffen der Sozialen Arbeit“ befragt haben, um daraus schließlich die Gliederung für eine Einführungsvorlesung zu entwickeln (wobei die Anregungen der Student*innen die Änderungen gegenüber der ersten Auflage [unter anderem eine exemplarische Einführung in einzelne Handlungsfelder sowie eine Darlegung handlungsbezogener Leitbegriffe] unterstützten) – das alles dient dem Anspruch, „dass dieses Buch für viele einen einführenden, identitätsstiftenden, strukturierenden und zugleich herausfordernden Beitrag leistet“ (S. 12). Auch die Erwartung der beiden Verfasser, dass sich auch die „Möglichkeit (ergeben kann), eine Verbindung von Theorien und praktisch relevanten Fragestellungen herzustellen“, mag durch die Gestaltung des Bandes nicht unbegründet sein (S. 11).

Es liegt also ein Werk vor, dass das Spektrum der vorliegenden Einführungen produktiv ergänzt. Ganz offensichtlich wird dabei auch, dass es – erstens – angesichts der Dynamik des (beschriebenen) Feldes die „eine“ Einführung in die Soziale Arbeit nicht geben wird, in Anbetracht der (bei der Skizzierung der Theorieaspekte im zweiten Abschnitt des Buches) auch erkennbaren Schulenbildung in der Sozialen Arbeit zweitens nicht geben kann und drittens in Anbetracht der Überlagerungen der sozialarbeiterischen/-pädagogischen Praxis durch referenzdisziplinäre Inbesitznahme auch nicht geben soll. Wer also beiläufig aus der Disziplin heraus nach „der“ (einen) Einführung sucht, der sucht auch künftig vergebens.

Ich jedenfalls werde „meinen“ Student*innen der Sozialen Arbeit die vergleichende Lektüre auch dieser Einführung nahelegen.

Literatur

Böhnisch, Lothar, und Wolfgang Schröer: Soziale Arbeit – eine problemorientierte Einführung, Bad Heilbrunn 2013; Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/15666.php

Deller, Ulrich, und Roland Brake: Soziale Arbeit. Grundlagen für Theorie und Praxis, Stuttgart; Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/14511.php

Erath, Peter, und Kerstin Balkow: Einführung in die Soziale Arbeit, Stuttgart 2016; Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/21942.php

Löcherbach, Peter, und Ria Puhl: Einladung zur Sozialen Arbeit, Baden-Baden 2016; zwei Rezensionen: https://www.socialnet.de/rezensionen/20732.php und https://www.socialnet.de/rezensionen/22097.php

Schilling, Johannes, und Sebastian Klus: Soziale Arbeit. Geschichte, Theorie, Profession, Stuttgart 2017; Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/23788.php)

Wendt, Peter-Ulrich: Lehrbuch Soziale Arbeit, Weinheim und Basel 2018; Rezension: https://www.socialnet.de/rezensionen/24042.php

Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Website
Mailformular

Es gibt 118 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Lesen Sie weitere Rezensionen zu neueren Auflagen des gleichen Titels: Rezension 34139


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245