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Joachim Dabisch: Pädagogik und Dialog

Cover Joachim Dabisch: Pädagogik und Dialog. Zum Orientierungswechsel in der Gesellschaft. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2017. 133 Seiten. ISBN 978-3-86585-705-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Schola Nova - Band 5.
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Thema

Ausgehend von der Setzung einer „Bildung und Erziehung in der Risikogesellschaft“ problematisiert der vorliegende Band die aktuelle Situation der „Pädagogik“ und stellt die Frage nach ihrer disziplinären Weiterentwicklung. Dabei werden Herausforderungen skizziert, die auf gesellschaftliche Transformationsprozesse und ihre Folgen (Postmoderne) zurückzuführen sind.

Autor

Der Diplompädagoge Dr. Joachim Dabisch ist Autor und Herausgeber im Paulo Freire Verlag in Oldenburg. Er kann auf eine langjährige Erfahrung als Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen und als Berater bei „Paulo Freire Kooperation “zurückblicken. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Allgemeine Pädagogik und Schulpädagogik, Vergleichenden Erziehungswissenschaft, Internationalen Bildungsforschung und Geschichte der Reformpädagogik.

Entstehungshintergrund

„Pädagogik und Dialog“ ist der 5. Band der von Joachim Dabisch herausgegebenen Reihe Schola Nova (Paulo Freire Verlag).

Aufbau

  1. Die Auseinandersetzung beginnt mit einer Darstellung des pädagogischen Diskurses im gesellschaftlichen Umfeld. Hier werden vordergründig schulpädagogisch relevante Theoriestränge, Praxis und programmatische Dokumente wie Curricula thematisiert.
  2. Die Widersprüche und Spannungsfelder der Bildungsdiskussion sowie gesellschaftliche Befunde werden unter der Kapitelüberschrift „Kontext der pädagogischen Struktur“ zusammengetragen.
  3. Der Band schließt mit dem Plädoyer eines Orientierungswechsels in der Pädagogik und Gesellschaft.

Inhalte

„Die Pädagogik“ ist nicht zuletzt aufgrund der Konjunktur sozialwissenschaftlicher Analysen, die das Individuum als handelndes Subjekt mit eigenem Geschichtsbewusstsein in Frage stellen, in Bedrängnis geraten. Hinzu kommt eine innerdisziplinäre Ausdifferenzierung (markiert durch den disziplinären Wandel von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft bzw. Bildungswissenschaft) sowie strukturelle Bedingungen (Institutionalisierung) und funktionalen Auslassungen („hidden curriculum“). Folgen wir dem Autor, dann versetzen diese Umstände die Disziplin in ein Spannungsverhältnis, das einen Paradigmenwechsel unausweichlich macht: „neue Orientierungen statt Orientierungslosigkeit“. Diese Forderung gilt, wie dem Titel zu entnehmen ist, auch für die Gesellschaft.

Der Autor attestiert der Pädagogik aufgrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen (Technologisierung, materieller Erfolgsdruck, Individualisierung usw.) neue Handlungs- und Zielsetzungen. Denn die Schule und die in diesem Kontext agierenden Pädagog_innen sind unter Druck geraten, ein Symptom dieser Entwicklung ist die zunehmende Öffnung der Schule: Nicht alle Aufgaben können von Lehrer_innen allein bewältigt werden. Planungsteams verdrängen die Vorstellung von einzeln handelnden Pädagog_innen. Jedoch ist die Pädagogik, insbesondere die Didaktik, vor diesem Hintergrund scheinbar nachlässig, denn sie habe den „Dissens zwischen Menschenbild und Gesellschaftsbild“ (S. 36) noch nicht aufgearbeitet. So sei die Didaktik v.a. am vermeintlichen Faktenwissen ausgerichtet und vernachlässige die Themenkomplexe Gesellschaft und Persönlichkeit. Unberücksichtigt bleiben die damit einhergehenden Widersprüche wie Förderung des Teamgeists bei gleichzeitiger Vorbereitung auf Leistungs- und Konkurrenzorientierung. Ungeachtet der unterschiedlichen theoretischen Traditionen bleibt dieser Dissens im Handlungsfeld Unterricht unberücksichtigt.

Die neu entfachte Diskussion um Erziehungsziele, die weniger die Erziehenden und mehr die Handlungsergebnisse fokussiert, verdeutlicht die in Gang gesetzten Prozesse. Sie veranschauliche auch den Einfluss des Poststrukturalismus, Konstruktivismus und Neopragmatismus in der Disziplin. Damit wird die bekannte Figur der Theorie-Praxis-Diskrepanz einmal mehr zum Thema: Die Komplexität der pädagogischen Situation und die pluralistischen Lösungsansätze fordern heraus. Die alte neue Aufgabe, zur Selbstständigkeit zu erziehen, in die Autonomie zu entlassen, kann demgemäß nur gelingen, wenn gesellschaftliche Widersprüche und Vereinnahmungen in der Schule eine Auseinandersetzung erfahren.

Die von Lyotard bereits 1979 konstatierte Aufgabe, die Beförderung der Vielfalt als Zukunftsaufgabe, könnte das Motto des zweiten Kapitels sein: Dabisch betont die Autonomie von Schulen als unabdingbar, wenn es um die Frage der freien und selbstständigen Entwicklung von Individuen geht. Trotz des Wertewandels, der eine „neue Ebene der Freizügigkeit“ (S. 53) markiert, bleibt institutionelle Autonomie jedoch weiterhin ein Wunsch. Dies ist der Fall, obgleich die Vorstellung einer einheitlichen Schule historisch wie aktuell als überholt gilt. In diesem Zusammenhang wird aber seitens des Autors gewarnt, dass es nicht bloß um eine Autonomie der Schule gehen könne, sondern auch um eine Öffnung der Schule hin zur Gesellschaft. Schulische Inklusion, Differenzierung und Förderung ist ohne die Einbindung des gesellschaftlichen Umfelds nicht zu haben. Es wird auf soziale Transformationen, ausgelöst durch neue Arbeits- und Produktionsverhältnisse, verwiesen und auf einen Ansatz der Sinnstiftung für eine Neugestaltung der Schule bestanden. Die Crux dabei sei Wert und Ziel dieses Sinns zu benennen ohne „Absolutheiten oder Ideologien“ (S. 62) zu verfallen. Auch hier sollte die Schule Abhilfe schaffen, in dem sie Positionen relativere. Nimmt man den Autor beim Wort, so ist die didaktische Aufbereitung der Vorzüge wie Nachteile der Vergesellschaftung dazu die Voraussetzung. Die Möglichkeiten der Erziehung und Bildung seien aber u.a. aufgrund der Erosion der Normalbiographien und damit der Familienstrukturen, dem massiven Einfluss der Medienwelten (Schule verliere ihr Monopol auf Vermittlung der Welt) und nicht zuletzt die Krise des professionellen Selbstverständnisses begrenzt.

Die Forderung nach einem Orientierungswechsel liegt angesichts der skizzierten Zahl an Problemlagen nahe. Familie, Schule und Beruf können unter der Perspektive der Normierung und Reglementierung betrachtet werden oder das Gegenteil. Der Autor versucht einen Mittelweg und mahnt einen Zugang ein, der Lernprozesse in gesellschaftlicher Eingebundenheit betont. Die Loslösung von starren pädagogischen Konventionen (wie etwa das Lernen zu steuern) bzw. die Überprüfung dieser, könnte Freiheit und Offenheit ermöglichen, die der Profession Erfahrungsoffenheit und Kulturorientierung bescheren könnte. Orientierung statt Orientierungslosigkeit, bedeute insbesondere für die Pädagogik, ihren Gegenstand zu akzeptieren. Das heißt anzuerkennen, dass sie es mit Konstruiertem und Fiktivem, im Sinne eines ‚Unbedachten‘ (S. 102), zu tun hat und nicht auf bewährte Modelle und vergangene Werte zurückgreifen könne. Ihr Gegenstand sei die „Widersprüchlichkeiten der Verhältnisse“ und die „Gefährdung gegenwärtiger wie künftiger Generationen“, denn „die zukünftige Gesellschaft werde sicherlich eine der Differenzen sein. Verschiedenen Kulturen, Religionen und Lebensvorstellungen und Unterschiede zwischen ländlichen und urbanen Regionen sichern Dialog“ und „kulturelle Eigenständigkeit“ als Grundwerte einer „lebenswerten Zukunft“ (S. 127), so die versöhnliche Konklusion des Autors.

Diskussion

Es ist augenfällig, dass der Autor um eine Systematisierung der Problemlagen und Kritikpunkte ringt. Stellenweise ist es allerdings unklar ob es sich um empirisch belegte Deskriptionen oder subjektives Empfinden handelt: „Die Gesellschaft produziert hingegen oftmals menschliche Kälte und Herzlosigkeit“ (S. 105). Insbesondere das abschließende Kapitel ist dominiert von Sollensansprüchen, die an bereits dekonstruierte Positionen gebunden werden, wenn etwa die Medienwelt kritisiert wird, ohne eine Möglichkeit des Dialogischen zu eröffnen. Schließlich hat uns die Digitalisierung eine weitere Facette gesellschaftlicher Umwelt beschert, um beim Wording des Autors zu bleiben. Damit ist die Frage des Standpunkts vielfach unentschieden. Vermisst wird auch ein empirischer, zumindest argumentativer Beleg für die positiven Auswirkungen des Orientierungswechsels zum ‚Ungewissen‘ wie des Dialoges. Zweifelsohne wird das Augenmerk auf folgenschwere Entwicklungen in der Gesellschaft und dem institutionalisierten Bildungswesen gelegt.

Fazit

Der vorliegende Band bemüht sich um eine wichtige Kritik der traditionellen pädagogischen Denkfiguren wie der aktuellen Optimierungs- bzw. Transformatiosnprozesse im Bildungswesen und Gesellschaft, vermag jedoch auch aufgrund der Vielzahl von angerissenen disziplinären und gesellschaftlichen „Baustellen“ systematisch wie empirisch nur bedingt zu überzeugen.


Rezensentin
Univ.-Prof. Mag. Dr. Agnieszka Czejkowska
Universität Graz, Leiterin des Arbeitsbereichs Systematische Bildungswissenschaft und Schulforschung
http://paedagogisch-professionalisierung.uni-graz.at
Homepage www.czejkowska.at
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Zitiervorschlag
Agnieszka Czejkowska. Rezension vom 16.04.2019 zu: Joachim Dabisch: Pädagogik und Dialog. Zum Orientierungswechsel in der Gesellschaft. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2017. ISBN 978-3-86585-705-7. Reihe: Schola Nova - Band 5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24523.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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